März 4th, 2007

PANSY DIVISION (#117, 04-2006)

Posted in interview by jörg

Nach diversen grossartigen Alben auf Lookout-Records ist es nach der Veröffentlichung von “Total Entertainment!” auf Alternative Tentacles im Jahre 2003 in der Tat sehr ruhig um die Wegbereiter des QueerRock geworden. Eine angekündigte Europa-Tour vor zwei Jahren fand nicht statt, weil es 6 Jahre nach der vorangehenden Tour ganz einfach nicht genug vernünftige Angebote gab, so dass die Band lieber die Tour abgesagt hat, um ein mit Sicherheit stattfindendes finanzielles Fiasko zu verhindern. Schade, denn natürlich gab und gibt es hier und da einige Fans.

Eine recht erfolgreiche US-Tour hat dennoch stattgefunden. Auch nicht unbedingt vorhersehbar, denn die Verkäufe von “Total Entertainment!” waren nicht gerade berauschend. Sänger/Gitarrist und Mastermind Jon Ginoli vermutet hinter den schwachen Verkaufszahlen nicht zuletzt auch die Tatsache, dass es das erste Album war, das in Zeiten des allgegenwärtigen Downloadens und File-Sharings veröffentlich wurde.

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Zum Thema Downloading bemerkt Jon: “Das hat natürlich zwei Seiten. Einerseits können viel mehr Menschen viel einfacher deine Musik hören. Aber andererseits waren wir anfangs ein paar Jahre dazu in der Lage unseren Lebensunterhalt durch Schallplattenverkäufe zu bestreiten, so dass wir mehr Touren und unsere normalen Jobs kündigen konnten. Ich bin mir nicht sicher, ob das heutzutage noch möglich wäre.”

Doch nicht nur dies ist im Jahre 2005 völlig anders als vor ein paar Jahren. Mit sich ändernden politischen & sozialen Umständen, sowie eigenem Erwachsenerwerden änderte sich auch das Selbstverständnis der Band. Als Jon die Band im Jahr 1991 gegründet hat, war es erklärtes Ziel und Ausgangspunkt der Mitgliedersuche eine all-gay-punkrock Band zu starten. Diese Message war anfangs mindestens genau so wichtig wie die Musik. “Wie wichtig das heute noch ist? Ehrlich gesagt, ich weiss es nicht. Auf der einen Seite scheint es nicht mehr so wichtig zu sein, denn Schwule sind im Jahr 2005 viel sichtbarer und es gibt eine viel breitere gesellschaftliche Akzeptanz. Andererseits sind rechtsextreme Christen einflussreicher denn je und einige Staaten verabschieden gerade Gesetze gegen Homo-Ehen. Es scheint nicht wirklich viele Bands zu geben, die ihre Queerness proklamieren, aber dann sind da Menschen wie die SCIssOR SISTERS oder RUFUS WAINWRIGHT auf Major Labels. Andererseits rocken die ja nun wirklich nicht und das war für uns immer ein essentieller Teil des Ganzen.”

Und gerockt haben sie gerade zu Beginn ja nun wirklich. Ich möchte da nur an Hits wie “Dick of Death”, “Horny in the Morning” oder das JUDAS PRIEST Cover “Breaking the Law” umgetextet in “Breaking the Sodomy Law” erinnern. Oder die halbstündige Zusammenarbeit mit Kirk Hammett, der auf der “For those about to suck cock” 7″ aus dem Jahre 1996 ein Gitarrensolo eingespielt hat. Nebenbei war PD doch immer auch eine Band mit einer klaren Message gegen den engstirnigen, lustfeindlichen, spiessigen Status Quo. Nicht zuletzt durch das Schwulsein ist sich zumindest Jon sicher ein politischerer Mensch geworden zu sein. “Warum? Für mich hat Schwulsein einige offensichtliche Widersprüche zwischen dem was dir beim Aufwachsen und dem wie die Welt wirklich ist aufgezeigt. Wenn ich nicht schwul wäre, wäre ich diesen Frage nicht in dieser besondern Art ausgesetzt worden.”

PANSY DIVISION lassen sich eben nicht aus dem Kontext einer offen schwulen Band sehen und dass man sich da nicht nur Freunde macht ist klar, war aber dennoch weniger als erwartet. “Schon auf unserer ersten Tour haben wir realisiert, dass es überall gute, offene und denkende Menschen gibt, selbst in Gegenden die komplett rückständig wirkten. Wahrscheinlich gibt es in einigen Teilen des amerikanischen Südens nur eine handvoll solcher Leute, aber es gab sie und sie kamen, um uns zu sehen. Das bedeutete, dass sich Dinge ändern und lang nicht so schlimm waren, wie wir anfangs befürchteten. () Es gab eigentlich relativ wenige Probleme. Ein kanadischer Promoter durfte keine Show für uns in Thunder Bay, Ontario, veranstalten. Eine kleine Stadt, aber wichtig, wenn man quer durch Kanada touren will. Ein wütender Fan hat uns in Bakersfield, California, und in Cleveland angegriffen. Und auf der Tour mit GREEN DAY wurden uns viele Mittelfinger entgegengestreckt, allerdings gab es auf der Tour auch massenhaft Security.”

So waren die Konzerte mit GREEN DAY für Jon auch die besten Erfahrungen, die er in diesem Zusammenhang mit der Band gemacht hat. “Wir haben zwischen Juli 2004 und Mai 2005 ungefähr 40 Konzerte mit ihnen gespielt und sie haben uns so sehr unterstützt und uns geholfen ein Publikum zu erreichen, was wir nie erwartet hatten. Wir spielten in Stadien! Unsere kleine Band! Es war gewaltig. Ausserdem waren sie grossartige Menschen und das machte alles noch besser. Mit GREEN DAY zu touren ermöglichte uns in anderen Ländern bekannter zu werden und dort dann allein zu touren.”

Nicht nur durch die Konzerte mit GREEN DAY, sondern auch die Wahl der Labels Lookout und Alternative Tentacles standen PANSY DIVISION für mich immer in einem Punkrock-Kontext. Doch hat sich die Band selbst eigentlich in diesem Kontext immer wohl gefühlt? “Ja und nein. Für einige Leute (insbesondere den Maximum Rock`n`Roll-Anhängern) waren wir nie punk genug. Andererseits waren wir für einige unserer schwulen Fans viel zu punk. Wir standen immer irgendwie aussen vor. Es gab diesen all-ages, straight-edge, profit-is-evil Punkrock, den wir nie angenommen haben und der sich auch nicht sehr um uns geschert hat. Wir mochten ihr Schwarz-Weiss-Weltbild einfach nicht. Aber weniger engstirnige Punk-Fans und ganz normale Musik-Fans fanden uns super. Es ging uns nicht nur um Punk, aber Punk war ein Teil des Ganzen.”

Dabei schien für die Band oft die Message wichtiger zu sein als die Musik. Jon sieht das allerdings etwas anders. “Ich würde sagen, dass das Eine nicht ohne das Andere möglich gewesen wäre. Wenn Worte alles wären, das mir wichtig wäre, dann hätte ich einfach ein Schreiber werden können. Aber da ich Musik liebte, wollte ich diese Message mit der Musik kombinieren, die ich liebte. Wenn die Musik nicht gut gewesen wäre, wären wir meiner Meinung nach nicht so weit gekommen. Unsere eingängigen Songs waren einfach etwas, das andere queere Bands nicht hatten.”

Wie wahr. Dennoch waren viele Texte ja sehr einfach, sehr sexualisiert und teils doch sehr naiv. Ich frage mich, ob man sich als erwachsener Mann nicht manchmal schämt Songs wie “(Fuck like) Bunnies”, “Nine Inch Males” oder “The Cocksucker Club” zu singen und ob Jon selbst das Gefühl hat dafür zu erwachsen zu sein? “Manchmal schon. Der Hauptunterschied für mich ist, dass ich bis zum Ende der 90er Single war und nun einen festen Freund habe. Ein Teil dieser Lust und dieses Verlangens hing mit dem Singlesein zusammen. Das ist nun anders. (…) Diese Songs kamen aus einem ganz bestimmten Moment, aber ich denke, dass sie immer noch wahr und ehrlich sind. Ich habe PANSY DIVISION gestartet, weil ich dachte etwas beweisen zu müssen – mir selbst und auch der Welt da draussen. Jetzt etwas “reifer” zu sein bedeutet für mich relaxter zu sein, denke ich. Vielleicht sind wir nur eine Fussnote in der Geschichte, aber wir haben es geschafft und hatten auch etwas Erfolg. Wir haben unsere bescheidenen ursprünglichen Ziele erreicht.”

Doch nicht nur in PANSY DIVISION sind die aktuellen Band-Mitglieder aktiv. Kein Wunder, befindet sich die Band doch seit einiger Zeit in einer Art Winterschlaf. “Nun ja, Chris arbeitet Vollzeit und ist viel am College, so dass er im Moment kaum Zeit für PD hat. Ausserdem wohnt er inzwischen 6 Stunden von mir und Luis entfernt in Los Angeles. Ab und an spielt er dort in Bands, zum Beispiel einer rein schwulen GO-GO`s-Coverband namens GA-GA`s (ausgesprochen GAY-GAY`s). Luis (Schlagzeuger seit Ende 1996) spielt in einer guten Power-Pop-Guitar-Band namens THE PLUS ONES und er & der PLUS ONES-Bassist Joel, der mal bei MR. T EXPERIENCE spielte, sind die Rhythmus-Sektion der alten 70er-Jahre-Punk Helden THE AVENGERS mit PENELOPE HOUSTON. Bernard, der Patrick als Gitarristen ersetzt hat, spielte ab und an Touren als Gitarrist für EL VEZ und THE FUZZTONES, und spielt nun in einer jungen Band aus LA namens ASTRA HEIGHTS, die kürzlich bei einem Major-Label unterschrieben haben. Ich weiss also gar nicht, ob er noch Zeit hätte Shows mit uns zu spielen, was uns ein bisschen in der Luft hängen lässt, denn Chris hat keine Zeit jemand neues einzuspielen. Wir werden deshalb wohl einige Zeit keine Shows spielen. Ich habe ein paar Solo-Shows gemacht, was mir aber nicht so viel Freude gemacht hat weswegen ich im Moment nicht wirklich Musik mache. PD ist allerdings immer noch ein Teil meines Lebens; ich betreue die Homepage, beantworte Mails, schicke Mailorder raus und beantworte Interviews.”

Und nebenbei kümmerte er sich natürlich auch um die Zusammenstellung der im Januar 2006 erscheinenden Best Of CD/DVD, natürlich als “all-region”-Version, so dass PANSY DIVISION-Fans weltweit in den Genuss der Songs, Videoclips und mehreren Liveaufnahmen kommen. Nach so langer Zeit wieder mit alten Aufnahmen und Text konfrontiert zu werden war für Chris wie man sich leicht vorstellen kann nicht nur Spass. “Es war schon komisch einige der Songs wieder zu hören. Ich höre wirklich selten meine eigenen Platten. Alles in allem klang es aber besser als ich erwartet hatte. Ich hatte Sorge, dass die alten Sachen viel schwächer klingen als unsere letzte Platte, aber ich denke immer noch, dass sie grossartig sind. Das einzige was ich bedauere ist, das wir nicht so gut geklungen haben als die Welt auf uns geschaut als wir mit GREEN DAY unterwegs waren, sondern erst nachdem Patrick und Luis eingestiegen sind. Erst dann wurde unser Sound wirklich was er ist. Aber die Vergangenheit zu ändern ist natürlich unmöglich“.

Allerdings! Aber die Zukunft lässt sich natürlich frei gestalten. Was können wir denn in Zukunft von PANSY DIVISION erwarten? “Wenn die Best Of rauskommt, wollen wir hier in der Gegend ein paar Shows spielen, aber das wird auch alles sein. Chris will wirklich nicht mehr touren (er sagt, er habe genug auf Fussböden geschlafen), aber wenn er Zeit hat will er nach wie vor ein paar Shows spielen. Alle Jubeljahre werden wir mal zu Pride Events oder zu einem College geflogen und Chris liebt das! Aber so wie es aussieht werden wir keine neue Platte mehr machen.”

Schade. Aber die Best Of CD/DVD wird mit Sicherheit noch einmal viele gute alte Erinnerungen wach werden lassen. Und auch wenn PANSY DIVISION tatsächlich nur ein Fussnote in der Geschichte des Punkrock sein mögen, so sind sie keine unwichtige, sondern eine die nicht nur ausserordentlich fantastische Hits geschrieben hat, sondern eben auch die erste rein schwule Punkrock-Band war und damit ein Statement gesetzt hat, ohne dass Punkrock um eine nicht unwichtige Facette ärmer wäre.

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Interview/Text: Jobst Eggert

 

Links (2015):
Wikipedia
Homepage
Discogs

 

 

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