Juli 11th, 2007

PANIC (#119, 08-2006)

Posted in interview by benni

Panic aus Boston machten kurzzeitig in den Jahren 2001 und 02 auf sich aufmerksam. Zunächst mit einer imposanten Ex-Memberliste, die Namen wie American Nightmare, In My Eyes, The Explosion und The Trouble beinhaltete.

Da das Demotape glücklicherweise auch in Deutschland auf Bloody Sunday Records veröffentlicht wurde, konnte man sich auch hier früh ein Bild über die Band machen. Panic spielten ähnlich wie American Nightmare typischen Boston-Hardcore alter Schule.

Sie spielten schnelle und angepisste Songs, die oft kürzer als 1:30 Minuten sind und brachten den klassischen Negative Approach-Sound in eine zeitgemässe Version, die sie mit völlig verzweifelten persönlichen Inhalten versahen, die man sonst von Joy Division oder The Smiths kennt. (Foto von http://www.myspace.com/panic)

Nach dem Demo erschienen schnell zwei Singles auf dem damals noch aufstrebendem Label Bridge Nine. Im März 2002 löste sich die Band plötzlich auf und hinterliess drei Releases, deren Länge insgesamt auf weniger als 20 Minuten kommt. Für mich gehören die Releases zu dem Besten, was in Sachen klassischem Hardcore in den letzten Jahren veröffentlicht wurde.

Einige Zeit kursierten im Internet Ankündigungen über Reunion Shows in den Staaten, die aber letztendlich nicht stattfanden. Im März 2005 spielten PANIC dann in Holland eine exklusive Europa-Reunion Show auf dem von Reflections Records veranstalteten Arnheim Hardcore Meeting.

Als wenn dies nicht schon genügend Exklusivität wäre, wurde neben einmaligem Merchandise für das Festival das Demo der Band in einer 500er Auflage auf Vinyl gepresst, welches nur an diesem einen Tag auf dem Festival erhältlich war.

Bereits wenige Wochen nach dem exklusiven Erscheinen der Band gaben Reflections die Information bekannt, dass die Band nun wieder zusammen ist und bei ihnen eine neue EP veröffentlichen wird. Gefolgt von einer Europatour. Gründe genug um mich von Sänger Gibby über die zahlreichen Sprünge in der Bandgeschichte genauer informieren zu lassen.

***

Bei Panic hat sich in den letzten Jahren einiges getan. Bitte gib uns doch zum Einstieg einen überblick, warum Ihr Euch plötzlich getrennt habt und danach eine einmalige Reunion in Holland gespielt habt? Jetzt habt Ihr neben einer neuen EP auch eine gebuchte Europatour habt!

Gibby: Wir haben uns im Jahre 2002 aufgelöst, weil ich nach New York City gezogen bin, Damian war mit The Explosion beschäftigt und Jesse ist nach Texas gegangen – jeder einzelne von uns war beschäftigt. Wir waren schon immer eng mit Johan und Suz von Reflections befreundet und als sie uns fragten, ob wir nicht 2005 eine Reunion bei ihnen spielen wollten, hielten wir es für eine grossartige Idee.

Aber wir hätten nie damit gerechnet, dass es so gut werden könnte! Im Laufe der Reise bemerkten wir, wie sehr wir uns alle verändert und weiterentwickelt haben. Daraus folgte der Wunsch wieder Songs zu schreiben. Wir fühlten uns erholt und plötzlich bereit für mehr. Kurz nachdem wir wieder in Amerika waren, riefen wir bei Reflections an und fragten, ob sie unsere dritte EP veröffentlichen möchten.

Worin lag der Anreiz für Euch eine exklusive Europa Show zu spielen und zusätzlich noch eine Single zu veröffentlichen, die nur an diesem einen Abend erhältlich war. Ist eine solche Exklusivität noch punk?

Gibby: Wir haben das Konzert gespielt, weil wir vorher niemals die Möglichkeit hatten für unsere Freunde in Europa zu spielen. Also haben wir die Chance genutzt! Die 7 war nichts anderes als ein Rerelease unseres Demos, welches schon lange nicht mehr erhältlich war. Um ehrlich zu sein ist es mir scheissegal, ob es jemand für “punk hält oder nicht. Darum ging es nicht. Es ging darum unsere Musik nach Europa zu bringen – und das haben wir geschafft.

Ich war auf der Show und frage mich, was es mit der Besetzung auf sich hatte? Damian hat an dem Abend jedenfalls nicht mitgespielt und ausserdem fehlte Euch die zweite Gitarre? Aber auf Eurem neuen Release ist die Besetzung wieder im original Line-Up angegeben?

Gibby: Ja, das stimmt. Brian Masek hat Damian für die Show ersetzt und unser zweiter Gitarrist Scott Peacock (von Embrace Today) hat ebenfalls gefehlt. Masek hat aber in der Vergangenheit auch schonmal für Panic gespielt. Unsere aktuelle Besetzung ist die beste, die wir je hatten! Q ist unser neuer Schlagzeuger und Masek ersetzt Scott jetzt dauerhaft.

Spielt Ihr eigentlich gerne auf grossen Festivals? Schliesslich stehen ein paar davon auf eurem Tourplan wie zum Beispiel das Pressure Fest in Herne. Worin liegt für Euch der Reiz eines Festivals im Gegensatz zu einer kleinen Kellershow?

Gibby: Wir spielen wo wir hingebucht werden. Auf grossen Festivals, im Keller, Unterwasser, von oben nach unten hängend, was auch immer…. we just want to have fun.

Okay, was sind jetzt als Band eure weiteren Pläne? Seid Ihr jetzt nur für die eine Tour zusammen oder seid ihr jeder wieder eine fest bestehende Band? Komischerweise ist bisher auch nur eine Eurotour für Euch gebucht und keine Shows in den Staaten? Werdet Ihr etwa eine Eurotourband?

Gibby: Sicherlich werden wir keine Eurotourband! Aber wir wollten in Europa touren, weil wir vorher nie die Möglichkeit hatten. In den Jahren 2001-2002 sind wir bereits dreimal durch Amerika getourt. Jetzt wohnen wir halt ziemlich verteilt. Die eine Hälfte lebt in Los Angeles und die andere in NYC, deshalb ist alles immer mit einem aufwendigen Planungsprozess verbunden. Wir werden definitiv auch ein paar US-Shows nach der Tour spielen.

Was hast Du in der Zeit gemacht, in der es Panic nicht mehr gab? Was würdest du jetzt machen, wenn Ihr nicht wieder bestehen würdet?

Gibby: Nach dem Ende von Panic bin ich nach New York gegangen, habe meine Zeit als DJ verbracht und Internetjobs gemacht. Alle anderen haben Musik gemacht und waren auch sonst sehr beschäftigt. Wir sind jetzt auch keine full-time Band – wir leben an verschiedenen Küsten und jeder hat nebenbei entweder einen Job oder Schule. Trotzdem kümmern wir uns um Panic, wann immer wir können.

Dann lass uns jetzt mal das Thema von der Reunion zu Eurer neuen Veröffentlichung “Circles” wechseln. Ich bin überrascht, dass die Platte nur auf Reflections angekündigt ist und nicht auf Bridge Nine. Seid Ihr keine Bridge Nine Band mehr?

Gibby: Die neue Platte erscheint wirklich nur bei Reflections. Wir sind die erste Band des Labels für die Reflections auch ein US-Release machen. Die Platte wird in den Staaten ganz normal erhältlich sein, da Reflections dort über Revelation vertrieben werden. Wir arbeiten aber auch weiterhin eng mit Bridge Nine zusammen.

Dort wird eine Discoraphy CD von uns veröffentlicht, welche die beiden Eps, das Demo, einen unveröffentlichten Livetrack und Videomaterial beinhalten wird. Der Titel wird “Strength in Solitude” sein.

Euer Sound ist nun langsamer und punkiger geworden – gab es für die Entwicklungen einen bestimmten Auslöser?

Gibby: Das kam einfach aus uns heraus. Es sind schliesslich fünf Jahre vergangen! Nun sind wir stärker, älter und voller neuer Gedanken und Einfälle. Wenn Du mit der Band nicht wächst und es keine änderungen gibt – warum solltest du es dann machen?

Da stimme ich Dir zu. Abseits von der Musik erscheinen mir deine Texte immer noch negativ, aber im Gegensatz zu den frühen Releases lese ich plötzlich Hoffnung heraus?

Gibby: Ja, das wesentliche Thema der Platte ist auf jeden Fall das Wachsen und positive Veränderungen. Der Song “Rise and Ramparts” bezieht sich auf einen speziellen Konflikt auf persönlicher Ebene, den ich gewonnen habe. Es gibt Hoffnung, wenn man nur gründlich genug sucht.

Ich hielt die Aussage “we need to feel like the words are real” für den zentralen Punkt, da ihr den Satz gesondert im Artwork heraushebt?

Gibby: Der Auszug stammt aus dem Song “Involvers”, in dem es um verlorene Liebe geht. In unserem Leben begegnen uns Musik, Worte, Bücher, Filme und Menschen, die uns bewegen und inspirieren. Menschen machen Versprechen über Freundschaften und Liebe. Manchmal werden sie aber gebrochen oder zerstört.

Unser Ausspruch ist lediglich eine Aussage über die Wahrheit. Wir wollen alle an uns selbst und an andere glauben. Wir wollen, dass sich die Dinge, in die wir unsere Liebe geben, auch echt anfühlen und beständig sind. Unsere Musik und Texte funktionieren so. Sie fühlen sich echt an: wenn ich sie singe, singen alle mit und alle spüren es auf gleiche Art.

Inwieweit lebst du deine Texte im täglichen Leben? Oder anders formuliert: glaubst Du, dass Dich Deine Texte als Person repräsentieren?

Gibby: Wenn ich Texte schreibe, dann repräsentieren sie mich genau in dem Moment. Wie jeder andere Mensch verändere ich mich auch, aber die Texte verbleiben als Reflexion von mir selbst. Wer ich bin, wer ich damals war, wer werde ich mal sein. Ich denke, dass ich die Dinge, über die ich singe, weitgehend auch so lebe. “Sing your life!”.

Glaubst Du denn, dass Panic als Band noch funktionieren würden, wenn Du dich entschliessen würdest, ausschliesslich die positiven Seiten des Lebens zu besingen?

Gibby: Ja, schliesslich gab es auf allen Veröffentlichungen positive Aussagen, wobei manche offensichtlicher sind als andere. Als Band werden wir dem Leben immer aufrichtig gegenüberstehen, deshalb wird es immer Gutes zusammen mit Schlechtem geben. Werden wir uns zu einer Posi-Bullshit-Band verändern? Niemals! So ist das Leben nicht, sondern einfach schrecklich und wundervoll zugleich.

Aufgrund Eurer beiden grossartigen Singles (und dem Demo) seid Ihr hier in gewissen Kreisen schon sehr angesagt bzw. wird ein kleiner Kult um Euch gemacht. Vielleicht liegt es daran, dass niemand vorher Eurer Auflösung die Möglichkeit hatte, Euch jemals live zu sehen.

Gibby:  Die meisten Leute haben Euch erst entdeckt als Ihr Euch praktisch aufgelöst habt. Habt Ihr keine Bedenken, dass ihr den Zustand ändern könntet? Dass ihr jetzt auf Tour kommt und dabei Euren Sound sogar noch verändert habt? Verstehe, Du willst das Unerreichbare haben? Dann bleib doch einfach zu Hause, wenn wir in deiner Stadt spielen…

Ja, danke für das Interview!

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Interview & Einleitung: Benjamin Schlüter

Aktuelle Veröffentlichungen:

Circles 12″/CD (Reflections Records) Strength In Solitude LP / CD (Bridge Nine)

Links (2015):
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Discogs

 

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