Februar 18th, 2007

PAINT THE TOWN RED (# 97, 12-2002)

Posted in interview by sebastian

Das war was, als neulich bei mir die neue PAINT THE TOWN RED mcd im briefkasten lag. Nein, hier handelte es sich nicht um irgendeine x-beliebige veröffentlichung einer neuen jungen schnöselband. In dieser formation steckt geschichte. Geschichte, die aus musikalischer sicht viel zu früh für beendet erklärt wurde.

Oder will hier etwa wirklich jemand behaupten, MY HERO DIED TODAY hätten seinerzeit nicht völlig überstürzt ihr künstlerisches potential mit dem split über board geworfen? Na wenigstens hat jetzt ihr damaliges sprachrohr MARCO WALZEL mit einem neuen projekt den weg zurück ins heisse scheinwerferlicht schwitziger hardcore clubs gefunden. Zusammen mit seinen 5 bandkollegen legt er dabei ein moshfest vor, welches sich gewaschen hat.

Ihre debüt mcd LAST GANG IN TOWN (join the team player records) präsentiert sich dabei überraschend straight und kann so ganz und gar nicht mit der vertracktheit alter MHDT tager verglichen werden. Schnörkellos wird hier die faust direkt ins ziel geführt. Kein unnützes getänzel um den gegner herum, kein taktisches abgetaste. PAINT THE TOWN RED sind einzig und allein auf den KO schlag in der ersten runde aus. Doch wer nun meint, dass auch belgische muskelbands, oder schlimmer noch, ihre us amerikanischen vorbilder nach dieser rezeptur brauen würden, der irrt sich gewaltig. denn hirnbefreite hüftsteife ist so ganz und gar nicht die berufung unserer münchner ´streicher-gilde´.

Versteckt hinter einem hochdruckgebläse aus moshigen rhythmen und saftigem bums finden sich nämlich immer wieder feine emotionsgetränkte gitarrenlinien, denen es letztlich zu verdanken ist, dass sich PTTR bereits mit ihrem ersten release ein gänzlich eigenes feuchtbiotop tanzbarer kraftentladung schaffen. Verwundert war ich nur über eine bemerkung im begleittext zur politischen zurückhaltung der band. Das klang so ganz und gar nicht nach dem Marco Walzel, den ich bis dato kannte.

Dieser satz alleine war letztlich schon grund genug, die nord-süd interview autobahn erneut zu befahren, um ein wenig klarheit ins dunkel der politischen standortbestimmung zu bringen. Und wie sich schnell herausstellen sollte, war alles ganz anders und oben nochmal so gross. Doch bevor wir ans eingemachte gehen, haben wir natürlich noch die heissesten groupis infos für euch parat….

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GROUPIE FACTS

 

Martin Liebl – 6 Seiten – Hot and sexy, go for it!

 

Christoph Zehetleitner – 6 Seiten – Sorry Mädels, no chance

 

Daniel Nagel – 4 Seiten – Touch him and get the hose!

 

Daniel Dafu – Schlagstöcke – Finger weg von dem Mann

 

Marco Walzel – Wort – He was made for lovin´ you Baby!

 

GROUPIE FACTS

 

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seit wir uns kennen, hast du für mich eigentlich immer zu den politisch stark engagierten kräften in der hardcore/underground szene gehört. ganz gleich ob man einen blick in dein mit einschlägiger literatur überladenes apartment warf, oder zurückliegende bandaktivitäten beleuchtet. das politische element schien dich auf schritt und tritt zu umgeben. PAINT THE TOWN RED ist nun erstmals ein eher neutral gehaltenes lebenszeichen aus dem hause Walzel. liegt das an einer, über die jahre entstandenen persönlichen desillusionierung in bezug auf die politische relevanz der hardcore szene? oder darfst du in dieser band einfach nicht so, wie du eigentlich wollen würdest?

Marco: Na ja, ich hatte eigentlich schon immer einen starken Bezug zu Politik. Mit 16 ging auf die ersten Demos, wie gegen den Weltwirtschaftsgipfel in München (meist alleine, weil ich zu der Zeit zu Organisierten keinen Kontakt hatte), habe versucht mich einzubringen, weil mich ne Menge Dinge auch schon als Jugendlicher mächtig gestört haben. Das ganze ging dann von Amnesty International über die damalige Vegan-Bewegung, bis hin zu organisierter antifaschistischer und gewerkschaftlicher Politik – das sind die beiden Bereich in denen ich seit Jahren mit anderen Leuten zusammenarbeite.

Sind übrigens keine Leute aus der Hardcore oder Punkrock Szene. Die Dinge die mir wichtig sind, dafür stehe ich 100% ein und geh mit dem Kopf durch die Wand. Auch wenn der Grossteil der HC-Kids zwar irgendwie latent politisch sind, aber im Endeffekt haben die Kids in der Szene keinen Bock auf Politik. Die Frage bleibt nur, wie lange es man sich leisten kann sich nicht damit zu befassen – ich bin mir sicher mit zunehmendem Sozialabbau und Lohndumping wird es auch den ein oder anderen aus der Szene treffen.

Ich hab auch kein riesiges Problem damit wenn es jemanden am Arsch vorbei geht, werde aber thematisch in meinen Bands immer die Themen behandeln die mich anpissen und ankotzen. Die Hardcore Szene ist im Endeffekt ein Ghetto – das hat seine Vor-und Nachteile. Von HC als politische Bewegung zu sprechen, war denke ich schon immer falsch bzw. man hat sich dadurch selbst belogen. Eine angebliche Bewegung, die nur da agiert und propagiert – wenn überhaupt – wo sie sich deren Leute selbst aufhalten, bleibt das was sie schon immer war: ghettoisiert und klein und zwangsläufig wird man dadurch auch desillusioniert.

Ich selbst habe mir die Leute nie danach ausgesucht, ob sie aus der richtigen Szene stammen oder nicht, sondern immer nur danach ob man auf der selben Wellenlänge schwimmt und ob man mit der selben aggressiven Motivation die Dinge durchziehen will oder nicht. Das gilt sowohl für Hardcore, wie auch für Politik, wie auch für mein Privatleben.

Deshalb finde ich es witzig das Du PTTR als inhaltlicher eher neutral bezeichnet, da die Texte oder die Message der Band weit aus straighter in your face bzw. politischer sind als z.B. bei My Hero Died Today. »Houston we have a problem« hab ich z.B. geschrieben als wir letzten Sommer wieder von den Protesten in Genua gegen den G8 Gipfel zurückgekommen sind. Dieses Wochenende war eines der motivierensten, aber auch krassesten die bis jetzt mitgemacht habe, und der Song ist die direkte Antwort darauf.

»Strike Anthem« geht wie der Titel vielleicht schon verrät über den Widerspruch von Arbeit und Kapital, und das der Grossteil der Menschen malochen müssen und das einzige haben was sie verkaufen können um über die Runden zu kommen, ihre Arbeitskraft ist – die Löhne werden immer weiter gedrückt, während die Schweine immer mehr höhere Profite einfahren. Im Unterschied zu My Hero Died Today ist PTTR ein ganzes Stück rotziger und wütender. Meine Bandkollegen stehen zum Grossteil hinter den Sachen die ich schreibe oder sage und das gibt mir ne Menge mehr Freiheiten als bei My Hero Died Today, wo der Rahmen wesentlich enger gesteckt war.

interessiert dich persönlich, wer im september die bundestagswahl gewinnt?

Marco: Nicht wirklich. SPD und Grüne haben in den letzten 4 Jahren genauso wenig umgesetzt wie CDU/CSU davor. Das Bündnis für Arbeit war eine reine Verarsche, und die Gewerkschaftsführung hat da auch mal wieder kräftig mitgespielt. Egal ob Jugoslawien Krieg, Diskussion um den Atomausstieg, Verschärfung der Inneren Sicherheit, Ausbau des Bullenstaates, immer weitere rassistische Sondergesetze für Ausländer und Immigranten oder jetzt die Hartz Kommission – Rot/Grün ist nicht besser als CDU/CSU.

Schröder und Stoiber sind beide rassistische Schweine und immer schon mehr Freunde der Bosse als der Arbeiterbewegung gewesen. Wir stecken mitten drin in der Krise und richtig Gegenmacht bzw. Strategien dagegen können nur entstehen, wenn sich die Menschen die von der Krise bzw. vom Status Quo betroffen sind, von unten organisieren, unabhängig von bürgerlichen Parteien oder oberer Gewerkschaftsebene.

Es gilt die Wut die an der Basis herrscht, wie z.B. in den Betrieben, Schule, Uni, Stadtteilen, zu bündeln und auf die Strasse zu bringen. Es muss einfach klar werden: man darf sich von den Schweinen oben nicht länger verarschen lassen, und das sich von unten was zusammen braut, davor haben die am meisten Angst. Die Proteste von Seattle, Prag oder Genua haben das auch sehr gut gezeigt. Da wo massiver Widerstand gegen Kapitalismus auch Militanz nicht scheut, da bekommen Proteste neue Sprengkraft.

Diese Sprengkraft, die bei den grossen Protesten gegen die Politgipfel immer wieder zu sehen war, muss dahin zurückgetragen werden, wo man selbst lebt. Für München stellt sich z.B. immer wieder die Frage, wie man die verschiedensten Kräfte bündeln kann – von antifaschistischen und antirassistischen Kräften zur Gewerkschaftsbasis hin, um gemeinsam klar zu machen, das gesellschaftliche Veränderungen nicht in den Parlamenten durchgesetzt werden, sondern von unten gemeinsam erkämpft werden müssen.

der titel eurer aktuellen EP ‘Last Gang In Town’ klingt ein bisschen nach dem kapitän, der sein sinkendes schiff nicht verlassen mag. ist es wirklich so schlimm um die münchner hardcore schikeria bestellt, dass ihr euch als die letzten vertreter einer ehemals florierenden subkultur versteht? oder ist es vielmehr so, dass man unmerklich einfach nur den bezug bzw. anschluss zu nachrückenden generationen verloren hat. ein symptom übrigens, welches, sollte es wirklich zutreffen, uns allen nicht ganz unbekannt sein dürfte…

Marco: Hinter PTTR steckt ´ne ganze Menge Pathos, was ich übrigens in Musik und Kultur immer als ein hervorragendes Mittel sehe Dinge zu vermitteln. So ist es auch mit dem Begriff »Last Gang in Town« zu verstehen. Wir sehen uns nicht als letzte Vertreter irgendeiner Subkultur, noch sehen wir uns irgendwie als Einzelgänger, die den Kontakt zu unserer Umwelt verloren haben. Aber es ist so, dass ´ner Menge Bands die Wut und das Rotzige fehlt. Mir fehlt bei dem Gross der Bands die »In your face und »I don´t give a fuck« Einstellung, die sich auch in der Musik spiegelt.

Um ganz ehrlich zu sein die einzigen 3 Platten die mir im Moment einfallen, die nur so vor Wut und Rotze strotzen sind die neue Hatebreed, Eminem oder Panic. Hardcore muss die Welt nicht erklären, muss nicht immer agitieren, aber sollte immer der nötige Kick in die Fresse sein. Und am besten funktioniert das in der Gang – »fuck with one of us and you fuck with the whole gang«. PTTR wird es so lange geben so lange das Level an Energie und Wut stimmt – der Rest ist nicht unsere Aufgabe.

deine letzte band MY HERO DIED TODAY galt in weiten teilen der hardcore szenerie als poser band. versteh mich nicht falsch. ich für meinen teil begrüsse es ausserordentlich, wenn sich bands nicht vor Schüchternheit hinter ihren amps verstecken. trotzdem muss man objektiv sicher sagen, dass ihr seinerzeit das showelement ganz schön ausgereizt habt. meinst du, dass PTTR schon ziemlich bald einen ähnlichen ruf geniessen werden? ich selbst kann dies ja leider nicht beurteilen, da ich noch nicht in den Genuss einer live show kam. Aber wenn ich sätze wie DEAD END KIDS ON DEAD END STREETS HATE WITH STYLE LESE, dann klingt das für mich schon nach einer gewissen Stossrichtung *zwinker*.

Marco: Hmm, ist ja generell nicht verkehrt Sachen so zu formulieren dass sie auch ansprechen oder ? mit „Style“ geht es uns nicht um „Style“ im Sinne von Mode oder Äusserem, style bezeichnet eher den Fakt das man „ mit Klasse“ hasst , mit Stil eben aber nicht mit „fashion“, dass wäre die definitiv falsche Interpretation des ganzen. Und persönlich stehe ich auf Bands die ihre Show abziehen, und das darstellen was sie sind, nämlich nichts anderes als Musiker auf einer Bühne, welche Leute durch ihre Performance unterhalten wollen.

dann sehen wir das ja ähnlich. bands, die auf der bühne hilfeschreiend nach muttis rockzipfel suchen, sind auch nicht so mein ding… ich muss zugeben, ein wenig überrascht über die musikalische stossrichtung von PTTR gewesen zu sein. Ich dachte erst wirklich, meine güte, was ist denn das? klingt ja wie belgischer goodlife verschnitt. selbstredend habe ich diese fehleinschätzung schnell korrigiert. auch wenn es in der rot angestrichenen stadt moscht wie hölle, so muss man doch das bemühen der gitarren um ausgefeilte, manchmal fast schon emotional-melodische riffs herausstellen. und ich denke das resultat, welches da am ende in die waagschale gelegt wird, ist eine druckvolle, arschtretende kraftcore kanone, die sowohl die hüftgegend als auch den mosh-muskel bedient. trotzdem… warst du persönlich die vertraktheit der alten MHDT tage leid, dass du dich heuer in den dienst eines gradliniegen, rocken mosh sounds stellst?

Marco: Eigentlich sind mir MHDT mittlerweile ziemlich egal. Wir hatten eine gute Zeit, sind rumgekommen und haben musikalisch vielleicht auch versucht uns in neuere Gefilde vorzuwagen, aber was in MHDT nicht gestimmt hat war das Level von Wut und Aggression, den Rotz der dich im Alltag wirklich plackt, in der Musik raus zu lassen. PTTR bedient sich hier einfachen Stilmitteln – Rock, Mosh und Melodie – und genau damit bringen wir die Dinge rüber und haben ne Menge Spass daran. Wir haben keine Ambitionen Musik neu zu erfinden – die Frage ist sowieso ob das überhaupt noch funktioniert. Die Fage bleibt eher, in wie weit Musik authentisch und wirklich ist.

welche kommerziellen perspektiven siehst du für eure neue band? in der vergangenheit war es ja durchaus so, dass die, ich möchte mal sagen progressiv veranlagte musikalische ausrichtung deiner projekte, nicht nur national sondern auch weit über die landesgrenzen hinaus für furore gesorgt hat. selbst in den, nun nicht gerade an eigenen bands armen USA, war der münchner sound durchaus ein begriff. wenn ich dir sagen würde, wie viele leute mich um die my hero died today videos angebettelt haben, würden dir wahrscheinlich die ohren schlackern. aber egal, wir wollen hier nicht über alte kamellen reden. trotzdem muss aber die frage erlaubt sein, ob du glaubst mit PTTR an den alten erfolg anknüpfen zu können, um ihn dann eventuell sogar noch zu toppen?

Marco: Wir werden das Ding soweit tragen, wie es geht. Es gibt nichts besseres als mit der Band unterwegs zu sein und weg von zu Hause. Je länger auf Tour, um so besser. Das Feedback bis dato ist weit besser als erwartet. Wir haben keine grossen Ansprüche, wollen aber das was wir machen 150% machen – ohne Kompromisse.

was waren für dich als teil der hardcore szene die bisher schmerzlichsten erfahrungen, die du, so es sich denn vermeiden lässt, mit PAINT THE TOWN RED auf gar keinen fall noch einmal durchmachen möchtest?

Marco: Hmm, vielleicht war es die spontane und überraschende Auflösung von MHDT, nämlich genau 6 Wochen vor Beginn unserer 5 Wochen USA Tour. Aber wir sind damals alle nicht mehr wirklich auf dem Teppich geblieben – ansonsten hätten wir erkennen müssen, dass unserer Grenzen erreicht waren, und hätten die Dinge anders gelöst. Aber ansonsten laufen die Dinge ok. Egal ob mit Label, Booking oder Bandpolitik, wir geben die Dinge nicht aus der eigenen Hand und halten deshalb ne Menge Kontrolle selbst.

wie wird eure kurzfristige bandzukunft aussehen? wie ich sehe ist für den herbst eine europa tour mit Converge geplant? werdet ihr hier wirklich den kompletten europäischen tour support übernehmen, oder nur ausgewählte gigs spielen? ich nehme mal nicht an, dass ihr vor dieser tour noch mit einem full length album aufwarten werdet. aber in planung dürfte da schon was sein, oder?!

Marco: Wir spielen insgesamt 21 Shows mit Converge. Es sind kaum Shows in Deutschland dabei, dafür aber UK, Italien, Frankreich, Belgien, Holland, Ungarn usw. Wir freuen uns immens drauf. Ich kenne Converge, sind coole Leute und ich denke wir werden ´ne lustige Zeit haben. Danach werden wir ´ne Split mit einer US-Band rausbringen. Die Europaversion natürlich auf JOIN THE TEAM PLAYER, der US Release ist noch nicht klar.

Höchstwahrscheinlich gehen wir über Weihnachten und Silvester für 10 Tage auf Tour. Im neuen Jahr gehen wir dann die Full Length an und danach werden wir sehen.Was würden deine band kollegen wohl mit dir machen, wenn sie von dir spät nächtens auf einer fahrt von regensburg nach münchen nahezu dauerhaft mit ein und demselben NENA klassiker malträtiert werden würden *breitgrins*?Die Jungs stehen voll drauf! Es gibt nix besseres als Songs die geil sind, bis zum Auslutschen zu hören, um die volle Power und Emotion rauszuholen.

Was Nena betrifft, hatten wir doch ne Menge Spass in Regensburg, oder? Die letzten paar Tage ist mein CD Player heiss gelaufen mit Hatebreed, Dashboard Confessional, Mötley Crüe oder Dead Prez. Musik ist so intensiv, aber leider auch kurzweilig. Die Dinge gehen ständig weiter, und so ist das auch mit der Musik die uns begleitet. Danke für das Interview.
Danke für das Interview Torsten. Firemeyer U rock!

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Links (2015):
Wikipedia

 

 

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