Februar 20th, 2007

OSTINATO (#107, 08-2004)

Posted in interview by sebastian

Sie treffen auf eine Szene, die an instrumentalen und episch angelegten Entwürfen nicht arm ist: Godspeed You! Black Emperor und Mogwai sind die bekanntesten Bands, die fast ohne Worte (wenn, sind die meist gesampelt) auskommen, deren Stücke selten auf unter sechs Minuten Länge kommen. Ostinato aus Washington DC lassen sich davon nicht erschüttern.

Sie fühlen sich da niemandem verpflichtet und bewegen sich auch stilistisch in einem anderen Rahmen, der GY!BE so nah ist, wie Neurosis, Pink Floyd und Sonic Youth. Auf „Left Too Far Behind“ (Exile On Mainstream Records/Soulfood) lässt sich das eindrucksvoll nachhören: Ostinato sind eine laute Rockband.

Sie spielen ausgiebig mit den Möglichkeiten der elektrischen Verstärkung. Sie bevorzugen die grosse Form, bleiben dabei aber immer konzise. Sie sind ganz offensichtlich von einer durchaus der Esoterik nicht ganz abgeneigten Denkungsart, wie sie auch im Jazz (als Spiritualität) kursiert. Sie nehmen ihre Musik entsprechend ernst und lassen es sich deshalb auch angelegen sein, intensiv an deren Entwicklung zu arbeiten, wobei sie in dem Wissen, dass es nicht nur Country und Western gibt (resp. Metal und Core), die Ohren interessiert aufsperren. Daraus erklärt sich vielleicht die Eigenständigkeit ihres Stils.

Dieser Tage sind sie auf heimischen Bühnen unterwegs. Wir haben keine Kosten und Mühen gescheut, vorab schon exklusiv für euch den Hintergrund der Band zu recherchieren. Jeremy Arn (Bass, Gesang, Piano, Orgel, Samples) beantwortete mir per Email einige brennende Fragen zu seiner Band.

***

Erzähl doch mal, was vor Ostinato geschah…

Jeremy: Ostinato entstand aus dem Bedürfnis, eine Musik zu schaffen, die rein unsere ist. Während ich aufwuchs, hörte ich alle möglichen Arten von Musik, von Led Zeppelin zu Pink Floyd zu Sonic Youth, den Ramones, Fugazi, Cream, King Crimson, Jane’s Addiction, Tortoise, Swans und so weiter. An einem Punkt spielst du in deinem Zimmer zu all diesem Zeug und irgendwann langweilt es dich, deshalb willst du etwas eigenes machen.

Man darf annehmen, dass wir alle dieses Bedürfnis hatten, unsere eigene Musik zu machen und die Befriedigung zu erleben, etwas zu schreiben, das pur ist … für uns. Ostinato ist sicherlich eine Reaktion auf das, was um uns herum passierte. Wir schätzten uns alle als Musiker und hatten das Gefühl, dass unsere verschiedenen Hintergründe etwas hervorrufen würden, das sich von dem unterschied, was in DC damals passierte und heute passiert.

Es gab offensichtlich schon eine Veröffentlichung vor eurem aktuellen Album. Was hat es damit auf sich? Wie klingt das?

Jeremy: Das obskure Album, das du meinst, heisst „Unusable Signal“. Wir haben es selbst veröffentlicht und promotet nach langen Monaten, in denen wir fast verhungerten, um die Aufnahmen zu finanzieren. Ich scherze. Ich glaube, dass der Sound damals nicht in die Zeit hier in Amerika gepasst hat. Es ist ein wundervolles Album. Wenn du „Left Too Far Behind“ magst, würde ich es denen empfehlen, die ihre Ohren vielleicht noch ein bisschen weiter öffnen möchten.

Es ist Art Rock vom Feinsten. Für mich hat das Album das Temperament des Ozeans. Du weisst nie, was passiert. In einer Sekunde ist es ruhig, in der nächsten zerstörerisch. Kein Label in Amerika interessierte sich für das Album. Manche Leute sagen, es hat alles damit zu tun, wen du kennst und was für Beziehungen du hast, um dein Schicksal im Musikgeschäft zu besiegeln, und vielleicht kannten wir damals einfach nicht so viele Leute.

Wie kam der Kontakt mit Exile On Mainstream Records zustande?

Jeremy: Ich weiss gar nicht, wie ich beginnen soll. Schicksal und Bestimmung haben vielleicht etwas damit zu tun. Wir haben immer darüber gesprochen, bei einem Label ausserhalb der USA zu unterschreiben. Ich habe eine echte Zuneigung für Europa und die Lebensart der Leute dort. Ich kann es nicht genau beschreiben, aber es gibt eine gewisse Reinheit, die sehr lebendig ist in der Musik in Europa. Andreas Kohl von Exile On Mainstream ist der Mann, der das freundliche Ohr für unsere Musik hatte. Ich glaube an seine Leidenschaft, wie er an unsere glaubte.

Ist die DC-Hardcore-Gemeinde von besonderer Wichtigkeit für euch als Band oder Individuen?

Jeremy: Zur Zeit nicht. Vielleicht morgen.

Ihr benutzt Samples. Ich konnte nichts Bestimmtes verstehen, bemerkte aber, dass ihr verschiedene Sprachen benutzt habt – Deutsch, etwas slawisch klingendes und so weiter. Sie sind offensichtlich so in die Musik gemischt, dass sie unentzifferbar sind. Wisst ihr, wovon da die Rede ist?

Jeremy: Ich las „Power of Limits“ von Gyorgy Doczi. In diesem Buch spricht er von den Unterschieden zwischen Sprachen anderer Kulturen und den ähnlichkeiten des Tonfalls von Stimmen, wenn sie ein Wort oder einen Satz sagen, besonders in Chinesisch und anderen Dialekten der chinesischen Sprache. In meiner Interpretation heisst das: Wenn wir darauf achten, wie Menschen reden, wenn sie ineinander verliebt sind, kannst du erkennen, dass ähnliche Stimm- oder Wellenmuster existieren wenn du „Ich liebe dich“ auf Spanisch oder Englisch sagst. Das ist ziemlich interessant: Zehn verschiedene Sprachen, die alle einen Gegenstand ausdrücken und alle sind verbunden in dem Vehikel und Song, den wir „Convolution“ nennen.

Also hab ich all diese Menschen, Freunde, Geliebte von Freunden, Mitarbeiter, Geliebte, Geliebte von Geliebten dazu gebracht, genau das zu übersetzen, was du auch im CD-Booklet lesen kannst: „this call is an effort to bridge the gap between our difference in language and culture. Although we may not understand each other we are still bounded by the rhythm and tone of our voices. This is not a test.“ Ich hatte zehn Leute, die bei mir anriefen und diese Nachricht auf meinem Anrufbeantworter hinterliessen.

Das Ergebnis war urkomisch und überraschend schön. Jetzt bedränge ich die ganze Welt, einen zufälligen Freund anzurufen und genau diese Nachricht zu hinterlassen, und dann werden wir vielleicht eines Tages verbunden sein durch etwas, das grösser als wir alle ist. Oder nicht. Aber für diesen Song hat es wunderschön funktioniert. Und ich glaube wirklich daran. Ich glaube, wir sind alle am Ende miteinander verbunden und alle eins. Wir haben Samples benutzt, um verschiedene Dinge zusammenzubringen, die wir damals im Sinn hatten. Wir haben sie nicht benutzt, um unsere Musik zu definieren. Wir haben sie als Zucker im Kaffee benutzt.

In Verbindung mit eurem Namen könnte man darin eine Art „philosophisches Programm“ sehen, das mit der überwindung von Grenzen zu tun hat.

Jeremy: Was wir bei Ostinato haben, ist etwas völlig Konkretes und zugleich Ungenaues. Wir schreiben Songs, die es uns ermöglichen, frei auszudrücken, was wir im Moment fühlen. Dave kann einen Gitarrenpart ändern, weil er sich danach fühlt, oder ich entscheide mich, eine Variation auf ein Pattern zu spielen, um einen unterschiedlichen Effekt bei verschiedenen Shows zu erreichen. Es ist die konkrete Idee des Jazz und der freien Form in einer „Ordnung“, von der wir uns angezogen fühlen. Obwohl wir grosse Jazz-Fans sind, sind wir eine Rockband.

Wir zollen ständig dem Gott des Klangs Tribut. Die Lautstärke, wie weit kann sie gehen? Die Stille! Wie leise kann sie werden. Du hast recht. Wir versuchen unsere eigenen Grenzen und Begrenzungen durch das zu definieren, was wir selbst geschrieben haben.

Wir haben einen Spielplatz voller Spielzeuge und Mengen an Sound gebaut, und darauf bewegen wir uns frei nach unserem Belieben. Die freien Strukturen sind genau das, was Rockmusik nicht mehr hat. Rockmusik wie in „Moby Dick“ von Led Zeppelin oder wie bei The Who ist heutzutage schwer zu finden. Ich finde es in Ordnung mit Led Zeppelin, Pink Floyd oder Radiohead verglichen zu werden, weil ich sie alle liebe, aber ich komme von der Voraussetzung, dass die Emotionen in unseren Köpfen und unseren Persönlichkeiten um sich greifen, und das ist es, was man braucht, um Musik voller Emotion und Bewegung zu schaffen.

Wenn alle Musiker von dieser reinen Idee kommen, dann ist es unvermeidlich, dass es ähnlichkeiten gibt. Die Verlängerung oder der dritte Arm, den wir haben, sind unsere Instrumente, und wir lassen es fliessen wie die Kräfte der Natur. Wir sind bei weitem kraftvoller als Live-Band, weil eine gewisse Rauheit existiert, wenn wir live spielen, die schwer in Aufnahmen zu übertragen sind.

Warum mit dem Wetter beginnen? (Stück 6 heisst „Let Me Start With The Weather“)

Jeremy: Jeder Mensch war schon in der Situation, wo man mit jemandem allein ist, den man nicht kennt oder wo man nicht weiss, was man sagen soll. Es ist wirklich lustig, und ich beobachte das immer wieder. Naja, wahrscheinlich, weil ich es selbst tausendmal gemacht habe. „Hallo, wie geht’s, ein schöner Tag, sieht nach Regen aus, hoffentlich fängt es nicht an zu regnen, ich hasse kaltes Wetter, ich liebe den Sommer, ich hasse die Hitze“.

Wenn Leute sich nichts zu sagen haben, oder sich etwas zu sagen haben, aber nicht wissen, wie sie anfangen sollen, ist ein Gespräch übers Wetter der perfekte Eisbrecher in unangenehmer Stille. Es schien einfach passend für den Song. Hmmm. Haben wir jetzt eine unangenehme Stille? Gut, lass mich mit dem Wetter anfangen…

Erklär‘ mir lieber die kleine Referenz auf Julio Iglesias und Willie Nelson!

Jeremy: Ich liebe Willie Nelson und Julio einfach. Ehrlich gesagt, rollte es einfach von der Zunge, als wir die Dankesliste schrieben. Aber ehrlich: Wer liebt nicht Willie Nelson oder Frank Sinatra?

Lieblingsessen, Film, Buch und Schallplatte?

Jeremy:  Ich versuche mich öfter als Koch, und bei allem was ich gelernt habe, ist nicht so lecker wie Müsli. Mmmmh, Müsli. Ich liebe „Einstein’s Dreams“ von Alan Lightman, „The Illustrated Man“ von Ray Bradbury und „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins von Milan Kundera. Meine Lieblingsplatten sind „Mezzanine“ von Massive Attack, „Nowhere“ von Ride, „Repeater“ von Fugazi und „Bitches Brew“ von Miles Davis.

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text + fragen: stone

 

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