Februar 20th, 2007

ONE FOOT IN THE GRAVE (#66, 10-1997)

Posted in interview by sebastian

Normalerweise verlässt der prototypische Konzertbesucher einen Auftritt von One Foot In The Grave mit einem Dauergrinsen. Vielleicht aber nimmt der Konzertbesucher auch eine kleine Weisheit mit nach Hause, nämlich dass es wichtig ist, Leute nicht nach ihrem äusseren, sondern ihrem Inneren zu bewerten.

Tja, ein banales Klischee, aber bei One Foot In The Grave wird dies einem mal wieder mit der Holzhammermethode vor Augen geführt. Während das Konzert im Nachtleben noch nicht seinen Höhepunkt erreicht hatte, an dem Jo Dina ihre Stage-diving-Nummer abzieht, gab mir Michael, der Tourbegleiter, ein paar Infos über die Band aus Phoenix, Arizona.

Die „Rentnerband“ wurde von Jo Dina vor circa 10 Jahren als Projekt ins Leben gerufen. Eigentlich wollte sie was mit Frauen zusammen machen, aber selbst die Suche nach männlichen Musikern, die im gesetzteren Alter Punkrock spielen wollten, gestaltete sich etwas langwieriger. Aktuell setzt sich die Band aus den beiden Gitarristen Lowell und Rob, dem Bassisten Gavan und dem Drummer Dave zusammen.

Jo Dina singt und ist der Blickfang der Band, wenn sie Songs ankündigt, in denen es zum Beispiel darum geht, dass Frauen nach den Wechseljahren bessere Liebhaberinnen sind als die jüngeren. Denn die wären ja einmal im Monat für ein paar Tage ausser Gefecht gesetzt und müssten sagen: „Bitte jetzt nicht, Liebling“….

***

Jo Dina: Die haben mir Bier in die Augen geschüttet…

Ja, aber das ist Punkrock….

Jo Dina: Ich habe sie ja auch dazu ermutigt…

Michael hat mir erzählt, dass du mit einem deiner Kinder auf ein Punkkonzert gegangen bist und dort hast du dich entschlossen, eine Punkband aufzuziehen…

Jo Dina: Ich bin eigentlich nicht mit meinen Kindern dorthin gegangen. Ich bin gewöhnlich alleine auf Punkkonzerte gegangen und habe mich mit einem Bekannten getroffen. Er hatte eine Freundin, ich hatte einen Freund, aber die mochten keinen Punkrock.

Wir haben uns also dort getroffen, getanzt, dann „Gute Nacht“ gesagt und sind wieder unserer Wege gegangen. Wir haben jedoch nicht gepogt, sondern „sanften“ Punkrock getanzt. Ich kann nicht auf- und abspringen, da wird mir schwindelig! Mein Herz macht das nicht mit, aber ich kann immer noch Headbangen.

Welche Bands hast du gesehen?

Jo Dina: Wen ich mag?

Ja, auch…

Jo Dina: UK Subs. Aber eigentlich habe ich die Ramones am meisten geliebt. Oh, ich glaube ich habe ein Loch in meinem Hüftgürtel, oh my godness…

Wie entscheidet ihr über die Coverversionen?

Jo Dina: Die Covers sind Sachen, die ich mag, denn ich kann nicht singen und ich liebe die Ramones. Wir machen alten Punk, keine neuen Punksachen. Der neue ist manchmal fast so wie Heavy Metal. Er ist nicht das gleiche wie der alte….

Wird euch aufgrund des Punkrock-Revivals mit Green Day usw. mehr Aufmerksamkeit geschenkt?

Jo Dina: Nein, ich denke wir bekommen nur Aufmerksamkeit geschenkt, weil wir Rentner sind, die Punkrock spielen. Wenn wir Rentner wären, die straighten Rock’n’Roll spielen würden, wäre das nicht so interessant. Aber Rentner, die etwas tun, was Rentner normaler-weise nicht tun, das ist das grosse Ding.

Seid ihr eine Art Role Model für ältere Leute?

Jo Dina: Nein, das wichtigste, was ich dem Publikum mitteilen will, ist zuallererst, wenn du alt bist und merkst, dass du irgendwas tun willst, tue es. Egal ob es schlecht ist und die Leute dich auslachen, hab‘ deinen Spass dabei. Hab‘ Spass in deinem Leben und probier‘ irgendetwas aus, was du noch nie gemacht hast. Zum Beispiel kann ich nicht singen, obwohl ich Gesangsstunden genommen habe.

Nachdem ich die Band zusammenbekommen habe und wir realisiert haben, dass wir auch öffentlich auftreten werden, haben sie gesagt, wenn du wirklich ehrlich bist Jo Dina, singst du schrecklich. Also habe ich Gesangsstunden genommen, und sie haben zwar nicht viel geholfen, aber du gehst raus und versuchst was zu machen.

Wenn du dich lächerlich machst, what the hell. Aber die andere Sache ist die, für die jungen Kids zu sagen, he sieh‘ mal, bring‘ dich nicht um. Eine Menge Kids kommen zu mir und sagen, dass sie sterben wollten, bis sie unsere Band gesehen hatten und mitbekommen haben, dass wenn sie alt werden, immer noch Spass haben und Punk sein können.

Sind im Publikum eigentlich nur jüngere Leute oder auch ältere, so über fünfzig?

Jo Dina: Nein, ältere Leute kommen nicht zu unseren Konzerten. Wir haben einmal in einem Altersheim gespielt. Und sie haben mir wirklich leid getan, denn sie mussten ihre Hörgeräte ausstellen. Wir haben nicht einmal besonders schnell gespielt, sondern sogar langsamer. Dann aber habe ich die Band beiseite genommen und gesagt, dass wir das den Leuten nicht antun können. Also haben wir Lieder aus den dreissiger, zwanziger Jahren gebracht. Die kann ich, zwar ziemlich schlecht, aber auch singen.

Wenn sie danach versucht haben, uns für ein Rentnerpublikum zu buchen, habe ich abgelehnt und gesagt, dass es nicht fair ist, zu ihnen zu kommen. Wenn sie jedoch zu unseren Konzerten kommen, ist es ok. Aber umkehrt, zu ihnen zu kommen und zu sagen, dass unsere Band gut ist für ein Rentnerpublikum, das ist nicht fair.

Ich habe mich über die unzähligen sexuellen Kommentare in euerer Show gewundert…

Jo Dina: I’m a very sexy person… (wird noch etwas lauter)… I’m a very sexy person…(alle noch anwesenden Konzertbesucher drehen mittlerweile die Köpfe nach ihr um…)

Wie reagiert vor allem das amerikanische Publikum, die Amerikaner sind doch so prüde…

Jo Dina: Genau wie hier. Und eine Menge von ihnen kennen mich und meine Kids.

Was sagt deine Familie zu dem, was du tust?

Jo Dina: Sie sagen, dass das nett ist, alle aus der Familie denken so. Alle, ausser meiner Enkelin, die mag keine laute Musik. Ihr ist Grossmutter zu laut. Sie ist neun Jahre alt, aber hat sich mittlerweile daran gewöhnt. Ich denke, zum ersten Mal mitbekommen, dass ihre Grossmutter jemand ist, den die Leute kennen, hat sie in einem Laden. Da kam ein Typ auf mich zu und meinte, dass ich doch Jo Dina von der Band One Foot In The Grave wäre und er war richtig aufgeregt. Danach schaute sie mich so auf die Art an, wow, Grossmutter ist berühmt. So hatte sie es vorher noch nicht betrachtet.

Meine Kinder stossen sich nicht an meinen sexuellen Kommentaren, denn ich habe einen Liebhaber, der halb so alt ist wie ich. Er ist 28, und wir sind seit vier Jahren zusammen. Wir gehen nicht miteinander aus, sondern treffen uns nur, aber meine Kinder haben das akzeptiert. Meine Söhne mögen es nicht so sehr wie meine Töchter, die nämlich sagen, geh‘ so weit wie du willst, Mum, so weit wie die jungen Leute. Aber die sexuellen Kommentare, das ist Showbiz.

Apropos, habt ihr auch Groupies?

Jo Dina: Yes! Ob du es glaubst oder nicht. Die Peitsche, die ich für meine Show habe, hat mir so ein Typ gegeben. Vor ein paar Tagen kam ein anderer nach der Show an und sagte, dass er da wäre, um mein Problem zu lösen. Dann holte er vier Kondome raus. Ich fragte ihn, welches Problem er meint?

Und er schaute mich so in der Art an, oh, sie realisiert nicht, dass sie ein Problem hat… Aber ich gehe nicht nur so mit jemandem ins Bett. In den Staaten habe ich meinen Schatz und der ist genau das richtige für mich.

Michael hat mir gesagt, dass ihr total verschiedene Backgrounds habt, der Drummer ein Jazzmusiker und…

Jo Dina: …ein Gitarrist kommt von der Countrymusik, Lowell kommt vom Jazz, old style music und Gavin ist auch Country. Ich habe Bestattungen geleitet (funeral director) und Leichen einbalsamiert (embalmer). Gavin war Mönch. Er war im Priesteramt, hat aber das endgültige Gelübde nicht abgelegt. Ich habe tagsüber Globusse und Landkarten an Schulen verkauft…

Wie seid ihr zu der Punkrock Sache gekommen?

Jo Dina: Weil ich es eben gerne gehört habe. Und ich habe Punkrock ausgesucht, weil ich nicht singen konnte und ins Showgeschäft einsteigen wollte. Und als ich auf den Punkrockveranstaltungen getanzt habe, habe ich die Ramones gehört und Joey Ramone kann wirklich nicht singen.

Du kannst mir nicht sagen, dass Joey Ramone wirklich singen kann! Einige andere von den Punkern können auch nicht singen. Ich dachte, Joey Ramone kommt aus dem hinteren Osten, er hat einen Philadelphia-Akzent wie ich, also kann ich das auch! Alles, was ich brauche, sind ein paar Musiker hinter mir.

Sind die nicht ziemlich unzufrieden, weil Punkrock ziemlich simpel ist und sie gewohnt waren, Jazz zu spielen?

Jo Dina: Nein, Musik ist Musik. Und Musik ist wundervoll.

(In diesem Moment bekommt Jo Dina ein T-Shirt der Megalomaniax überreicht, auf dem „Verpiss‘ dich“ auf türkisch steht. Sie freut sich sichtlich über das Geschenk und kann es kaum abwarten, es in ihrer türkischen Nachbarschaft zu tragen… Sie hat leider auch keine Zeit mehr für das Interview und so kommt es zu einem Schichtwec-sel, nach dem mir Gavan Rede und Antwort steht).

Hast du eine Message für die jungen Leute, die Punkrock hören?

Gavan: Wir sind die Hoffnung. Das ist die Message, die wir euch geben. Gebt niemals auf. Gebt nicht euer Leben auf, euere Musik, das, was immer ihr tun wollt. Macht das, was ihr machen wollt, denn das ist das, was wir machen!

Warum hast du dir ausgesucht, Punk zu spielen?

Gavan: Ich habe mein ganzes Leben lang Rock’n’Roll gespielt. Jo Dina hat dieses interessante Projekt an mich herangetragen und fragte, ob ich etwas völlig anderes ausprobieren will. Und ich habe gesagt, ja, warum nicht, klar. Durch das Anhören von Punkrock bin ich dazu gekommen.

Ich habe eine Fernsehreportage über Sun City gesehen und in diesem Bericht haben sie One Foot In The Grave gefeaturet. Aber von dem, was ich mitbekommen habe, seid ihr ziemlich gegen Sun City eingestellt, weil es so eine Art Todeslager für Rentner ist, wenn ich das mal so ausdrücken darf…

Gavan: So würden sie das nie bezeichnen… (lacht)… Ich persönlich möchte dort nie leben, wohne aber ungefähr vier Meilen davon entfernt, aber dort leben, niemals….

(Eine Frage lag mir schon auf der Zunge, aber im Eifer des Gefechts entwischte sie mir ins geistige Vakuum und ich musste mit einer Frage, die ich auch Jo Dina gestellt hatte, improvisieren)

Was denkst du über die sexuellen Kommentar, die Jo Dina auf der Bühne macht?

Gavan: Was ich über die denke, Schätzchen? Sie sind absolut richtig. Alle Sachen, über die sie redet… wenn die Leute Anstoss daran nehmen, ist das echt zu blöd. Nüchtern betrachtet, bin ich Musiker und hatte selbst ein ziemlich wildes Leben, deswegen sehe ich darin kein Problem. Du musst natürlich vorsichtig sein, wenn es um Beziehungen geht und all die Sachen, die damit zu tun haben. Aber, was soll’s….

Mir ist meine Frage wieder eingefallen…

Gavan: Das wusste ich…

In der Fernsehreportage über Sun City habe ich diesen jungen Gitarristen gesehen…

Gavan: Ja, Mike…

Warum habt ihr ihn rausgeschmissen?

Gavan: Wir haben ihn nicht rausgeschmissen. Er hat aufgehört, weil er zurück auf die Schule gehen wollte. Das hat er die letzten Jahre gemacht, aber erst kürzlich gefragt, ob er wieder mit uns auf Tour gehen kann. Er ist cool. Mikey hat uns auf der ersten Tour 1994 begleitet.

Wie oft wechselt ihr die Besetzung?

Gavan: Nicht sehr oft. Dave ist erst der zweite Drummer, den wir haben. Der erste ist 80 und bekam Lungen- und Leberprobleme. Er konnte es einfach nicht mehr machen. Es wäre für ihn zu hart gewesen. Aber er ist ein grossartiger Mensch, wir haben zuhause auch noch Kontakt mit ihm.

Ich muss das jetzt fragen, weil du über fünfzig bist: Ist das Tourleben nicht erschöpfend für euch?

Gavan: Ja, ist es. Ich schlafe ganz schön viel. Wenn die Leute mich fragen, ob wir eine Menge von dem Land gesehen haben, das wir besucht haben, sage ich nein, ich habe die Autobahn ganz schön oft gesehen, von hier nach da nach dort….

Und was sagt deine Familie zu dem, was du tust?

Gavan: Sie lieben es.

Kommen sie zu den Auftritten?

Gavan: Nein, meine Frau war schon so oft bei den Auftritten dabei. Sie geht immer früh ins Bett.

Glauben die Leute, dass ihr nur ein Witz seid?

Gavan: Es ist eine Möglichkeit, wie du Botschaften unter die Leute bringen kannst oder wie wir im Englischen sagen: Fliegen lassen sich besser mit Honig als mit Essig anlocken. Die Sachen, die wir machen, sind lustig, das ist unsere Show und das, was uns ausmacht. Wenn wir nicht anders als alle anderen wären, warum sollte dann jemand zu unseren Auftritten kommen wollen. Das ist die prinzipielle Idee hinter der Punkshow.

Ich bin noch nicht mal gepierct, Dave hat ein gepierctes Ohrloch. Es gibt ein paar Tattoos in der Band, aber wir denken nicht, dass wir das unbedingt nötig haben. Wir spielen einfach die Musik und haben eine Punk Einstellung gegenüber einer Menge Sachen aus dem Establishment wie zum Beispiel die Regierung.

Echt?

Gavan: Ja klar, wir alle sind auf die eine oder andere Art Rebellen. Und als ich älter wurde, war die Band die Möglichkeit, diese Einstellung auszudrücken. Punk ist eine Einstellung, nicht nur wie jemand aussieht. Selbst wenn das Interesse an Punkmusik stark ist oder wieder abnimmt, wird Punk der Kern unserer Show bleiben, was auch immer wir machen werden.

Hast du die Entwicklung von Punkrock verfolgt? Du bist alt genug, um das goldene Zeitalter des Punkrocks mitbekommen zu haben…

Gavan: Da habe ich die Art von Musik noch nicht gespielt. Zu der Zeit lebte ich im Südosten der Vereinigten Staaten und habe Southern Rock’n’Roll gespielt, Bob Seeger usw. Im Südosten habe ich nicht viel über Punkmusik der 80er gehört. Dann habe ich in Phoenix einige lokale Punkbands gesehen, und es hat mir gefallen, es war grossartig. Von diesem Zeitpunkt an waren wir dann auch irgendwie involviert. Frühe englische Punkbands habe ich nicht gehört, aber ungefähr um 1985 habe ich die Musik von den Ramones kennengelernt.

Vom Southern Rock zum Punkrock ist auch ein ganz schöner Schritt, ich meine einstellungsmässig…

Gavan: Nein, einstellungsmässig ist der Southern Rock’n’Roll eine good old boys Einstellung gegenüber bestimmten Sachen, sie sagen zum Beispiel auch fick‘ die Regierung… wegen Steuern….

Aber ist das nicht Redneck-Land…

Gavan: In den Vereinigten Staaten haben wir zwei Landesteile: Den Norden und den Süden. Die Leute aus dem Süden führen immer noch den Bürgerkrieg von 1861 weiter. Das ist unser Rebel Thing und diese rebellische Einstellung hat es mir leicht gemacht, vom Southern Rock auf Punk umzusteigen.

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Interview/Fotos: Andrea Stork

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