April 21st, 2010

OIRO (#130, 06-2008)

Posted in interview by jörg

über den Songtitel „Oi Spiesser gib mal Feuer, damit ich Dich anzünden kann“ von der ersten Oiro Veröffentlichung im Jahre 2003 hat wohl nahezu jeder Leser dieses Heftes schon einmal gelächelt. Die Mofapunks von Oiro sind eine der wenigen Bands, die es schon mit ihrer ersten Single geschafft haben, viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
Spielten Sie in ihren Anfangstagen noch eher holperigen Punkrock mit witzigen Texten, klingt die Band heute wie fünf Jahre weiterentwickelt. Oiro spielen angenehm ausgereiften Punkrock mit intelligenten durchdachten deutschen Texten, bei denen weder der Witz noch die Ernsthaftigkeit zu kurz kommt und ohne dabei übermässig intellektuell daherkommen zu wollen.

Nachdem ich das gerade erschienene zweite Album „Vergangenheitsschlauch“ (Flight 13 Records) gehört hatte, wurde mir klar, dass sich die Welt in Düsseldorf weitergedreht hatte. Ich nutze die Gelegenheit um Jonny, Sänger von Oiro und Herausgeber des Blurr Mags, ein paar Fragen zu stellen.

***

Jonny, wann bist Du das letzte Mal Mofa gefahren?!

Jonny: Gestern. Ich habe einige Dinger selbst zusammengebaut und kann die Marke nicht richtig nennen: eine Mischung aus Hercules mit Sachs-Motor, schön frisiert, als 50er angemeldet, fährt aber knapp 100 und damit fahre ich noch oft.

100? Wie kann Dein Mofa 100 fahren?

Jonny: Ich glaube nicht, dass das technische Verständnis der Leser ausreichen würde um das zu verstehen. Sagen wir einfach, ich bin von Beruf Urlauber, mache eigentlich nichts anderes als in den Urlaub zu fahren und habe viel Zeit an so Karren rumzubasteln. Die fahren dann schonmal schneller.

Wenn ich sage, die fahren 100, würden die anderen in der Band natürlich sagen, dass sei um 20 Km/h übertrieben. Meine Version der Geschichte klingt aber einfach spannender.

Ich hoffe das ist alles legal!

Jonny: Na klar ist das alles legal. Wir würden ja nie was gegen den Staat machen, einer von uns ist beim Roten Kreuz, ein anderer bei der Polizei und unsere Eltern sind auch alle bei der Polizei. Nachher verlieren die ihren Job und das können wir uns nicht leisten, weil die uns natürlich auch finanzieren.

Wir sind jetzt alle so Ende 30, Anfang 40 und wohnen natürlich noch zu Hause. Das ist natürlich scheisse, dann verlierst Du auch Deinen Wohnraum, nicht nur dass Du Deine Eltern verlierst, was schlimm sein kann, aber manchmal auch ein Segen ist..

Was reizt Euch denn überhaupt so sehr am Image des Mofapunks?

Jonny: Früher hattest Du keine Möglichkeit in die Stadt zu kommen um Punkkonzerte zu sehen, es sei denn Du hattest eine Mofa. Der letzte Bus in die Stadt fuhr glaube ich um 22:30 Uhr, es gab keine S-Bahn und sonst wären wir aufgeschmissen gewesen. Heute macht es immer noch Spass mit dem Ding rumzufahren. Du glaubst gar nicht, was man da für Leute aus allen Gesellschaftsschichten auf Mofas trifft. Das sind alles geile Typen, gute Rocker!

Ihr seid also keine Punker, die nach Bier stinken, sondern Ihr stinkt nach Benzin.

Jonny: Wir trinken auch beim Fahren. Du musst beim Mofafahren sehr wendig sein und das geht unter Alkoholkonsum natürlich viel, viel besser. Damit Du auch mal ausweichen kannst oder ’nen Porsche schneiden kannst.

Wechseln wir das Thema. Ich muss zugeben, dass ich bisher nur Eure Singles kannte, Euer erstes Album habe ich ausgelassen und jetzt habe ich Eure neue CD „Vergangenheitsschlauch“ bekommen. Nach dem ersten Durchhören warf sich mir die Frage auf, ob Oiro jetzt erwachsen geworden sind?

Jonny: Ich habe mir Gedanken darüber gemacht, warum die Platte so ist. Ob man sich selber ernster nimmt oder etwas ernsteres zu sagen hat. Ich glaube, es ist einfach wieder eine Momentaufnahme, wie alle unsere Platten. Die Ideale sind gleich geblieben, aber der Ausdruck ist ein anderer. Das spiegelt sich auch in vielen Aktionen wieder, die wir ausserhalb der Band machen.

Früher hat man Punkkonzerte organisiert und heute haben wir z.B. einen Kunstverein namens Metzgerei Schnitzel e.V. und machen da ganz verschiedene Veranstaltungen. Ich finde es gut, dass bei uns Platten und Songs immer relativ schnell entstehen, wir proben gar nicht lange. Wir proben einmal in zwei Monaten, machen da ein Stück und wenn wir die Stücke zusammenhaben, nehmen wir die Platte auf. Das Ergebnis ist dann die Momentaufnahme der Zeit und das war es auch. Das kann bei der nächsten Single schon wieder ganz anders sein.

Aber auch die Musik klingt viel ausgereifter!

Jonny: Es ist halt so, dass wir einen Besetzungswechsel hatten, aber schon nach den Singles. Der Andi ist ja abgehauen, unser alter Gitarrist ist mit dem Mofa nach Italien gefahren und lebt jetzt in der Sonne. Bauer Jonny spielt einfach besser Gitarre und hat andere musikalische Vorstellungen. Man könnte sich beim Cover und Titel der neuen Platte „Vergangenheitsschlauch“ denken, dass alles konzeptionell gedacht ist. Dennoch war es einfach der Ausdruck von uns im dem Moment, wie wir drauf sind, wie wir die Welt sehen oder was wir dazu zu sagen haben.

Der Titel der LP ist „Vergangenheitsschlauch“ – viele Texte auf der Platte beschäftigen sich immer wieder mit Zeit & (Nicht-)Veränderung?

Jonny: Das ist das, was ich gerade meinte. Dass sich trotz gleicher Ideale vieles verändert und man halt auch einfach merkt, dass sich innerhalb der Punkszene vieles verändert, wo wir jetzt seit fast 20 Jahren mit Band, Magazin, Veranstaltungen usw. aktiv sind. Man ist jetzt nicht mehr 16 und feiert das alles ab. Es hat sich was getan. Wir haben mittlerweile bei fünf Leuten in der Band drei Kinder und versuchen unser Leben trotzdem so wie immer zu leben.

Natürlich tauchen dabei Schwierigkeiten auf und man setzt die Vergangenheit mit der Gegenwart in Bezug, vergleicht. Punk lebt auch 2008 noch und wir sind gegen „Punk ins Museum“. Wir machen unser Ding, aber ich freue mich immer, wenn 20jährige ihren Kram machen und sich nicht so von alten geschichtsträchtigen Punksachen beeinflussen lassen.

Bei anderen Bands ist es meist so, dass sie sich als Jugendliche gründen und anfangen holprigen Punk/Hardcore zu spielen. 5-10 Jahre später, wenn sie 25-30 Jahre alt sind, haben sie ihren eigenen und ausgereiften Stil gefunden. Mich verwunderte es nur, dass die Entwicklung bei Oiro erst im höheren Alter passiert ist.

Jonny: Wir haben zwar alle schon in vielen Bands gespielt. Oiro hat als Spassprojekt angefangen, bevor es zu einer Band wurde, obwohl wir das jetzt nicht ernster nehmen als am Anfang. Der Zeitpunkt ist im Moment halt ein bisschen ernster oder behandelt ernstere Themen, obwohl natürlich der Spass nicht zu kurz kommt und auch nie platt war, sondern immer kritisch oder politisch geprägt war.

Die Texte von Oiro sind sehr abstrakt. Woher nimmst Du die Inspiration dafür?

Jonny: Für mich sind die natürlich nicht so abstrakt, weil ich weiss, was dahinter steckt. Das Abstrakte kommt beim Schreiben, weil es mein Stil geworden ist, dass ich es so ausdrücke und nicht in einfachen Worten kann. Ich würde es manchmal gerne machen, es dann aber doch in Wortspielereien umschreibe. Ideen kommen einfach aus meinem Leben und was ich damit verbinde. Ich setzte mich nicht hin und gucke was für Themen plötzlich aktuell sind oder politisch relevant sind.

Themen wie das Klassentreffen, dein Bruder mit der Alarmanlage oder dein Nachbar beim Rasenmähen, die hast Du also alle wirklich erlebt?

Jonny: Vieles davon ist passiert, manche sind natürlich nur Sinnbilder für etwas. Es sind immer kleine Episoden wie dieses Klassentreffen und das sind die Gedanken, die ich dabei habe. Wenn man die Leute dort sieht und sich eigentlich nur wünscht, dass die Lehrer tot sind und nicht wirklich vor einem stehen. Die Zeit macht die Lehrer von damals auch nicht besser.

Dann bin ich ja froh, dass ich noch auf keinem Klassentreffen war.

Jonny: Die Leute, die früher Arschlöcher waren, sind immer noch Arschlöcher. Die meisten von den spiessigen Leuten haben früh geheiratet, sind schon wieder geschieden und es haben sich ganz dramatische Familiensituationen ergeben. Von den coolen Leuten kommt entweder keiner oder Du triffst halt die zwei Leute, mit denen Du früher schon rumgehangen hast. Wenn Du zu denen keinen Kontakt mehr hast, ist es ganz lustig. Du besäufst Dich und dann war es das.

Was zum Beispiel hat es mit dem Song „Fundbüro“ auf sich und den Möwen, die sagen „Wir wollen nicht werden, was wir sind“?

Jonny: Es ist eine Geschichte über einen Alkoholiker. Er gesteht sich das aber nicht ein, obwohl er von allen Leuten entweder in Gesprächen oder in härteren Aktionen zu spüren bekommt, dass er damit nicht so weitermachen kann und sich selber kaputtmacht. Er ist derjenige, der eigentlich unterwegs ist um irgendjemanden zu treffen, aber nie am Ziel, bei sich selber ankommt. Die Möwen sagen sinnbildlich „wir wollen nicht werden, was wir sind“. Er wollte eigentlich nie so werden, weiss aber auch nicht, wie er da rauskommt und macht trotzdem immer weiter.

Dann verstehe ich den Song langsam!

Jonny: Für mich ist das total logisch. In erster Linie schreibe ich die Texte für mich, das muss keiner verstehen. Ich finde es interessant, wenn sich Leute damit beschäftigen, darüber habe ich auch immer ganz nette Gespräche. „Ich hielt am Fundbüro“ ist ja ein Teil von dem Text „unter tausend Schlüsseln war nicht meiner“. Er weiss nicht wohin, wo er reinkommt, dann fragt er nach seiner Lieblingsmelodie und wird rausgeworfen.

Also die Musik, die ihn mit den anderen Leuten verbindet, dass er auch etwas mag und liebt, also die Melodie in der er sich wiederfindet. Das zieht nicht mehr, die Leute wollen ihn nicht mehr akzeptieren und werfen ihn nahezu raus. Für diese Suche war für mich das Fundbüro ein gutes Sinnbild.

Sind Oiro eine Band, die über die Dinge nachdenkt, die sie macht oder macht Ihr Dinge einfach?

Jonny: Wir haben halt seit Jahren Ideale, da sind einfach gewisse Dinge klar, die wir nicht machen. Du hast ja sicher auch schon beobachtet, dass Bands wie Trend oder Turbostaat zum Beispiel oft mit den Beatsteaks spielen. Die Beatsteaks haben auch bei uns angefragt, ob wir mit denen spielen. Ich finde das total nett, dass so eine Band, die in 7.000er Hallen spielt, sich darum kümmert Bands mitspielen zu lassen, deren Musik sie mögen.

Trotzdem ist das einfach nichts für uns, darüber gibt es nichts zu diskutieren. Wir leben in unserer eigenen Welt, die wir uns selber machen und probieren so unabhängig wie möglich zu sein. Deshalb machen wir eigene Läden, ich habe jahrelang ein Plattenlabel gemacht usw. Wir wollen damit nichts zu tun haben. Das ist keine Frage der Moral oder einer Punkeinstellung, das macht einfach keinen Sinn, das ist nicht meine Welt und ich habe da keinen Bock drauf, es interessiert mich einfach nicht.

Reizt es Euch gar nicht, einfach mal auszuprobieren, wie es ist vor 5.000 Leuten zu spielen? Es wäre auch super Werbung für Oiro.

Jonny: Ja, aber was soll das? Wir sind da zufrieden, wo wir sind und die Konzerte sind mit 100-200 Leuten oder vielleicht auch mal 300 Leuten voll. Wir sind bei Leuten, die wir mögen. Mir reicht das vollkommen. Wir sind halt keine 20, ich kenne so grosse Konzerte und ich war mit Bands auf Tour, die so grosse Konzerte gespielt haben und habe gesehen, wie es da abläuft. Das interessiert mich nullkommanull. Das ist mir viel zu professionell, viel zu unpersönlich und das muss nicht sein.

Wenn ich an mich zurückdenke, muss ich auch sagen, dass ich nicht direkt in die Punkszene gekommen bin, sondern das nach und nach für mich entdecken musste. So fing es halt an, dass ich erst die Toten Hosen in einer riesigen Halle gesehen habe, die ich mir heute niemals mehr antun würde. Aber darüber hat man vielleicht nach und nach neue kleinere Bands entdeckt. Sowas entwickelt sich, niemand hört eines Tages Melt Banana und ist dann mittendrin.

Ich finde, dass Leute zu unserer Musik nur durch Beschäftigung kommen sollen. Ich bin dadurch zu so Punkzeug gekommen, dass ältere Leute mir beim Skaten Mixtapes aufgenommen haben. Da war irgendeine Band drauf, von denen ich den Namen nichtmal wusste und ich jahrelang danach suchen musste. Ich hatte Bock darauf und konnte mich dafür begeistern. Das fehlt heute vollkommen. Du bekommst alles serviert und vorgesetzt, es ist alles schnelllebig, dann ist es wieder out und blablabla.

Ich finde es wichtig, wenn gerade jüngere Leute merken, dass es viel mehr Spass macht, wenn Du dich mit etwas beschäftigen musst, Du vielmehr davon hast, selber dabei kreativ wirst und es Dir einfach mehr bringt, als wenn du alles vorgesetzt bekommst. Deshalb halte ich das für den richtigen Weg.

Glaubst Du denn, dass d.i.y. Grenzen hat?

Jonny: Klar, es gibt immer Grenzen. Du wirst gewisse politische Dinge dadurch nicht verändern können. D.i.y. ist ja eigentlich nur dieses richtige Leben im Falschen. Du machst Dir eine kleine Insel, lebst dort mit Deinen Freunden, spielst Dir vor, dass alles in Ordnung ist und machst Dich nach aussen nicht mehr angreifbar.

Das heisst für eine Punkszene, wenn ich sage, dass wir nicht mit den Beatsteaks spielen, laufen wir natürlich auch keine Gefahr, dass wir irgendwie angreifbar werden. Das ist natürlich einfach, sobald Du Deine Insel hast und Dich abgekapselt hast, machst Du Dein Ding. Wenn Du da politisch dann was machst, machst Du es eigentlich für Deinesgleichen mit ein wenig Aussenwirkung.

Die ist nicht weitreichend und das schränkt d.i.y. natürlich ein. Mich interessiert es nicht so sehr an grösseren Veränderungen teilzunehmen. Mich interessiert sich ein Leben zu schaffen, wie man sich es vorstellt und darüber zu diskutieren. Nicht am Grossen teilzunehmen bedeutet nicht sich nicht damit auseinander zusetzten.

Wechseln wir mal das Thema. Am Anfang habt Ihr nur Singles veröffentlicht, jetzt folgen scheinbar nur noch LPs. Hat das Medium 7″ für Euch an Reiz verloren?

Jonny: Am Anfang haben wir nur Singles gemacht, weil wir nicht mehr hinbekommen haben. Wir haben immer vier Stücke gemacht und die Mentalität bei uns so ist, wenn man was gemacht hat, dann direkt raus damit. Ich finde die ersten drei Singles sind alle komplett anders und stehen für die entsprechende Zeit. Mittlerweile sind daraus Alben geworden, aber wir werden nach dem Sommer wieder Singles machen.

Eine Idee ist das jeder von uns eine 2-Song Solo Single macht. Jeder darf genau sein Zeug verwirklichen und die andern müssen es spielen, ob sie wollen oder nicht. Wahrscheinlich kennst Du das auch von Dir, oft hört man Singles nicht mehr. Halt am Anfang nach dem Kauf ein paar Mal, aber so oft lege ich Singles nicht auf, eher Alben natürlich. Aber ich finde Singles trotzdem super, viel besser als eine CD zum Beispiel.

Allerdings kenne ich das. Abgeben mag ich sie ganz bestimmt nicht, aber hören tue ich sie äusserst selten.

Jonny: Ja, das ist wirklich komisch, denn Singles verkaufen sich unglaublich. Wir haben zwar nie nachgepresst, aber die ersten beiden Singles in 1.000er Auflage waren immer sofort ausverkauft. Trotzdem glaube ich nicht, dass die Leute sich das oft auflegen, ich mache das ja auch nicht. Vielleicht ist das so ein Sammlerding, eine Single nimmt man mal eben auf einem Konzert mit.

Bei mir ist es total oft so, dass ich mir das Vinyl kaufe, mich über das mächtige Artwork, das fette Vinyl etc freue, aber letztendlich eher die MP3s höre, um nicht die vier Seiten einer Doppel LP separat abspielen zu müssen.

Jonny: Echt? Ich höre mit dem Rechner eigentlich gar keine Musik, das brenne ich mir nur auf CD und eigentlich höre ich fast nur Vinyl. Mit Doppel LPs ist das wirklich so ein Ding. Man kauft es total gerne wegen dem Artwork und dem Drumherum, aber es ist total beschissen zu hören. Genauso wie Singleboxen. Also irgendwelche LPs, die auch auf vier Singles veröffentlicht werden. Ist eigentlich totaler Quatsch, aber es ist so ein Liebhaberding. Sieht halt super aus, kann man anderen Leuten zeigen und sie damit beeindrucken. Möbelstück!

Und davon ganz viele.

Jonny: Gut für Umzüge!

Du arbeitest seit einiger Zeit an der FH Düsseldorf als Medienpädagoge. Inwieweit kannst Du eigentlich Dein dort gewonnenes Wissen für Oiro in der Praxis einsetzen?

Jonny: Ich unterrichte dort seit acht Jahren als Dozent Grafikdesign und das ist ganz geil. Als ob Du noch studierst, ohne dass Du Prüfungen machen musst. Für Oiro spielt das keine Rolle. Das ist halt mein Beruf Grafiker zu sein, das mache ich an der FH sowie freiberuflich. Natürlich übernehme ich die Umsetzung des Artworks. Ich hatte am Anfang gedacht, dass man da kritischere Gespräche und Diskurse führen könnte. Studenten wieder für die Dinge sensibilisieren, die in ihrem Umfeld passieren.

Mir ging es gar nicht so sehr um das Grafische, mir ging es eher darum auf Kunst und Grafik bezogen zu hinterfragen, wie geworben wird. Wer darf wo wie werben. Als Leitsatz dazu wem gehört die Stadt, wer darf was nutzen in der Stadt? Warum darfst Du Häuser nicht besprühen aber an Bushaltestellen Werbeplakate hängen? Spassguerillamässig, also Sachen verfremden, Sachen im gleichen Design eine neue Aussage zu geben. Das fand ich immer interessant und ist für mich wichtiger, als ob letztendlich gute grafische Arbeiten bei den Studenten entstehen.

In der Hochschule ist es aber immer mehr so geworden, dass es schulisch abläuft. Die Studenten wollen am liebsten gesagt bekommen, dass müsst Ihr als Prüfungsnachweise erbringen, dafür habt Ihr soviel Zeit, wenn Ihr das erfüllt habt, bekommt Ihr den Schein. Dann könnt Ihr die Schwerpunktprüfung machen und Euch danach zum Diplom anmelden. Da werden wenig Sachen hinterfragt. Die anderen Professoren sind teilweise ganz okay, machen den Job aber seit 30 Jahren und ziehen es einfach nur durch. Die zeigen auch kein Interesse mit einem Studenten zu reden oder eine Diskussion anzufangen.

Das ist das, was wir aber immer mit allen möglichen Sachen probieren also mit unserer Band oder dem Kunstverein. Dass man selber was auf die Beine stellt, dass man das auch machen kann, fernab von Staat, fernab von Sponsoren. Wenn Du ein paar Leute um Dich herumscharst, ist alles möglich! Du kannst alles machen, zu allem möglichen Stellung beziehen oder auch einfach nur Spass haben. Das ist halt das, wie die Beschäftigung mit Platten oder Musik, was am meisten Freude macht oder Kreativität fördert. (Zögern)

Ist die Platte für Dich düster und nachdenklich?

Jonny: Ich weiss nicht, ob ich es als düster beschreiben würde. Eher als verrückt, aber mit Aussage dahinter.

Ist Dir das denn im Speziellen zu abstrakt oder empfindest Du es als Reiz Dich damit auseinanderzusetzen?

Jonny: Schwer zu sagen. Es reizt mich sie zu lesen, aber ich habe dabei nicht den Anspruch sie am Ende zu verstehen oder das Gefühl, dass es möglich ist. Es ist so ähnlich wie bei Turbostaat. Deren Texte sind auch abstrakt und ich kann nur etwa ahnen, worum es geht. Jedes Mal, wenn ich Marten etwas zu einem konkreten Song gefragt habe, habe ich mich gewundert, wie viel er dann zu so einem kurzen Text zu erzählen hat, worauf ich nie gekommen wäre.

Komme ich bei denen auch nicht. Also ich beschäftige mich nicht so sehr mit deren Texten, aber wenn ich die Platte höre, denke ich oft, da steckt nicht so viel hinter.

Jonny: Doch, da hat er schon viel zu erzählen, es sei denn, er hat einfach gerade keine Lust darüber zu reden. Man hat ja auch keine Lust das zu erklären. Wenn Du mir jetzt gegenüber sitzen würdest, wir ein Bier trinken und darüber reden würden, weil Du wirklich eine Frage zu einem Text hast, der Dich beschäftigt.

Dann ist das in Ordnung, dann kann man das Thema diskutieren und Du kannst ja auch anderer Meinung sein. Dann wird es interessant, aber jemanden zu fragen, was er damit sagen will, ist schon komisch. Es soll ja offen bleiben, sonst müsste ich die Texte ja nicht so schreiben. Warum sollte ich das dann in einem Interview ganz klar sagen?

Klar, ich als Aussenstehender bemerke dann aber nur Themen wie Zeit und Veränderung.

Jonny: Richtig, Du bist relativ aussenstehend. Wenn Leute aus unserem Umfeld das hören, ist das ganz anders. Wenn die zum Beispiel den Song „Toni Lampo“ hören, wissen sie ganz genau Bescheid, weil sie den Menschen kennen. Vor allem macht man das aber für sich selber. Ich mache ja auch das Blurr Magazin, bei den Texten und Interviews ging es mir hauptsächlich immer darum, es für mich zu machen.

Das ich etwas loswerden will und nicht unbedingt, dass die Leute das alles verstehen. Dass etwas meine Meinung ist und es ist schön, dass man dazu die Möglichkeit hat. Wenn ich nur journalistisch tätig wäre, könnte ich das nicht machen, weil ich objektiver sein müsste. Das muss ich nunmal nicht, ich muss nichts erklären.

Ich kenne das vor allem von Reviews. Wenn man viele Platten bespricht, langweilt es am Ende immer mehr, klar zu schreiben, wie man eine Platte genau findet. Am besten noch mit abschliessender Bewertung…

Jonny: Bei Reviews im Blurr bin ich nachher dazu übergegangen nur noch persönliche Geschichten zu schreiben. Jetzt sehe ich das natürlich von einer ganz anderen Seite, weil ich in einer Band spiele. Erstmal denke ich, dass man Reviews nicht überbewerten soll. Ich weiss ja selber, wie sich manche Leute oder wie ich mich damit auseinandergesetzt habe. Wenn Du viel bekommst, hast Du auch keinen Bock das zu hören. Wenn man die Leute kennt, die dahinterstehen oder es die Musik ist, die man mag, dann beschäftigt man sich damit.

Aber wenn da jetzt was neues kommt zum Beispiel Oiro… Es gibt keinen schlimmeren Bandnamen und damit hätte ich mich früher wahrscheinlich auch nicht beschäftigt. Bis man erstmal dahinkommt, dass einem ein Kumpel erzählt „Hör Dir das mal an, das ist ganz gut.“. Bei mir ist es eher so, dass sich die meisten Platten so einfach in Schubladen einordnen lassen und nur die wenigen verbleibenden interessant sind. Von einer Standard melodic Punkband reicht es die ersten zwei Songs zu hören. Das hat nichts mit Oberflächigkeit zu tun, danach kann man die meisten dieser Veröffentlichungen klar bewerten.

Ich habe Platten nie ganz gehört. Ich habe teilweise 1-2 Songs gehört und dann etwas dazu geschrieben.

Jonny: Das reicht bei vielen Platten ja auch.

Aber warum bespricht man die dann überhaupt? Was soll das? Man sagt damit einfach nur, diese Platte gibt es.

Jonny: Ich denke das ist so ein d.i.y. Ding. Wenn man als kleine Band seine Platte an ein grösseres Magazin schickt, findet sie dort keinerlei Beachtung, da solche Bands im Regelfall noch nicht ausgereift sind. Letztendlich hat die Band da aber aber viel Zeit, Herzblut und Geld reingesteckt und hat auch ein berechtigtes Interesse darauf Rückmeldungen zu erhalten, auch wenn die Veröffentlichung schlecht ist. Man verschickt seine Platten nicht nur um Werbung zu machen, sondern auch um Meinungen von Aussenstehenden einzuholen.

Mir ist immer eine richtige Auseinandersetzung damit wichtig. Mir ist nicht wichtig, ob es einem gefällt oder nicht, sondern dass sich jemand damit beschäftigt und man auch eine richtige Rückmeldung bekommt. Und ich finde, dass das bei Reviews nicht leistbar ist. Das war ein Fehler beim Blurr Mag. Zum Schluss sind alle Reviews verschwunden, es hat uns nicht mehr interessiert, das war die logische Konsequenz.

Wer will sich schon mit Platten auseinandersetzten, die er nicht mag?

Jonny: Das wäre aber mal interessant. überleg mal, Du machst ein Heft und es geht nur um Platten, die man nicht mag. Ein ganzes TRUST Heft mit dem Thema „Platten, die ich nicht mag“ und alle beschäftigen sich nur mit den Platten, die sie mal reviewt haben und nicht mögen. Setzten sich damit wirklich auseinander, sprechen mit den Bands usw. Da kämen bestimmt total interessante Sachen raus.

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Interview & Einleitung: Benjamin Schlüter

Links (2015):
Wikipedia
Homepage
Discogs
Bandcamp

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