Oktober 4th, 2011

NORTON (#136, 06-2009)

Posted in interview by jörg

Norton – Luci (Gesang, Gitarre), Marcel (Trommler), Pogo (Gitarre, Gesang) und Baba (Bass, Chor) – machen alle schon seit Ewigkeiten Musik. In welchen Bands sie schon so alles gespielt haben, wird im Interview gesagt. Sie sind aus Zürich, Schweiz, und haben ein wunderbares erstes Album veröffentlicht.

Punkrock Fans haben daran ihre Freude und Hörer der älteren Schule à la Leatherface ganz besonders (finde ICH). Vom kommenden Album erwarte ich Grosses. In der Diskografie am Ende des Interviews gibt es einige der alten Bands der Vier aufgelistet. Schlussendlich möchte ich noch anmerken, dass, wenn das Interview hier und da etwas chaotisch wirkt, es daran liegt, dass ich versucht habe, ein wenig Ordnung in das Ganze zu bringen – denn vorher war es reines Chaos, ein Tohuwabohu.

Ich habe viel gelacht beim Lesen und der Bearbeitung des Textes – ich hoffe, Euch geht das ähnlich. Viel Spass! Und vergesst nicht, Euch die Band anzuhören und auf der nächsten Tour anzusehen. Das ist Livemusik.

***

Gibt es ein Thema, über das Ihr befragt werden möchtet?

Pogo: Grins! Nein.

Luci: Das ist wohl so das erste Interview seit gefühlten hundert Jahren bei mir. Also mir fällt da nichts ein… Sorry.

Baba: Ich werde gar nicht gerne befragt, darum bin ich in diesem Interview nicht existent. Bin live und angetrunken zum Teil ganz gesprächig…

Marcel: Nerd-Equipment-Talk, gnagnagna, nein eh, im Moment nicht. übrigens Deutsch ist nicht meine Muttersprache, Vatersprache auch nicht.

Aber deine Antworten sind gut, Marcel. Ich nehme also an, es ist für Dich ok, wen ich beim Deutschen bleibe, ja?

Marcel: Sure, dude. Ich hätte gerne die Frage: „Wann wird Eure 12 Inch released?“ Antwort: „When I unzip my fly“, hahahahahahaha. Aber das funktioniert nur auf Englisch, und im Vinyl-Zeitalter. Für die 18jährigen: 12 Inch ist das Format: Vinylpatte.

Ich habe zweimal versucht, einen Termin für ein Konzert mit Euch in Trier zu machen aber leider wurde mir da ein Strich durch die Rechnung gemacht. Wie lief die Tour so? Wart Ihr zufrieden? Es war die erste mit Norton, richtig?

Luci: Tja, ich würde mal sagen, dass ohne Hilfe da nicht viel geklappt hätte. Marcel hat zwar immer noch einen Draht zu Amsterdam, wir noch zu Karlsruhe, Hamburg… aber sonst? Uns gibt es seit knapp zwei Jahren, keine Sau kennt uns. Es war unsere erste Tour und von dem her völlig okay. Ein paar sehr schöne, gute Orte und ein Konzert war richtig Scheisse. Also auch von uns. Aber was soll ich sagen, ich bin auch nicht mehr derjenige, der rausgeht und sich alles anguckt.

Marcel: Naja, nett dass Du es versucht hast. Ist schon mehr als viele andere, harhar. Ich war sehr zufrieden mit der Tour. War erste Tour mit Norton (und letzte, hehe). Habe versäumt noch mal allen Promoters zu danken, also jetzt denn! Cheers. Höhepunkt war für mich Eisenberg, bei Leipzig, zwei Tage Minifestival mit Vokü, Party, tiefe Preise, usw. und guten Bands aus D und USA. So soll es immer sein, grosse Kollektivanstrengung, von, für und mit Konzertbesucher.

Super Gebäude auch, alter Bahnhof, ist gekauft worden von irgendeiner Stiftung für Kultur (?!) so weit ich es verstanden habe. Jedenfalls super Ort, super Leute, Punk, so wie es für mich sein soll. Auch sehr gut war der 1. Mai in Lübeck, Alte Hackerei in Karlsruhe, Weikersheim, Hamburg Störtebecher, Da waren nicht immer überall viele Leute, aber immer paar gute. Mir gefällt, dass noch immer sehr unterschiedliche Leute zu punkigen Gigs kommen, aber das ist, glaube ich, fast nur in Deutschland der Fall, und bei Norton Heimspielen in ZH.

Pogo: Die Tour war super! Für mich war es die dritte Tour mit Norton (früher mit Split (HC-Band aus Zürich) 2x D-Tour) und ich war überrascht, wie gut es lief. Unter den Nortons, mit den Leuten vor Ort, den Hangovern, den Pannen und Unfällen (die ersten zwei Punkte waren extrem bereichernd und lustig, die letzten 3 Sachen blieben aus oder hielten sich in Grenzen). Kam normalerweise körperlich und nervlich immer total fertig nach Hause, aber diesmal hatte ich auch noch am letzten Tag Lust auf Konzerte und Bier.

Klingt gut. Also, wann kommt die nächste Tour?

Marcel: Zuerst machen wir Aufnahmen, dann Platte rausbringen, dann Tour. So Richtung Juni, oder wenn das nicht klappt sogar Ende Sommer.

Pogo: Eigentlich wollten wir mal im Dezember letzten Jahres aufnehmen und im Frühjahr auf Tour gehen aber dann hat sich alles verschoben (tut es immer noch – grins) und so sieht es aus als ob es Herbst werden würde. Das wichtigste ist im Moment die Platte. Wir lassen uns Zeit, denn wir versuchen eine richtig gute Platte zu machen und denken erst dann wieder ans Touren.

Ich mag den Labelnamen: Sorry. Stecken hinter der Namengebung alte Wunden?

Marcel: Keine Ahnung, vielleicht weiss „der Führer“ (Luki) mehr

Pogo: Ja, das weiss allein der Luki. Er hat das Label gegründet vor der Zeit mit Norton

Luci: Der Name? Tja was soll ich sagen… Vor zehn Jahren war Zürich Technohochburg hoch zehn. Gute Bands gab es aber trotzdem. So beschlossen Audrey, Baba und ich ein Label zu starten. Leider hat uns die Natur da einen Streich gespielt, denn wir feiern ganz gerne und kümmern uns dann eben nicht um solche Sachen.

So gab es auch nur ein paar wenige Produkte auf Sorry. Aber alte Wunden? Für uns hiess Sorry eher in die Richtung wie wenn du in einer Bar beim Getränke holen, anstösst. Also sehr unverbindlich. Mehr die Richtung stört es dich also Sorry… Spiesser.

Was wurde den bisher so auf Sorry veröffentlicht?

Luci: Anker/6000Crazy Single, Bagger/Liselotte, Fleisch Cobra Club, Fleisch Amix und Schampar. Tja, und dann ging das Geld aus. Hab aber noch von allem zu verkaufen, glaube ich.

Angesichts der Homage an den Hüsker Dü Basser und sein Restaurant „Norton“ finde ich Euren Bandnamen auch gut gewählt. Habt Ihr auch Kontakt zu ihm aus alten Tagen?

Marcel: Das ist so ein Ding, Führer Luki hat sich das alles einfallen lassen. Persönlich bin ich nicht so`n xxl Hüsker Fanatiker und Restaurants interessieren mich auch nicht. Kontakte gibt es, so weit ich weiss, – nicht.

Pogo: Sehe ich auch so. Luki hat sich das einfallen lassen und uns dann gefragt ob wir mitmachen wollen. Ich hatte/habe ebenfalls keinen Bezug dazu und erst über Norton die Mucke kennen gelernt.

Luci: Also wir sind schon etwas älter, aber so schlimm ist es nun doch nicht. Leider konnte ich noch nicht Autofahren als Hüsker in Hohenems spielten… Ich bereue es bis heute.

Das kann ich verstehen, ich hätte die auch nur zu gerne mal Live gesehen! Wie prägend waren denn Hüsker Dü? Ich höre da auch – nicht zuletzt aufgrund des rauen Gesangs – jede Menge Liebe zu Leatherface raus. Euer Album jedenfalls ist verdammt gut geworden.

Marcel: Sagst du nur wegen diesen 20 Euro in der CD, ne? Ja, manche Leute finden das Album gut, also ist“s anscheinend nicht Punk genug, gnagna. Hüsker D ist für mich einfach eine dieser US Punk/HC Hauptbands, diese erste (zweite) Generation, die eigentlich noch immer unübertroffen ist in Energie, Ideen, Talent, Provokation, Attack, usw. Gerade als der UK Punk den absolut katastrophalen Tiefstand erreicht hatte, sprich Exploited, Antipasti und andere UK Army Angehörigen, und aussortierte Hirn- und Herztoten Schlappsackrock, so um 1980-81-82, kamen dann diese Bands.

Gemeint ist natürlich nicht nur Hüsker Dü (die sind ohnehin etwas später voll durchgebrochen, ne). DOA, Minor Threat, Black Flag, Circle J, DKs, Bad Brains – eben die Klassiker. Leatherface hört sich ok an, aber für mich persönlich nicht sehr bedeutend, bisschen emotionslos. Aber die meisten Norton Songs sind von Luki, und der hält viel von Hüsker und Leatherface.

Luci: Danke. Ja, Frank Stubbs ist sehr wichtig für mich und den kenn ich wenigstens.

Pogo: Danke. War ein hartes Stück Arbeit. Da alle Bandmitglieder Erfahrungen mit anderen Bands haben, konnten wir enorm profitieren. Wir mussten definitiv nicht mehr bei „Null“ beginnen. Das merkt man besonders bei den Kleinigkeiten im Bandalltag. Darüber hinaus sind alle motiviert, was fast automatisch intensivere und schlussendlich geilere Musik ergibt.

Von welchen Menschen handelt der Song „Riot Clones“?

Marcel: Von Leuten, die sich instrumentalisieren lassen, Kanonenfütter für Manipulatoren – glaube ich jedenfalls, harhar

Luci: Wir kommen ja nicht von einem anderen Planeten und nehmen alles staunend zur Kenntnis. Wie Mensch ein Haus besetzt wissen wir aus eigener Erfahrung. Und wie sich junge Menschen vor irgendeine Politkarosse spannen lassen – und ja ich meine hier ganz spezifisch Linke – hab ich schon genug gesehen. Wie ging das nochmal mit think for yourself? Und was zum Teufel nochmal soll ein kleiner BLUMENLADEN MIT DEM Schweinekapitalismus zu tun haben und mit Steinen eingedeckt werden muss? Und ich kenne meine Stadt…

Ich verstehe. Zu dem Blumenladen: Nun, ähnliches war ja erst vor kurzem in Athen zu beobachten. Da schien mir die Auswahl der zerstörten Läden – nachdem, was ich so in Erinnerung habe – auch öfter mal etwas fraglich

Pogo: Auf jeden Fall. Ich finde es enttäuschend, wenn Demos mit extrem wichtigen Anliegen in einer sinnlosen Zerstörungswut enden. Das hat für mich dann ziemlich schnell nichts mehr mit Kapitalismuskritik und Widerstand zu tun sondern wird mir einfach nur noch unheimlich. Das ist auch ein Grund, weswegen ich nur noch sehr selten auf Demos gehe.

Ich stehe für meine Anliegen ein aber ich will diese vertreten und keine Scheissaktionen unterstützen. Meine politische Arbeit beschränkt sich von dem her eher auf politische Texte in Liedern, Unterstützung von besetzten Häusern und vor allem durch ein Leben möglichst nah an meinen politischen Idealvorstellungen. (siehe nächsten Abschnitt)

Marcel: Ja, gut, natürlich ist das nicht unbedingt sehr toll, und vielleicht sinnlos, aber ein übermass an Mitleid finde ich auch wieder nicht angebracht. Ganz generell ist es so, dass Bullen und law and order freaks gerne die wütende Leute ihre eigenen Quartiere zerstören lassen. Kein Zufall.

Seht Ihr Euch als eine politische Band und seid Ihr politisch in irgendeiner Form aktiv?

Luci: Manchmal, wie meinst du das? Unpolitisch geht gar nicht… Oder bist du Autist? Und vielleicht sogar dann?

Marcel: Politische Kommentare in Songtexten, aber – meiner Meinung nach – noch wichtiger ist es, zu versuchen, das Leben in die eigene Hand zu nehmen, Selbstverwaltung oder wie heisst das auf Dooitsch (ja, 80er Handbuch nachschlagen). Jedenfalls versuchen, Musik und Leben in bessere Richtung (siehe oben) zu biegen, so ist das Persönliche auch politisch und umgekehrt. Die Welt erst mal durch persönliche Umgebung und Tätigkeit zu verändern, die Summe davon (wenn viele das machen) wäre schon mal eine radikale Transformation der Gesellschaft, ne?

Pogo: Ich sehe uns als politische Band. Allerdings nicht als „Zeigefingerpolitisch“, sondern politisch in dem Sinn dass wir unsere politischen überzeugungen haben und dafür einstehen. Ich halte es dabei eher so wie Marcel sagt. Ich lebe nach meinen Vorstellungen und versuche in meinem Leben und meinem Umfeld nach meinen politischen überzeugungen zu handeln. Grosse Veränderungen basieren schlussendlich auf kleinen Anfangsimpulsen. Durch Konzerte in Squats und an politischen Veranstaltungen tragen wir ebenfalls einen Beitrag dazu bei.

Ich habe da ganz bewusst möglichst allgemein gefragt. Es ist interessant zu sehen, wie verschieden stets auf eine solche Frage reagiert wird. Die einen beziehen die Frage nur auf die Band, die anderen antworten auch über die private Ebene. Unpolitisch geht gar nicht, das sehe ich auch so. Dann etwas Politik: Was sind die grossen Versäumnisse und Fehler der Schweizer Regierung in den letzten Jahren?

Marcel: Wollen wir hier eine Bibliothek vollschreiben? Wollen wir über rassistische, sexistische Gesetzgebung reden, oder über Umverteilung von unten nach oben, oder von ökodisaster? You name it, we got it. Ich bin kein parlamentärer Demokrat, der einzige echte Demokratie Begriff wäre ständige Weiterentwicklung, emanzipatorische Bewegung in Richtung Freiheit, Teilen und Gleichberechtigung.

Mit als Endziel mehr echtes, statt gekauftes Ersatzglück für alle. Parlamentarische Demokratie ist nur ritualisierte Legitimierung der kapitalistischen Fleischmühle. In der Schweiz stimmt kurz gesagt also fast nix, genauso wie in D oder NL. Im Moment wäre eigentlich eine gute Chancen da, einige Ziele zu erreichen in dieser Krise, vielleicht gelingt etwas (hoffen darf man ja, ne?).

Typisch war mal wieder dieses 70 Milliarden Geschenk für die Scheissbank UBS in Schieflage. Die schweizer Amateur-Dilettanten-Politiker haben sich über den Tisch ziehen lassen von der Bank. Aber das ist selbstverständlich unausgesprochenes Programm, Staatssozialismus für die Reichen und der kapitalistische Wolf für alle anderen, das Stimmvolk der parlamentarischen Demokratie zahlt natürlich dafür, etwa 10.000 Euro pro Kopf wird geschätzt.

Damit alles um der Elite willen beim Alten bleibt. Der Vorwand ist, dass diese Bankleistungen soooooo wichtig sind für die Wirtschaft, aber selbst wenn man das glaubt, warum könnte nicht eine Staatsbank genau diese scheisseinfachen Aufgaben übernehmen. Naja usw. usw. nur Beispielchen aus der ruhmreichen Geschichte der CH Demokratie.

Pogo: Die Schweizer Regierung ist viel zu fest mit parteipolitischen Grabenkämpfen beschäftigt und es gibt immer weniger Vertreter mit Weitsicht und intelligenten Visionen. Die meisten Entwicklungen laufen auf den Erhalt des „Ist-zustandes“ hinaus und die meisten Ideen sind extrem mutlos und kurzfristig. So werden zum Beispiel im Naturschutz oder in sozialen Fragen wichtige Veränderungen verschlafen, welche sich später bitter rächen. Die Industrie- und Bankenhörigkeit ist widerlich.

Dem finanziellen Argument wird hierzulande viel zu viel Bedeutung beigemessen. Ich bin sehr besorgt was die Zukunft angeht wenn ich mir die perspektivlosen Jungen ansehe die fallen gelassen wurden weil sie in kein soziales Raster mehr passen, die zubetonierten Städte und Veryuppisierung der Innenstädte mit den Ghettos davor. Zum Glück wird die Politik nicht nur von Sesselfurzern in der Regierung gestaltet. Es gibt immer noch unabhängige, mutige Leute in NGOs, was etwas Hoffnung lässt.

Luci: Was sind denn eigentlich die der Deutschen? Können wir das mal bei ganz viel alkoholischen Getränken, gutem Essen und einer sehr langen Nacht besprechen?

Wir besprechen das auf Eurer nächsten Tour in Trier! Am besten nehmt Ihr Euch gleich ein paar off-days zur Diskussion. Ich sorge für das Essen und das Bier.

Pogo: Au ja!

Was fehlt momentan zum grossen Glück?

Luci: Nix, habe Haus, Auto, Frau, Kinder… Nein, ich bin ganz zufrieden. Bescheidenheit ist eine Tugend. Und all die Deppen, die sich aus einem nichtigen Grund die Köpfe einschlagen wollen, sterben halt nicht aus. So ist das Leben.

Marcel: Naja, das obenstehende eben – und Sex mit Schäferhund. Speaking of which auf das nächste Cover vom Album kommt ein Riesenbild von Hitlers Schäferhund, die sind letztens freigegeben, oder so. Naja, okokok, ist nur so eine Idee, vielleicht auch nicht. Sonst ein schwarzes Cover (None More Black, Spinal tap).

Pogo: Vieles. Aber ich arbeite daran Grins! Nee, eigentlich bin ich sehr zufrieden. Ich kann hinter den allermeisten Sachen stehen in meinem Leben und das, finde ich, ist schon was. Mein Glück besteht vor allem aus ganz vielen kleinen Glücksmomenten (cooler Job, gesundes glückliches Kind und Freundin, einer gestimmten Gibson SG und der neuen Lieblingsplatte, der gemütlichen Wohnung und leckerem Essen) welche sich irgendwann zum grossen Glück auftürmen sollten so weit der Plan. Grins!

Welche Bands aus der Schweiz – oder auch nur aus Zürich selbst – sollte ich mir momentan unbedingt anhören?

Marcel: Nur Norton, ne, Witz.

Pogo: Krueger aus Lausanne (zum durchdrehen geil, einfach fett), Unhaim aus Biel (roh und Powergeladen), Holozaen aus Zürich, Sin Logica aus Luzern und Seniles aus Zürich (Punkrock as Fuck!) Das sind zumindest diejenigen welche mich am meisten geschmiert äh begeistert haben.

Luci: Müssen die unbedingt aus Zürich sein? Sin Logica aus Luzern sind gut (spielt der olle Mani von Fleisch mit), dann NORA und UNHAIM aus Biel… alles eher Kruste. SENILES, HOLOZäN, ESCALATOR HATERS, WICKED sind alle aus Zürich und sehr Punk.

Ok, und welche Platten hört Ihr derzeit am liebsten?

Marcel: Neu für mich Nomeansno – Ausfahrt, Me First & Gimmes – Have another ball. Weiter höre ich viel verschiedenes.

Pogo: The Unseen, Internal Salvation, Mike Ness Cheating at Solitaire, The Sounds (dying to say this to you), The Generators (Excess Betrayal) AC/DC (Black Ice). Ich kaufe und höre eigentlich nicht viel neue Mucke, ich habe auch gar keinen Anspruch auf dem Laufenden zu sein, was aktuell veröffentlicht wird. Ich lasse mir lieber etwas von Freunden empfehlen oder entdecke neue Sachen eher per Zufall an Konzerten oder in Bars. Aber wenn ich dann mal eine neue Platte habe kann ich die fast endlos auflegen.

Luci: Ich hör mir alles an wenns gut ist – ausser Techno. Von Sensational über Lucinda Williams zu Wipers… ungefähr.

Ah, kommt mir bekannt vor. Die Wipers gehören auch zu den grossen Bands, die ich nur zu gerne einmal Live gesehen hätte. Zu Euren alten Bands: Gibt es noch irgendwo was von FLEISCH zu erstehen?

Marcel: Who cares, harhar, Unterwäsche vielleicht. Aber – und das ist viel wichtiger – von BGK kann man noch alles kaufen, z.B. eh eh.

Pogo: Ich glaube, da gibt es schon noch den einen oder anderen Tonträger. Von Split und Kerbholz übrigens auch noch, grins (meine Ex-Bands – Schleichwerbung).

Luci: Wieso auch? Hat doch damals schon niemand interessiert. Nein, versteh mich nicht falsch, aber es gibt so viele Bands… Alle haben Leich äh, ich meine Platten im Keller. Tja, und sonst bei mir. Aber ich bin nicht der schnellste im Päckchen schnüren.

Bester Replacements Song?

Marcel: Stay von stink LP.

Pogo: Stink von Stay.pl. Nein, keine Ahnung. Hab keine Platte von denen. Hoffe, ich krieg jetzt eine und dann kann ich diese Frage in Zukunft gescheiter beantworten.

Luci: Ich könnte jetzt sagen die ganze Stink EP… kenn ich aber erst seit einem Jahr… drum die ganze „sorry ma, forgott to take out the trash“ aber hey, was ist mit Moving Targets, Die Kreuzen, SNFU, Ripcord?

Eine feine Auswahl. Ich würde wohl trotzdem bei den Replacements bleiben – aber dann nimm doch mal die Moving Targets!

Luci: Die ganze burning in Water… immer noch Hammer.

Marcel: Paar mal gesehen, von MT werde ich nicht sehr warm.

Wie sieht es mit Norton aus – wann gibt es ein neues Album? Gibt es neue Songs?

Marcel: Viele neue Songs (einige nagelneu, und etwa 12, die nicht auf CD sind). In Januar wird aufgenommen, Rinderherz gibt das Vinyl aus, die CD wahrscheinlich wir selber. Dann wieder Tour, mehr in D.

Pogo: Yepp. Seit der letzten CD haben wir definitiv genug Songs und wir haben keinen Stress mehr vor Konzerten, dass wir nicht genügend Songs hätten und zu kurz spielen könnten.Stattessen können wir uns um die Qualität der bestehenden Songs kümmern und je nach Lust und Laune live mal einen Song weglassen oder hinzufügen.

Luki: Ich hoffe doch mal. RINDERHERZ, ein Label aus Biel würde das gerne machen. Wann weiss noch niemand. Wir sind insofern DIY, das wir das sogar selber in meinem Studio machen. Und das braucht seine Zeit.

Ach! Was hast Du denn bisher so schönes in Deinem Studio aufgenommen? Oder ist es neu?

Luci: Insofern ist es neu, dass ich erst seit ein paar Jahren eigens Equipment habe. Früher hab ich mir Equipment ausgeliehen. Zum Beispiel Teenage Kings Single, von PACK alles, Anker, Split, Mike Shiva, Unhaim, Ladettes. Mach das mehr zum Hobby.

Wie seid Ihr zur Punkmusik gekommen? Gab es da prägende, ausschlaggebende Momente?

Marcel: Punk? My father drank, my mother ate. Habe in 77 Stranglers, Blondie und Iggy Pop in der holländischen Hitparade im TV gesehen. Dann sind wir in zerschnittenen Frauenkleider zu Imbiss gegangen und haben aufs heftigste randaliert: Pommes mit Mayo an die Wand geschmiert. Auf dem Rückweg sind wir mit einer Gummilatte geschlagen worden von aus einem Auto hängenden Leuten (deutsches Nummernschild womöglich, harhar), die unsere Outfits weniger attraktiv fanden. Mit einer Schulfreunden-Punkband haben wir alle Mitschüler vom Schuldixofest verjagt, viel partying mit Sex, Drugs, usw.

Dann habe ich in Nitwitz gespielt, in 1980 die erste Tour in D – Paderborn, Bielefeld, Detmold (nur UK Soldatenkids waren da) und Gig nummer 100 gespielt, hundert Bierdosen ins Publikum geworfen, dann BGK gegründet mit Leuten von Nitwitz, unter dem Einfluss von Ami HC in 1982, und gleichzeitig 80er Politpraxisideen und so internalisiert, viele Touren in Euroland und zwei mal US, unglaublich viele gute Leute getroffen (und mehr als einige assholes), gute Bands gesehen und weggelaufen bei mehr als einigen schlechten. Jetzt prägend: toll wieder mit Leuten zu spielen die verstehen, worum es geht – und es ist eine gute Band, harhar, und das in so kurzer Zeit, hehehe

Luki: 1980 kamen Sex Pistols und The Clash und sogar The Jam im Radio. Ich war dreizehn und hatte eine grosse Schwester, die eine Kassette mit Buzzcocks nach Hause brachte. Den Rest zu lernen war nicht mehr schwierig.

Pogo: Wie ich zu Punk gekommen bin? Du meine Güte. Ich denke, es war anfänglich eher Zufall, dass ich da mit 15 reingerutscht bin. Klingt vielleicht blöd, aber ich denke, es war einfach so. Was dann aber kein Zufall mehr war, ist dass mich die Punkbewegung dauerhaft geprägt hat und immer noch tut. Punk ist ein fester Bestandteil meines Lebens und nicht mehr von mir zu trennen.

Ich werde mich nicht mehr anpassen und werde mich nie für konservative Werte begeistern können. Ich glaube nicht an eine heile Plastikwelt und werde es auch nie können. Aber ich hinterfrage mich diesbezüglich auch nicht mehr. Ich höre ein paar Tackte Stromgitarre und weiss, das ist meine Mucke. Ich sehe meine Freunde und weiss, da gehöre ich hin – einfach, aber so ist es nun mal. Klar verändere ich mich immer wieder (was auch superwichtig ist!!) und sehe viele Dinge heute anders als damals, aber der „Grundrahmen“ bildet dabei immer Punk.

Hey, ich habe weder Nitwitz noch BGK je Live gesehen – aber vor einigen Monaten Tonys Hydromatics. Hast Du da nicht auch mal getrommelt, Marcel? Auf dem Konzert war jedenfalls ein anderer Drummer hmm Aber, der war, glaube ich, recht jung so 20 oder so

Marcel: Seit ende BGK habe ich nicht mehr mit Tony gespielt, nur selten Kontakt. Weiss nicht, wer da trommelt.

Welchen Tätigkeiten geht Ihr neben der Band nach?

Marcel: tsja, arbeiten leider.

Pogo: So ist es. Arbeit, Frau und Kind, Sport, lesen, Konzerte, Parties und Motorradbasteln (wenn`s denn läuft auch mal fahren) und dann kommt schon wieder die wöchentliche Probe

Luci: Scheff Nein, in einer Getränkefirma. Ich mache da Kundenbetreuung. No Carlsberg no Heineken… only the real thing. Soweit es geht, vertreiben wir nur Kleinbetriebe. Aber eben, das Leben ist schwierig.

Ihr habt in Zürich im Squat gespielt – habt Ihr da Kontakte zu und seid aktiv?

Marcel: Wir spielen andauernd in Squats oder Orte, die mal besetzt waren. Würde lieber endlich mal nicht in ein Squat spielen, just kiddin`. Höhepunkt war übrigens unser Gig im besetzten Hardturm Fussballstadion. Wohnen tut/tat man auch in Squats, und veranstalten ebenfalls.

Luci: In welchem Squat meinst du jetzt? Wir machen das schon lange, wie oben schon erwähnt, aber es ist natürlich (oder war zumindest) einfacher hier Häuser zu besetzen als wie in Deutschland. Wir spielen viel an so Orten, immer noch das Beste… Wir machen immer noch Bar, Kasse oder irgendsowas an solchen Orten. Und ja, wir kennen die Leute auch.

Pogo: Punk und Squats gehören in Zürich zusammen und ich engagiere mich nebst Konzerten auch ab und an hinter der Bier- oder DJ-Theke. Dann und wann auch kleinere Aktionen. Je nach Zeit und Thema. Plenumsarbeit und dergleichen habe ich aber schon vor Jahren aufgegeben.

Tja, hier in Trier gibt es das nicht – ich habe das praktisch nie erlebt. übrigens meinte ich Zürich, weil ich die Bilder auf der Homepage gesehen habe. Als Ihr angefangen habt, Musik zu machen, wart Ihr von der Punkmusik / den Punk Bands zu der Zeit gelangweilt. Hat sich das geändert? Ich habe den Eindruck, derzeit gibt es wieder einige interessante Sachen zu hören.

Marcel: Oh ja? was denn? Harhar. Ich Finde nach wie vor Punk für Punkers als Sekte, wie es das so hauptsächlich gibt seit vielen Jahren, stinklangweilig. Der Unterschied mit diesen oben erwähnten Klassikern des Punk/HC ist, dass diese es eben hart und mit Herz versucht haben. Man kann Nihilismus als Lebens- und Politphilosophie haben, trotzdem muss man in der Punkmusik alles geben.

Es scheint mir das Bedürfnis etwas zu zeigen, zu (direkt oder indirekt) kommunizieren, etwas zu bewegen irgendwie gestorben ist, das Opfer von Subgenre/Rockstil/Technik-Ritualen und scene defeatism. Punk ist für mich einer Vergrösserung deiner Persönlichkeit, nicht flacher Bierwitz, sondern in vielen Hinsichten ernst. Ich möchte sehr viel Energie, viele Arten von guten Melodien, mit einer wütenden Art Ehrlichkeit und viel Vergnügen in Norton verbinden. Und das mit vielen Leuten zusammen machen/teilen. So weit so gut. Und natürlich jedes Wochenende zwei Tage gratis Bier. Essenz.

Luci: Was soll ich sagen Mitte der Achtziger war es natürlich etwas anderes wie heute. Aber besser? Frag doch mal Dolf… Ja, die gab es immer, hängt natürlich von deinem eigenen Horizont ab.

Pogo: Die Punkmusik ist schon viel spannender und lebendiger geworden, obwohl ich, wie oben schon erwähnt, den neuesten Platten und Entwicklungen immer ein bis zwei Jahre hinterherhinke. Als ich angefangen habe Punksachen zu hören, hatten Punk und Hardcore gerade an Schwung verloren. Es gab zwar all die MacherInnen und Bands aus dieser Zeit, aber es hatte eine gewisse Stagnation stattgefunden.

Gerade im Deutschpunkbereich, in dem ich anfing, waren wir so ziemlich die einzigen in Zürich weil die Mucke damals ziemlich verpönt war (und teilweise immer noch ist). Gleichwohl war es für mich eine gute Zeit, weil die bestehenden Strukturen gut funktionierten (Konzertmöglichkeiten, Fanzines etc.) und wir unser eigenes Punkding finden konnten.

Danke für das Interview!

**

Diskographie:

-2007 – s/t (Sorry)

Die alten Bands:

-The Grumpfurts St – 7 Inch EP (alle weg – Lukiband)

-Kerbholz St – 7 Inch EP (auch alle weg – Pogoband)

-Anker Split mit 6000 Crazy – (gibt`s noch – Bababand)

-B.G.K. – White Male Dumbiance – 7 Inch EP (alle weg – Marzelband)

-Fleisch… macht süchtig – 7 Inch EP (alle weg – Luciband)

-Split s/t – 7 Inch EP (gibts noch – Pogoband)

Ganz viele Fleisch LPs, sicher auch noch Mauser FKs, ich glaube von B.G.K ist alles weg nein, stimmt gar nicht.

Von B.G.K gibt es noch die „dutch feast“ auf Alternative Tentacles. Aber die ist wohl auch ausverkauft. Falls dennoch erhältlich: da ist alles drauf, kann man sich sammelmühe sparen.

Homepage: myspace.com/nortonswitzerland

Interview: Andreas Lehnertz

 

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