März 15th, 2007

MILLENCOLIN (#66, 10-1997)

Posted in interview by sebastian

Bis vor ein paar Jahren kannten wir schwedische Musik endweder als Grindcore, als Deppen-Disco ala Roxette und Abba, oder vieleicht noch als Bikerrock von Leather Nun. Dann kamen, wie aus dem Nichts, tausende von Melodycore-Combos, und auf einmal verkauften Bands auf den Labels Birdnest und Burning Heart zig Tausende von Platten.

Zu den ältesten und gleichzeitig erfolgreichsten Bands dieser Welle gehören Millencolin. Sie sind musikalisch so poppig, dass viele den „Core-Aspekt“ als zu gering einschätzen um sie zu mögen. Da mir das ja nun völlig am Arsch vorbei geht, ich die beiden LPs „Life On A Plate“ und „For Monkeys“ absolut klasse finde, dachte ich, dass es ganz nett sei, mit Gitarrist Erik und Schlagzeuger Larzon (der nicht gerade viel gesagt hat) in Wiesbaden im Ramen eines Skate-Festivals zu sprechen.

***

Ihr seit ja dadurch, dass ihr sehr poppig seit, eine der Bands, die ein sehr junges Publikum haben. Glaubt ihr, dass die 12-16 jährigen durch eure Musik überhaupt noch etwas von Punk, bzw. dem was Punk bedeutet, mitbekommen?

Erik: Ich glaube schon. Ich kann nur uns selber betrachten. Ich kam zu dieser Musik durch das Skateboard. Die alten Skateboard-Videos waren immer mit der Musik von alten kalifornischen Hardcorebands wie Descendents etc. unterlegt. Also kam ich so zum musikalischen Teil des Punk, noch nicht zu den Texten.

Da alle Skater und alle meine sonstigen Freunde diese Musik mochten, haben alle angefangen, selber Punk-bands zu gründen. Sie sangen alle in Schwe-disch und hatten dann auch alle politische Texte. Zu der Zeit waren wir ungefähr 15, die Texte bestanden da natürlich zum grossen Teil aus Klischees, aber wir hatten schon eine Einstellung.

Wir sahen damals auch rebellischer aus als jetzt. Wir haben dann mit Millencolin angefangen, weil zu der Zeit in Schweden niemand diesen kalifornischen Hardcore gemacht hat. Damals war das etwas wirklich neues. Was die Rebellion betrifft, ich glaube schon, dass wir in gewisser Weise rebellisch sind, wir sehen bloss nicht so aus.

Ich meinte nicht ihr als Band, sondern die 14-jährigen, die euch hören…

Erik: Als dieser grosse Trend anfing, mit Green Day und Offspring, aber auch schon vorher mit Nirvana und Metallica, hat das für die Kids eine ganze neue Welt der Musik geöffnet. Jeder, der aggressive, laute Musik hören wollte, hatte auf einmal eine Musik-Szene zur Verfügung, die er vorher vieleicht nie kennengelernt hätte.

Ich weiss, alle denken, wir sind nur ein Teil dieses Trends, aber wir machen das schon ein paar Jahre. Wir haben damit angefangen, als es noch kein Trend war, haben uns auch nicht verän-dert, um dem Trend näher zu kommen, und werden sicher nicht anders klingen, wenn der nächste Trend, den jetzigen ablöst.

Es ist aber trotzdem lustig zu wissen, dass die Leute die uns damals für Deppen gehalten haben, als ich mit gefärbten Haaren rumlief und Musik hörte, die keiner mochte, Leute die damals Fussball gespielt haben und uns ausgelacht haben, jetzt damit angeben uns gekannt zu haben, so in die Richtung: „Oh ja, Erik, der war ein guter Freund von mir damals im Gymnasium!“.

Mir ist aufgefallen, dass euere Texte auf „For Monkeys“ ein wenig ernster geworden sind. Besonders „Puzzled“ klingt wie eine Moment-aufnahme…..

Erik: Das letzte Jahr war auch das Jahr, in dem wir anfingen, richtig zu touren. Das hatte einen riesigen Effekt auf unser persönliches Leben. Vorher sassen wir in Schweden und hatten Spass, haben ein bischen geskatet, hatten alle unsere Freundinnen…. alles war normal. Plötzlich hatten wir überall auf der Welt Fans und mussten anfangen, zu reisen. Also tourten wir wie wild in der Welt herum und waren kaum noch zuhause. Das hat uns schon verändert. Es wurde auch irgendwie zu einem Zwang.

Du kannst nicht immer Spass haben, aber wir mussten dauernd live spielen, meistens hat es Spass gemacht, nur eben nicht immer. Das war eine neue Erfahrung. Die ganzen Leute beim Label, bei der Promotion, die Konzertagentur, alle drängten uns, die neue Platte aufzuneh-men. Wir hatten also diesen Aufnahmezwang vor uns. Es ist aber sehr schwer, Lieder zu schreiben, wenn du auf Tour bist. Aber wir brauchten eine neue Platte. Darum geht es in „Puzzled“, das Gefühl kurz vor der Platte.

Seit ihr dann überhaupt mit „For Monkeys“ zufrieden?

Erik: Ja, doch! Ich glaube, sie ist das beste, was wir bis jetzt gemacht haben.

Obwohl der Druck, von dem du gerade gesprochen hast, auch in gewisser Weise die Kreativität abtöten kann…

Erik: Wir hatten auch grosse Angst vor einem mentalen-Block, aber wir haben es doch geschafft. Einen Monat vor den Aufnahmeter-min, hatten wir erst die Hälfte der Songs, kaum Texte, keine Titel, etc. Wir haben es aber dann einfach gemacht. Vieleicht hatten wir auch nur Glück.

Der Refrain bei „Boring Planet“ hat mich überrascht, da gibt es die Textzeile „Boring Planet-Cause No One`s Rocking Hard“. Ihr seit ja nun nicht gerade die härteste Band der Welt, ich würde da an Motörhead denken……

Erik: Nein, nein…Das darfst du jetzt nicht machen. Das ist ja auch nur eine Zeile aus dem Songtext. Den Text hat Nikola im Studio geschrieben. Der ist nun gar nicht ernst gemeint, weil wir wirklich nicht so hart klingen, wollten wir das ein bisschen verarschen. Aber du müsstest Nikola genauer darüber fragen. Die Strophen sind sehr lustig, weil er so erzählt, wie toll es damals war, aber jetzt sind wir alt…

Wie alt seit ihr?

Erik: Ich bin 21, der jüngste. Ich bin in der Mitte meiner ersten Krise. Ich meine, bis du so ca. 17 bist, wächst du körperlich, danach bis zum Alter von….weiss nicht….wächst du mental. Du fängst an dir Gedanken zu machen, wer du bist, was Beziehungen sind etc. Das ist das, was ich vorhin meinte, wegen der Tour.

Du bist Monate lang nicht zu Hause, sitzt die ganze Zeit in einem kleinen Bus, und alles was du machen kannst ist aus dem Fenster zu schauen und dir Gedanken über dich zu machen. Da muss man ja verrückt werden. Ist das wirklich das, was ich tun will? Was passiert da gerade? Das Problem ist, dass du einen grossen Teil deiner Persönlich-keit verlierst, und nur noch ein Teil einer Band bist.

Das klingt nach dem „Versäumte Jugend-Syndrom“ ?

Erik: Naja, so schlimm ist es nicht, wir haben alle unsere Freundinnen, noch von damals, vor dem ganzen Erfolg, nur sehen wir sie nie. Ich weiss auch, dass meine Freundin wegen mir, bei mir bleibt und nicht wegen des Erfolgs, weil sie eigentlich will, dass ich aufhöre, damit ich mehr mit ihr zusammen bin.

Aber der Erfolg hat euch doch bestimmt schon in gewisser Weise verwöhnt?

Erik: Naja, verwöhnt…….es ist nicht das Luxusleben, das sich jeder so vorstellt. Hier in Deutschland haben wir den Nightliner, es kommen auch immer relativ viele zu unseren Konzerten, aber es gibt auch jetzt noch Konzer-te, die fast leer sind, und wir schlafen auch noch manchmal nach Gigs auf dem Boden.

Natürlich sind wir verwöhnt, in dem Sinn, dass wir die Möglichkeit haben, viel zu reisen, Unmengen an Erfahrungen zu sammeln. Das ist natürlich toll, ich meine wir waren in Japan und so.

Du sagtest vorhin, dass du über das Skaten zum Punk gekommen bist. Es wird aber schon vorher Musik gegeben haben, die dich musikalisch geprägt hat, oder?

Erik: Naja, davor habe ich so Sachen wie Howard Jones und Duran Duran gehört, als ich noch sehr jung war. Dann kam wie bei allen Heavy Metal.

Larzon: Ja, genau!

Erik: Zu dieser Zeit gab es in Schweden nur zwei Arten von Musik. Endweder du hörtest Duran Duran oder Iron Maiden und Kiss. Aber wenn du jetzt wirklich wissen willst welche Band überhaupt auf mich persönlich den grössten Impact hatte, dann muss ich Operation Ivy sagen.

Wie ist euer Verhältnis zu den ganzen Bands, die in der letzten Zeit bei Birdnest oder Burning Heart so angefangen haben und die selbe Schiene fahren wie ihr? Es kommt mir so vor, als ob pro Woche zehn neue Schweden-Melodycorebands Platten veröffentlichen.

Erik: Im Grunde genommen tun sie mir leid. Es ist sehr schwer für sie. Ich weiss nicht….vieleicht fangen sie jetzt an, weil sie unsere Platten mögen….Sagen wir es mal so: The Clash haben Operation Ivy beeinflusst, wir haben angefangen, als wir Operation Ivy gehört haben. Ich habe aber gleichzeitig Schwierigkeiten mich von den Clash beeinflussen zu lassen. Diese ganzen neuen Bands machen ihr Ding, aber mir gefällt einfach Operation Ivy viel besser, als das, was sie machen. Natürlich ist ihre Musik nicht schlecht.

Eine andere Sache ist, dass wir alle nie „nur“ Punk gehört haben. Ich zum Beispiel bin ein grosser Fan der alten jamaikanischen Reaggae-musik. Nikola liebt die Beatles. Wir versuchen nicht eine Art der Musik zu kopieren, sondern durch viele verschiedene Eindrücke zu etwas zu kommen. Ich will jetzt nicht sagen, dass das alle neuen Bands nicht mehr machen, aber wenn du eben ausschlieslich No Fx, Lag Wagon und Propaghandi hörst, dann eine Band gründest, dass dann warscheinlich nur die Melodien zu kurz kommen.

Sie werden versuchen, den Song aus verschiedenen Teilen zusammenzubauen. Sie werden nicht versuchen, aus einer Grundmelodie einen Song zu formen. Das ist dann nur noch Technik. Die Musiker sind dann immer toll, der Schlagzeuger kann den Wirbel, der Gitarrist kann diesen schwierigen Riff, aber das wird dann kein Song, sondern… Sport, genau! Das ist wie ein Sport, ein Wettkampf. Nur das sollten sie dem Malmsteens und Satrianis lassen. Das hat im Punkrock nichts zu suchen.

Wie werdet ihr von Fanzines wie dem M.R.R. oder Profane Existence aufgenommen? Reviewen die eure Platten?

Larzon: Die hassen uns! Sie sehen uns als billige No Fx-Kopie.

Erik: Das ist aber schon OK, wenn sie das denken. MRR hat unsere erste EP damals recht nett reviewt, aber jetzt glaube ich ignorieren sie uns. Ich glaube, das MRR hat Angst, dass ihre Szene zerfällt, weil auf einmal so viele Leute diese Art von Musik hören, aber es ist doch toll, wenn viele Leute gute Musik hören und nicht Mainstream-Rock. Die MRR-Leute mögen Epitaph nicht und deswegen auch nicht die Bands, die in diese Richtung gehen.

Aber ich sage dir eins, ehrlich, in zwei Jahren wird dieser Spuk vorbei sein. Dann wird etwas anderes den Trend jetzt ersetzt haben. Dann wird diese Musik wieder da sein, wo sie hingehört. Nicht, das ich mich jetzt beschweren will, aber das was so im Moment passiert, ist schon zum Teil extrem.

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Text/ Interview: Al Schulha

Links (2015):
Wikipedia
Homepage
Discogs

 

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