September 9th, 2013

MAXIMUM ROCKNROLL FANZINE (#135, 04-2009)

Posted in interview by jörg

Das Heft begann 1978 als Radio-Show in San Francisco, wurde 1982 zum Magazin und seit einigen Jahren gibt es auch wieder die Radio-Show. 2008 feierte das Heft sein 25 jähriges Jubiläum mit der Ausgabe # 300.

Wie kriegt man 25 Jahre Fanzine als sinnvolle Einleitung reduziert? Gar nicht, deshalb ein paar Stichworte vorab: Eines der ältesten Punkfanzines der Welt, immer noch in San Francisco ansässig, Auflage ca. 15 000 Stück, Erscheinungsweise monatlich, früher die Bibel des Punkrocks, 1988 Trust/MRR Splitausgabe „Welcome to Cruise country: Euro Scene – The Photo Issue“.

Wie ein gut geölter Motor läuft das Heft weiter, Szenereport nach Szenereport, Kolumnen auf Kolumnen kommen im schwarz-weissen Newsprint monatlich aus Kalifornien daher… „Musikalisch“ finde ich mich in dem Heft oft nicht wieder, zu beschränkt auf Crust-HC, aber: alleine die „Dedication“ der Macher/innen ist Wahnsinn und sehr inspirierend. Nach dem Interview wollte ich direkt 23 eigene Hefte und Mailorder und Konzertgruppe gründen, so was ist schon klasse, wie sehr die Leute hinter dem Heft stehen und sich damit identifizieren.

2004 besuchte ich schon mal das Maximum RocknRoll Fanzine-Haus in San Francisco und interviewte fürs Trust den damaligen Chef-Koordinator Mike Thorn (siehe dazu Trust # 106, Juni / Juli Ausgabe 2004). Kurz nach Veröffentlichung des Interviews im Trust las man im MRR von Vorwürfen gegenüber Mike bezüglich Diebstahls vom Heft… Scheiss Geschichte, lest hier mal nach, falls ihr das nicht mitbekommen habt.

Im September 2008 landeten Andrea und ich in San Francisco, unser ersten Station von 5 Wochen Kalifornien und Hawaii. Das Interview war schon in Deutschland verabredet, das MRR-Haus fanden wir, es war nur einige Minuten von unserem Hotel weg. Und 3 von einer coolen Punkkneipe, in der wir vorher die Happy Hour ausnutzen. Als wir beim MRR zum vereinbarten Termin klingelten, machte uns keiner auf… Nach dem dritten Mal immer noch nicht, und wir wollten gerade gehen und gucken, ob uns per E-Mail abgesagt wurde, als Layla vom MRR die Tür öffnete. Der Strom wäre ausgefallen, deshalb hörten sie den Türsummer kaum, herzlich willkommen.

Zu Gast im Haus waren noch 2 Punks aus Frankreich, die gerade an der Radio-Show teilnahmen (und auch das Trust kannten), wir plauderten mit den anwesenden Gästen und Leuten, liessen uns die Plattensammlung/Archiv des MRR und uns von Martin Sourundeguy (MRR-Aktivist und Los Crudos- bzw. Limp Wrist-Sänger) zwei Singles vom Durstigen Mann zeigen (er hörte, dass welche vom Trust und aus Frankfurt da sind). Zwischendurch immer wieder in den Innenhof des Hauses, wo eine Tischtennisplatte steht und man rauchen konnte.

Das Interview wurde dann in dem Zimmer von Chris bei völliger Dunkelheit (Stromausfall halt) geführt, anwesend vom MRR waren: Cissie, Justin, Chris, Layla (alles Koordinatoren beim MRR zu der Zeit des Interviews). Nach einer Pause und dem Comeback des Stroms setzten wir uns ins Zimmer von Justin, und machten nach 3 Zigaretten und 2 Budweisern mit der gleichen Besetzung weiter.

***

Okay, ich habe einige Fragen vorbereitet, aber es soll mehr ein Dialog werden, ich hoffe, das geht okay für euch…

Cissie: Super, geht klar.

Layla: Klasse, let´s go!

Oh, cool… na dann, hallo MRR!

Alle: Hello hello!

Gratulation zu 300 Ausgaben vom MRR! Habt ihr eine extra Mitarbeiter-Feier gemacht oder so was?

Cissie: Danke. Nein, wir machten keine Extra-Party oder so. Wir machen normalerweise immer eine am Ende eines Jahres, wo jeder von den Volunteers kommt , bzw. laden wir alle ein… Da wird dann über alles geredet angesichts des Jahresendes, es wird einiges getrunken und so…

Layla: Ja, das ist immer super, wenn sich alle mal treffen, die ganzen Shitworkers und so weiter. Für die Jubiläumsausgabe hatten wir etwas spezielles im MRR-Radio gemacht plus ein Special wie in der # 1 über nordkalifornischen Punk, das haben wir also wiederholt, um zu schauen, was heute abgeht… Da gab es also ein grossen Szenereport.

Chris: Für die Ausgabe kurz nach dem 25 Jährigen Jubiläum kam noch ein Siebdruck-Titelumschlag für Abonennten und ein grosser historischer Rückblick.

Warum seit ihr aktiv im Punkrock, warum macht ihr nicht schön euren Job, abends TV, Beziehung und ein bis zwei Kinder?

Alle: Har har.

Ja aber ist doch so, ihr kriegt kein Geld dafür, eher kostet das ja nur Geld und so?

Layla: Ja gut, stimmt, aber alles, wofür es sich lohnt zu arbeiten, erfordert eine bestimmte Summe Geld. Ich meine, MRR steht nicht vor einem Kollaps oder so, okay, der heutige Tag ist wirklich seltsam, wir haben keine Elektrizität und so weiter, das Internet ist kaputt, spitze, ha ha. Die Mischung aus dem „was wir machen“ und „warum wir das machen„, das ist …puh, ja, schwer zu erklären, also…

Chris: Also, an erster Stelle muss man sagen: für das Heft zu arbeiten ist eine Sache, wo man sehr viel zurückbekommt, dass alleine macht einen sehr stolz, da ein Teil von zu sein. Wir alle haben das Heft gelesen, als wir jünger waren, deshalb ist es auch ein bisschen „etwas einer guten Sache zurückgeben“, aber es ist zugleich eine Sache, die uns wirklich wichtig ist: wenn wir nicht dafür arbeiten, dann wird es verschwinden, und das wollen wir nicht. Also, neben der Tatsache „etwas zurück geben“, denken wir, dass das Heft ein wichtiger Teil der Punk-Community ist.

Yeah, aber jetzt mal so die Leute in der normalen Welt, die würden so was nicht verstehen, warum ihr euch für ein non-profit-Ding so den Arsch aufreisst: „Häh, die machen das für ohne Geld, warum das also überhaupt machen?“ Für die ist das ja völlig unverständlich…

Layla: Genauso verstehe ich oft nicht die normalen Leute, warum gründen die normalen Leute da draussen in total jungem Alter Familien und so weiter, ha ha, das passt also schon, dass man sich da gegenseitig nicht versteht. Ich meine, wenn die mit 20 ne Familie gründen, da denke ich mir „Wow, das ist eine grosse Entscheidung in so einem jungen Alter und jetzt müsst ihr 18 Jahre Verantwortung dafür übernehmen, für eure Kinder und so“, aber das machen halt viele Leute so, und dem stehe ich dann selber mit totalem Unverständnis gegenüber, verstehst du? Das mit dem Geld… ich meine, Punk doesn´t own anyone anything… im Hinblick auf Partizipation und so. Leute, die daraus Geld ziehen wollen, von ihrer Band oder so.

Ich meine, du machst das als Team, mit deinen Kumpels und Freunden, fertig. Das war und ist immer eine der zentralen Ideen vom MRR gewesen, du machst es als Teil eines Teams von über 100 shitworkers zusammen, ohne deren Zeit und Aktivismus und Energie würde es das Heft gar nicht geben… die Webseite, die Distribution, die Plattenarchivierung, Platten reviewen, Radio usw. Ich meine, jeder will wirklich Teil davon sein und es so gut machen, wie es geht.

Cissie: Und jeder hilft, mit dem Verschicken der neuen Ausgaben zu den Abonennten, Hefte mitnehmen, damit sie überall erhältlich sind…

Layla: Und es soll ja auch eine Bedeutung haben, z.B. für Leute, die in kleinen Dörfern leben, an der Peripherie von Grossstädten weltweit…

Chris: Ok, jetzt geht’s ja um die Bedeutung von Punk im Allgemeinen, dieses Aktivismus kannst du nur verstehen, wenn du selber Punk bist, ich denke nicht, du kannst das irgendwelchen Aussenstehenden erklären…

Ihr seid ja die aktuelle MRR Besetzung, die auch im Haus wohnt, könnt ihr mal kurz sagen, was ihr beim Heft macht usw. …?

Layla: Ich bin Layla, und seit 2004 oder nee, seit 2003, arbeite ich bei dem Heft, ich habe mit Reviews angefangen und bin jetzt die Vetriebskontakte-Koordinatorin.

Lebst du hier ?

Layla: Ich ziehe bald ein, weil Chris hier aus diesem Raum auszieht, ca. in einem Monat.

Justin: Ich heisse Justin, ich bin contact-Koordinator. Ich bin seit Anfang 2005 bei dem Heft, irgendwann zog ich auch hier ein. Als ich anfing, hab ich auch nicht viel gemacht, ich wusste einfach nicht, wo ich anfangen soll. Was ich wirklich machen soll. Ich denke „I got sucked in„. Ich zog hier in das Haus ein, bevor ich dann Koordinator wurde.

Und ist das cool hier in dem Haus?

Justin: Yeah. Es ist immer was los… bald wird eine Frau aus New York hier einziehen, Diane, sie ist noch nicht hier und den Vertrieb übernehmen.

Golnar lebt auch wieder in New York oder?

Layla: Yeah, sie ist letztens Jahr wieder von SF nach NY zurückgezogen. Sie hat wieder mit ihrem Studium angefangen.

Chris?

Chris: Ich bin Chris Hubbard und bin im März 2005 nach SF gezogen und bin jetzt seit 1,5 Jahren contact-Koordinator gewesen… Werde aber auch weiterhin beim Heft weiter mitmachen. Ich lebe hier und ziehe bald wieder aus. Es gibt ja immer diese Wechsel, aber die Leute sind oft auch nach ihrem Auszug aus dem Haus aktiv beim Heft.

Und es gibt welche, die natürlich schon viel länger an dem Heft beteiligt sind, die aber nicht in dem Haus leben, deshalb sind wir vier auch nicht repräsentativ für das ganze Heft, wir sind alle so die jüngere mittlere Phase der Leute um die 30 und man muss sich die ganzen langzeit Aktivisten hier noch dazu denken.

Ok, dann stellen wir uns einfach vor, Mykel Board würde hier noch sitzen…

Chris: Yeah, Mykel Board und noch viele andere! Z.B. welche, die in Berkeley wohnen und seit Anfang der 90er dabei sind und die Webseite machen usw.

Cissie: Ich bin Cissie, die contact-Koordinatorin und seit 1 Jahr und genau 4 Tagen hier in SF.

Für ein Fanzine ist das ja ungewöhnlich, dass viele in einem Haus leben oder? „Normalerweise“ machen das ein zwei Leute vor Ort und alle anderen im Land sind verstreut…. Die Leute, die hier wohnen in dem Haus, die leben als Gegenleistung für ihr Heftengagement umsonst hier?

Cissie: Genau, die Leute, die Koordinatoren sind, müssen keine Miete zahlen, wenn sie in dem Haus wohnen, als WG. Das ist die einzige Bezahlung in dem Sinne, ja.

Layla: Du brauchst aber auf jeden Fall noch einen anderen Job, um zu recht zu kommen, sonst geht’s nicht. Dazu kommt: MRR ist schon ein Vollzeit Job, und es ist ein harter Job, jeden Monat ein neues Heft zu machen, und die meisten arbeiten konstant am Heft. Und das Haus ist wirklich toll.

Cissie: Die meisten, die uns besuchen, erwarten, irgendwie ein Punksquat und sind überrascht, wie sauber und aufgeräumt alles ist.

Justin: Es ist aber wie gesagt auch eine sehr belohnende Arbeit, einerseits bist du völlig genervt, wenn du um 3 Uhr morgens noch an dem Heft arbeitest, aber wenn du es dann in den Händen hältst, das ist ein tolles Gefühl, dass du es geschafft oder mitgeholfen hast, es fertig zu stellen.

Chris: Es gibt auch Hausbewohner, die Miete zahlen…

Wie sieht ein normaler Tag im Haus aus?

Cissie: Ein normaler Tag? Gibt’s hier nicht, ha ha. Es hängt von der speziellen Zeit im Monat ab, wie es hier aussieht. Nächste Woche wird es hier ruhig, in der zweiten Woche ist es immer ruhig, da kommen die Leute rein, um Reviews zu machen und abzuholen, klar gibt’s was zu tun, aber am Ende des Monats wird es völlig crazy.

Chris: Es gibt so viele Deadlines zu beachten, bis wann die Reviews fertig sein müssen, wann das Heft beim Drucker sein muss, bis wann das Heft ausgeliefert sein soll. Sicher, es ist jeden Monat irgendwie das gleiche, aber das ist ein Vorteil an der Heftarbeit, du kannst es dir gut einteilen, wenn du weisst, was wann getan werden muss und wann die Stressphase kommt.

Layla: Es gibt ein Treffen pro Monat, wo geguckt wird, wer für was zuständig ist, wer das nächste Layout macht. Danach gibt’s nichts zu besprechen, es wird per E-Mail geklärt, welcher Shitworker was zu tun hat und was ansteht.

Cissie: Es gibt ja noch im Hintergrund das Board of Dircetors, Leute also, die mit dem Heft seit langem verbunden sind und denen das Heft sehr wichtig ist. Sie haben sehr starke Meinungen, wie sich das Heft entwickeln soll… Da gibt’s natürlich auch Kontakte und Treffen, wo die finanzielle Situation besprochen wird.

Chris: Seit 10 Jahren wechselt die Koordinator-Position sehr oft… und es gibt Gründe dafür: es ist eine sehr intensive Position. Als Kontrast dazu muss man aber auch sehen, dass die Leute im Board of Directors seit 10 bis 15, ja teilweise seit 20 Jahren die gleichen sind.

Die sind alle in SF?

Cissie: Yeah. Teilweise sind es alte Koordinatoren.

Ich denke mal, Mike Thorn ist nicht dabei.

Layla: Nein, er ist nicht Teil des Boards.

Als ich 2004 hier in dem Haus war, machte ich ja das Trust-Interview mit Mike Thorn, damals Chef-Koordinator. Es schien so, dass es ein sehr langer Prozess war, bis er endlich rausgeschmissen wurde, nachdem er des Diebstahls überführt wurde?

Layla: Er war ein sehr guter Freund von vielen, es war unglaublich und…

Chris: Hier ist das, was geschehen ist: Er wurde des finanziellen Missmanagements verdächtigt. Es gab schon Ausfälle, es wurde aber nie richtig verfolgt, es ist alles sehr schwierig. Du musst ja wirklich sicher sein, dass du den Richtigen verdächtigst, der grad Geld geklaut hat, und wenn das auch noch der ist, der gerade das Heft als „Chef“ koordiniert, dann wird das alles noch schwieriger.

Grund für seine Feuerung – und das wurde wirklich genau geprüft und das war das Hauptproblem: Er schuldete Leuten Geld, und anstelle das zu bezahlen, gab er ihnen Gratis-Anzeigen im Heft. Damit wurde er konfrontiert und er log. Es kam auch noch zu Vorwürfen, dass er dem Heft Geld gestohlen hat. Das konnte er auch nicht erklären. Nachdem er gegangen ist, hat sich das selber beantwortet, weil die Summe stabil blieb.

Justin: Es ist viel grau in der Situation… Er war mein Freund und….

Layla: Ja, meiner auch, aber es ist ja passiert, er hat von dem MRR gestohlen. Und er hat ja diesen Yuppie Job… er ist ja immer noch in SF und hat das Heft abgezogen. Das Ganze hat mir wirklich das Herz gebrochen, weil er eben ein Freund war und alles, was dann passiert war…. Das ging jedem im Heft so! Er war ja grossartig als Front, als Aushängeschild des Heftes!

Chris: Die Frage ist nicht, hat er oder hat er nicht gestohlen. Sondern: wie viel? Das ist unmöglich, das herauszufinden.

Layla: Vertrauen ist einer der Grundideen von Punk und wir haben auch so damit Probleme, viele Leute übernachten hier, am nächsten Tag fehlten dann Platten aus der Sammlung, das passierte nicht immer, aber es passierte. Manche der Platten dort sind Tausende wert, mache gar nichts, aber wir vertrauten den Leuten, die sich diese anschauen wollen.

Chris: Du hast ja angesprochen, wieso es so lange dauerte, bis er nach der Entdeckung dann endlich gefeuert wurde. Ich meine, klar hat er die Reputation des Heftes beschädigt, aber es fühlte sich mehr als ein persönliches Problem an, weil er mit vielen befreundet war, es war wirklich keine einfache Sache und es war unglaublich enttäuschend und hart, dass zu realisieren.

Ok, verstanden… anderes Thema: Gilman Street, es gibt das Buch, jetzt die DVD, was kommt danach, das Musical? Hängen MRR und der Laden noch zusammen?

Chris: Ha ha, nein, kein Muscial. Es gibt viele Übereinstimmungen zwischen MRR- und Gilman-Aktivisten, aber es sind jetzt zwei getrennte Organisationen. Aber wir unterstützen Gilman natürlich, klar. Wir versuchen dort auch, Leute für das Heft zu gewinnen oder rufen nach Spenden für das Heft auf…

Aber das Razorcake ist das einzige „offizielle“ non-profit Heft, also mit von den Steuern absetzbaren Spenden oder?

Cissie: Ja, das stimmt. Ich meine, wir sind auch „non-profit“, technisch gesehen sind wir jedoch eine normale Firma. Das Heft erwirtschaftet kein Geld oder Profit bzw. falls es Überschüsse gibt, laufen die direkt in das Heft zurück oder früher in andere Projekte wie eben Gilman. Also, obwohl wir keine echten Profite machen, sind wir dennoch eine ganz normale Firma, kein non-profit, so wie Razorcake. Aber: sowohl MRR als auch Gilman sind Teil von Indy Arts, die sind wiederum non-profit und da kann man jetzt ganz normal spenden…

Chris: Die Organisation, von der Cissie sprach… die ist ein non-profit Ding. Was Razorcake machte, war eine sehr schwierige Sache, die es dann ja auch erreichte, zu tun: Als staatlich anerkannte Non-Profit-Organisation Spenden nun steuerlich absetzbar machen zu können. Das können wir beim MRR nur über den Umweg der eben genannten Organisation.

Got it. Seid ihr mit eurem „Public Safety“ Sampler zufrieden, das war bestimmt ein hartes Stück Arbeit, den herauszubringen?

Layla: Das war hart.

Chris: Ja, das war eigentlich die Idee von einem, der das auch forcierte, aber z.B. die Entscheidung, welche Bands dann drauf kamen, das Artwork usw., das war eine Gruppenentscheidung.

Hat der sich denn gut verkauft?

Layla: Ja, der wird jetzt nachgepresst.

Chris: Die erste Pressung waren 2000 Platten und 1000 Cds, das ist jetzt weg.

Ich dachte mehr…

Chris: Yeah, wir haben nun 1000 x Vinyl und 1000 CDs nachgepresst, die sind auch bald auch ausverkauft, aber wir haben noch viele CDs übrig.

Ok, ich verspreche, letzte Frage über das Haus hier… wo war das MRR- Original -Haus, in Oakland?

Layla: Nein, in Berkeley.

Aber die PO BOX ist in SF?

Chris: Also, von dem was ich weiss: 1985 gab es die PO BOX und viele zogen von Berkeley nach North Valley in SF um. Ich glaube, da gab es sechs bedrooms und die Platten war im Erdgeschoss. Das Heft konnte die Leute unterstützen, aber ich bin mir nicht sicher… 1995 zogen wir um zum jetzigen Standort des Hauses, behielten aber die alte PO BOX.

Das liegt ja neben der Haight Street, direkt im Zentrum von SF, ist das nicht super teuer hier?

Cissie: Ja, das stimmt, super Lage, aber eben auch nicht billig.

Chris: Als Tim noch lebte, entwickelte er eine sehr freundschaftliche Beziehung zu der Frau, der das Haus gehört. Und sie fand das irgendwie gut, was er hier aufzog in Sachen MRR. Deshalb ist sie ziemlich „supportive“ in Sachen Miete. Am Anfang war das hier eine nicht so tolle Gegend, das war jedoch vor dem dot-com-Boom. Jetzt ist es eher eine wohlhabende Gegend, aber die Besitzerin ist sehr verständnisvoll in Sachen „Mieterhöhung“.

Layla: Aber wahrscheinlich ist die Miete trotzdem auch einer der Gründe, warum das Heft non-profit ist, ha ha.

Chris: Aber es ist sehr schwierig, was Neues innerhalb SF zu finden, wir müssten dann schon nach Oakland ziehen, um was ähnliches zu finden. Es ist wichtig, dass wir an einem zentralen Punkt sind, wo alle Shitworkers gut hinkommen, dass wir Platz haben für die Plattensammlung. Und wir haben die Garage…

Layla: Irgendwie ist das alle paar Jahre so, dass jemand sagt „Wie kann das sein, dass wir so eine hohe Miete zahlen, das können wir uns nicht leisten, wir müssen umziehen“. Aber ein echter Umzug des Heftes ist eine wahnsinnige Arbeit, alleine diese riesen Plattensammlung, das schreckt schon ab, die Idee des Umzugs dieser ganzen MRR-Operation jemals dann anzugehen.

Wie gefällt es euch hier in SF, was ist gut hier? Viele in Europa beneiden euch bestimmt, weil viele Europäer Fans von SF sind… was ist hier nicht so super?

Layla: Na ja, ich würde auch nirgendwo anders leben wollen, SF ist schon meine Lieblingsstadt, wo ich jemals gelebt habe. Ich komme aus einer Gegend, wo die Punkszene eher am kämpfen war, hier kannst du locker jeden Abend auf verschiedene Konzerte gehen. Die Szene ist also wirklich gut.

Chris: Es gibt ja immer Vor- und Nachteile: für jemand, der hier als Besuch kommt, und nicht hier lebt, erscheint die Stadt bestimmt als beste Stadt für Punkrock… dazu super Wetter, grossartiges vegetarisches Essen… unendlich viele Konzerte, MRR ist hier… Man muss jedoch auch eine Lanze für Kleinstadtszenen brechen. Es ist schon komisch, wenn du plötzlich direkt hier in das Haus einziehst, du verhältst dich bzw. die Leute verhalten sich zu dir anders, wenn du Teil von so was wie dem MRR bist. Wenn die Leute wissen, dass du vom MRR bist, behandeln die dich einfach anders, entweder sind sie total beeindruckt oder total ablehnend.

Es macht alles dann schwieriger, Leute hier dann normal kennenzulernen ausserhalb des Heftes. Du bist entweder direkt der super-Freund von allen oder die super-Hass-Figur und beides Mal kennst du die Leute nicht oder kaum. Alles in allem ist es hier schon ein wunderschöner Ort zu leben, in kleineren Szenen ist es aber auch nicht unbedingt schlecht, es ist billiger, dort zu leben, und die Verbindung zu anderen Punks läuft anderes ab.

Welche aktuellen Bands aus SF könnt ihr uns empfehlen?

Cissie: Morphine ist eine lokale Band, die sind super, so eine Art jazzy Noise…

Layla: Die neue Band von ex-Los Crudos und Talk is Poison -Leuten ist klasse. Never Healed!

Chris: Ich mag Surrender.

Irgendwie ist das ja schon lustig, es kommt in den all den Jahren soviel an Musik aus dieser Gegend um die bay, den alten Bebop Jazz, Hippie-Musik, Punkrock, Bay area Trash Metal… aber kein Hiphop oder?

Alle: NEIN, das stimmt nicht, gibt es auch!

Oh, weil ich dachte, wenn Hiphop von der Westküste, dann immer Los Angeles, zumindest kenne ich nix aus SF?

Justin: 1993 kam sehr viel grossartiger Hip Hop aus der Bay Area. Ich denke mal, Anfang der 90er war hier die beste Szene überhaupt.

Layla: Oakland hat eine grosse Hiphop-Szene, vielleicht ist davon nie viel nach Europa gekommen, das kann gut sein. Es ist mehr so Lofi-Beats-HipHop, den du manchmal im Radio hörst und sich sehr nach Punk anhört. Es ist in Oakland ganz anders, die Leute fühlen sich ökonomisch entfremdet zu der reichen Bay Area, und dort – Oakland ist ja auch eine Navy-Stadt – ist die Musikszene ganz anders, vielleicht kommt die Musik nicht auf die Popradios in Europa, aber da geht einiges! In SF gibt’s auch eine HiphopSzene, allerdings eine sehr undergroundige.

Wow, cool, was gelernt, wusste ich alles nicht.

Layla: Das ist vielleicht speziell ein amerikanisches Ding: Die Musikszenen in den USA sind sehr sehr regional. Einige Sachen werden dann plötzlich populär und sehr bekannt, aber es ist nur ein Ausschnitt. Rhythm and Blues und Hiphop sind sich sehr ähnlich in dieser Hinsicht mit starken regionalen Phänomenen, die dann hervorgehoben werden und man vergisst, dass es noch viele weitere Orte gibt, wo so was stattfindet. Hip Hop ist ja auch ein wenig wie Punk, das kann jeder machen mit relativ wenig Equipment.

Ihr musstet die Abopreis erhöhen, gab‘s schon Beschwerden deswegen?

Cisse: Nein, das war nur eine kleine Erhöhung, und die erste seit Jahren, da gab‘s keine Probleme.

Die Punkszene ist ja immer schnell mit Ausverkauf-Vorwürfen…

Chris: Ja, aber jetzt speziell diese Erhöhung war schon längst überfällig weil…

Cissie: Alles ist teurer geworden, die Produktion von Platten kostet viel mehr, das Porto ist unglaublich gestiegen, da war das schon okay bei uns. Wenn du das nicht erhöhst, verlierst du ja Geld.

***

Es ging dann noch um die drei geplanten Schwerpunktausgaben des MRR (zu Punk und Health Care, Punks in Filmen und print vs. Online), die alle wahrscheinlich schon erschienen sein werden, wenn dieses Interview im Trust kommt, deshalb kürze ich hier mal ab. Es ging weiterhin noch um die beste Suicidal Tendencies Platte, um den Song „Sweet Home Alabama“ (Cissie kommt aus Alabama) und die Lieblings-oldschool-Punkband von den MRR-Leuten aus der Bay Area, alle antworten einstimmig: FLIPPER, CRUCIFIX und niemand mit Operation Ivy, Green Day oder Dead Kennedys… Mit Freude kann ich bestätigen, dass die Frage „Kiss oder AC/DC?“ von allen mit „AC/DC“ beantwortet wurde.

Ganz am Ende bedankte ich mich für das nette Gespräch, Chris bedankte sich bei uns für das Interesse an dem Interview und grüsst ausdrücklich alle Trust-Leser ganz herzlich, Unity, Friendship, Eierkuchen, Peace, wir lieben uns alle! Nach dem Interview verliessen wir Justins Zimmer, tranken noch einige Bier, machten ein paar Abschlussfotos der gesamten Crew (ergänzt durch Paul Curran) und verliessen das MRR-Haus, um durch Liquor Store-Einkäufe für das Hotelzimmer diesen wirklich schönen Abend ausklingen zu lassen.

Interview: Jan Röhlk
Kontakt: http://www.maximumrocknroll.com

Links (2015):
Wikipedia
Discogs

You can leave a comment, or trackback from your own site. RSS 2.0

Leave a comment

You must be logged in to post a comment.