März 13th, 2007

LOONEY TUNES (#71, 08-1998)

Posted in interview by sebastian

Die Wogen glätten sich, die Menschen stellen ihren Pulp Fiction Soundtrack neben all die anderen Dinge, die sie abgelegt haben, dort, wo auch irgenwo die Repeater von Fugazi steht, und einige Zentimeter weiter die Daydream Nation von Sonic Youth, und noch einige Zentimeter weiter … your choice.

Die Looney Tunes gibt es noch immer, sie sind fleissig am Touren, und ohne wenn und aber Deutschlands beste Surfband. Gerade im Rahmen von Fifties Anhängern mit ihren Elvis-Haarschnitten finden auch andere Bands aus dem nahen Ausland Gehör, aber – wie gesagt – die Looney Tunes aus Hamburg sind in auf diesem Kontinent eine Klasse für sich. Ich kann sie nur jedem, der noch nie auf einem Surfgig war, empfehlen…

und deshalb lag es nahe, sie endlich mal vor den Rekorder zu bekommen. Das Interview fand in einer Kneipe gegenüber der Frankfurter Grossmarkthalle statt, in der es laut Aussenwerbung deutsche und kroatische Küche gäbe; allerdings gab es sowieso nur zwei Gerichte, von denen beide zumindest mit ersterer Küche nicht zu tun hatten. Man hatte die Wahl zwischen einer gigantischen Frikadelle und einem Salat mit Schafskäse. Daher blieb ich beim Pils, welches dennoch frisch war.

***

Bitte stellt Euch doch mal vor, mit Instrument und so.

S: Sebsatian, Gitarre

T: Torsten, ähm Bass.

K: Chara, Schlagzeug.

M: Muck, Orgel – und Gitarre!

Von der Besetzung bei der ersten LP bist nur noch Du, Sebastian, übrig. Erzähl doch mal, wie das alles so zeitlich ablief, warum – vielleicht macht das in Hamburg alles Sinn – man auf die Idee kommt, eine Surfband zu gründen…

S: Ich höre den Sound schon ziemlich lange und es war mir bewusst, dass es als Live-Phänomen angefangen hatte und dann habe ich mir eben gesagt, jetzt spiele ich vor ein paar Leuten, man muss es laut live hören, das ist eine ganz andere Geschichte, als wenn man zuhause leise hört.

Es gab damals ein paar Rock’n’roll Djs, die sowas auch mal zwischendrin gespielt haben, und ich glaube, dass ich da, wenn so etwas lief, immer der einzige Liebhaber davon war. Das war Ende der Achtziger.

Also im Zuge der grossen zeit des Garagenpunk-Dingens, Mitte Ende der Achtziger…

S: Ja, damit hatte ich aber nicht so viel zu tun, ich hörte damals Rockabilly und so Sachen.

Mit Tolle und so?

S: Oh ja…

Wie lief das dann nach der ersten LP weiter?

S: Rhytmusgitarrist und Bassist sind ausgestiegen… und es gab dann einen neuen Rhytmusgitarristen, es sollte einige grundlegenden änderungen geben, aber aufgrund dieser Zwistigkeiten sind der alte Drummer und der neue Rhytmusgitarrist ausgestiegen… ich stand ohne Leute da, und dann kam Chara als neuer Schlagzeuger dazu… seitdem. Die zweite LP kam dann, wobei der Produzent der ersten auf ihr Bass spielte..Thomas

Hat der auch die Linernotes zur ersten LP geschrieben?

S: Nee, das war ein Kunstwort, Steve Elkar, das war ein Text, den wir alle drei verfasst haben, und mit dem wir alle leben konnten. Mit Elkar kam das so, das amerikanische Reh heisst doch Elk, aber der Elch heisst Moose…

Über Elche, Rehe und Wapitihirsche können wir vielleicht noch später reden. Bei den Platten steht, welche Instrumente ihr benutzt habt, das hat alles einen sehr perfektionistischen Touch, in die Richtung sagen wir mal 62er Style. Warum dieser Hang zur Authentizität (30 Jahre später)?

S: Ich fand das bei den Milkshakes so genial, die haben das auch einmal gemacht. Es ging dabei gar nicht darum, ob Fender oder nicht, sondern auch die B-Instrumente miteinzufügen, alle Sachen eben…

Aber die ’65er Jaguar ist ja wohl nicht die Original Surf Gitarre… wenn man sich zB den Herrn Dale anschaut.

S: Dick Dale behauptet, dass nur er den Sound hat, wenn dem so sei, würden oder müssten dann alle wie er klingen. Auf der anderen Seite spielt ihr ja auch alte Standards nach. Der Ansatz muss doch sein, diese meinentwegen nachzuspielen, bis man sie kann, und dann weiterzugehen, zB zusätzliche Instrumente einzubauen…

Beim Soundcheck vorhin klangt ihr etwas psychiger… vielleicht in die Richtung Laika & the cosmonauts… eben durch die Verwendung von der Orgel oder wie bei Euch meinentwegen auch Kastanetten (wie schreibt man das Wort?). Dabei ist natürlich auch zu vermerken, dass ihr so von einem klaren Surfsound wegkommt.

C: Der Anspruch ist ja nicht, genauso wie auf einer bestimmten Platte zu klingen.. wie 1963, sondern Stücke, Standards zu spielen, aber eben auf unsere Art und Weise zu interpretieren. Wir haben alle unsere Vorlieben und auch gewisse Art und Weisen, zu spielen.

T: Die letzte Zeit waren wir immer zu dritt unterwegs, Gitarre Bass Schlagzeug. Erstens dachten wir, ist es dann mal wieder nett mit mehreren Menschen loszuziehen und zweitens ein wenig zu verändern:

Das Grundgerüst steht und dann wird eben dazugefügt… Nixe zB wollte als Tourbegleiterin mitkommen, Merchandise und so, und dann fing sie an, noch Extra Percussion zu machen. Mehr Abwechslung eben. Wenn man noch einmal zu der Sache mit den Originalen zurückgeht:

Inwieweit ist es frustrierend, wenn Ihr zB Pipeline oder einen andern Klassiker spielt und die Leute mögen es, weil sie es eben schon kennen, während sie bei Eigenkompositionen nicht so dabei sind?

S: Das stimmt nicht. Was es allerdings gibt, sind besonders enthusiastische Reaktionen, wenn wir manchmal Wipeout spielen. Da kann man dann schon entdecken, dass noch mehr Leute mitwippen, das kennen nun wirklich alle… ..und spielen das Drumsolo auf der Bierflasche nach…

T: Zum Beispiel… ich guck da aber nie hin. Na gut, wenn dem nicht so ist… gut so!

Inwieweit, wenn wir gerade beim Publikum sind, haben die Wiederentdeckungen von Lounge, Exotica, EZ Listening den Surf mitaufgesogen? Gehört das jetzt da einfach mit rein? Ist es dann immer das gleiche Publikum?

S: Ich würde mal sagen, dass das Publikum bei unseren Konzerten sehr gemischt ist. Leute aus der Sechziger Szene, Punkrocker, aber auch Studenten (geile Aufzählung, D.) oder ältere Leute. Wir machen immer unseren Scherz damit, zu sagen, es ist Musik für Leute von acht bis achtzig.

T: Es gibt schon so etwas wie ein Grundkontingent, welches sich durch die Gigs zieht, und dass ist ein rock’n’roll Publikum, was mich insofern überrascht, als dass ich mir vor Jahren nie hätte vorstellen können, vor Rockabillys auf einer Bühne zu stehen.

Wieviele Leute kommen maximal zu einem Surfgig?

S: Zwischen fünfzig und zweinhundert.

Wie hat sich die Welt für Dich durch den Pulp Fiction Soundtrack verändert, ausser der Tatsache, dass alle alten Platten fürchterlich teuer geworden sind?

S: Das stimmt doch nicht die alten Platten werde jetzt alle auf CD gepresst und dadurch werden sie billiger, weil die CD natürlich besser ist! Jeder vernünftige Mensch sollte seine Lps in den Handel werfen und sich die Cds holen.

(so geht es ein wenig weiter, und der junge Mann schaffte es dank seiner todernsten überzeugungskraft, mir mindestens 3 Minuten klarzumachen, dass dem so sei, bis es dann auch bei mir schepperte [reichlich langsam, wa!] dass er eigentlich nur alle Platten selber haben möchte. VinylJunkie in disguise, sozusagen.)

S: Ich hege ja die Hoffnung, dass sich der Markt durch kompetente äusserungen steuern lässt, d.h. das jetzt, wenn die Leute das hier lesen, alle ihre alten Platten verkaufen und ich sie aufkaufen kann.

Du willst also jetzt agieren…

S: Ich will, dass Vinyl billig bleibt. aber… Es ist keine Investition in die Zukunft!

Alle: Kauft Cds!

Jetzt mal ernsthaft: Eine Band, die als erstes, wenn sie in einen kleinen Club kommt, per Handclaps versuscht, die Akustik des Raumes zu ergründen…. wie verhält sich das mit Surfsound auf welchem Tonträger.

T: also das mit der Wärme des Vinyls stimmt sowieso nicht mehr. Inwieweit dies auf instrumentale Musik zutrifft, mag ich nicht beurteilen, aber härtere Musik, in die Richtung Punk gehend, klingt doch einfach druckvoller auf CD. Das hängt wohl eher von der Geldmenge der Plattenfirma ab.

Wie seht ihr das mit den Reissues?

S: Na gut, die alten Magnetbänder müssen zwangsläfuig elektronisch aufgepeppelt werden, damit die CD überhaupt nach etwas klingt.

Ergo ist es besser, die Erstauflage zu besitzen.

T: Ja, aber mit Nachbearbeitung erschafft man ja mehr Druck!

S: Die man braucht, um den Originaldruck überhaupt wieder zu erreichen, weil der über die Jahrzehnte vergammelt ist.

Habt ihr damit mehr zu tun oder erzählt ihr nur irgendwas?

T: Also Muck arbeitet als Mischer. Ich arbeite bei einer Plattenfirma, das hat ja jetzt nicht so direkt damit zu tun, Sebastian macht Cover, hmmm, na gut, aber wenn wir bei Covern sind:

Wie erklärt ihr, dass Gott und die Welt sich im Moment der Graphik des Surf- und Hot Rod- Geschichten bedient, sei es u.a. das letzt Ox-Cover, sei es das Cover einer guten Rock LP sprich Social D. white light, jeder hat Surfstreifen, die Schriftzüge, woher kommt das?

T: Ich weiss es nicht. Es ist aber irritierend, wenn inzwischen schon eine Band wie Mr Ed jums the gun ‚Surfparties‘ veranstaltet. Die Bates standen mal bei uns in er ersten Reihe, spielten Air-Guitar, laut eigenem Bekunden, weil sie Surf so geil fänden…komischerweise gibt es wohl viele Rockbands, die Surf für sich entdecken… vielleicht, weil es wie ‚Könnermusik‘ klingt, d.h. man muss schon gut spielen können

M: Es kann nicht jeder spielen. Es ist nicht einfach.

T: Und gerade so was wie Mr. Ed, die können garantiert gut spielen, die haben sicherlich so eine klassische Rockgitarrenausbildung gemacht… vielleicht hängt es damit zusammen.

Wie kommt man zu einer Surfgitarrenausbildung?

S: Die alten Platten hören und nachspielen, so war das bei mir. Etwa zwei Jahre nach Pulp Fiction gab es dann auch Artikel in so Musikermagazinen, wo dann genau drinstand, welche Geräte man benutzen soll.

Hat Dir das dann noch was gebracht?

S: Also, die Nummern die da standen, die hatte ich schon ein paar Jahre drauf! Aber gerade die Hits sind simpel. Wenn man relativ viele Akkorde spielen kann, hört man das auch raus und kann es nachspielen. Historisch gesehen waren es ja irgendwelche Kids in Hinterhöfen, die blutjung die ‚Klassiker‘ einspielten.

Ergo kann es ja nicht soo schwer gewesen sein.

S: Ursprünglich war es ein Livephänomen, bevor sich die Plattensammler der Sache annahmen, und live war eben die Attitüde wichtiger als das Spielvermögen. Es gibt ja trashige Sache, die ganz simpel strukturiert sind, aber eine wahnsinnige Atmosphäre haben.

Für die Kids war ja damals im Grossraum LA die Nähe zum Strand immer gegeben, dies halte ich für einen wichtigen Gesichtspunkt, das Umfeld wurde zum Lifestyle stilisiert….

S: Es ist eben nicht nur Sport, wie Schach oder Freeclimbing, wenn man es ernsthaft machen will, muss man sein Leben ein wenig umstellen. Ein bisschen in Richtung Aussteigertum.

Dies hat sich erst im Zuge davon entwickelt –

S: Das war schon in den Sechziger Jahren so – –

Glaubst Du wirklich? Wer von Euch surft denn?

S: Von unserer Band nur ich. Dann sind wir also nur zu zweit am Tisch. Da sehe ich schon ein Problem, wenn Du jetzt von Lifestyle etc. sprichst und die Verbindung zum ‚Surfer-sein‘ herstellen willst…

gerade, wenn Musik ein Gefühl, dass man beim Ausüben einer Sportart hat, akustisch umsetzen will…

S: Die Leute spielen oder hören die Musik, sie mögen das Gefül, was die Musik erzeugt, aber sie wissen nicht, woher das kommt. Wichtig ist, dass sie es spüren, und merken, dass sie es anders nicht bekommen.

Ich will ja niemanden davon überzeugen, dass er jetzt mit einem Brett an den Strand rennen soll, was habe ich davon?

T: Als ich einstieg, habe ich beim Spielen eben Bilder bekommen, vom Meer, vom Strand, von der Sonne…die Musik hat das in sich, nicht alle Stücke, aber viele.

S: Es gibt ja auch Beach- und Surffilme, und da ist ein grosser Unterschied ! Viele Menschen können die Assoziation Strand klarmachen, aber Wellenreiten ist dann schon etwas schwieriger.

Da ja das Trust sicherlich viele Leser hat, die keine oder nur wenig Ahnung von Surfmusik haben, kannst Du vielleicht mal drei Plattenempfehlungen aussprechen: Aus der Originalzeit (59-64), dem ersten Revival (80-83) und dem zweiten Revival (Neunziger, Pulp Fiction). Mit welchen Platten würde ein ‚Neuling‘ einen guten Eindruck bekommen?

S: Von der ersten Generation würde ich sagen ‚Surf Drums‘ von den Lively Ones

Hmm, da würde ich ‚Surf Rider‘ von der gleichen Band vorziehen (beide sind als Reissues auf CD erhältlich).

S: Zweite Generation Jon & the Nightriders live at the whiskey a go go

(Lachend) ich wollte Surf Beat 80 von der gleichen Band vorschlagen!

S: Das ist ja fast die selbe Nummer, aber ich finde es live eben knalliger. Von der dritten Runde natürlich Looney Tunes, Modern sounds. Oder die Treble Spankers, Hashida, das ist zwar nicht ganz der urige Sound, aber das ist unglaublich.

Die kenne ich leider nicht. Ich hätte das erste oder letzte Album der Phantom Surfers vorgeschlagen….

***

Wir sprachen dann noch ein wenig über die anderen Bands / Projekte, in denen die Musiker verstrickt sind, sein es die Mobylettes, Rocko Schamoni Band, oder neuerdings auch Schorsch Kamerun Band… ihr kennt die Namen. Danach durfte ich noch ein wenig über die ‚Hamburger Schule‘ wettern, wobei meine Abneigung gegenüber Tocotronic zumindest auf ein wenig Verständnis traf.. aber das ist wohl alles nicht so wichtig. It’s about paddling out and riding waves, nothing else.

Interview, Text & Photos: Daniel Röhnert

Links (2015):
Wikipedia
Discogs

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