März 13th, 2007

LONELY KINGS (#95, 08-2002)

Posted in interview by sebastian

Es ist schon komisch: Manchmal gefällt einem ein Album so gut, dass man gleich auch seine Freunde davon überzeugen will. Und die sind dann oft genug überhaupt nicht beeindruckt. „Na und?“, ist dann die Reaktion.

Als Fearless mir irgendwann im Frühjahr ‚Crowning Glory‘ von den Lonely Kings schickten, brauchte es nur den ersten Song, um mich zu überzeugen. Das hier ist ein verdammt gutes Punkrock-Album, da war ich mir am Ende sicher.

Diesmal musste ich keine überzeugungsarbeit leisten: Der erste, dem ich von dieser Band, die ich gerade für mich entdeckt hatte, erzählen wollte, berichtete mir, dass er schon seit dem ersten, fünf Jahre alten Album Fan ist, dass er sie für sein Internetfanzine vor Jahren interviewt und die Lonely Kings sogar mal in Kalifornien gesehen habe.

Und kürzlich stand ich in einem Berliner Plattenladen, als mir ein Freund von der Band erzählen wollte, die hier im September vor den Queers spielen, und die er so beeindruckend findet. Das sind – natürlich – die Lonely Kings. Und da Green Hell gerade die Vinyl-Version herausgebracht haben, muss es dort auch genügend Fans geben.

Es fällt gar nicht so schwer zu erklären, was an ‚Crowning Glory‘ so faszinierend ist. Wo viel zu viele Bands auf Melodien setzen, die genauso eingängig, wie vergänglich sind, wählen die Kalifornier einen anderen Weg. Ihre Musik ist schwerer. Das ist kein Punk, sondern Punkrock – und an ‚Crowning Glory‘ lässt sich leicht erkennen, dass das ein verdammt grosser Unterschied ist.

Melodien gibt es auf dem Album zu Genüge, aber eben nichts, was an Bubblegum-Punkpop erinnert. Und deswegen habe ich Sänger Jake Desrochers einfach mal per E-Mail angeschrieben und diese Antworten bekommen…

***

Erzähl doch erstmal ein bisschen was über die Band.

Jake: Nun wir sind eine „Rock and Roll Maschine“ mit vier Mitgliedern, die langsam immer weiter gebaut wird und sich reproduziert, um eine möglichst hohe Performance zu erreichen. Wir leben alle in Santa Cruz in Kalifornien, wo wir verschiedene Jobs machen, wenn wir nicht gerade touren – was aber so 4 bis 5 Monate im Jahr der Fall ist.

Ich dachte ja immer, dass Santa Cruz so eine Art Klischee-Kalifornien sein müsste – mit Surfen und so. Wie passt ihr da rein mit euren etwas düsteren Visionen?

Jake: Tatsächlich ist Santa Cruz ein sehr düsterer Ort, mit vielen Grufties und Vampir ähnlichen Punks überall. Es gibt auch eine Menge Hippies. Ja, wir haben hier Surfer, aber die sind viel mehr Hardcore mit vielen Tätowierungen und einer Punkrock-Einstellung. Klar gibt es all diese Klischees, die auch passen, weil die Sonne und der Strand grossartig sind. Die Strände in Südkalifornien sind viel mehr, wie man das aus „90210“ kennt.

In Santa Cruz ist das Wasser kalt, man muss da schon im Schwimmanzug rein, und die Wellen sind sehr gross und schnell. Wer hier surft, muss wissen, was er tut. Schau dir mal diesen Film ‚The Lost Boys‘ aus den Achtzigern an, wo Corey Haim und Corey Feldman mitspielen. Der wurde hier gedreht.

Ohne mich einschleimen zu wollen, aber so ziemlich jeder, dem ich die CD vorgespielt habe, war beeindruckt. Ihr klingt alles andere als eine durchschnittliche Band aus Kalifornien, die auf einem der typischen Poppunk-Labels erscheinen könnte. Vermeidet ihr lieber Popmusik?

Jake: Nein, vermeiden nicht. Ich benutze durchaus Pop, um seltsame Melodien doch noch irgendwie einprägsam zu machen. Oder nette Melodien seltsam. Ich bin nie wirklich zufrieden mit meinen Liedern, ich versuch ja schon seit Jahren den perfekten Rocksong zu schreiben, aber ich krieg nur das hin, was wir hinterher aufnehmen.

Ich habe die Sorge, dass ich meinen Liedern zu nahe komme und deswegen aufhöre, vorwärts zu gehen, sondern stehen zu bleiben und zu saugen. In letzter Zeit ist unsere Musik noch persönlicher und mehr nach innen gerichtet geworden. Ich bin sehr begeistert von unserem neuen Line-Up, das sind die nettesten Typen der Welt.

Also bevorzugst du Social Distortion oder NoFX?

Jake: Eindeutig Social Distortion.

Dass deine Texte sehr persönlich sind, ist mir bereits aufgefallen. Wie wichtig sind sie?

Jake: Nun, sie sind ein Blueprint für meine seltsamen Visionen und Tagträume, gemischt mit Erfahrungen über Liebe, Verlust und Freundschaft.

Das Lied ‚Less Than Zero‘ startet mit den christlichen Worten „Kyrie Eleison“. Was ist der Hintergrund davon?

Jake: Nun, sie sind katholisch und lateinisch, um es genau zu sagen (da irrt sich Jake, das ist griechisch, Anm. DS). Es bedeutet „Herr erbarme dich“. Das Lied geht um Selbsterkenntnis und um Verbrechen, die man gegen sich selbst begangen hat. Um Dinge, mit denen man sein eigenes Leben ruiniert.

Ich musste nur daran denken, dass jeder seinen eigenen Weg zu beten hat – nicht wenn es ihm gut geht, aber wenn man mit dem Rücken an der Wand steht, jemand Nahestehendes stirbt, deine Freundin dich verlässt, man ins Gefängnis kommt oder so. Wenn man keine Kontrolle hat und sich etwas besseres wünscht. So definiere ich beten. Darum geht der Text; das hat nichts mit religiösem Glauben zu tun. Es ist einfach nur ein cooler Weg, um zu sagen, dass man froh ist, noch da zu sein.

Du hast mir erzählt, dass Du den Song geschrieben hast, bevor dein Sohn geboren wurde. Hat das deine Musik und dein Leben beeinflusst?

Jake: Als ich hörte, dass meine Freundin schwanger war, hat das sehr viele Gefühle in mir durcheinander gebracht. Ich wollte einfach, dass mein Sohn in einer guten Umgebung aufwächst und ein gutes Leben hat. Ich liebe ihn unendlich, das ist unglaublich. Mein Lebensstil hat sich nicht so sehr geändert.

Ich trinke ein paar Bier, wenn wir auftreten, ich mag keine Bars, und ich gehe nicht mehr so oft zu Partys wie früher. Wenn man viel tourt, geht das Interesse an Nachtleben verloren. Ich gucke mir ganz gerne Zuhause die ‚Simpsons‘ an.

Glaubst du an Gott? Und was hältst du von christlichem Punk/Hardcore?

Jake: Ich glaube an eine höhere Quelle der Liebe, Einigkeit und Freiheit. Wenn jemals eine Religion das zustande bekommt, trag ich mich gerne bei ihnen ein. Christlicher Punk ist okay, wenn man an so etwas glaubt. Es führt die Kids zudem sicherlich auch zu anderen Punkbands. Ich möchte allerdings nicht Glauben mit Musik mischen. Ich denke, dass Musik genutzt werden sollte, persönliche Gefühle zu übersetzen.

Du warst auf einer christlichen Schule, oder? Wie war das?

Jake: Auf einer katholischen. Das ist ein grosser Unterschied. Die Katholiken benutzen Schuld, die anderen Christen gefakete Fröhlichkeit, um Menschen zu kontrollieren. Es war okay auf der Schule, man konnte ne Menge dummes Zeugs machen, ohne dass was passierte. Die Nonnen liessen sich so leicht täuschen. Es gab gute und schlechte Jahre. In der dritten Klasse hatten wir eine Nonne namens Schwester Geneva, die immer auf mein Ohr boxte, wenn ich in der Klasse herum rannte.

Sie war gross, fett und gemein und hatte einen extrem schlechten Atem. Sie war die Musiklehrerin, und als ich in der siebten Klasse absichtlich daneben sang, um die Leute zum Lachen zu bringen, kam sie und schlug mich auf ein Ohr. Irgendwas passierte in mir, jedenfalls schlug ich sie auf ihren fettigen Nacken. Sie jagte hinter mir her durch die gesamte Eingangshalle. Sie hat mich nicht erwischt – ich wusste, wenn sie mich einholt, krieg ich richtig Stress.

Euer Album ist in mehrere Kapitel eingeteilt. Warum?

Jake: Weil Leben wie ein Stück ist.

Das letzte Lied, „Rajas“, ist eher ungewöhnlich. Was habt ihr da gemacht? Ist das die experimentelle Seite der Lonely Kings?

Jake: Ich wollte ein Lied schreiben, dass indianische Strukturen nutzt:

Teil a,

Teil a & b,

Teil a & b & c,

Teil a & b & c & d

Jedes Mal wird das Stück dabei intensiver. Wir sind mit einem Beat gestartet, den wir bestimmt 4000 Mal probiert haben, bis er so klang, wie man ihn jetzt hört. Das muss man live hören. Vielleicht bringen wie Ashley Hall, der Sitar gespielt hat, mit auf Tour. Er ist ein Abenteurer.

Lustig ist ja, dass bis jetzt euch kaum jemand in Deutschland kennt. Und dann geht ihr auf Tour, und plötzlich erscheint eure Platte über Green Hell.

Jake: Ja, ich bin total begeistert. Ich kann es kaum mehr erwarten, nach Europa zu kommen und zu touren. Irgendwie hab ich das Gefühl, dass die Leute in Europa unsere Ideen und unsere Musik besser verstehen.

***

Text: Dietmar Stork

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