Juni 4th, 2015

Letzte Hilfe – Ein Plädoyer für das selbstbestimmte Sterben, Uwe-Christian Arnold

Posted in bücher by Dolf

Rowohlt Verlag, Hamburger Straße 17, 21465 Reinbek, www.rowohlt.de

LetzteHilfe

Was für ein großartiges Buch! Nicht nur das der Autor (in Zusammenarbeit mit Michael Schmidt-Salomon) ein tolles Buch geschrieben hat welches gut begründet warum ein anderer Umgang mit der Sterbehilfe unumgänglich ist, parallel dazu entkräftet er auch vermeintliche Gegenargumente – die eben nie wirkliche Argumente sind. Denn letztendlich spricht überhaupt nichts gegen einen ausgewogenen Umgang mit der Sterbehilfe sondern alles dafür. Die wichtigste Regel dabei ist das jeder sein eigener Souverän ist und nur jeder einzelne in seiner individuellen Situation berechtigt ist zu Entscheiden. Sollte eigentlich klar sein, denkt man. Ist es aber leider nicht. Arnold beschäftigt sich mit allen Facetten des Themas. Ob es die unbegreiflichen „Gegenargumente“ von Ärzten, Kirchenvertretern, der Leidensverlängerungsmafia (Pflegeheime) oder der Pharmaindustrie sind. Oder über den juristischen Umgang in der Vergangenheit und wie dieser in der Zukunft aussehen könnte.

Immer wieder wird, richtigerweise, betont das es nicht darum geht die Palliativbehandlung gegen die Sterbehilfe auszuspielen oder höher zu werten, sondern das beides zusammenarbeiten muss – für das bestmögliche Ergebnis für den Patienten. Wie es überhaupt immer zuerst um den Patienten gehen sollte und nicht um weltanschauliche Eigenmeinungen oder um Geld. Denn letztendlich sind das oftmals die Gründe warum es so ist wie es ist. Dies alles wird ausführlich und ausgewogenen beschrieben. Interessant auch das anscheinend viele Ärzte der Meinung sind das es einen Unterschied macht ob sich ein „medizinischer Laie“ oder ein Arzt suizidiert. Aber auch bei dieser elitären Anmaßung nimmt Arnold kein Blatt vor den Mund und spricht Klartext. Auch bei anderen Themen die seine Zunft betreffen sagt er was gesagt werden muss. Man erfährt interessantes zu der Geschichte der Sterbehilfe und wie Dr. Arnold dazu gekommen ist. Zahlreiche meist anonymisierte Beispiele machen klar warum es unterschiedliche Gründe für Menschen gibt ihr Leben zu beenden. Auch die aktuelle rechtliche Situation in Deutschland wird erörtert. Oftmals ist es schwer zu ertragen was Uwe-Christian Arnold über seine Patienten zu berichten hat. „Ihr Unterleib war vom Krebs zerfressen; Blase, Gebärmutter, Scheide und auch ein Teil des Darms waren operativ entfernt worden. Ein großer Krater klaffte nun dort, wo einmal ihr Unterleib gewesen war, mehr schlecht als recht mit einer großen Vorlage abgedeckt. Beide Nieren waren nach außen mit Schläuchen abgeleitet (Nierenfistelkatheter). Der Darm war ebenfalls, über eine Storna (künstlicher Darmausgang), abgeleitet. Mit all diesen Schrecken hatte sich Frau G. mit bewundernswerter Tapferkeit abgefunden, doch dann geschah etwas, mit dem sich sich einfach nicht mehr abfinden konnte und wollte: Der Stuhl kam ihr plötzlich aus dem Mund heraus, das heißt: Sie erbrach ihren Kot, was man in der Fachsprache sinnigerweise als „Miserere“ (wörtlich: „Erbarme dich“) bezeichnet.“ Dennoch ist das Buch sehr einfühlsam geschrieben, ich kann mich zumindest nicht dran erinnern wann ich das letzte Mal beim lesen Tränen in den Augen hatte – was natürlich auch mit meiner persönlichen Geschichte zum Thema zu tun hat. Grade bei den Texten wo es um philosophische Geschichte und fundierte Kritik an Religion geht, merkt man die Handschrift des Philosophen Schmidt-Salomon – was dem Buch auf jeden Fall nicht nur gut tut, sondern es auf ein anderes Level hievt. Kurzum, ein Buch das eigentlich jeder lesen sollte, weil jeder sterben muss. Ich war mit meiner Mutter bereits 2005 in Zürich wo sie sich mit Natrium-Pentobarbital (NaP) selbst tötete – leider gab es damals kein so fundiertes Buch, so das ich gezwungen war mich selbst damit auseinanderzusetzen (nachzulesen in meiner Kolmne in Trust # 115 vom Dezember 2015) – mit diesem Buch wäre sicher einiges leichter gewesen. Auf die unterschiedlichen Erfahrungen mit der Sterbehilfeorganisation einzugehen würde hier zu weit führen und hat auch nichts mit dem Thema ansich zu tun. Gut das es dieses Buch gibt. Hardcover, 240 Seiten, 18,95 Euro (dolf)
Isbn 978-3498096175

[Trust # 171 April 2015]

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