März 13th, 2007

LE TIGRE (#112, 08-2005)

Posted in interview by sebastian

Ganze 3 Jahre wartete ich auf den Tag an dem ich endlich die Gelegenheit bekommen würde Le Tigre zu interviewen. Vor 3 Jahren nämlich betrat ich unaufgefordert den Backstagebereich in dem sich die Band damals aufhielt und wurde sofort zurückgewiesen.

Ich konnte also nur hoffen, dass sich Johanna nicht an diese unangenehme Situation erinnern würde. Sie bemerkte dann doch, dass ich ihr irgendwie bekannt vorkam, aber konnte sich nicht entsinnen, dass sie damals genervt war.

Also kicherten wir viel zusammen, als wir auf der Treppe vor einer Galerie sassen und auf Kathleen Hanna hinunterblickten, welche ungeschminkt ziemlich süss und jugendlich aussieht, im Gegensatz dazu wie ihr Bühnenaufzug sie wirken lässt, und in ein Buch über Feministische Theorie vertieft war. Somit verhinderte sie auch, dass irgendjemand es wagte sie anzusprechen.

Sie hat immense Probleme mit ihren Stimmbändern, so dass Jo und JD viel mehr singen als letztes Jahr. Demnach ist das wohl nicht nur eine Masche um etwas von der Aufmerksamkeit die sie bekommt auf die anderen zu lenken, wie kürzlich eine Journalistin vermutete. Als ich sie dann doch fragte wo Jo sei, fasste sie sich theatralisch an den Hals und krächzte, sie werde sie holen, um dann lauthals „Johanna! Interview!“ in den Nightliner zu schreien, erntete sie sich allerdings schon eine hochgezogene Augenbraue meinerseits.

Die Frau wird mir wohl immer ein Rätsel bleiben und so gerne ich auch mal mit ihr reden würde, war ich an dem Tag froh eine äusserst freundliche Johanna Fateman, anstelle der komplizierteren Mitglieder der Band, als Gesprächspartner zu haben. Ich verweise hier nur mal auf das geniale Interview, welches Mike von den Beastie Boys versuchte mit Kathleen zu führen, welches zu einer Anklage ihrerseits gegen vieles was er tat wurde.

Für den Leser interessant und amüsant, war es für ihn vielleicht doch eher unangenehm. Die Show war wie immer brillant und es gibt keine andere Band die mich so in Ekstase versetzt. Man kann einfach nicht anders als wunschlos glücklich lächeln und tanzen, wenn man sieht mit welcher überzeugung die 3 ihre primitiven Choreographien, Beats und Elektro-Pop Melodien zum Besten geben. Es gab viele heisse Diskussionen darüber, warum die Band zu einem nur am Profit interessierten Label wie Universal wechselte.

Zumindest von Johannas Standpunkt aus kann ich nachvollziehen, dass sie tatsächlich den Optimismus besitzt zu glauben, dass sie somit eine grössere Zuhörerschaft mit ihrer Botschaft erreichen kann, obwohl bestimmt weniger als 5% der Konzertbesucher sich zum Beispiel damit beschäftigt haben, wer denn die Leute sind, die Le Tigre in Hot Topic erwähnen; die Band inspiriert zahllose Frauen auf der Welt.

Bei Kathleen erscheint diese Argumentation schon eher fragwürdig, da sie schon zu Bikini Kill Zeiten mir mehr Ruhm fertig werden musste als sie je haben wollte und somit kaum blauäugig auf die Musikindustrie und deren Konsumenten setzt. Für sie ist es wohl eher ein Statement bezogen darauf, dass auch Frauen die ihre Ideale nicht verlieren und sich nicht über ihren Sex Appeal vermarkten sich einen festen Platz in der Popwelt erkämpfen können, was auch das fiese Bühnen Make-up erklären würde. Zumindest möchte ich das glauben, da sie mich definitiv sehr mit ihrem Lebenswerk inspiriert.

***

In einem Interview mit euch heisst es, du seiest die Intellektuellste von euch. Kannst du dir denken woran das liegt, schliesslich ist es ja nicht so, dass du ständig irgendwelche Philosophen zitierst. Ist dir bewusst, dass euch solche Rollen zugewiesen werden? Ahnlich wie bei den Spice Girls, wo es Posh und Baby Spice gibt, gibt es bei euch Die Intellektuelle

Johanna: Wir sind alle auf eine gewisse Art intellektuell. Vielleicht haftet es mir eher an, da ich für Kunstmagazine schreibe und früher Zines gemacht habe, ich finde nicht, dass ich intellektueller bin als die anderen. Ich sehe es als Kompliment an. Manchmal verweisen wir darauf, was wir gerade lesen, damit die Botschaften dieser Leute weiter verbreitet werden.

Du hast also keinen Doktortitel?

Johanna: Ich habe einen Abschluss an der Kunsthochschule gemacht, das ist alles.

Ihr wart teil der Bands Against Bush und der Peace Not War Initiative, wie fühlen sich die Leute in den Staaten, die sich so für diese Dinge aufgeopfert haben, jetzt wo er doch wieder gewählt wurde?

Johanna: Das Bush weiter regiert ist für viele Menschen schrecklich. Wir haben uns für Kerry stark gemacht, mehr als wir uns je mit der Wahlpolitik auseinandergesetzt hätten, aber er war kein grossartiger Kandidat sondern lediglich unsere einzige Hoffnung Bush aus dem Amt zu bekommen. Es ist entmutigend solch einen riesigen Kompromiss machen zu müssen, und trotzdem zu versagen. Man fragt sich wozu man das dann überhaupt gemacht hat.

Der Hass und die Aufgewecktheit werden aber weiterleben. Dinge die für mich persönlich nicht viel Bedeutung oder Interesse haben sind sehr wichtig für die Kultur der USA, so wie Fahrenheit 9/11. Es war sehr bedeutsam für die USA, dass dieser Film herauskam, nicht weil er so erschütternd gewesen wäre, sondern weil er den Leuten Informationen in Form von Unterhaltung präsentiert. Das ist was US-Amerikaner brauchen, da die Presse in den USA unmöglich ist.

Hat das den Weg für andere Alternative Presse geebnet?

Johanna: Darauf wollte ich gerade zu sprechen kommen. Die Leute sind sich mehr und mehr bewusst, dass sie angelogen werden und deswegen andere Informationsquellen suchen müssen. Auch die Liberalen und Progressiven werden daran erinnert, dass sie sich um ihre eigene Bildung kümmern müssen und nicht nur fernsehen können. Bush hat knapp gewonnen, es war kein überwältigender Sieg und das erste Mal hat er nicht gewonnen. Die Leute, die glauben es war ein grossartiger Sieg, liegen falsch.

Das war es nicht, er hat es gerade so geschafft. Wir können also gar nicht so verzweifelt über das US-Amerikanische Bewusstsein sein. Die Mehrheit der Amerikaner ist gegen Bush, aber das ist nicht was bei der Wahl herauskam. Es ist erschreckend wie viele Leute für Bush gestimmt haben, aber man muss auch sehen, dass er nur eine knappe Mehrheit hat. Seine Gegner sind immer noch von seinen Fehlern überzeugt. Der Irak Krieg geht weiter, und das ad absurdum, jeden Tag gehen Autobomben hoch, jeden Tag werden Amerikaner getötet.

Werdet ihr auch mit einem Hass auf alles US-Amerikanische konfrontiert?

Johanna: Da wir eine radikale, feministische Band sind macht man uns nicht für die Politik der USA verantwortlich. Ich weiss nicht, was ich von einem allgemeinen Boykott von allem US-amerikanischem halten soll, da ich die USA nicht als eine einzige monolithische Macht ansehe. Das Land hat ein breiteres Spektrum an Bevölkerung, Völkern, Kulturen und Meinungen als die meisten Europäischen Länder.

Es gibt in den meisten europäischen Ländern eine fortschrittlichere Tradition, ein höheres Bildungsniveau und eine stärkere Arbeiterbewegung aber es gibt auch hasserfüllte nationalistische Bewegungen und starke rechte Parteien, wie in Italien oder sogar Frankreich oder sieh dir mal Skandinaviens Einwanderungsgesetze an. Das finde ich auch sehr beängstigend.

Wir versuchen eben die neuen USA mit der EU zu werden, nur schaffen wir das nicht

Johanna: Ja, also, ich weiss nicht. Viele Leute spüren, dass die Tage der USA als Supermacht gezählt sind. Der Unilateralismus, die schlimme Wirtschaftssituation, die totalen Abgrenzung von der UN, all das hat Züge des Untergangs der USA als Supermacht. Es gibt keine staatliche Unterstützung von Clubs in den USA und die Kunst zu unterstützen ist in der Europäischen Kultur auch mehr verankert.

Letztes Jahr habt ihr hier eher grosse Clubs gespielt. War es euer Wunsch wieder etwas kleinere Clubs zu spielen die mehr nach dem DIY Prinzip arbeiten?

Johanna: Wir würden liebend gerne nur die Clubs spielen, die von coolen Leuten betrieben werden, aber es wäre naiv kleinere Clubs zu spielen, wenn die Nachfrage grösser wäre. Wir wollen, dass es allen die uns sehen möchten auch ermöglicht wird. Auf der letzten Tour war das neue Album noch nicht draussen. Es ist sehr gemischt. In Paris und London haben wir in riesigen Clubs gespielt. Ich schätze wir sind hier einfach nicht so bekannt, weswegen es auch nicht sinnvoll wäre hier grössere Clubs zu spielen.

Wir wissen nicht wirklich in welchen Regionen von Europa wir spielen und wie gross die jeweiligen Clubs sind. Wir waren in letzter Zeit öfters in Deutschland, aber normalerweise kommen wir alle paar Jahre rüber und kennen uns deswegen mit den Clubs in den ganzen Städten nicht so aus, aber wir haben hier schon einmal gespielt und es hat uns gefallen, also haben wir das vielleicht unserem Booker gesagt. Es ist nicht so als würden wir nicht unsere eigenen Entscheidungen treffen.

Ihr werbt ja offensichtlich für Frauenmusik, habt ihr auch eine Frauenquote wenn`s darum geht mit wem ihr arbeitet?

Johanna: Wir haben da keine strikten Regeln, aber wir versuchen Frauen anzuheuern wann immer das möglich ist und wir eine coole Frau finden mit der wir arbeiten wollen. Wir haben eine weibliche Tourmanagerin, Amy, die gerade um die Ecke gespickt hat, unser Monitor Engineer ist eine Frau und Thomas, der unser Booking für Europa macht, ist ein radikaler Schwuler, der immer Frauenfestivals aufgespürt hat auf denen wir spielen konnten. Er hat sich immer Wege ausgedacht auf denen wir mit radikalen Gemeinschaften in Verbindung kamen. Anstatt also jede kleine Entscheidung selbst zu treffen, suchen wir uns Leute denen wir vertrauen, die sich auf den jeweiligen Gebieten besser auskennen.

Wie war das Frauenfestival in Slowenien, auf dem ihr gespielt habt?

Johanna: Es war unglaublich. Es war winzig aber es war eine tolle Erfahrung. Es war wunderbar die Frauen kennen zu lernen die es organisierten und sich ihre Belange und Projekte anzuhören. Wir sind isoliert vom internationalen Feminismus, das war also klasse.

Ist dir ein Unterschied aufgefallen zwischen dem Osten und Westen Europas, zum Beispiel, dass der Osten immer noch viel politischer ist?

Johanna: Dort gibt es eine nicht lang zurückliegende Geschichte der Untergrundbewegungen, der Gemeinschaft, die das System bekämpft, weswegen ihr Netzwerk immer noch stärker ist. Das ist in den USA ganz anders. Es liegt lange in der Vergangenheit zurück, weswegen die Atmosphäre ganz anders ist. Die Leute in Osteuropa sind voller Energie und es herrscht ein Gefühl von Hoffnung und Möglichkeiten.

Auf der anderen Seite gibt es auch ein Wiederaufkeimen von xenophobem Nationalismus. Als wir in Slowenien waren hatte gerade die konservative Partei die Mehrheit erlangt und überall hingen Poster auf denen diese merkwürdige Mutterfigur, eine Art Jungfrau Maria, abgebildet war und ich habe auch Poster gesehen auf denen eine durchgestrichene Maske war ich sollte nichts darüber sagen, schliesslich war ich nur für ein paar Tage dort.

Du kommst aus Berkeley, dem Zuhause der radikalen Politik, warum bist du von dort weggegangen?

Johanna: Ursprünglich bin ich weggezogen um zur Schule zu gehen, ausserdem will jeder weg von seiner Familie, also ging ich zur Schule und dann nach New York. Berkeley ist eine tolle Stadt in vielen Aspekten. Es hat eine radikale Geschichte aber im Moment ist es nicht radikaler als jede andere grosse Universitätsstadt in den USA.

Es ist berühmt für 924 Gilman Street. Jeder hier hat davon gehört, sowie ABC No Rio, das sind die Clubs die du dir ansehen willst wenn du an die USA denkst

Johanna: Tatsächlich? Es ist super, dass All Ages Kollektive in den USA existieren, aber es gibt keinen Grund diese Venues zu romantisieren.

Es gibt Leute die ihr Leben planen und dann versuchen danach zu handeln und dann gibt es Leute die irgendwie in alles hineinschlittern, welcher der beiden bist du?

Johanna: Ich bin definitiv hineingeschlittert in das was jetzt mein Leben bestimmt, ich habe mich nie an den Plan gehalten sondern bin mit Dingen die aufkamen fertig geworden.

Löst das bei dir Zukunftsängste aus oder wird es immer etwas geben, dass dich beschäftigen wird?

Johanna: Wenn die Band sich auflöst werde ich mir einen Job suchen. Ich will weiterhin Kunst betreiben, das muss keine Band sein. Wir haben unser eigenes Label gegründet um unseren Backcatalog rauszubringen und manchmal denken wir: ach, wenn wir nicht auf Tour sind können wir Platten von anderen Bands herausbringen, aber was auch immer wir als Le Tigre machen, sollte von Herzen kommen.

Es sollte sich richtig anfühlen und nicht aus der Motivation entstehen, dass wir Jobs brauchen. Es ist viel Arbeit und eine grosse Verantwortung und man schadet den Künstlern eher, als dass man ihnen hilft, wenn man ihre Musik veröffentlicht und einen Scheiss Job macht und da wir alle in Bands waren, wissen wir wie es sich anfühlt. Soll ich jetzt mit der Zeichnung anfangen?

Ja, Ich zeig dir was andere gemacht haben, so als Inspiration?

Johanna: Ja, cool, Ich werde deren Ideen einfach klauen.

Du bist eine Künstlerin, also fällt dir womöglich was geniales ein aber es ist eigentlich meist dummes Zeug?

Johanna: Dummes Zeug, das ist super.

Ja, sollte dir leicht fallen
Johanna: Such du den Song aus.

Nanny Nanny Boo Boo, auf dem neuen Album gibt`s so viele Songs über Journalisten und wie sie euch behandeln?

Johanna: Ja, da geht`s zum Teil um Journalisten, aber nicht nur, verdammt ich versuche an ein Bild aus dem Lied zu denken

Ich hab mir extra was schwieriges für dich überlegt.

Johanna: Achso? Vielleicht muss ich dann abstrakter zeichnen.

Du könntest ja „If you kiss our cheeks we`re gonna put out our hands zeichnen. Ich pendle grade zwischen hier und einem Garbage Konzert, zu dem einige meiner Freunde aus Polen und Frankreich extra hierhin gefahren sind. Habt ihr auch so krasse Fans die euch überallhin folgen?

(sie sieht mich mit einem komischen, wissenden Blick an und lacht laut)

Wirklich?

Johanna: Nicht überall hin, aber eine Gruppe von Mädchen war auf allen Shows in Frankreich und ist dann auch nach Spanien gefahren

Kennt ihr sie jetzt persönlich? Meine Freunde fliegen jetzt auch wegen Garbage in die Staaten und die Band erkennt sie, will aber wahrscheinlich nichts mit ihnen zu tun haben, weil sie so besessen sind.

Johanna: Wir haben ein Foto von ihnen ins Tourtagebuch auf die Website gestellt, weil sie uns darum gebeten haben, aber wie du selber meintest: es ist schwer zu entscheiden wer verrückt ist und wer nicht.

Ja als ich euch vor 3 Jahren unangemeldet ansprach hatte ich auch das Gefühl ihr dachtet „Oh mein Gott wer ist das denn?“

Johanna: Bist du diejenige die fragte wo Sadie Benning sei?

Nein.

Johanna: Haben wir dich wie eine Verrückte behandelt?

Nein, weisst du noch, damals ist der Kerl, der diesen Club mit aufgebaut hat gestorben, nachdem er von der Polizei verprügelt wurde. Ihr wart einfach schlecht drauf, und ich wollte was über euch klären, was ich mit Mr.Lady ausgemacht hatte, das sie aber vergessen hatten

Johanna: Haben wir nicht was über diesen Kerl von der Bühne gesagt?

Doch.

Johanna: Das ist ein Tiger der einem Mann die Hand schüttelt

Ach, wäre ich nicht drauf gekommen.

Johanna: Ok, du kannst es also erkennen?

Es ist „just not in the style of tigers“.

(Mit der Stimme einer 3-järigen, die total stolz auf etwas ist)

Johanna: Genau! Soll ich es drunter schreiben, oder nicht?

Klar, ist das das Endprodukt?

Johanna: Ja, reicht dir das nicht?

(bekommt einen hysterischen Lachanfall)

Doch sicher, vielen Dank, das ist so umwerfend, ich werde sicher 200 auf Ebay dafür bekommen.

(versucht sich zu beruhigen, holt tief Luft und kann endlich aufhören zu lachen)

Johanna: Ok, wie geht der Text gleich noch mal?

All night we`ve been talking to liars, and it`s alright just not in the style of tigers.

Johanna: Ja aber der Teil davor?

If you kiss our cheeks we`re gonna put out our hands.

Johanna: Hey, ich kann das gerne später für dich singen, wenn du dich nicht an den Text erinnern kannst, aber ich weiss, wenn die Musik läuft kommt der Text von selber, Es ist was andres wenn man auf einen Block starrt

(gibt mir die Zeichnung)

Vielen Dank!

(Immer noch stolz klingend)

Johanna: Keine Ursache.

***

Ich musste mich echt zusammenreissen um nicht zu fragen ob sie tatsächlich Kunst studiert hat.

Interview: Alva Dittrich

Links (2015):
Wikipedia
Homepage
Discogs

 

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