März 12th, 2007

KEMURI (#76, 06-1999)

Posted in interview by andreas

So ein Telefonat nach Japan ist schon eine Wissenschaft für sich. Ich könnte jetzt seitenlang darüber referieren, welch erhebliche Unterschiede es bei den Telefongesellschaften und ihren Gebühren gibt – und welche Voraussetzungen gemacht werden, damit man überhaupt in den Genuss der billigeren Tarife kommt.

Aber das interessiert den Leser wahrscheinlich nicht, da er wohl höchst selten in den fernen Osten telefoniert. Geht mir eigentlich genauso. Als ich eines schönen Donnerstag morgen – drüben war es bereits später Nachmittag – in Japan anrief, war es überhaupt erst das zweite Mal, dass ich jemanden von den Insel am Apparat hatte. Beim ersten Mal war es Kemuri-Sänger Fumio, diesmal sprach ich mit Hidemori, dem neuen Gitarristen der Band.

Kemuri sind in Deutschland bisher eher untergegangen. „Little Playmate“ das Debüt-Album der Band, erschien vor zwei Jahren und dürfte wohl eher in einem virstelligen Bereich verkauft worden sein. Dabei ist die Platte absolut empfehlenswert gewesen. Nicht unbedingt hochgradig originell, aber eine wunderbare Ska-Punk-CD für nette Sommertage, wie sie uns jetzt ins Haus stehen dürften.

Der Nachfolger „77 Days“ ist in Japan bereits vor einer Weile erschienen, 150.000 Stück wurden drüben schon verkauft. Ob es hier diesmal zumindest zu mehr Beachtung reicht, wird sich zeigen. Trotzdem gilt auch hier: toller Ska-Punk mit noch besseren Melodien als beim ersten Mal. Und das hier kam raus beim kleinen Schwatz mit dem anderen Ende der Welt…

***

Es ist eine ganze Weile her, dass ich von euch gehört habe. Was habt ihr gemacht?

Hidemori: Wir waren ziemlich viel in Japan unterwegs, gerade gestern haben wir unsere zweite, grosse Tour beendet. In den Staaten waren wir einen Monat unterwegs. Das war direkt, bevor wir unser zweites Album „77 Days“ aufgenommen haben. Wir blieben danach noch in Colorado für die Aufnahmen.

Wieso habt ihr eigentlich soviel Kontakt zu den USA?

Hidemori: Wir haben dort einen guten Freund, Mike Park, der Asian Man Records macht. Fumio, unser Sänger, kennt ihn schon sehr lange. Er hat uns letzten Sommer auf die „Ska Against Racism“-Tour gebracht. Eigentlich sind wir eine Band, die in Japan unterwegs ist. Insofern war es toll. Die Tour war ziemlich gross mit acht Bands.

Less Than Jake waren Headliner, die Toasters waren dabei und viele lokale Bands. Wir spielten 40 Shows in einem Monat (was bei maximal 31 Tagen nur Japaner hinbekommen können, d. Verf.), hatten aber nur einen 25 Minuten langen Set. Wir sind also vor allem nur die Staaten gereist, was sehr witzig war.

Ihr habt mit zwei Descendents-Leuten aufgenommen. Wie kam das?

Hidemori: Wir haben ganz einfach die gleiche Booking-Agentur wie All und die Descendents. So kamen wir zusammen. Ich habe die beiden Bands schon als Kind gehört, insofern war es ziemlich beeindruckend, mit ihnen aufzunehmen.

Rancid und Green Day mögen heute gross sein, aber man darf nie vergessen, dass Black Flag und die Descendents das ganze gestartet haben. Für mich war es also eine grosse Ehre, mit ihnen aufzunehmen.

Ich wollte mir ja euer Tourtagebuch im Internet durchlesen. Leider verstehe ich kein Wort.

Hidemori: Sorry. Ja, das ist komplett in japanisch.

Ich fragte mich nur, ob ihr auch schlechte Erfahrungen in den USA gemacht habt, da ihr in „Heartbeat“ konkret über Rassismus singt.

Hidemori: Nicht wirklich. Aber wir konnten nicht vergessen, dass wir aus Asien stammen. Die Tour sollte den Kids vor allem zeigen, dass sie sich bewusst sein müssen, was Rassismus eigentlich bedeutet. Ich weiss aber, dass wir dadurch nicht wirklich viel ändern können. Das Konzept hinter Kemuri ist „Frieden“.

Wir sind eine Ska-Punk-Band, wir sind aber gegen so eine blöde Punkeinstellung, die sich um Gewalt oder Zerstörung dreht. Wir wollen zumindest einen kleinen Anteil daran haben, die Welt zu verbessern.

Wurdet ihr denn anders behandelt, weil ihr Japaner seid? Sozusagen als „Exoten“?

Hidemori: Kann man nicht sagen. Viele Kids waren etwas überrascht, als sie realisierten, dass wir Japaner sind. Sie wussten nicht, dass es bei uns überhaupt eine Szene für solche Musik gibt. Ansonsten hatten die Leute offenbar ihren Spass. Wir hatten ihn auf jeden Fall.

Wie gross ist die Ska-Punk-Szene überhaupt in Japan?

Hidemori: Es wurde auf jeden Fall mehr in den vergangenen Jahren. Das bedeutet aber nicht, dass solche Bands in den Charts auftauchen. Trotzdem ist die Szene schon recht gross, und man kann ja auch erfolgreich sein, ohne in den Hitparaden aufzutauchen.

Ich dachte, ihr hättet von eurer neuen Platte bereits 150.000 Stück verkauft. Das nenne ich auf jeden Fall erfolgreich!

Hidemori: Für eine Band wie uns ist das auf jeden Fall sehr viel.

Also rede ich hier mit einem echten Rockstar…

Hidemori: Nein, auf keinen Fall. Wir treten auch nicht im Fernsehen auf. Im Prinzip sind wir ein Haufen Kids, der Ska-Punk macht.

Seht ihr euch eigentlich mehr als Punk-Band oder als Ska-Band?

Hidemori: Gute Frage. Wir wollen natürlich vor allem wir selbst sein, sozusagen Kemuri-Musik machen. Wir haben natürlich immer die Bläser drin und die Ska-Gitarren. Wenn man uns also als Ska-Band bezeichnet, geht das schon okay. Ich persönlich komme eher aus dem Punk. Ich habe in einigen kleinen Gruppen gespielt, aber nichts besonderes. Wir haben nie Platten veröffentlicht. Das ist die erste Band, wo ich Ska-Sachen spiele.

Ihr seid erfolgreich in Japan, aber habt nur ein paar Lieder mit japanischen Texten. Warum?

Hidemori: Unsere japanische Identität ist schon wichtig. Deshalb wählte Fumio auch einen japanischen Bandnamen aus. Kemuri heisst Rauch, das hat jetzt aber nichts zu sagen. Wie viele japanische Songs auf der nächsten Platte sind, kann ich gar nicht sagen. Vielleicht sind es dann mehr.

Ihr seid eine sehr positive Band… „Positive Mental Attitude“ taucht als Ausdruck immer wieder auf.

Hidemori: Das ist aber nichts, was wir erfunden haben. Bands wie die Bad Brains oder die 7 Seconds.hatten ähnliche Einstellungen. „PMA“ ist nicht wie straight edge, man gibt sich keine Regeln. Jeder soll auf seine Weise glücklich sein. Ist also ganz einfach – man muss nur positiv denken.

Ich denke, dass der zerstörerische Anteil am Punk zurückgeht. Für viele Kids geht es heute nur darum, Spass zu haben. Als ich 15 war, gab es das noch: Punk als negative Einstellung. Aber das ist unsinnig. Ich denke, dass darin nicht der Sinn des Lebens liegen kann. Wir sieben Mitglieder von Kemuri haben ähnliche Einstellungen zu dem Thema.

Eure Musik ist wunderbar zum Aufstehen geeignet… Insofern ist sie sehr positiv.

Hidemori: Ja, aber das hat Skamusik generell an sich. Sie ist einfach geeignet zum tanzen.

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Interview: Dietmar Stork

Links (2015):
Wikipedia
Homepage
Discogs

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