Dezember 8th, 2014

K-LINE (#105, 04-2004)

Posted in interview by Jan

Es gibt ständig Bands innerhalb der so genannten Alternativ-Szene, die heimlich oder ganz offensichtlich versuchen, groß zu werden, die sich den aktuellsten Trends anpassen und davon träumen, dass der dicke A&R Mann vom McMajor-Label einen Vertrag unter ihre Nasen steckt. In Großbritannien wie in anderen Ländern gibt es genug Bands, die davon ihre musikalische Entwicklung abhängig machen, mit dem Ergebnis, dass viele gleich und homogen klingen, deren Kreativität zum Opfer der Scheuklappen-Perspektive „Stars“ zu werden wird. All style but no substance.

Man kann jedoch erleichtert aufatmen, denn es gibt noch Bands, die sich ihre eigenen Wege bahnen, ihre Musik aus einer Mischung aus Einflüssen und Erfindungsreichtum spielen – scheiß egal, welche Trends zur Zeit im Mainstream angesagt sind. Genau wie K-LINE aus London, deren erstes, neulich auf dem Boss Tuneage Label, erschienenes Album ständig bei mir zu Hause läuft. Mit ex-Members von u.a. THE STUPIDS, SINK, BAD DRESS SENSE, DONE LYING DOWN, TOAST, GRAND CENTRAL, BIG RAY, FREELOADER und HOMOGENIUS. Es war höchste Zeit, den Jungs in der Band ein paar Fragen zu stellen. Das folgende Interview wurde mit Ed Wenn und Paul Duncan per Email geführt.

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Ok, lass uns mit der „Bratwurst mit Pommes”-Frage beginnen: Wie und wann ist die Band zustande gekommen – wer hat wen angerufen, belästigt, erpresst? Hat es schnell zwischen euch funktioniert oder dauerte es eine Weile, bis die richtige Komination da war?

Ed: Ich bin 2000 zurück nach London gezogen, und habe mich entschieden, eine neue Band zu gründen, eine die regelmäßig probt und Konzerte spielt. Während ich einige Jahre an der Ostküste wohnte, habe ich viel Musik gemacht, aber eher an “Projekten” orientiert, und die Situation wurde so, dass die Leute, mit denen ich öfters aufgenommen habe, plötzlich in anderen Städten wohnten, Kinder bekamen oder einfach keine Zeit mehr hatten. Es war problematisch zu proben und live zu spielen, und ich glaube, ich habe es vermisst, in einer echten Band zu spielen. Ich dachte: Erst wenn ich zurück nach London ziehe, wird es leichter sein, Leute zu finden um eine Band zu gründen.

Innerhalb von zwei Monaten hatte ich eine Besetzung, aber die war nicht stabil. Nachdem unser Drummer Scott und Gitarrist Paul Symes (beide spielten auch bei DEAD INSIDE) die Band verließen, weil sie mit DEAD INSIDE zu beschäftigt waren, sind nur ich und der Bassist Paul Duncan übrig geblieben. Wir haben etwa zwei Monate nach einem anderen Schlagzeuger sowie Gitarristen gesucht, bis der Tag kam, an dem ich eine Email von Zac empfing, den ich bei einer Hochzeit eines Freundes Anfang des Jahres getroffen hatte. Er arbeitete zusammen mit einem alten Bekannten von mir, James Sherry.

Da wurde mir plötzlich klar, dass er ein geiler Drummer ist. Es stellte sich nach ein paar Emails heraus, dass Zac und James, die auch in einer Band spielten, ebenfalls gerade zwei Mitglieder verloren hatten. Nach einigen Diskussionen, haben wir uns also entschieden, beide Kräfte zu vereinigen, und K-LINE Version 2 wurde geboren. Wir haben neue Lieder geschrieben und im September 2001 angefangen, Konzerte zu spielen. Rich, der letzte und jüngste Teil des K-Line Puzzles, ist etwa sechs Monate nach der Veröffentlichung unserer ersten E.P. “In the red” eingestiegen. Der wurde uns von dem ursprünglichen K-Line-Gitarristen Paul Symes vorgestellt, und ist in der Londoner Szene seit einigen Jahren aktiv gewesen. Jeder mag Rich, er ist ein populärer Kerl!

Euer Name stammt von einer bekannten internationalen Speditions Firma – oder? Wir sind im Zeitalter des PR Betrugs sowie der Verschwörungs-Theorien, und man könnte euch vorwerfen, dass ihr mit Absicht diesen Namen ausgesucht habt, um gratis Werbung abzusahnen – Schlagzeilen in der Presse u.s.w. – wenn die Firma euch wegen unbefugter Verwendung eines geschützten Namens eine Anzeige anhängt.

Ed: Verdammt, ich wusste nicht, dass wir so transparent sind!! Denkst du, dass es klappen wird? Nein, um ehrlich zu sein, ich habe in einem Büro in Felixtowe gearbeitet, von wo aus man auf den Hafen sehen konnte und das direkt neben einem riesigen Containerparkplatz lag. Jeden Tag sah ich diese cool aussehenden K-Line-Container an, die umher transportiert wurden. Die haben einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen. Anyway, ich dachte zu diesem Zeitpunkt, wenn ich nochmals eine Punk-Band gründe, dann nenne ich sie K-Line. Es ist wirklich schwierig, sich einen Bandnamen auszudenken, und deshalb habe ich jenen etwa vier Jahre verstaut, bevor ich ihn gebrauchen konnte.

Warum habt ihr euch für ein Independent-Label – Boss Tuneage Records – entschieden? Wollt ihr unabhängig und außerhalb der Corporate-Maschine bleiben? Glaubst du, dass es möglich ist, auf einem Indie-Label zu bleiben und trotzdem ein gewisses Niveau in puncto Aufmerksamkeit und Vertrieb auf internationaler Ebene für die Band zu erreichen?

Ed: Ich kenne Aston Boss T seit ungefähr 1989, als SINK damals Konzerte in Boston spielte, wo er herkommt. Wir hatten seit Jahren den Kontakt abgebrochen, bis ich ihn während eines Konzerts mit UNKNOWN und DEAD INSIDE in London wiedergetroffen habe. Das war im Jahr 2000, als sich K-LINE gründete. Ich habe ihn später angerufen wegen der Veröffentlichung von zwei Alben (CHOCOLATE und BIG RAY), die bereits fertig waren, und wir sind danach halt immer im Kontakt geblieben. Er mochte das K-LINE-Demo und fragte uns, ob er in Frage käme, wenn wir soweit wären, etwas zu veröffentlichen. So einfach war es. Er war der einzige, der sich von Anfang an für die Band interessierte, und deshalb sind wir bei ihm geblieben.

Heutzutage gibt es auch andere Labels, die gerne mit uns zu tun haben wollen, und wir werden vielleicht – oder vielleicht auch nicht – bei Boss Tuneage bleiben. Aber Aston ist super cool, und dem haben wir viel zu verdanken. Deswegen würde ich gerne bei ihm bleiben. Ich würde sagen, dass es unser absoluter Wunsch ist, mit K-LINE ausserhalb der Major-Label-Szene zu bleiben. Paul und Zac, schätze ich, sind die die am meisten einen Mainstreamsinn haben, aber ich glaube auch nicht, dass die ernsthaft dran denken, einen Vertrag mit einer großen Corporate Firma zu unterschreiben. Was mich persönlich angeht: Majors sind völlig überflüssig, und ehrlich gesagt denke ich überhaupt nicht daran. Es ist sehr gut möglich, mit einem Indie internationale Verkäufe und Aufmerksamkeit zu erreichen….. Du musst einfach gute Platten aufnehmen und viel touren.

Wie entstehen eure Lieder? Zum Beispiel wie ihr zusammen Sachen ausprobiert. Jammt ihr, oder fängt dieser Prozess bereits zu Hause an, wenn ihr im Schlafzimmer auf der Gitarre klimpert oder in der Badewanne eine Melodie summt?!

Ed: Echte Punks waschen sich nicht, deshalb gibt es keine Chance, dass etwas in der Badewanne ausgedacht wird! Normalerweise denke ich mir eine Strophe/Refrain/Strophe-Sequenz für ein Lied aus, nehme das dann zur Probe mit und jeder arbeitet seine Parts aus. Dann wird eine Zeit gejammt (manchmal dauert es Wochen), bis es Gestalt annimmt. Manchmal hört sich das fertige Stück fast wie die originale Idee an, manchmal hat es sich sehr verändert. Mit dem Gesang ist es so: Zak denkt sich eine Melodie aus, und erst nachdem er mit der neuen Komposition zufrieden ist, wird er den Text dafür schreiben. Abgesehen von zwei Songs (“Stay Poor” & “Pax Americana”) hat Zac alle Texte geschrieben.

Von den neuen Sachen die wir im Moment schreiben, ist ein Lied von Rich. Mal sehen ob er so weitermacht. Es ist sehr wichtig für uns, gute Lieder zu schreiben. Als wir damals zusammengekommen sind, war das einer von mehreren Punkten, bei denen wir uns einig waren, da wir der Ansicht waren, dass es heutzutage viele Bands gibt, die sich kaum für Quality Control interessieren. Es ist Punk, deshalb muss es frisch und energetisch sein, aber zur gleichen Zeit kannst du nicht einfach einige Riffs zusammenschmeißen und einen schreienden Gesang darauflegen. Einen Ausgleich zu finden, ist für uns das A und O.

Paul: Ich habe immer gern gejammt, im Gegensatz zu Ed, der viel stukturierter arbeitet. Nachdem Ed mir alle Strophen- und Refrain-Riffs gezeigt hat und wir alles ein paar mal durchgespielt haben, kann ich anfangen ein bisschen zu experimentieren. Zugegeben, alle denken, dass ich die Parts noch nicht richtig gelernt habe, und vielleicht haben sie Recht. Wenn ich denke, dass ich etwas habe, dann schmeiße ich es rein und wir sehen ob das klappt. Falls Zac sich für meinen Part eine tolle Melodie ausdenkt, dann schleicht sie sich irgendwo zwischen Ed’s Riffs rein.

Die Texte einiger eurer Lieder erwähnen die „City”. Wohnst du gern in London? … auf der einen Seite eine Brutstätte gesichtsloser Kapitalisten, auf der anderen Seite ein spannender, vielseitiger und vibrierender Mix von Kulturen und Nationalitäten sowie eine Inspirationsquelle für Texte. Is it a love/hate type of relationship?!!

Ed: Ich mag es sehr, in London zu wohnen. Du triffst es genau richtig mit diesem „Kapitalismus gegen Kultur“-Ding – die sind beide Treibstoff, in unterschiedlichen Formen.

Wie habt ihr es geschafft, die DC-Legende Michael Hampton dazu zu bewegen, für euch einen Song zu schreiben, der sich auch auf der neuen CD befindet?

Ed: Ich kenne Michael seit ’86, als ich in DC war, kurz vor einer US-Tour mit den STUPIDS. Er ist seit langem Gitarren-mäßig ein großer Einfluss auf mich gewesen, und es war damals ganz toll, ihn kennen zu lernen und mit ihm rumzuhängen. Wir sind seit 1986 in Kontakt geblieben und sehr gute Freunde geworden, von daher ist es normal, dass wir begonnen haben, zusammen Musik zu spielen. Er hat auf vielen Liedern der letzten BIG RAY Alben gespielt und mit komponiert. Ich besuche ihn in New York (er lebt jetzt dort) ungefähr einmal im Jahr.

Er ging zur Schule mit Brian Baker, und die sind auch gute Freunde. Als die neue DAG NASTY LP erschien, mailte ich Michael: “Diese neue LP von Brian ist ok, aber nichts Besonderes. Du kannst es besser. Warum schreibst du nicht ein Punk-Lied für K-LINE?” Ich dachte, dass er kein Interesse daran hätte, da er nicht mehr Mr. Hardcore ist, aber innerhalb von 3 Wochen schickte er mir eine CD mit der Musik von “Full Attention”. Wir waren natürlich sehr glücklich und sind an die Arbeit gegangen, um das Lied zu arrangieren. Es hat sich so entwickelt, dass das Lied sehr poppig ist und meines Erachtens ein bisschen überproduziert, aber viele Leute sagen, dass es eines ihrer Lieblingslieder ist.

Und wie hast du Bert Querioz engagieren können, Bandfotos für euch zu schießen? Es ist witzig, denn als ich zum ersten Mal die Fotos gesehen habe dachte ich, dass das ein Witz wäre… Aber es stimmt tatsächlich! Michael und Bert haben zusammen in Manifesto gespielt…

Ed: Also, ich habe Bert erst 1985 kennen gelernt, als er nach London kam und bei mir wohnte. Wir hatten gemeinsame Kumpels, nämlich Stu Hill von SHUDDER TO THINK und Bobby Justice (Lead-Sänger von FRANKFURTER) und die brachten mich mit ihm in Kontakt. Als ich im folgenden Jahr wegen der STUPIDS-Tour in DC war, hatten wir die Gelegenheit, viel Zeit zusammen zu verbringen, und sind seit dieser Zeit beste Freunde. Bert ist echt einer von den coolsten Leuten der Welt, und es ist einfach ein Plus, dass beide, er und Michael, DC-Hardcore-Helden sind – grins!

Er schießt auch geile Fotos, wie du weißt, und als er letzten August wegen meiner Hochzeit nach London gekommen war, habe ich ihn gefragt ob er zu einer K-LINE Probe mitkommen würde, um ein Paar Fotos für unsere nächste Platte zu schießen. Er und James sind jetzt auch häufig in Kontakt, da beide Kings of Ebay sind sowie Platten und allen möglichen Krams tauschen. Das mit der MANIFESTO-Connection stimmt. Bert, Michael und Ivor Hansen sind 1989 nach UK gekommen, um einige Konzerte mit SINK zu spielen, da MANIFESTO zu der Zeit einen UK-Label-Vertrag hatten. Wie nannten das “The Tall Tour”, weil jeder im Transporter 2 Meter gross war.

Wessen Idee war es, ein Lied von THE CURE zu covern? Wer ist der heimliche Gruftie in der Band?

Ed: Paul ist der Gruftie in der Band, aber das ist kein Geheimnis! Es war seine Idee, “A Forest” zu covern – übrigens, in jeder Band in der ich zusammen mit Paul spielte, hat er die Cover-Versionen ausgewählt. Zum Beispiel, falls es noch Leute in Deutschland gibt, die sich erinnern können, dass SINK auf Tour das Lied “Daddy Cool” gespielt haben: Paul ist daran schuld! Anyway, als ich 17 war liebte ich THE CURE (alles bis auf “Japanese Whispers”), und es stellt sich heraus, dass Zac auch ein großer Fan war. “Faith”, “Pornography” und “Seventeen Seconds” sind drei großartige Alben – ohne Frage. Rich und James haben nie richtig THE CURE gehört, aber drei von fünf sind eine Mehrheit, und von daher haben wir es ausprobiert. Auf dem Album hört sich das Lied nicht schlecht an, aber nicht so verrückt, wie wenn wir es live spielen, weil Zacs Stimme zu diesem Zeitpunkt komplett im Keller war, er konnte während des Refrains nicht mehr schreien.

Paul: Lass mich das hier richtig stellen: Paul war ein Gruftie. Es war damals noch cool, ein Gruftie zu sein (stimmt, ich bin alt). Das nächste geplante Cover wird auch toll sein, aber es wird ein bisschen dauern, die Band davon zu überzeugen. Und weil wir gerade dabei sind: Vor Jahren bin ich zu einer Buch-Signierstunde von Henry Rollins gegangen, aber da ich das Buch nicht kaufen wollte, hab ich meine “Greatest Hits”-LP von Boney M mitgebracht, die er mit “Daddy Cool – Rollins” beschriftete!

Das Lied “Pax Americana” ist offensichtlich eine Kritik an dem Bush-Regime und dessen Angriffen auf Afghanistan und Irak. Was hältst du nun von dem „Alliierten-Sieg” und der „Befreiung” der Iraki Bürger sowie der neu gewonnenen Freiheit der normalen Bürger, die ihre Meinungen äußern dürfen, ohne Angst haben zu müssen, Repressalien ausgesetzt zu sein. Sowie die Marsh-Araber[1] die zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder in ihr Heimatland zurückkehren dürfen. Hatten Bush und Blair tatsächlich Recht, den Krieg zu führen?

Ed: Es ist schwierig, oder? „Ein Musiker redet über Weltpolitik, aber das, womit er seine Meinung bildet, basiert auf Berichterstattungen westlicher Medien und ein paar Büchern von Leuten wie John Pilger”. Wer unter uns kann wirklich wissen, was passiert in dieser Welt? Wir werden 24 Stunden am Tag manipuliert und sehen kaum das, was wir nicht sehen sollten. Es ist deswegen schwierig, sowas Spezifisches zu kommentieren. Deine Frage hat absolute Gültigkeit, es geht seit dem Abgang Saddams vielen Leuten im Irak besser, aber ich bin immer noch nicht zufrieden mit dem Timing oder den Absichten der alliierten Invasion. Es wäre natürlich schön, wenn was Gutes dabei rauskommen würde…

Aber ich denke wegen der Invasion und dieser lächerlichen Idee eines “War on terror” gibt es viele unbeantwortete Fragen. Wer entscheidet übrigens, wer die Terroristen sind? Um zurück zum Lied “Pax Americana” zu kommen: Es handelt sich eigentlich um zwei Sachen: das Ende des kalten Krieges und wie die Weltmächte bemüht sind, neue Wege zu finden, die Massen zu verängstigen, damit sie die massiven, ununterbrochenen Verteidigungsausgaben akzeptieren, und zweitens, ein allgemeiner Kommentar über die US-Außenpolitik seit dem Ende des zweiten Weltkriegs.

Paul: Ich will wissen, was die wahren Beweggründe hinter dem Krieg waren. Keiner hier vertraut, geschweige denn glaubt ernsthaft den Politikern. Die haben öffentlich gelogen, um die öffentliche Ünterstützung zu gewinnen, und verweigern es, die Wahrheit zu sagen.

Daran anschließend: Wie ist eure Meinung über die gegenwärtige politische Situation in Großbritannien? Ich denke an Blairs Arschlecker-Beziehung zum US-Präsidenten George Bush jr, die Entlassung des Führers der Konservativen Partei und das Fehlen einer effektiven Alternative – gibt es überhaupt die Chance einer besseren Zukunft?

Paul: Es geht Großbritannien schlecht. Neulich wurde eine super TV-Reportage über den psychologischen Zustand Tony Blairs gesendet. Schon an der Uni war er mehr an Schauspielerei interessiert als an Politik, und diese Fähigkeiten hat er eingesetzt, um dahin zu kommen, wo er heute ist. Er hat sich viel Mühe gegeben, alle zu jederzeit zufriedenzustellen. Er würde einer Gruppe Rentner sagen, dass die Antwort “Schwarz” ist, und einer Gruppe Schüler, dass die Antwort “Weiß” ist. Er wird ständig als zwanghafter Lügner enttarnt und merkt das nicht.

Von der populären Option hat er sich entfernt und tut jetzt, was er will. ‚Du hast mich gewählt, ich bin der Beste, also halt’s Maul und tu, was ich sage.‘ Seine Besessenheit, an der Macht zu bleiben, in Verbindung mit seinem neu entdeckten Selbstbewusstsein bedeutet, dass er nicht mehr denjenigen zuhört, die um ihn stehen, sondern das tut, was er will. Thatcher hatte dasselbe getan und war im Grunde genommen verrückt, als sie von den Tories entmachtet wurde. Lasst uns hoffen, dass die Labour-Partei dasselbe tut, wenn es mit Tony so weit ist!

Ed: Ich würde es hassen, ein Land regieren zu müssen. Er ist kein leichter Job. Es ist schwierig genug, eine Band zu führen. Aber ich bin sehr enttäuscht von der Blair-Regierung. Noch mehr von dem gleichen Scheiß, nehme ich an, und eine abscheuliche Außenpolitik. Je mehr ich daran denke, desto wütender werde ich. Ich stimme zu, dass es keine Alternative auf der nationalen Ebene gibt. Ich glaube die Leute werden Michael Howard, den neuen Leader der Konservativen, noch mehr hassen, als Iain Duncan Smith.

Michael Howard ist ein Baseball-Fan, zum Teufel! Er fliegt in die USA wegen der Spiele. Ich hasse es auch, wie er spricht. Hör mal zu, wie er „people” ausspricht – ich würde ihn gerne umbringen! Es wird sich in der nahen Zukunft nichts ändern, außer vielleicht, wenn der Proporz (Proportional Representation) eingeführt worden wäre, aber ich denke auch, dass Sprüche wie „Hier ist es aber nicht so schlimm wie in den Staaten“ eigentlich nichtssagend sind.

Ihr seid seit langem keine pickligen Teenies mehr. Habt ihr vor, sowohl national wie international viel zu touren, oder gibt es externe Verpflichtungen die das verhindern werden?

Ed: Es tut weh, das zuzugeben, aber ich glaube, dass die Zeiten vorbei sind, wo wir ständig mit der Band unterwegs sind. Es gibt bei K-LINE eine einzigartige Kombination von Verantwortlichkeiten, die uns daran hindern, dass wir länger als ein Paar Tage fort von Zuhause sind. Es ist wirklich schade, denn die besten Zeiten haben wir in dem alten weißen Renault-Transporter auf Tour durch Europa während der späten 80er und frühen 90er verbracht. Wir trafen viele tolle Leute (ihr wisst wer ihr seid), spielten echt witzige Konzerte und erlebten eine tolle Gastfreundlichkeit uns gegenüber. Es ist etwas, was ich und Paul nie vergessen werden.

James hat auch viele Touren mit seiner alten Band DONE LYING DOWN durch Europa absolviert, er hat auch schöne Erinnerungen. Nichtsdestotrotz planen wir Anfang nächsten Jahres über ein langes Wochenende einige Konzerte in den Benelux-Ländern zu spielen, und es gibt keinen Grund, warum wir auch nicht dasselbe in Deutschland machen könnten. Rich hat nie im Ausland getourt, und ich weiß, dass er echt heiß drauf wäre. Falls es jemanden gibt, der uns helfen könnte, drei oder vier Konzerte zu organisieren: Bitte melde dich!

Ich bin sehr neugierig, zu sehen, wie Deutschland sich verändert hat, seit ich 1994 das letzte Mal dort war … Es wäre der Hammer, nochmal in Deutschland spielen zu können. Im UK versuchen wir, einmal alle zwei Wochen zu spielen. Als wir neulich mit der Fertigstellung des Albums beschäftigt waren, sind wir ein bisschen schlapp geworden, außerdem brachte Jane, die Freundin von James, ein zweites Kind zur Welt. Die schöne Tochter heißt Sadie. Wir haben bis Ende 2003 ein paar Konzerte in London geplant und suchen jetzt für 2004 Konzerte. Unser Ziel ist es, einmal pro Woche mit der Band tätig zu sein, sei es zu proben, aufzunehmen oder live zu spielen.

Bist du bzw. sind die anderen in andere musikalische Projekte involviert? Ich habe dich neulich als Support für Kevin Seconds live gesehen…

Ed: Zur Zeit liegt der Schwerpunkt für uns alle bei K-LINE. Ich glaube, dass alle von uns andere Sachen hätten, womit wir uns beschäftigen könnten, aber um ehrlich zu sein: Es gibt kaum Zeit in unseren Leben für diese Band, geschweige denn eine andere. Trotzdem, es ist relativ einfach für mich, eine akustische Gitarre in die Hand zu nehmen, ins Auto zu springen und ein Konzert zu spielen. Als ich neulich die zwei Support-Shows für Kevin Seconds gespielt habe, stellte ich fest, dass ich es vermisse, akustisch zu spielen – auch wenn das Set ziemlich ungeschliffen klang – und da es noch Lücken in dem K-LINE Zeitplan gab, ließ ich mich leicht überreden

Du bist einer, der seit über 15 Jahren aktiv in der britischen Alternativszene eine Rolle gespielt hat. Warum denkst du, dass du noch „da“ bist, im Vergleich zu den Tausenden die sich neue Gefilde ausgesucht haben, „groß geworden sind“, den Iro abrasiert haben, verheiratet mit 2.5 Kindern sind usw??!!! Wie vergleichst du die heutige Szene mit der der mittleren bis späten Achtziger (z.B. was Labels und Veranstalter angeht…)?

Ed: Tja, es sind eigentlich mehr als 15 Jahre, aber zwischendurch habe ich Pausen gemacht!! Der Hauptgrund dafür, dass ich noch dabei bin, ist, dass ich es liebe, Gitarre zu spielen und zu singen. Ich liebe es, in einer Band zu spielen und Songs zu schreiben. Ich liebe es, Platten aufzunehmen und EP’s, und ich LIEBE es total, live zu spielen. Es ist schade für euch, dass ich es so gern habe, denn im Wesentlichen kann ich nicht so gut schreiben und warte noch, dass die Talent-Police vorbei kommt, aber ehrlich gesagt: Mit K-LINE hat es etwas Spezielles auf sich, und wenn ihr SINK oder eine andere Bands von mir gemocht habt, werdet ihr das hier auch mögen.

Der größte Unterschied zwischen dem, was sich jetzt abspielt, und dem, was damals abging, ist einfach das Volumen von Bands, Labels, Konzerten und Veröffentlichungen. James ist der so gennante Hardcore-Historiker der Band, und letzte Woche haben wir zusammen darüber geredet, dass man, egal für welches Jahr während der 80er, eine Liste von jedem signifikanten Hardcore-Album das veröffentlicht worden war, erstellen konnte. Heutzutage kommt es mir vor, als ob Boss Tuneage in einem Jahr mehr Platten veröffentlicht, als Dischord jemals rausbracht hat. Das ist vollkommen wahnsinnig. Es gibt heutzutage viele Sachen, die veröffentlicht werden, die früher nie eine Chance gehabt hätten, und von daher ist dies keine schöne Sache, denn man verliert den Überblick (die Szene leidet echt an einem Sub-Genre-Overload).

Auf der anderen Seite ist es ein Zeichen dafür, dass die Szene heute organisierter denn je ist. Über die Jahre hinweg haben es die Leute überall auf der Welt begriffen, und es ist faszinierend, wie organisiert und autonom das alles abläuft. Meinen eigenen Erfahrungen der letzten drei Jahre nach ist es schön zu sehen, dass die Szene noch freundlich ist, und das will man nie verlieren. Es gibt trotzdem weit weniger Vegetarier!

Achtest du bzw. die anderen auf die Geschehnisse, und seid ihr außerhalb der Band in der UK-Alternativszene aktiv involviert?

Ed: Achten darauf, was passiert? Ja, die meisten von uns besuchen ständig Konzerte, lesen Zines usw. Get involved? Ja, auch ein bisschen. James schreibt für viele verschiedene Zines, bis neulich war Rich ein Teil des „Rude To Stare“-Kollektivs, das viele Konzerte in London veranstaltete. Zac hat sein eigenes Ding am Laufen, Gig-Promotion, eine verrückte Web-Seite und ein Zine – alles unter dem Namen Crossfire. Ich fotografiere ab und zu sowohl bei Konzerten als auch für verschiedene Bands.

Du hast früher in Deutschland gelebt, Ed, wo war das und was hast du dort gemacht?

Ed: Ich habe zwischen 1971 und 1985 in Hamm, Westfalen gewohnt. Meine Eltern hatten an einer Armee-Schule gelehrt, und wir hätten in einem Haus mit den anderen Briten wohnen sollen, aber aufgrund Platzmangels wohnten wir in einer Wohnung in einem anderen Viertel der Stadt. Es gab keine anderen britischen Familien in der Nachbarschaft, und deswegen haben meine Schwester und ich mit den lokalen Kids rumgehangen und haben sehr schnell Deutsch gelernt. Das war auch die Zeit, als für die britischen Streitkräfte kein englisches TV ausgestrahlt wurde.

Wir sind mit Bonanza, Kojak, den Straßen von San Francisco, Starsky & Hutch, Happy Days usw. auf Deutsch aufgewachsen, was ziemlich komisch war. Huggy Bear auf Deutsch zu hören, war total lustig. Das war damals in den 70ern, wo es nur ein Paar Akteure gab, die alle Stimmen für die ganzen Shows gemacht haben. Ich liebte es, als ich Kind war, Sachen wie Tatort und Dalli Dalli anzuschauen. Die Mainzelmännchen waren auch toll. Früher konnte ich ziemlich flüssig reden und meine Aussprache war sehr gut, aber da ich kaum in Deutschland bin, ist es bergab gegangen, und wenn ich jetzt Deutsch rede, antworten die immer auf Englisch …. Echt peinlich! Also: Ja, ich kann die Sprache noch, aber brauche dringend einen Schulungskurs.

Paul: Hey, mein Stiefvater kommt aus Stuttgart, und deswegen ist Ed nicht der Einzige mit deutschen Connections. Mein Deutsch ist nicht so gut wie das von Ed, aber es ist weit besser als mein Gesang.

OK, vorletzte Frage – welche Projekte stehen bei K-LINE im Jahr 2004 an?

K-Line: Wir bringen eine Split-Ep mit unseren guten Freunden KILLEREST EXPRESSION raus. Pro Band zwei neue Songs, und die wird von Boss Tuneage und In At The Deep End Records veröffentlicht. KE haben ihre Lieder schon aufgenommen, und nachdem Zac Mitte Januar zurück aus dem Urlaub ist, werden wir auch fertig sein. Danach planen wir, eine Mini-Lp rauszubringen – vielleicht auf Newest Industry Records, das von unserem Freund Dave Monk betrieben wird. Noch kein Termin dafür.

Apropos Konzerte: Unsere großartigen Freunde The Unknown werden irgendwann im Mai hierher kommen, und wir werden zusammen einen Haufen Konzerte im UK und vielleicht Europa spielen.

Any other comments?

www.k-line.co.uk ist unsere Web-Adresse und der beste Weg, euch auf dem Laufenden zu halten. Es würde uns total freuen, 2004 für ein paar Shows nach Deutschland rüberzukommen. Wer helfen kann, melde sich. Danke für das Interview. Es ist schön, wieder im Trust zu sein!

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Interview: Tom Craven

 

 

 

[1] Volksgruppe ganz im süden Iraks, die „Marsh Arabs“ heissen. Die wohnten damals in einem Sumpfgebiet (engl: marsh), aber während Saddam’s Regime sind die von diesem Gebiet vertrieben worden.

Links (2014):

Blog von Ed Wenn inkl. K-Line Downloads
K-Line auf Discogs

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