Juni 14th, 2007

JUST WENT BLACK (#114, 10-2005)

Posted in interview by benni

Just Went Black aus Hamburg sind die derzeit beste deutsche HC-Band. Ihr eigener Mix aus Old School, New School und Emocore vermag mich seit mittlerweile drei Jahren zu begeistern. Sie sind eine der wenigen deutschen Bands, die schafft Hardcore zu spielen, der völlig unpeinlich wirkt und sich dabei nicht in altbekannte Schubladen pressen lässt. Eine straight nach vorne rockende Mischung aus Lifetime und Shai Hulud mit Punkattitüde.

Das Ganze unterlegt von persönlichen, hoffnungslosen Texten, wie sie gerade auch unter dem Label „darkemo“ gross geworden sind. Nach diversen Umbesetzungen und einer kurzzeitigen Auflösung, erschien im Jahre 2003 die erste Single auf Assault Records (Bremen). Seitdem ist einiges passiert, denn in diesen Tagen erscheint endlich das Debütalbum „Tides“.

Das Vinyl wird wieder bei Assault veröffentlicht, die CD Version dagegen bei niemand anderem als beim kalifornischem Label New Age Records. Das Label von dem Mitte der 90ern eine riesige Welle von legendären Bands wie Unbroken, Lifetime, Outspoken, Turning Point, Mouthpiece, Strife etc. ausging. Es war also an der Zeit mit den Jungs über ihre neue Platte zu sprechen.

Das Interview entstand an einem verregneten Augusttag. Wir trafen uns in der Wohnung von Sven, der während des gesamten Gesprächs im Bett lag und seine Grippe auskurierte. Just Went Black repräsentierten sich durch Arne (Bass), Noah (Schlagzeug) und Sven (Gesang). Ebenfalls anwesend war Phillip (Thoughts Fanzine) als Zuhörer, der auch 1-2 Fragen in den Raum warf.

***

Eure Neue Platte erscheint demnächst bei New Age / Assault. Da einige Leute sehr gespannt auf die neuen Aufnahmen sind, stellt sich die Frage, wie ihr die Veröffentlichung den Leuten beschreiben würdet, die bisher nur die Single kennen?

Arne: Das ist immer etwas schwierig. Hmn, der Hörer sollte sich auf jeden Fall auf einige Neuerungen gefasst machen. Auf dem Album sind sowohl Songs, die nicht so weit weg von der Single sind, aber auch einige die recht anders klingen. Allgemein kann man sicher sagen, dass die neueren Songs wesentlich rockiger und getragener sind. Svens Gesang hat sich auch stark weiterentwickelt, es gibt nun viel mehr Variation in der Stimme – was mir persönlich besonders gut gefällt. Ich denke ist es uns recht gut gelungen uns deutlich weiterzuentwickeln ohne unseren typischen Sound zu verlieren.

Eine gute Single zu veröffentlichen ist oft einfacher als ein ganzes Album, weil es da reicht vier gute Songs zusammenzutragen, die gleich klingen. Alben mit 10-12 Songs die gleich klingen langweilen dagegen schnell. Wie seit ihr damit umgegangen, dass auf eurem Album mehr Abwechslung her musste. Kam das von selbst oder habt ihr ganz speziell darauf hingearbeitet?

Arne: Die Abwechslung auf unserer Platte ist eher durch unseren Reifeprozess entstanden. Mit der Zeit haben wir einfach ein bisschen andere Sachen gemacht und dadurch klangen die Songs einfach anders. Die schnelleren Songs auf der Platte sind schon die älteren, die direkt nach der Single entstanden sind. Im Laufe der Zeit entwickelte sich das in verschiedene Richtungen und damit sind wir eigentlich alle recht glücklich. Und die Reihenfolge der Songs haben wir dann versucht so zu legen, dass es spannend und abwechslungsreich bleibt.

Einen Instrumentalsong in der Mitte der Platte hatte ich auch nicht unbedingt von Euch erwartet!

Sven: Es war im Studio so, dass wir rumgedaddelt haben. Ole unser Gitarrist hat irgendne Melodie gedaddelt, Noah ist darreingekommen und Arne hat `nen Bass druntergelegt. Als ich das gehört habe, bin ich aufgesprungen und habe gefragt „auf welchen Knopf muss ich drücken, damit die mich hören?“, habe auf den Knopf gedrückt und meinte zu Ole „Merk dir das! Merk dir das!“. [Gelächter] Ja, dann bin ich rübergerannt und habe gesagt, dass wir das auf jeden Fall aufnehmen müssen, weil es einfach nur cool klang. Es passte einfach zu 100 Prozent von der Stimmung. Das ist wohl echt Zufall gewesen, ein echter Glücksgriff.

Arne: Vorm Studio hatten wir den Song jedenfalls noch nicht. Also Ole vielleicht auf der Gitarre im Groben, aber wir nicht.

Noah: Das ist auch der einzige Song auf der Platte, der als first-take genommen wurde.

Arne: Ja, vom Schlagzeug zumindest. [Gelächter]

Sven: Das hat auch den Touch von grossen Rockproduktionen im Studio zu jammen. Normalerweise ist so ein Studio ja auch in Haiti und nicht in Oldenburg oder so.

Arne: Nächstes Mal gehen wir nach Mallorca. Ich habe gehört, dass es dort coole Studios geben soll.

Gibt es in Hamburg keine coolen Studios?

Sven: Doch, aber da ist das Wetter nicht gut.

Wie ist denn der Kontakt zwischen Euch und New Age überhaupt entstanden?

Arne: Wir haben zufällig zusammen mit A18 [die Band von Mike Hartsfield, dem Macher von New Age Records] ein Konzert in Husum gespielt. Da waren vielleicht 10 Zuschauer und dadurch dass es eben schlecht besucht war, haben sich die Bands gegenseitig gut kennengelernt. Wir sind in Kontakt geblieben und scheinbar war Mr. Hartsfield recht angetan von unserer Livedarbietung.

Sven: Er hat wohl an dem Abend kaum beurteilen können, wie unsere musikalischen Fähigkeiten sind. Man kennt das selber, wenn man zum ersten Mal eine Band sieht und nichts von denen kennt, dann kann man zwar im Nachhinein sagen, dass sie ganz gut waren. Aber was die nun wirklich gemacht haben und ob die das wirklich draufhatten… Auf einem Konzert bleibt eher der Gesamteindruck und die Energie hängen. Wir waren an dem Abend wohl gut drauf – trotz Publikum von zehn Leuten von denen zwei Nirvana-Shirts trugen. [Gelächter]

Und das hat ihm wohl gut gefallen. Generell versuchen wir natürlich immer unser bestes zu geben, egal wie viele Leute nun da sind. Es würde ja keinen Sinn machen ein scheiss Konzert zu spielen, wenn man sowieso schon durch halb Deutschland gefahren ist und nur zehn Leute da sind. Dann kann man am Ende wenigstens sagen, dass es Spass gemacht hat und sich gelohnt hat.

Eure Single ist ziemlich gut angekommen. Jetzt steht zusätzlich mit „New Age“ ein legendärer Name auf eurer neuen Platte. Inwiefern habt ihr als Band dadurch Druck verspürt den vielleicht hohen Erwartungen entsprechen zu müssen?

Sven: Man muss das schon realistisch sehen. New Age lebt im Jahre 2005 eher vom Ruhm der Vergangenheit und deshalb gab es da bei uns auch keinen hohen Druck in der Hinsicht. Klar es ist ein „ruhmreiches“ Label, aber es ist nicht so, dass da wie bei Victory eine riesige Maschinerie hintersteht, die gewisse Verkaufszahlen erwartet.

Arne: Das ist genauso ein Ein-Mann-Label, wie viele andere auch – nur eben mit einem ruhmreichen Namen. Musikalisch hätten wir so oder so versucht die bestmögliche Platte zu machen. Da macht das Label keinen Unterschied.

Sven: Das hohe musikalische Niveau ist ja auch nicht unbedingt auf jede New Age Band übertragbar. Da leben die Bands auch eher vom Ruhm der Vergangenheit. Ich möchte jetzt keine Namen nennen, aber bestimmte Bands sind dort sicherlich, um mein Lieblingswort zu verwenden, überbewertet.

Von den neueren oder von den älteren?

Sven: Von den älteren!

Arne: Also ich würde von den neueren sagen! Na ja, von den älteren vielleicht auch.

Also ich kenne von den neueren sonst keine!

Arne: Ja, davon bekommt man auch nicht soviel mit.

Sven: Die haben auch alle demnächst erst ihren Veröffentlichungstermin.

Noah: Das Label macht ja erst seit einem Jahr wieder was.

Arne: Wie sich der Status des Labels entwickelt wird sich wohl erst im Laufe der Zeit zeigen. Ob die Leute da immer noch ein besonderes Augenmerk drauf haben, weil die Platten von New Age kommen oder ob das mittlerweile ein Label wie jedes andere ist.

Sven: Die Veröffentlichungen sind jetzt sehr querbeet. Die neueren Sachen sind viel breiter gefächert und beruhen eher auf persönlichen Bekanntschaften als auf, dass es da um Verkaufszahlen ginge. Bei uns ist es ja auch so gelaufen, dass er uns spielen sehen hat und uns kennengelernt hat – nicht dass wir ihm ein Demo geschickt haben oder so.

Inwieweit glaubt ihr jetzt von dem grossen Namen zu profitieren? Glaubt ihr, dass ihr euch dadurch in Amerika einen Namen machen könnt (ohne gross zu touren)? Oder glaubt ihr, dass New Age heute noch grossen Einfluss in Europa hat?

Noah: Wir gehen auch nicht davon aus, dass wir uns jetzt in Amerika einen grossen Namen machen können. Wir hätten im September die Möglichkeit gehabt für ein paar Tage rüberzufliegen und auch auf dem New Age Fest zu spielen, aber es ist dann aus finanziellen Gründen gescheitert. Aber ich denke schon, dass wir uns damit einen ganz kleinen Namen in Amerika machen – und eigentlich reicht uns das auch schon.

Sven: Vor allem ist jetzt überhaupt erst mal die Möglichkeit geschaffen dort auch wahrgenommen zu werden. Ob der Vertrieb in den USA jetzt gut oder schlecht ist, ist generell erstmal egal. Generell wird aber jeder dort die Möglichkeit haben unsere CD zu kaufen und das ist auch schon was. Davon abgesehen ist es mir auch egal, ob nun jemand in Amerika unsere CD kauft oder nicht.

Wie ich das mitbekomme, scheint der Vertrieb schon gut zu sein und Mike scheint da auch sehr bemüht. Mein Eindruck bisher ist aber, dass mich viele Leute zur Platte fragen, ob wir denn schon wüssten, wo das Ding erscheinen wird. [Gelächter] Es ist nicht so, dass sich niemand mehr traut uns anzusprechen, weil die Platte bei New Age erscheint. Die meisten Leute haben das noch gar nicht mitbekommen, denn weder wir noch New Age machen da grossen Wind drum. Es ist einfach alles total entspannt.

Arne: Ich glaube auch nicht, dass es einen grossen Unterschied macht. Auf der LP wird auch nur „Assault“ stehen und nicht New Age.

Sven: Als ich das Artwork für die LP gemacht habe, war ich auch am überlegen, ob da auch „New Age“ mit drauf soll – aber warum? Assault gibt sich genauso viel Mühe, hat genauso viel Kosten und Arbeit damit. Da sehen wir es auch nicht ein, dass der „New Age“ Schriftzug darauf muss, nur damit der Name da auch steht.

Ist es also nicht so, dass Assault die LP von New Age lizenziert hat?

Sven: Das wird sicherlich so sein, wenn man das in 20 Jahren mal genau rechtlich untersucht. Aber aktuell ist das eine entspannte Sache. Zwischen den beiden Labels sind 3-4 Emails hin- und hergegangen und da existiert kein Vertrag oder ähnliches.

Also bringt Euch der Name New Age gar nichts?

Arne: Ein wenig mehr Aufmerksamkeit wird uns das schon bringen.

Sven: Aber dafür auch entsprechend höhere Erwartungen.

Wird man denn hier die CD auch problemlos kaufen können?

Arne: Wahrscheinlich bekommt man hier die LP besser.

Noah: Ich denke schon, dass sich Mike darum kümmern wird, dass die CDs auch nach Europa kommen.

Arne: Andere US-Releases bekommt man ja hier auch problemlos.

Sven: Wobei man klar sehen muss, dass noch kein aktuelles New Age Release hier angekommen ist. Es wird schon darauf hinauslaufen, dass wir uns auch darum kümmern müssen. Mike Hartsfield ist ja nun auch ein paar Tage aus dem Geschäft gewesen, deshalb werden wir ihm beim Vertrieb hier unterstützen müssen.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit denn jetzt? Könnte man nicht denken, dass ihr als kleine Band viel besser mit einem Label bedient wäret, was in eurer Nähe ist und nicht am anderen Ende der Welt? Ich könnte mir vorstellen, dass es leichter wäre Entscheidungen zwischen Band und Label abzusprechen.

Noah: Wir haben doch eins in Bremen.

Sven: Bedingt durch das Zeitalter und die technischen Möglichkeiten läuft die Zusammenarbeit problemlos.

Arne: Es macht halt keinen Unterschied, ob man die Email nach Bremen oder in die USA schickt.

Sven: Bisher hat alles gut geklappt und wir mussten nie lange auf Antworten warten. Da sind wir für die Zukunft sehr zuversichtlich. Natürlich ist es etwas anderes, als wenn man mit jemandem zusammenarbeitet, den man auch so kennt und alle zwei Wochen auf einem Konzert trifft. Aber bisher war es sehr angenehm. Beide Seiten zeigen sich interessiert und initiativ. Letztendlich entsteht daraus auch nur ein Produkt, welches dann verschickt wird.

Okay, jetzt lasst uns aber mal das New Age Thema abschliessen und zu euren Texten kommen, die ziemlich negativ und von Hoffnungslosigkeit geprägt sind. Sven, du schreibst alle Texte – inwieweit kommt es da zu einem Konflikt mit den anderen? Ich meine die Texte sind sehr persönlich, aber ihr müsst da als Band auch gemeinsam hinterstehen?!

Sven: Ja das ist schon richtig, es handelt sich ausschliesslich um persönliche Texte. Das Problem ist, dass die Songs gemeinsam als Band intoniert werden, aber letztendlich nur mit der Message vom Sänger versehen werden. Mit Message ist bei uns nichts in der Form „Mach das oder das!“ gemeint, sondern persönliche Erfahrungen, Aussagen und persönliches Verarbeiten von Sachen die passiert sind. Natürlich kennt die Texte bei uns jeder und bevor ein Text genommen wird, macht er auch seine Runde. Jeder liest ihn und es kommen auch oft Nachfragen, was es bedeuten soll, was es für einen Sinn hat oder was ich damit meine.

Oft bin ich dann auch etwas griesgrämig und habe auch keine Lust darüber zu reden. Ich finde es immer anstrengend, wenn andere Leute mich fragen „Was bedeutet denn das?“ oder „Was meinst du damit?“ – also auch bandintern. Ich kann nicht einfach so von Null auf Hundert jemandem, der auf mich zukommt meine ganze Erlebniswelt eröffnen und das mal eben erklären. Das will ich auch gar nicht. Keine Ahnung ob das egoistisch ist? Ist mir auch egal. Wenn jemand wirklich daran interessiert ist, wird sich das über kurz oder lang sicherlich ergeben, dass man sich darüber austauschen kann. Aber mal eben so erklären – da habe ich keine Lust drauf. Ich muss zugeben, dass es textlich eine Egoshow ist.

Noah: Ich denke aber, dass man sich mit den Texten auch leicht identifizieren kann. Jeder erlebt Tragödien im Alltag und deshalb kann sich sicher auch jeder Zuhörer ganz gut damit identifizieren. Das mag ich besonders an unseren Texten.

Sven: Ich denke auch, dass die Texte Spielraum lassen sich selbst einen Reim daraus zu bilden – einige mehr andere weniger. Eigentlich mag ich die bekannte Aussage von vielen Bands nicht, dass sich jeder seien Teil in ihre Texte hineininterpretieren soll, aber es ist in unserem Fall auch einfach so. Ich kenne schon einige Leute, denen die Texte, in welchem Zusammenhang auch immer, etwas bedeuten.

Die sie auf Konzerten mitsingen und auf ihre Art und Weise für sich verstehen. Und das ist völlig okay so. Ich könnte keine Texte schreiben in denen ich Leuten Anweisungen gebe, wie sie zu leben oder zu denken haben. Oder wo ich darüber schreibe, wie Leute tausende von Kilometern weg ihre Politik machen sollten. Das ist einfach nicht mein Ding. Wahrscheinlich würde das Bandintern für mehr Konflikte sorgen.

Sven, erkläre und doch am besten Mal die Bedeutung des Openers „Scars define me“. Das klingt ja nach einer harten Aussage?

Sven: Nö. [Pause] Ich habe es sowohl an mir selbst beobachtet und habe auch in den letzten drei Jahren sehr viel mit Menschen zu tun gehabt, die bereits mit Anfang bis Mitte 20 einen ziemlichen Knacks fürs Leben weghaben. Bestimmte Vorkommnisse familiärer oder körperlicher Art, etwas anderes in dieser Richtung, die sie ihr ganzes zukünftiges Leben beeinflussen werden. Dinge, die einem mit Anfang 20 so beeinflusst haben, dass man sie wohl auch nie wieder gerade gerückt werden.

Ich finde es immer wieder erschreckend, wenn man Menschen näher kennenlernt, was da teilweise hintersteht. Wenn man Menschen oberflächlich kennt so nach dem Motto „moin“, „hallo“ und „tsch&uumlss“, dann ist alles ganz gut und schön. Wenn man aber dahinterblickt, stellt man fest, dass bei jedem schon mal eine kleine oder grössere Tragödie im Leben passiert ist.

Es liegt auch überhaupt in niemands Ermessen zu beurteilen, wie klein oder wie gross diese Tragödie ist, aber irgendwie hat jeder etwas, was ihn in seinem Leben beeinflusst. Was ihn vielleicht beziehungsunfähig macht, was ihn unfähig macht ein entspanntes Leben zu führen. Oder was ich vor allem bei vielen Frauen bemerkt habe, dass sie kein entspanntes Verhältnis mehr zum Thema Ernährung haben.

Diese Dinge habe ich bei sehr vielen Menschen beobachtet und möchte sie damit ausdrücken. Narben sind die Erfahrungen, die man gemacht hat und die Erlebnisse definieren einfach bestimmte Menschen – eigentlich fast jeden Menschen. Jeder Mensch, den ich bisher näher kennengelernt habe, hat irgendetwas was er mit sich herumträgt. Und das ist bei mir sicherlich auch so. Und das ist der passende erste Song für unsere Platte, weil sich das durch alle Songs zieht. Textlich lässt sich alles darauf zurückführen.

Eure Inhalte wirken aber auch nicht so als wären sie aus einer momentanen Stimmung entstanden, sondern wirken eher nach einer dauerhaften Stimmung. Ihr als Personen wirkt aber im Gegensatz zu euren Texten immer recht positiv!?

Sven: Das ist halt genau das, was ich gesagt habe. Wir beide kennen uns halt nicht näher. Wenn wir uns über bestimmte Sachen austauschen würden, würdest du sicher ganz andere Sachen feststellen. Das ist bei allen Menschen so. Klar, ich finde es auch immer ein bisschen komisch, wenn wir auf ein Konzert kommen, auf dem wir spielen und da rumblödeln, aus dem Auto rausschreien, rumalbern oder uns über die Autobahnraststätten jagen.

Nur muss ja auch niemand Konstanten nach aussen tragen, was er fühlt, was er denkt und wie er drauf ist. Das muss sich einfach unter bestimmten Bedingungen ergeben. Wenn man das einfach so nach aussen trägt, wirkt es halt aufgesetzt. Das ist szeneintern ja auch zu beobachten, das nimmt ja auch niemand mehr ernst. [Gelächter]

Aber ist dir das dann nicht zu persönlich, dich auf die Bühne zu stellen und diese Texte von dir zu geben? Das könnte doch bei vielen Leuten auch in den falschen Händen sein? Vielleicht insbesondere, weil es zu einem Trend geworden ist depressiv zu sein? Oder Bands gut zu finden, die depressive Texte haben?

Sven: Also es ist schon richtig, dass dieser Trend da ist. Er ist mittlerweile am abflachen, aber er ist wohl nicht zu ignorieren. Aber ich muss an dieser Stelle auch wieder sagen, dass Auftritte schon ein bisschen eine Egoshow für mich sind. In dem Moment, in dem wir anfangen zu spielen und ich die Sachen vortrage, ist schon so eine Art Mantel um mich herum. Ich bekomme viele Dinge dann nicht mehr mit, die dahinter passieren. Ich nehme die Band nicht mehr unbedingt wahr und ich nehme das Publikum nicht wirklich wahr. Es hört sich jetzt vielleicht sehr tragisch und pathetisch an, aber im Grunde genommen durchlebe ich die Sachen, die ich singe, in dem Moment nochmal.

Wenn wir spielen, denke ich an die Sachen. Jeder einzelne Text beruht auf bestimmten Situationen oder Erlebnissen und da kapsle ich mich schon von der Aussenwelt ab. In dem Moment mache ich mir keine Gedanken darüber, was andere Leute dabei fühlen oder denken. Hmn… es ist schwierig das darzustellen. Ich bin natürlich der letzte, der dafür verantwortlich sein möchte, dass Leute wegen mir depressiv werden. [Gelächter] Ich denke aber auch nicht, dass das passiert.

Es ist ja auch eher die Frage, ob sie wirklich depressiv werden oder ob sie glauben, dass es cool ist sich nach aussen als depressiv darzustellen?

Sven: Da gibt es sicherlich auch eine Menge von und ich kenne auch Leute, auf die das vielleicht zutrifft. Diese Leute werden aber spätestens, wenn sie mit mir reden, feststellen dass es ganz entspannt ist. Dass dieses Depressive nicht aufgesetzt ist und dass man das aber auch nicht zusammen ausleben muss, sondern dass man sich auf einer ganz anderen Basis austauschen kann. Aber ich habe auch nicht das Gefühl, dass Leute auf mich zukommen und mit mir ihr depressives Dasein ausleben wollen.

Inwieweit ist es euch denn wichtig Musik mit negativen Inhalten zu spielen?

[Zögern]

Sven: Ich kann da ja nur für mich sprechen, aber ich kann mir nichts anderes vorstellen. Was mir spontan anderes einfällt, wäre Musik mit fröhlichen Texten zu machen. Das widerspricht aber völlig meiner Natur. Das klingt auch wieder klischeehaft, aber ein Leben mit positiver Grundauffassung und positiver Grundstimmung zu führen – das bin ich nicht. Also das war noch nie so und wird auch nie so sein. Deshalb steht das für mich, textlich zumindest, völlig ausser Frage. Eine andere Möglichkeit wäre Musik zu machen mit textlichen Aussagen über Gesellschaft und Politik. Gesellschaft wäre sicherlich möglich, weil da ja auch viele persönliche Sachen mit reinspielen. Aber das ist auch nicht meins.

Und über Politik möchte ich sowieso nicht singen. Aber was heisst schon „wichtig“? Für mich ist es einfach so gegeben und völlig normal, ich habe nie darüber nachgedacht etwas anderes zu machen.

Noah: Also bei mir ist das so, dass wenn ich mich hinters Schlagzeug setzte, sowohl im Proberaum als auch live, dass ich meine Sorgen und meinen Frust hineinstecke und so noch mehr Power und Kraft habe, die ich in die Musik stecken kann. Ich kann mir einfach nicht vorstellen auf das Schlagzeug einzuprügeln und dabei an etwas fröhliches zu denken.

Sven: Ja, so ist das bei mir auch. Es geht darum die Aussage zu transportieren und es widerspricht sich bei mir einfach. Ich kann meine Energie nicht in etwas hereinstecken, was die Aussage hat, dass alles toll ist oder gut wird.

Ihr erhaltet ja als Band auch positives Feedback indem ihr z.B. bei Konzerten abgefeiert werdet oder eure Songs gelobt werden. Ist es nicht ein Widerspruch derart negative Inhalte zu feiern, schliesslich ist das Wort feiern positiv behaftet? Vielleicht wird es deutlicher, wenn ich einen Vergleich zu American Nightmare aufzeige, weil es dort viel offensichtlicher war. Die Inhalte werden ja schon in gewisser Weise verherrlich, wenn die Band „this is the soundtrack for saying goodbye“ singt und alle dazu mitschreien und abgehen – also „feiern“? Bei euch ist es doch ähnlich – nur eben nicht ganz so ausgeprägt.

Sven: Also was du jetzt als Feiern bezeichnest, ist ja nichts anderes als seine eigene Gefühlswelt auf die gerade spielende Band zu projizieren. Abfeiern klingt jetzt nach Konfetti und Partynasen, was ich in der Vergangenheit nur selten erlebt habe. Ich denke einfach, dass bestimmte Bands Textzeilen haben, die einfach (wie auch immer man das auslegen will) den eigenen Nerv vollkommen treffen. Dann gibt es diese Konzertatmosphäre, es ist warm, jeder ist am schwitzen, es ist dich gedrängt, die Energie ist im Raum und die Leute warten auf bestimmte Songs oder Aussagen. Da ist es einfach normal, dass man sich auf so was freut und dass man es abfeiert.

So wird das bei uns auch sein. In manchen unserer Aussagen, vor allem in den plakativen können sich bestimmte Leute sehr stark wiederfinden. Diese Leute warten auf bestimmte Aussgen und können sich dann im Rahmen eines Konzertes sehr gut damit identifizieren. Ganz besonders, wenn uns die Leute auch noch persönlich kennen und wir ein positives Ansehen bei ihnen geniessen. Ich sehe das jedenfalls nicht als Ausschluss negative Texte zu haben und das „abzufeiern“.

Okay, genug zu den Texten. Ist es eigentlich ein Vor- oder ein Nachteil, als Band aus Hamburg zu kommen?

Noah: Wir kommen ja nicht alle aus Hamburg. [Gelächter]

Sven: Sagen wir es wäre von Vorteil, wenn alle Bandmitglieder aus Hamburg kämen. Das wäre sowohl ein logistischer als auch ein kostenmässiger Vorteil.

Dann könntet ihr ja auch alle aus Bremen kommen!

Sven: Das würde aber auch bedeuten, dass die Leute, die in der schönsten Stadt Deutschlands wohnen aus Bremen kommen würden. Damit kann ich mich nicht anfreunden. Aber was soll uns Hamburg bringen?

Es kamen ja schon überdurchschnittlich viele legendäre Bands aus Hamburg. Die beiden besten deutschen Bands in den Neunzigern kamen auch aus Hamburg.

Arne: Loxiran und?

Die meinte ich nicht.

[Gelächter]

Sven: Lebensreform?

Ich dachte an Dackelblut und But Alive!

Arne: Ach so. Wir sind beim Punk. [Gelächter]

Sven: Also ich habe schon bei diversen Konzerten versucht uns als Dackelblut aus Hamburg anzukündigen. Das hat aber erstens die Hälfte der Band nicht verstanden – rein akustisch natürlich nur [Gelächter] und zweitens das Publikum sowieso nicht. Ich habe kurzzeitig versucht mit dem Ruhm zu kokettieren, aber das hat nicht funktioniert. Letztendlich ist das genau wie das New Age Ding. Warum sollte ich, weil ich aus der gleichen Stadt komme, wie ein Mensch der einen Rotbarsch auf den Arm tätowiert hat, grösseren Ruhm erlangen? [Gelächter]

Ihr habt euch einen recht eigenen Stil kreiert. Also ihr spielt ganz klar Hardcore, aber es lässt sich nicht richtig einordnen, ob nun Old School, New School, Emo etc. Inwieweit habt ihr Probleme als Band angenommen zu werden, weil ihr euch in keine klare Schublade einordnet?

Sven: Da gibt es eine sehr schöne Feststellung, die wir im Laufe der (hüstel) Jahre gemacht haben. Eigentlich kommt es immer darauf an, in welchem Kontext wir beim Konzert gestellt werden. Wenn wir mit Old School Bands zusammenspielen, kommen nach dem Konzert Leute zu uns an, die uns erzählen „Ihr wart so cool, geile Old School Band…“. Wenn wir mit Moshbands zusammen spielen, dann picken sich die Leute unsere 2-3 Moshparts raus und für die geht es dann vollkommen okay, weil es für sie gegeben ist, dass wir eine Moshband sind. Wenn wir mit einer melodiösen Metalcoreband spielen, dann suchen sie sich unsere 2-3 Shai-Hulud-mässigen Melodien raus.

Jeder scheint sich das rauszupicken, worauf er an dem Abend gerade vorbereitet ist. Das bedeutet für uns als Band einerseits, dass wir halt alles und nichts sind, andererseits aber auch, dass wir mit jeder Band zusammen spielen können. Das finde ich persönlich sehr angenehm. Ich meine mit was für Bands haben wir nicht schon alles gespielt? Ich hatte nie das Gefühl, dass wir nicht reinpassten. Was aber natürlich auch daran liegt, dass die Mitglieder von uns sehr unterschiedlich sind. Was für ein Leben sie führen, in welcher „Szene“ sie sich bewegen oder welche Musik sie hören. Deshalb finden wir überall irgendwie einen Anschlusspunkt. Musikalisch ist das genauso.

Glaubt ihr nicht, dass es irgendwann man schwieriger wird, dass ihr keinen so eindeutigen Stil habt? Ich kann mich beispielsweise an ein HC-Festival in Ibbenbüren erinnern, bei dem manche klassische Old School HC-Bands mit klarem Stil unendlich und ziemlich übertrieben abgefeiert wurden. Ihr dagegen wurdet von der anwesenden Old School HC Crew…

Sven: Sagen wir es frei heraus: ausgelacht!

Das weiss ich nicht, jedenfalls gab es keine stürmende Begeisterung!

Sven: Also ein Konzert in einem solchem Rahmen werden wir in Zukunft sicher nicht wieder spielen. Wenn wir von vornherein wissen, dass ein Konzert nur darauf ausgelegt ist bestimmten Bands eine Plattform zu bieten um sich feiern zu lassen. Wo Zuschauern die Plattform geboten wird bestimmte Bands zu feiern und sich mit entsprechenden limitierten Platten einzudecken, werden wir nicht wieder spielen. Im Nachhinein ist uns auch klar, dass es einfach nicht funktionieren konnte. Wir haben uns auf dem Konzert über die Leute gefreut, die uns sehen wollten und wir haben uns für sie bemüht wie immer alles zu geben. Wer uns sehen wollte, hatte bestimmt auch seinen Spass, doch generell war es eher schwach für uns, weil das Festival einfach nicht zu uns passte. Es fehlte eine musikalische Bandbreite.

Okay, da ihr nicht in das typische Schema der deutschen Bands passt, die sich sich einem klaren Stil verschrieben haben, der gerade angesagt ist und die sich auflösen sobald der Trend vorüber ist, kann man davon ausgehen, dass wir in der Zukunft noch mehr von euch zu erwarten haben?

Noah: Also einige von uns hoffen das, anderen dagegen scheint es fast egal zu sein. Ich denke schon, dass wir es zumindest versuchen werden es noch so lange wie möglich hinzuziehen – solange es persönlich noch geht. Hin und wieder gibt es ja auch mal Auseinandersetzungen. Spätestens im Januar hat jeder von uns sein Studium abgeschlossen und wird sich einen Job suchen. Wir müssen sehen, ob das im Norden klappt oder nicht.

Sven: Also es ist nicht so, dass wir uns selbst jetzt den trendlosen Fels in der Brandung sehen. Aber es ist so, dass wir seit fast vier Jahren ungefähr das gleiche machen und klar orientieren wir uns auch an gewissen Trends. Das wirkt sich aber eher auf periphere Sachen aus, wie zum Beispiel Merchartikel oder Plattengestaltung. Aber von dem, was wir denken oder fühlen hat sich in den letzten vier Jahren nichts geändert.

Und die Amerikatour?

Arne: Wenn sich die Möglichkeit noch bietet dann sicher gern.

Sven: Da ginge es uns aber eher um den Urlaubsaspekt, als dass wir uns versprechen da den grossen Ruf zu bekommen. Im Oktober gehen wir endlich zwei Wochen auf Tour nach Frankreich, Spanien und Portugal. Das ist für uns ein Erfolg, der mich persönlich ganz schön kickt. Man kann nicht weiter planen als ein halbes Jahr. Insbesondere, weil einige von uns ihr Studium beenden werden und sich um einen Job kümmern müssen.

Letzte Worte?

Arne: Ich freue mich auf die Platte und bin gespannt, was die Leute sagen.

Sven: Ich bin auch gespannt und habe auch einen ganz schönen Bammel, weil ich überhaupt keine Vorstellung habe, wie die Leute das annehmen werden. Es kann ja sein, dass die Leute uns in der Luft zerreissen. Andererseits habe ich natürlich auch Erwartungen. Worauf es mir aber ankommt, ist dass es live weiterhin hinhaut und wir damit zufrieden sind. Die Platte ist fertig und da kann jetzt nichts mehr geändert werden.

Noah: Wenn die Platte gar nicht angenommen wird, ist es vielleicht auch so, dass wir nicht mehr die Kraft aufbringen wollen uns in den Proberaum zu setzen, um die Sache weiterlaufen zu lassen. Musikmachen werden wir sicher alle noch länger – ich hoffe natürlich auch zusammen.

Arne: Aber das hängt halt eher davon ab, ob wir dann zu weit auseinander wohnen, nicht dass einer keine Zeit oder Lust mehr hat.

Okay, ich danke für das Interview!

Arne: Wir danken auch.

Interview & Einleitung: Benjamin Schlüter

***

Kontakt / weitere Infos:
www.justwentblack.com
ww.myspace.com/justwentblack
www.newagerecords.com
www.assaultrecords.com

 

Links (2015):
Homepage
Discogs

You can leave a comment, or trackback from your own site. RSS 2.0

Leave a comment

You must be logged in to post a comment.