August 22nd, 2017

JON SAVAGE (# 89, 08-2001)

Posted in interview by Jan

JON SAVAGE: Weiterträumen.

Von damals, von morgen. Damals ist bei Jon Savage der Zeitraum zwischen 1975 und 1979: Eine Zeit, in der sich England im konservativen Saft gar kochte und die Sex Pistols ihr kurzes und heftiges Leben als best hated band absol­vierten. Savage, lange Jahre Musikjournalist beim New Musical Express sowie Autor und Herausgeber illustrer Bücher (von der Kinks-Biografie bis hin zur Geschichte des Rave), war mitten drin. Oder besser: stand direkt daneben. Selbst war er nie Punk, eher interessierter Sympa­thisant. Aber das Geschehen um die Pistols und ihre Corona lieferte ihm Antworten auf seine Postgraduierten-Depression und katapultierte ihn hinein ins radikale Musik­geschehen. Mit dem minutiös recherchierten Buch „England’s Dreaming: Anarchy, Sex Pistols, Punk Rock and Beyond“ sagte er dann auch 1992 brav danke schön für diese prallen Jahre.

Dabei lieferte er Tonnen von Informationen, manche spannend, vieles mühsam, alles wasser­dicht. Und ging weniger extravagant zu Werke als Greil Marcus. Dessen Buch zum Thema – „Lipstick Traces – A Secret History Of The Twentieth Century“ (1990) – war eine Ochsen­tour vom Mittelalter über DaDa bis zu Johnny Rotten und erzählte die Goldene Legende der ewigen Revolte.

Erst 2001 ist Savages Buch über die Pistols, über Szene, Sex, Drugs and Rock’n’Roll auf deutsch erschienen. Erstaunlich spät (wer sich dafür interessierte, hat es sich sowieso auf englisch reingetan), aber besser als nie.

Jon, warum diese Verzögerung?

Um ehrlich zu sein: keine Ahnung. Der einzige Grund, der mir einfiele, ist, dass es ein sehr dickes Buch ist. Das war jedenfalls die Er­klärung, die mir gegeben wurde, als ich damals versuchte, das Buch durch meinen Agenten in Deutschland anzubieten. Vielleicht stehen die Zeichen für Punk in Deutschland heute besser. Oder aber: Es brauchte halt nur einen Verleger, der es genug mochte, um es hier herauszu­bringen.

Ich glaube eher letzteres… denn so toll sind die Zeiten nicht für Punk im arrivieren Deutschland. Vielleicht liegt es auch daran, dass der veröffentliche Diskurs über Pop­kultur boomt, und die Rezeption solcher The­men wahrscheinlicher geworden ist…

Vielleicht, ja. Als es ursprünglich herauskam, war einer der Haupteinwände gegen das Buch tatsächlich seine Popthematik, und es war eines der ersten, die sich überhaupt mit so etwas befassten. Gut, es gab die Bücher von Greil Marcus, „Mystery Train“ zum Beispiel, das ich sehr mag, aber sonst? Dann die Bücher über Soul, „Sweet Soul Music“, ein sehr gutes Buch. Während der letzten zehn Jahre sind so viele Bücher erschienen, die sich ernsthaft mit Pop­kultur auseinandersetzen und sie als Thema wahrnehmen. Mir wurde damals von der engli­schen Kritik vorgeworfen, wie ich einen solchen Bereich überhaupt ernst nehmen könne. Heute, mit Medienkultur, Postmoderne und dem Technobereich sind die Vorzeichen besser.

Im aktualisierten Vorwort der deutschen Ausgabe stellst du Punk in einen zeitgenössischen Kontext, indem du ihn mit den Protesten der Globalisierungsgegner in Seattle und London verbindest. Punk hat immer noch etwas zu sagen, ist als Antwort auf gestellte und ungestellte Fragen nach wie vor relevant und ein lebendiges Vermächtnis… als Tradition des Widerspruchs.

Sehr nett von dir, das zu sagen. Diesen Schluss habe ich mir natürlich erhofft. Was ich damit sagen wollte, ist, dass Punk als Stil, als Mode, als Musik heute zwar Geschichte ist, aber als Archetype einer bestimmten Art von Rebellion, Bewusstsein und Politik weiterwirkt. Als Bewe­gung ist Punk in die anarchistische Tradition eingegangen, als Gegenöffentlichkeit und Jugend­kultur des 20. Jahrhunderts, wie Dada, die Hippies oder auch Techno. Somit ist er noch auf der Landkarte zu finden, ist aber auch schon Geschichte. In den Protesten der Globalisierungs­gegner habe ich etwas von diesem Punk-Geist wiedergefunden.

Siehst du eine andere, zeitgenössische Bewe­gung oder Jugendkultur, die ähnliche Rele­vanz erlangen könnte?

Konkret: nein, ich sehe da keine Nachfolger. Das liegt zum Teil daran, dass ich während der letzten beiden Jahre ein sehr abgeschottetes Leben geführt habe (und das wohl auch noch eine Zeit lang tun werde), da ich momentan an einem umfangreichen Buch arbeite und selten meine Wohnung und meinen Schreibtisch verlasse… Also bin ich nicht unbedingt der geeignetste Ansprechpartner. So oder so: Nein, ich erkenne zur Zeit keine weitere Jugend­kultur, die Intelligenz mit Aggression, Gefühl und Leidenschaft verbindet. Punk war ein großartiger Synthesizer, und Punkmusik war die große Synthese. House und Techno waren 1986, 1987 noch sehr emotionelle Musikformen, nicht das tsk-tsk-tsk, der Presslufthammer. Ich denke, Emotion in der Musik ist unglaublich wichtig: Wenn der Stil als solcher auch schon passé ist, werden die Leute trotzdem noch gerne zu dem Gefühl zurückkehren. Meine gesamte Arbeit ist davon gekennzeichnet: Zuerst kommt das Gefühl, später tritt der Intellekt dazu.

Hatte Techno nicht eine ähnlich demokratisie­rende Wirkung wie die berühmten drei Akkorde im Punk? Die Schwelle zum eigenen Musikmachen ist gesunken; ein erschwinglicher Computer oder „This is a chord… now form a band!“ haben potentielle MusikerInnen befreit. Auch wenn Techno autistischer anmutet und noch schneller ver­marktbares Produkt geworden ist.

Ja. Ich erinnere mich gerne an eine meiner frühen Lieblingsplatten aus der House-Szene, nämlich „Mystery Of Love“: Sehr verträumt, beruhigend, psychedelisch, aber auch irgendwie seltsam, damals für ein Chicagoer Label namens Trax Records produziert. Es gibt eine ganze Reihe wunderbarer früher House- und Techno­stücke, wie etwa „Freedom“ von The Children: Ein Song für Schwulenrechte, ein schwuler politischer Rap über einem Housebeat. Es gibt andere schöne Beispiele, etwa Cybertron, für die ich einen Booklettext verfasst habe. Die waren eine Gruppe aus Detroit, mit Juan Atkins und einem Vietnamveteranen, der sich 3070 nannte. Von ihnen stammt die erste Technoplatte, „Techno City“, 1984 bei einem unabhängigen Label erschienen. Da saßen diese beiden Perso­nen in ihrem Schlafzimmer in Detroit, kannten niemanden, befanden sich außerhalb jeder Szene und machten eine fantastische Platte. Ja, in dieser Hinsicht ist Techno unglaublich befrei­end gewesen. Aber es ist ihm wie jedem an­deren Jugendstil ergangen: Sobald er Ver­breitung findet, vermarktet und konsumierbar gemacht wird, wird er schal und passé, und dann gilt es, etwas neues zu finden. Und das einzige neue, das ich in einer langen Zeit ge­sehen habe, waren die Antiglobalisierungs-Demonstrationen. Ansonsten? Nicht viel frisches oder originelles, so schade das auch ist. Ich weiß, wonach ich Ausschau halten müsste, aber ich sehe nicht viele, die modern sind und dabei gleichzeitig eine gute Figur abgeben. Es ist 2001, und die Leute sehen nach 1990, nach 1977 oder sogar nach 1950 aus – jeder lebt in der Vergangenheit. Das 21. Jahrhundert hat noch gar nicht begonnen.

Vermisst du die ursprüngliche Dimension ausdrücklich politischen Denkens und Handelns im Punk? Mir jedenfalls ist dieses Manko beim Lesen der deutschen Ausgabe von „England’s Dreaming“ mal wieder auf­gefallen…

Ich habe das Buch nicht geschrieben, um zu belehren. Ich habe es geschrieben, weil es eine gute Erzählung, eine Story ist: Ohne Story hast du nichts in der Hand. Und niemand lässt sich gerne Lektionen erteilen, das wäre wie in der Schule. Alles, was auch nur ein bisschen nach Schule riecht, wird die Apfelwein trinkenden 16-Jährigen, die in der Fußgängerzone ab­hängen bestimmt nicht ansprechen. Und auch sonst nicht viele. Wenn das Buch Inhalte ver­mitteln kann, dann ist das großartig, aber ent­scheidend für mich war, die Geschichte dieses Dramas zu erzählen, dieses Traum-Dramas. So sehe ich Punk in England heute, als ein fantasti­sches traumhaft erlebtes Drama, sehr theatra­lisch: Das Theater des Lebens, das Theater einer Subkultur. Wie auf der Bühne: Es spielt sich ab, um zu enden. Genau wie die Geschichte der Sex Pistols. Mit deren Ende endet auch mein Buch; genau da wollte ich es kappen, anstatt die weitere Entwicklung aufzuzeigen. In der Disko­graphie im Anhang sind ein paar Verweise auf später, aber der Hauptteil des Buches endet mit dem Auseinanderbrechen der Sex Pistols 1979. Jemand anders mag die Geschichte ab da weiter­spinnen; mir ging es konkret um die Zeit von 1975-1979 und die sozialen Aspekte Groß­britanniens in diesem Abschnitt. Natürlich hat sich Großbritannien seither stark verändert; wir sind Mrs. Thatcher los…

Auch wenn Tony Blair als durchwachsener Segen wahrgenommen wird…

Nun, schau. Ich unterstütze die momentane Regierung immer noch, habe aber meine Ein­wände. Erstens, sie sind rechter, als sie unbe­dingt sein müssten, und zweitens, sie haben keine wirksame Opposition. Die Konservativen sind ein Witz. Das Problem ist, wann immer die Opposition schwach ist, hassen alle die Regie­rung, weil sie niemand für dich hasst. Insofern ist es ein schlechter Zeitpunkt für diese Regie­rung. Aber eine simple Tatsache bleibt bestehen: Nach 19 Jahren konservativer Regierung war ich sowas von froh, dass Labour an die Macht kam! Allein schon deshalb bin ich für die jetzige Regierung. Ich erinnere mich noch zu gut, wie schlimm es vorher war.

Ist in Deutschland nach 16 Jahren Kohl & Co. ja durchaus ähnlich; eine gangbare Alternative gibt es zur Zeit hier auch nicht. Ich entsinne mich, dass Malcolm McLaren zur Wahl von Gerhard Schröder sagte: „Glückwunsch, jetzt habt ihr auch einen Karaoke-Kanzler!“

(lacht) Well. Malcolm hat ein gutes Auge für Bonmots, für One-Liner. Ich mag Malcolm; nicht, dass ich ihn oft sähe, aber ich mag und respektiere ihn. Überhaupt hege ich großen Respekt vor allen, die in dieser Geschichte eine Rolle gespielt haben.

Welches Feedback hast du von  McLaren und den anderen bekommen?

Ich habe von allen Feedback bekommen. Alle waren von der Wirkung des Buches beein­druckt. Nach meinem Buch erschien das von Johnny Rotten, und dass meines zuerst kam, hat seiner Veröffentlichung sehr geholfen. Auch wenn er in der Öffentlichkeit ziemlich rüde mit meinem Buch umgegangen ist, war er mir gegenüber sehr höflich. Wäre er es nicht ge­wesen, hätte ich ihm Bescheid gesteckt, dass er ohne mein Buch keine solche Aufmerksamkeit bekommen hätte. Und die anderen Sex Pistols wissen, dass ihnen mein Buch Vorteile gebracht hat. Ich will nicht sagen, dass ich es geschrieben habe, um ihnen zu helfen, aber wie gesagt: Ich hege noch immer Hochachtung vor den Figuren dieses Buches.

Der letzte Sex Pistol, mit dem ich gesprochen habe, war Paul Cook, vor circa acht Monaten, als ich ihm von der Neuausgabe des Buches erzählte. Paul Cook und Glen Matlock habe ich auch neulich bei einem Blondie-Konzert ge­troffen, vor etwa 18 Monaten. Johnny Rotten habe ich das letzte Mal vor 7 oder 8 Jahren gesprochen. Ich meine, diese Leute waren nie­mals meine Freunde – ich bin kein Musik­journalist der Sorte, die sich mit Bands an­freundet. Aber „England’s Dreaming“ war nun mal erfolgreich und ist dadurch Teil des Sex Pistols-Geschäfts geworden. Somit haben wir vernünftige Beziehungen zu einander, aber ich muss ihnen auch nicht besonders nah sein. Ich bin nicht die Art von Schriftsteller, die über etwas schreibt, um ein teil davon zu werden. Ich bevorzuge die Distanz, die man sich als Autor nehmen kann.

Wie denkst du über die Sex Pistols-Reunion?

Dazu äußere ich mich im zweiten Anhang des Buches. Ich sah mir das erste ihrer Reunion-Konzerte in London, in Finsbury Park an. Ich bin mit meinem Freund Paul hingegangen, der für die BBC Arena eine Dokumentation über Punk und die Sex Pistols gedreht hat. Da stan­den wir also, beide 40-something, ziemlich schick gekleidet. Als sie auf die Bühne kamen, benahmen sie sich wie eine Teenager-Popband, stürmten die Aufbauten, rissen Banner runter, so richtig „The Filth & The Fury“-mäßig. Es war das reinste Vaudeville-Theater, und ich fand’s klasse! Ich hielt es für lustig. Sie begannen das Set mit „Bodies“, und die ganze Halle flippte aus. Um uns rum fingen alle mit Pogo an, Paul und ich auch, und wir mussten hysterisch lachen, weil es einfach zu lustig war. Das alles war zwar Schmierentheater, aber es erfüllte ein emotionales Bedürfnis, ganz einfach. Als die Sex Pistols wirklich erfolgreich waren und 1977 einen Nr.1-Hit hatten, war das unmöglich, weil sie überall Auftrittsverbote hatten, unter Zensur standen und sie von allen gehasst wurden. 1977 durften sie in keiner der großen Hallen spielen, und so konnten sie keine Rockstars werden. Für mich war mit den Reunion-Konzerten der Kreis geschlossen, damit war die Sache dann wirklich zu Ende: Gute Nacht.

Mal abgesehen davon, dass ich mir jederzeit eher ein Sex Pistols-Reunion-Konzert ansehen würde, als zu einer der nachgeborenen kommer­ziellen Bands der 7. und 8. Generation zu gehen...

Dazu kommt noch, dass die Sex Pistols meiner Meinung nach wirklich gute Musiker sind. Paul Cook ist ein wirklich guter Rockschlagzeuger, Steve Jones ist ein grandiose Rockgitarrist. Es gibt so viele Gitarristen im Rock, die wie Jones klingen und diesen Wall Of Sound schaffen möchten! Glen Matlock ist ein sehr guter Bassist, und Johnny Rotten ist als Sänger und Bühnenpersönlichkeit beeindruckend. Sie wa­ren einfach eine gute Gruppe! Natürlich war ihre Bedeutung 1977 eingeschränkt; ihnen fehlten einfach die Mittel, also ging das gar nicht. Die Leute machen sich da heute was vor. Und ich habe auch kein Problem damit, wenn Musiker Geld verdienen wollen – normaler­weise werden sie nämlich über den Tisch ge­zogen.

Weil sie sich nicht um den Business-Teil kümmern und „einfach nur Musik machen“ wollen… Dabei werden sie zu „content pro­viders“ reduziert…

Das ist verheerend, weil sie diejenigen sind, die die Arbeit verrichten! Also ist das ein typischer Fall von kapitalistischer Entfremdung.

Du hast als Musikjournalist diese und andere Szenen begleitet… ist über Musik schreiben nicht eine seltsame Beschäftigung? Man ver­sucht dabei, etwas eigentlich unfassbares und ganz unmittelbar körperlich erlebtes zu be­schreiben. Ein so direktes und emotionelles Musik-Erleben in Worte zu fassen, bedeutet auch immer, sich selbst rauszuhängen. Hast du damit je Probleme gehabt?

Gute Frage. Ja, das ist ein Problem. Was ich überhaupt nicht gut finde, ist ein offensichtlich autobiographischer Musikjournalismus. Auch wenn „England’s Dreaming“ in gewisser Weise eine Autobiographie ist, erzählt auf die Art, die mir die liebste ist, indem sie die Geschichte anderer Leute schreibt. Für Musikjournalisten kann Schreiben langweilig sein, weil sich die Leser für die Künstler und nicht für den Autor interessieren. Und jeder hat ein Ego. Auch wenn so wenige Egos interessant sind. Als Musik­journalist heute brauchst du bloß darauf achten, dass dein Zeug Sinn ergibt und etwas taugt, dass es was bedeutet und sich historisch ein­ordnen lässt, zack-zack, eigentlich einfach. Damals war es schwieriger, weil man sich persönlich wirklich rausgelehnt hat. Ich bin häufig für meine Texte angegriffen worden, was mich nur noch hartnäckiger gemacht hat. Ich denke, das wichtigste bei einem Musikjournalis­ten ist, dass er Musik LIEBT, und deswegen habe ich damit angefangen. Wegen der ent­haltenen Gefühle, und weil es eine wundervolle Kunstform ist. Sie verbindet so viele Dinge, so viele Ideen. Punkrock bringt Vorstellungen von Mode, Geschlecht, Sex und so fort zusammen, und daraus sind einfach tolle Platten ent­standen, zu denen man herumhüpfen und Spaß haben kann. Ich sah damals unglaublich gute Konzerte, magische Momente und gutes Theater, zum Beispiel bei den frühen Clash. Suicide waren sehr gut. Pere Ubu. Iggy Pop – fantastisch. Ich habe zu dieser zeit einfach sehr gute Rock-Performances gesehen. Aber weißt du, wer auch sehr gut war? Nirvana. Richtig großartig. Hm, ich bin abgeschweift.

Leidenschaft halt. Als Musikjournalist kannst du aber auch ohne den autobiographischen Aspekt literarisch und poetisch sein und über die eigentlich vordergründig besprochenen Sachen hinausreichen.

Ja. Ich bin auch nicht besonders bescheiden, wenn es um mein Schreiben geht. Ich bin bei sehr vielen Sachen schüchtern und bescheiden, aber nicht als Autor. Ich weiß nicht genau, was ich da mache, ob das Gedichte oder etwas anderes sind. Das ist mir auch relativ egal, weil es meinen Instinkten gehorcht. Es ist ein instink­tiver Prozess, und ich bin glücklich mit dem, was dabei rauskommt. Würde ich damit hin­term Berg halten und mein Schreiben ständig hinterfragen, würde es mir zur Qual. Es würde den Fluss unterbrechen oder zu einem über­mäßigen Professionalismus führen, bei dem du das Zeug einfach nur noch auswirfst. Das muss man auch manchmal, – okay, wahrscheinlich in 75% der Fällen. Aber dir bleiben wenigstens die anderen 25 %, bei denen du gute Arbeit geleistet hast. Mir ist die englische Literaturszene einfach zuwider, und das ist einer der Gründe, weshalb ich mein Licht nicht unter den Scheffel stelle: Weil ich entsetzlich finde, wie sich dort die Literaten selbst feiern. Da kriege ich das Kotzen, ehrlich, solche Creeps.

Ich war mit diesen Leu­ten auf dem College, aber ich habe mich nie um ihre Nähe bemüht, auch wenn sie meine Klasse waren. Als wir abgingen, kannte ich ihre Sorte zur Genüge. Ich war immer mehr an Popkultur interessiert, und an den Leuten, die man in ihr trifft. Als ich 1975 von der Uni abging, suchte ich nicht nach literarischen Vorbildern. Auch wenn es eine sehr schwere Zeit für mich war. Ich habe nie nach Martin Amis oder Ian McEwan geschielt – ich habe mich nach den Ramones und Patti Smith ausgestreckt. Das war meine Schule, nicht die blöden literarischen Vorbilder (lacht). Wenn ich sowas in England sage, werden die Leute sofort sauer.

Ich mag historische und andere Sach-Literatur; wenn schon Belletristik, dann eher die amerikanischer Autoren. Was mich in der letzten Zeit wie eine Erleuchtung ergriffen hat, sind die deutschen Expressionisten: Bei den Recherchen zu meinem neuen Buch, dem über Jugendkulturen des 20. Jahrhunderts, bin ich auf Sachen um 1910 herum gestoßen, die ein­fach fantastisch sind – Georg Trakl zum Beispiel. Wunderbar, er inspiriert mich sehr! Es ist also nicht so, dass ich keine Literatur mag – ich kann nur nicht ausstehen, wie sie vermark­tet wird.

Hm, andere Baustelle, und da schimmert jetzt das 2. Bein meiner Sozialisation durch: Die deutsche Gothband DAS ICH hat zum Bei­spiel Trakl vertont, und auch Gottfried Benn – und darüber sind sie irgendwie mehr und mehr zu einer Drum’n‘ Bass-Band geworden, weil sie fanden, diese Formen entsprachen den Worten…

Drum’n’Bass finde ich gut, oder: fand ich gut. Die Welle scheint ja fast schon wieder vorbei. Das interessante an D’n’B ist, dass er sehr dem Ragtime ähnelt: Im amerikanischen Ragtime um 1890 herum hast du zwei Geschwindigkeiten, die gegen einander laufen. Du hast einerseits den langsamen Takt des John Philip Souza- Marsches, der dum-dum-dum geht, und auf der anderen Seite hast du den schnellen Takt der damaligen schwarzen Musik, die darüber läuft. Also zwei Tempi, langsam und schnell, und bei Drum’n’Bass verhält es sich genauso. Hier der Bass, dum-dum-dum, und da den darüber gelegten Computerkram, tschk-tschee-tschk. Zwei Zeitzonen. Und das mag ich so an Musik: Sie funktioniert räumlich und zeitlich. Das ist das aufregende daran.

Diese Koordinaten bestimmen ja nicht nur die musikalische Ausführung, sondern verankern das Ganze dann auch raumzeitlich in der Gesellschaft, im popkulturellen Gefüge… Du hast vorhin Dada und Expressionismus er­wähnt; in „Lipstick Traces“ von Greil Marcus brachte er diese Bewegungen mit Punk zu­sammen. Als Sichtweise war das für mich so neu wie völlig aufregend und faszinierend… Wie findest du sein Buch? Sein Ausgangs­punkt sind ja auch die Sex Pistols.

Ich mag Greil wirklich. Ich meine ihn, als Per­son. Wir kennen einander nun seit 18 Jahren; zu der Zeit als er an „Lipstick Traces“ arbeitete, saß ich selbst an meinem Buch, und wir haben unsere Ergebnisse ausgetauscht. Das war un­problematisch, weil unsere Bücher sehr unter­schiedliche Ansätze verfolgen. Ich betrachte „Lipstick Traces“ als komplementär zu „England’s Dreaming“ und umgekehrt. Sie ergänzen sich: Mein Buch ist stark in Raum und Zeit verankert und sehr tatsachenbezogen, während seines eine sprunghafte Chronologie verfolgt. Mein Buch war übrigens ein harter Brocken zu schreiben, weil es so detailliert ist und wenig Spielraum lässt. Ich habe Greil wirklich beneidet, weil er so frei war; er konnte all diese Punkte abklappern, Johannes von Leiden, zu den Lettristen, zu The Adverts, zu Hülsenbeck und so weiter. Diese Freiheit hätte ich auch gerne gehabt. „Lipstick Traces“ ist ein grandioses Buch; es hat böse Kritiken einstecken müssen, es sei prätentiös, aber warum sollte man diese inspirierten Verbindungen nicht machen?

Und Greil ist ein sehr interessanter Mensch; er stammt aus Berkeley in Kalifornien, das für eine ganz andere intellektuelle radikale Tradition steht. Als ich anfing, Musik- und speziell Rock­journalismus zu lesen, war er jemand, den ich sehr bewunderte. Als ich 1969 mit 15 Jahren den Rolling Stone las, waren Greil Marcus und Lester Bangs die wichtigsten Autoren. Und ich dachte: okay! Hier sind Leute, die es verstehen, über Rock zu schreiben UND seine Intensität rüberzubringen. Sie hatten sehr viel mehr Ein­fluss auf mich als die englischen Autoren. Den Mythos um Lester Bangs kann ich heute nicht mehr ertragen; die Tatsache, dass die Leute ihn mystifizieren, weil er tot ist, geht mir auf die Nerven. Was er damals geschrieben hat, mochte ich aber wirklich.

Kannst du bereits etwas zu deinem Buch über die Jugendkulturen des 20. Jahrhunderts sagen?

Nun, ich bin noch mittendrin. Ich habe mich erst bis zum Jahr 1914 vorgearbeitet und bin schon bei 50.000 Wörtern. Ich möchte noch nicht sagen, was drin vorkommt und was nicht. Eins habe ich ja bereits erwähnt: Ragtime. Rimbaud kommt auch vor. Die ersten, die über die Er­fahrung einer Jugendkultur aus ihr heraus – und nicht als Erwachsene, von außen –schrie­ben, waren ganz offensichtlich Rimbaud und Marie Bashkirtseff, eine russische Tagebuch­autorin. Ihr Buch hieß „das schönste Buch von allen“, und es ist ein frühes Beispiel für ein veröffentlichtes Jugendtagebuch, erschienen 1887 – sehr interessant und schön. Ich versuche also gerade, so etwas wie ein „Kompendium der Intensität“ zu schreiben, denn die Erfahrun­gen Heranwachsender sind immer intensiv, und es hat auch immer mit der Definition von „Jugend“zu tun, ob es nun aus der Sicht der Erwachsenen oder aus der Position der Jugend heraus definiert wird – da gibt es immer diese Dialektik.

Wann kommt das Buch raus?

Vermutlich in zwei Jahren. Ich werde meinen Teil in 18 Monaten abgeschlossen haben, und es sollte dann 2003 erscheinen. Es wird das letzte dicke Buch sein, das ich mache; mindestens so umfangreich wie „England’s Dreaming“. Dicke Sachbücher sind eine echte Anstrengung, eher mühsam, weil man alles checken muss. Nein, danach möchte ich ein nettes, kleines, über­schaubares Buch machen.

 

Interview & Text: Melanie Aschenbrenner

Das Buch: „England’s Dreaming“, übersetzt von Conny Lösch, Edition Tiamat 2001, 544 Seiten, 58 DM, ISBN 3893200452.

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