März 14th, 2007

JELLO BIAFRA TEIL 2 (#66, 10-1997)

Posted in interview by andreas

LARD

„LARD nimmt Zeit in Anspruch. Zumindest die neue Platte tat das. Vieles wurde ja schon früher aufgenommen und geschrieben. Nummern, die von MINISTRY stammen, aber nie auf einem MINISTRY-Album Platz fanden. Es sind sozusagen ihre abgenagten Knochen, die sie dem alten Hund vorwerfen. In unserem Fall sind die Knochen allerdings so gut, dass ich dabei ein sehr glücklicher alter Hund bin.

Doch nicht nur die Musik, auch viele Texte auf „Pure Chewing Satisfaction“ sind älter und wurden noch einmal aufgemöbelt, sozusagen von mir als Shoeshine-Boy auf den neuesten Glanz gebracht, was ja auch keine grosse Kunst ist, da sich die gesellschaftlichen Verhältnisse wenig ändern – langsamer als die Moden im Pop allemal. So manches im Exil geschriebene Gedicht gegen Hitler könntest du heute noch unter anderen Vorzeichen aufführen und mit ihm einiges bezüglich unserer ‚demokratischen‘ Systeme entlarven.

Die Kunst ändert sich mit ihren Methoden und in ihren Prinzipien schneller als das, wogegen sie ankämpft. „Pure Chewing Satisfaction“ entstand über einen so langen Zeitraum hinweg, dass schwer zu erklären ist, wie Texte sich innerhalb von sieben Jahren geändert haben. Der Auftakter „War Pimp Renaissance“ geht zum Beispiel gar nicht mal zentral um den Golfkrieg, wie man denken könnte, sondern um die amerikanische Rüstungsindustrie, die an ölscheiche und Diktatoren in Asien, Südamerika und sonstwo Waffen liefert, weil sie sehen will, wie diese Länder sich eines Tages gegeneinander bekrie-gen.

Es ist absolut erschreckend, dass weder Europa noch die USA irgendetwas dafür tun, der Sowjetunion aus dem Dreck zu helfen. Dort sterben die Menschen, die Bevölkerung fühlt sich immer hoffnungsloser, verzweifelter, verarscht und im Stich gelassen. Zum letzten Mal in der Geschichte geschah so etwas ähnli-ches mit Deutschland nach dem Ersten Welt-krieg. Das Ergebnis war, dass Hitler demokra-tisch gewählt wurde. Etwas in dieser Art befürchte ich momentan in Russland: Was wäre, wenn ein smarter Jerenowski auf der Bildfläche auftauchen würde?

Vielleicht nämlich ist es gerade das, was unsere Regierung und unsere Waffenindustrie will: Einen neuen Feind, auf dass sie Waffen in die ganze Welt verkaufen kann. Ich bin mir sicher, dass das Pentagon nur darauf hofft, Gaddafi oder Sadam Hussein könnten eines Tages die Atombombe haben, denn dann könnte die USA wieder mehr Geld darauf verschwenden, unnütze Bomben zu bauen – ihr grösstes Ziel, ihr Daseinszweck sozusagen. Finde einen Faschisten ausserhalb deines Systems, auf den du mit dem Finger zeigen kannst, um vom Faschismus im eigenen Land abzulenken.“

PROVOKATION

„Es ist natürlich für junge Bands nach all den Extremen immer schwerer, etwas zu starten, was den völligen Kick gibt, was das Publikum verstört. Nicht die blosse Provokation – so im GG ALLIN-Stil – macht Sinn, sondern es kommt immer wieder darauf an, wer es wo macht und wie er es macht – oder sie, natürlich. Konfrontation ist sehr wohl einfach für eine junge Band, die in einer Kleinstadt aufwächst, die einfach ihren Weg gegen die ganze Scheisse um sich herum gehen muss. Hier in San Francisco hast du allerdings so viele Bands, die nur der Szene folgen wollen, um als Local Heroes aufzusteigen, aber ja kein Risiko eingehen.

Und dies ist genau das Gegenteil dessen, was Punk einmal wollte. Wir wollten so viele Leute im Publikum wie möglich schockieren. Erst über die Schockmomente sind die KENNEDYS ja bekannt geworden, durch eine Extremposition – aber so etwas zu tun erfordert natürlich Courage.

Früher haben wir oft als Opener für irgendwelche sophisticated New Wave-Bands gespielt. Deren Publikum hatte natürlich keine Ahnung, was es mit uns zu erwarten hatte. Das war unsere grosse Chance! Wir hatten sie in der Hand, sie waren uns ausgeliefert! Ich ging ins Publikum, habe diesen Leuten Bier und Aschenbescher ins Gesicht gekippt, sie mit brennenden Zigaretten attackiert, ging zurück auf die Bühne und habe den Song beendet. Das war aufregend, das war Konfrontation! Ich meine, uns ging es nicht um stumpfe Provokation, nicht darum, gegen die New Wave-Langweiler mit hohler Gewalt vorzugehen.

Es ging eher um eine physische Konfrontation, anhand derer das Publikum hat erfahren können, dass dieses Leben – auch ihr Leben – intensiver sein kann als das Bungalow-Glück, auf das sie hinstudierten. Heute greifen die Bands kein Publikum mehr an, heute umgarnen sie eher das Publikum und kriechen ihm in den Arsch -: ‚Bitte, bitte kauft unsere CDs‘, winseln die sogenannten Under-ground-Bands seit den Neunzigern. Das ist die wichtigste Message der NIRVANA-Klone.“

KONKURRENZ

„Vieles an dieser neuen, angepassten Harm-losigkeit hängt natürlich zusammen mit dem Dogma der ‚political correctness‘, das niemandem mehr erlauben möchte, ein Rockstar zu sein. Damals in der Punkszene, als wir begon-nen haben, war allerdings jeder ein Star. Das gehörte dazu: Wer kein Star sein wollte, war musikalisch uninteressant und ging unter. Damals war der begriff des Stars auch noch nicht so negativ konnotiert. Es ging einfach darum, dass jeder Einzelne eine einzigartige, unverwechselbare Persönlichkeit darstellte. Es ging darum, zu sagen: ‚I’m different‘.

Deshalb kommen, wie ich bereits gesagt habe, gute Bands heute oft noch aus Kleinstädten. In einer muffigen, spiessigen, völlig vermieften und religiös verkrusteten Kleinstadt gibt es noch ein existenzielles Bedürfnis, sich gegen das dortige Klima zu richten und zu sagen: ‚I’m different‘. In Grossstädten nehmen die meisten lausigen Bands eine solche Position gar nicht mehr ein, sondern schwimmen mit dem längst etablierten Strom, vorgegeben durch den Underground-Papst des ‚Maximum Rock’n’Roll‘. Es wird ihnen zu einfach gemacht, natürlich auch, weil es an einer Konkurrenz fehlt, die einen an-stachelt.

Wir waren damals in einer wahnsinnigen Konkurrenz-Situation: Die DICKS waren Stars, MINUTEMEN waren Stars, BLACK FLAG waren Stars. Aber dieses Nebeneinander vieler höchst talentierter Extreme hatte ja nichts von einer sich feindlich gegenüberstehenden Kon-kurrenz, sondern das war der kreative Nähr-boden, aus dem heraus du angestachelt wurdest: ‚Hey, Scheisse, ich will auch so gut sein wie die! – ‚ Dann musst du dich anstrengen‘, sagte die innere Stimme. Undogmatische, widerspenstige Musiker lassen sich natürlich nicht so leicht vermarkten. Heute ist deren überlebenschance geringer denn je. Darum gibt es ja auch so ein Label wie ‚Alternative Tentacles‘, das sich um all die Outsider kümmert. übrigens oft Bands aus der Provinz! Und deshalb sind wir nie so gross geworden wie ‚Epitaph‘ oder ‚Lookout‘. Auch deshalb, weil es keine klare Labellinie gibt, keine labelinterne Style-Police, die Bands gleichschaltet… siehe ‚Epitaph‘.

Viele Leute haben übrigens vergessen, dass ‚Alternative Tentacles‘ die BUTTHOLE SURFERS zu einer Zeit herausgebracht hat, als kein anderes Label – auch kein Indie – so etwas Abartiges haben wollte. Dass sie heute auf einem Majorlabel sind, zeugt natürlich nicht von besseren Zeiten und Hörgewohnheiten -die BUTTHOLE SURFERS sind lediglich schlechter, also zahm geworden.“

SELL OUT

„Über Jahre kursierten die Grüchte, A.T. sei ein Kassenschlager. Die Folgen kennst Du ja! Ausgestreut wurden solche Gerüchte vom Diktator der Underground-Musik im ‚Maximum Rock’n’Roll‘. Er hasst uns dafür, dass unsere Bands nicht seinen engen musikalischen Dogmen entsprechen und seinem Hirn wahrscheinlich zuviel Aufmerksamkeit abverlangen – darum greift er zur billigsten Lüge und denunziert uns als Megalabel, ein Vorwurf, der in gewissen Punk-Kreisen noch immer so schwer wiegt, als würdest du für den CIA arbeiten.

Hätte er behauptet, dass Biafra Frauen vergewaltigt und Schwarze ‚Nigger‘ nennt, hätten sich gewisse Leute nicht so sehr aufgeregt. Solche Lügen entspringen der Engstirnigkeit dieses Heftes. ‚Option‘ beispielsweise ist ein wesentlich angenehmeres, musikalisch offeneres Magazin… darum freilich sind sie auch auf unserer Seite, wie sollte es anders sein?! Ein weiterer Grund für den Irrglauben, ich gehöre längst den oberen Zehntausend an, rührt daher, dass viele Leute denken, wir hätten wahnsinnig viele Platten mit den DEAD KENNEDYS verkauft.

Die DEAD KENNEDYS sind aber eine Band, deren Ruf sich unabhängig vom Verkauf der Platten fortgepflanzt hat, nicht zuletzt durch Skandale, für deren Entstehung wir gar nichts konnten. In den ganzen fünfzehn Jahren haben wir von sämtlichen KENNEDYS-Platten weniger verkauft als RANCID mit einem einzigen Album. Wir sind eher eine Kultband mit grossem Einfluss geworden, die trotzdem nicht reich werden konnte, während andere Bands in einem Jahr Millionen von Platten verkaufen und im nächsten Jahr vergessen sind. Ich ziehe unsere bescheidenere Existenz natürlich vor.“

UTOPIE

„Natürlich habe ich mir meinen Optimismus bewahrt und glaube an eine gesellschaftliche Veränderung. Natürlich nicht dank meiner Aktivitäten, die dies vorantreiben könnten, sondern wegen eines allgemeinen gesellschaftlichen Kollaps, der uns bevorsteht. I see the writings on the wall. Ich habe mir vorgenommen, mein nächstes Spoken word-Album vor den kommenden amerikanischen Wahlen herauszubringen.

Sein Thema wird ‚The Fall of Dictatorship‘ sein. Diktatur meint in diesem Fall natürlich auch die diktatorischen Verhältnisse der USA. Ich denke, dass die Diktaturen auf dieser Welt bald zusammenbrechen werden. Vielleicht werden wir es beide noch zu unseren Lebzeiten mitbekommen. Die Tatsache, dass die Reichen mehr und mehr Geld anhäufen und die Masse der Armen immer schlechter bezahlt wird, muss zum Kollaps führen. Spätestens an dem tag, an dem niemand mehr ihre Produkte wird kaufen können.

Man kann keine Arbeitsplätze nach China verlegen und die Leute im eigenen Land verarmen lassen, denn das ist ein Bumerang, der nach hinten losgeht. Amerika ist schwer mit anderen Ländern zu vergleichen, denn die Religion ist hier nicht Religion, die eigentliche Religion Amerikas sind das Geld und die Waffen. Und doch haben die Tschecheslowakei und sogar Südafrika gezeigt, dass Diktaturen auch relativ blutfrei gestürzt werden können. An der Tschecheslowakei muss man sich ein Beispiel nehmen, denn die Widerständler wussten bereits, was sie tun würden, sobald die Regierung gestürzt war.

Dieses vorausschauende Denken fehlt vielen Gegnern unserer Gesellschaft. Es ist an der zeit, dass die Menschen hier zu argumentieren lernen, zeit, sich ernsthaft mit den Problemen der Gesellschaft auseinanderzusetzten und auch daran zu denken, was zu tun wäre, wenn es zur Revolu-tion käme. Anstatt dessen debattieren sie, ob GREEN DAY, RANCID und OFFSPRING den Underground verraten haben – lächerlich! Jeder hasst die Bullen, doch wer räumt auf mit einem korrupten Polizeibüro? Was würdest du tun, wenn Helmut Kohl gestürzt würde und du an seine Stelle treten könntest?

Wie würdest du gegen den Rassismus in Deutschland vorgehen? – Okay, das sind utopische Gedanken-spiele, aber sie haben den Sinn, das Augenmerk darauf zu richten, wie eine bessere Gesellschaft auszurichten wäre. Die Leute – und das gilt nicht nur für die Punkszene – müssen endlich einmal zu formulieren lernen, was sie wollen, nicht einfach immer nur lamentieren, was sie nicht wollen. Kaum jemand ist auf das vielleicht bald bevorstehende Ende des Kapitalismus vorbereitet. Aber wollen wir sein Ende passiv nörgelnd abwarten, auf dass nach ihm ein neuer Faschismus Fuss fassen kann?“

Ob das, was er da sagt, denn nicht – frei nach „Bedtime for Democracy“ – viel zu tun hat mit den SPD-Sprüchen „Demokratie wagen“, frage ich. Sind die DEAD KENNEDYS also vielleicht einfach nur wackere Demokraten gewesen?

„Solange nicht einmal die Demokratie erreicht ist, muss man erst einmal für sie kämpfen. Danach kann man weitersehen.“

***

Interview/Zusammenstellung: Martin Büsser

Links (2015):
Wikipedia
Alternative Tentacles Records
Discogs

 

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