März 12th, 2007

INTEGRITY (# 64, 06-1997)

Posted in interview by andreas

Ich frage mich erhrlich gesagt, was ich davon erwartet habe gerade INTEGRITY zu interviewen. Ich glaube nicht viel. Ich hab nicht erwartet, besonders tolle politische oder wie auch immer systemkritische Sachen von ihnen zu hören, auch wenn ich versucht habe danach zu fragen. Warum sollte es sie auch interessieren, wo sich doch so wenig Leute Gedanken darüber machen.

Und dass Leute, die in Bands spielen nicht irgendwie weiter oder überhaupt „besser“ sind als der Durchschnitt, ist mir schon klar. So gesehen, hab ich mir von vornherein gedacht, dass bei diesem Interview nicht viel rauskommt. Aber das bedeutet ja nicht, dass das weniger interessant ist. Wahrscheinlich ist es bezeichnend für viele „Hardcore-Bands“. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle trotzdem noch erwähnen, dass ich INTEGRITYs erstes Album „those who fear tomorrow“ für genial halte und die Emotionen, die Wut und der Hass, die für mich in dieser Platte stecken mir sehr viel bedeuten.

Und es ist wirklich für mich nur die Musik, die ich wirklich für ausge-sprochen intensiv halte, auch wenn es rein objektiv wirklich nur extrem metallischer Hardcore ist. Auf jeden Fall war das halt für mich ein Grund INTEGRITY zu interviewen, obwohl das eigentlich nichts miteinander zu tun hat. „those who faer tomoroow“ wird für mich immer etwas Besonderes bedeuten, auch wenn ich jetzt, dass was ich sowieso geahnt habe, nämlich, dass die nicht viel zu sagen haben, mit Gewissheit sagen kann. Also, das Interview fand am 15.4. in Kassel statt. Mein Gesprächspartner war ein übrigens trotz allem sehr freundlicher und sympathischer Dwid (Gesang & Texte).

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Punkrock & andere Kategorien

Würdest du dich als Punkrocker bezeichnen?

Dwid: Ich weiss nicht. Eigentlich versuche ich mich gar nicht zu bezeichnen, nicht mal „Hardcore“ oder so. Ich hab meine eigenen Interessen. Es ist nicht so, dass ich mich nicht „klassifizieren“ will, so wie einige Leute es immer betonen. Es langweilt mich eigentlich nur, und ich habe zu viele Interessen, um mich selbst in eine kleine Box zu stecken.

Was bedeutet dir denn Punkrock bzw. Hardcore? Gibt es da überhaupt Unter-schiede für dich?

Dwid: Die Musik ist schon verschieden, Punkrock ist halt jetzt mehr so ein Pop-Ding geworden, hm…Hardcore eigentlich auch…ist schon traurig, aber so ist`s halt.

Könntest du denn die Band in eine Kategorie stecken?

Dwid: Wir sind vieles: Punk, Hardcore, Metal, manchmal experimentell. Viele Leute sagen, dass wir Hardcore sind, Straight Edge Hard-core, weil wir auf Victory Records sind, aber das sind wir nicht.

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INTEGRITY und die Politik

Gibt es denn irgendwelche Adjektive mit denen du dich beschreiben würdest, oder die du im Zusammenhang mit deinen Texten sehen würdest, z.B. halt politisch, persönlich, wie auch immer…?

Dwid: Nein, eigentlich nicht. Wenn ich über politische Sachen schreiben wollte würde ich es tun, aber das interessiert micht nicht. Ich schreibe über persönliche Sachen, Erfahrungen…

Kann das denn nicht auch politisch sein bzw. ist das nicht auch politisch?

Dwid: Ich denke mein Leben hat nicht viel mit Politik zu tun. Politik berührt mein Leben einfach nicht. Ich kann mir ehrlich gesagt nichts Politi-sches vorstellen, dass mit mir zu tun hat, ausser dass ich Steuern bezahlen muss. In Amerika gibt es halt einfach keine politische Unterdrückung und schon gar nicht in dem Ausmass wie viele Leute es gern sehen würden.

Was??? Es gibt deiner Meinung nach keine politische Unterdrückung in Amerika??!!!

Dwid:  Nicht mir gegenüber. Wenn ich schwarz wäre, dann schon. Aber mir tut niemand was, ich bin total uninteressant für die. Schwarze werden unterdrückt, ja.

Gut, aber abgesehen davon ist doch dein Leben und dein Handeln nicht unabhämgig von dem System in dem du lebst. Du bist davon beeinflusst und du hast durch dein Verhalten auch Einfluss darauf.

Dwid: Nein, was ich tue verändert doch nicht die Regierung.

Das nicht, aber es hat doch einen Effekt auf die Menschen um dich herum. Ich rede auch nicht von Regierungen, sondern von politischen Systemen.

Dwid: Meinst du das deutsche oder das amerikanische?

Das macht für mich ehrlich gesagt keinen Unterschied. Es sind Systeme, die ein bestimmtes Interesse daran haben Menschen, Tiere,… zu unterdrücken…

Dwid:  Da wo ich wohne, unterdrücken sie mich nicht. Gut, ich gehe manchmal ins Gefängnis, aber ich bin manchmal auch ein bad boy.

Aber dieses System hat doch dein Verhalten, die Art wie du lebst, denkst beeinflusst, oder nicht?

Dwid: Nein, glaube ich nicht. Ich bin beeinflusst von Dingen, die ich gelesen habe und von Gesprächen mit Leuten. Ich habe meine eigenen Gedanken und Ideale. Gut, politisch sind die Medien, das Fernsehen von der Regierung kontrolliert, aber ich guck eigentlich kein Fernsehen. So schlimm, wie das manche Leute sehen ist es allerdings auch wieder nicht. Ist mir auch egal. Es gibt auch faszinierende Dinge im Fernsehen.

Von der Sache in Wayco, Texas hast du ja gehört, diese Sekte…es hiess, dass es ein Unfall war, dass deren Haus in die Luft geflogen ist. Aber ich hab bei CNN live gesehen, dass eine Spezialeinheit der Army mit Panzern Gas in das Gebäude gekippt hat und da der Sekte der Strom abgestellt wurde, hatten sie nur Kerzen zur Beleuchtung. Und deshalb ist das Haus explodiert. Das ist ganz interessant, dass sie (die Regierung) mit so einer Lüge einfach durchkommt.

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Veränderung

Du hast eben gesagt, dass dich Politik nicht interessiert. Was interessiert dich denn? Und was willst du verändern?

Dwid: Wobei verändern?

Was auch immer.

Dwid: Ich versuch gar nichts zu ändern, ich drücke mich nur aus.

Willst du dich selbst verändern?

Dwid: Nein. Ich mag mich manchmal. Ich drücke einfach nur meine Gedanken und meine Ideen auf meine Weise aus.

Warum?

Dwid: Weil ich so bin.

Warum dann vor einem Publikum?

Dwid: Das ist mir egal, es ist etwas persönliches. Ich will die Welt nicht verändern.

Aber bedeutet über bestimmte gerade persönliche Dinge zu schreiben nicht auch darüber nachzudenken, bzw. über sich selbst nachzudenken?

Dwid: Vielleicht für manche Leute, aber nicht für mich. Jedenfalls nicht unbedingt. Ich meine, ich hab so ca. 40 Lieder geschrieben. Einige waren sicher therapeutischer als andere. Einge waren einfach nur Poesie und Kunst. Und das ist alles. Ich weiss selbst nicht.

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Religion

Was liest du gern?

Dwid: Ich lese gern Anleitungsbücher. Im Moment lese ich gerade ein Buch über den Effekt von (Sound)-Frequenzen auf den menschlichen Körper und wie man diese als Waffe benutzen und den menschlichen Körper kontrollieren kann. Interessant. Fantasy lese ich nicht gern, aber ich lese die Bibel und das ist auch manchmal Fantasie. Die letzten Kapitel sind ziemlich interessant.

Hast du die Bibel ganz gelesen?

Dwid: Ja.

Magst du sie?

Dwid: Ja, einige Teile schon. Einige Teile sind bescheuert, sehr bescheuert.

Bist du religiös?

Dwid: Manchmal.

Glaubst du an Gott?

Dwid: Manchmal.

Warum?

Dwid: Weil es mich interessiert. Weisst du, ich hab diese ganzen Philosophien in mir und es ändert sich ständig alles. Ich meine, niemand kann irgendetwas mit Sicherheit sagen. Ich versuche irgendwie mit jeden Aspekt religiösen oder nicht-religiösen Verhaltens Erfahrungen zu erleben. Religion interessiert mich halt.

Hast du dir jemals Gedanken darüber gemacht, warum dich das interessiert?

Dwid: Weil es Menschen kontrolliert. Menschen sind dumm wie Scheisse, sie folgen blindlings.

Glaubst du, dass es dich kontrollieren kann?

Dwid: Nein, nicht immer. Nein, eigentlich gar nicht. Ich meine, irgendwie hat jedeR mal Angst vor dem Tod und dann denke ich darüber nach. Oder dann denke ich darüber nach, wie das Christentum oder der Katholizismus auf einem Buch basiert, das von verschiedenen Leuten, die Macht hatten, zu bestimmten Zwecken manipuliert wurde. Ich weiss also, dass es eigentlich eine Lüge ist. Und dann sehe ich mir meine Grosseltern an, die native ameri-can indians waren und völlig andere Dinge hatten. Und meine Meinung zu allen diesen Sachen ändert sich ständig…

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Musik

Was hörst du gern?

Dwid: Ich mag hawaiianische Musik. Ich mag Indus-trial Musik. Ich mag Folk Musik. Ich mag Death in June. Ich mag Charly Manson, wenn er Akkustik-Gitarre spielt und singt. Ich mag GISM. Ich mag einiges von der neuen elektro-nischen Musik, weil ich in meinem Keller ein Studio habe und in dieser Musik auf verschie-denen Leveln verschiedene Sachen übereinan-dergelagert sind, die sehr vergraben, aber trotzdem hörbar sind. Das gefällt mir.

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Ein kleines Wortassoziations-Spiel

So, zum Schluss noch ein kleines Wortasso-ziations-Spiel, O.K.? Anarchie?

Dwid: Gewalt.

Rebellion?

Dwid: Fiktiv.

Revolution?

Dwid: Fantasie.

Music?

Dwid: sucks!

Straight Edge?

Dwid: Keine Meinung.

Coca-Cola?

Dwid: Ich trinke eine.

Gitarren-Soli?

Dwid: Aaron Melnick. (integrity-gitarrist)

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Eigentlich das Ende, aber dann doch noch mal Politik und ONE LIFE-CREW

O.K., ich denke das war`s.

Dwid: Hey, tut mir leid, dass ich die ganzen politischen Fragen nicht beantworten konnte. Wahrscheinlich ist das für dich eine interessante Sache. Ich hab zu all den Sachen irgendwie keine Meinung.

Das ist schon O.K., ich frag mich nur…du machst dir all diese philosophischen und religiösen Gedanken…

Dwid: Aber da geht es nicht um Geld, da geht es um persönliche Verbesserung.

Aber genau das kann doch auch politisch sein, weil es viel mit persönlicher Freiheit zu tun hat.

Dwid: Vielleicht versteh ich auch nicht, was du unter politisch verstehst. Da wo ich herkomme, bedeutet politisch vor einem Gebäude stehen und protestieren, Dinge boykottieren, so was…zum Beispiel zu Victory Records zu schreiben und ihnen sagen, dass sie diese Band boykottieren sollen und ihre Platten zu verbrennen, so wie Hitler es damals gemacht hat. Sich faschistisch Verhalten, weil sie denken etwas ist faschistisch.

Feuer mit Feuer bekämpfen. Verrückt. Oh, und ich liebe Heuchlerei. Es ist so toll zu sehen, dass Leute so von sich überzeugt sind, dass sie Sachen von anderen Leuten verbannen, in einer Art, die so faschistisch ist und das alle gut finden. Darüber kann ich lachen, das finde ich wirklich lustig. (und dabei grinst er wirklich übers ganze Gesicht) Das ist Humor.

Na dann muss es ja toll für dich sein Teil der Hardcore-Szene zu sein?

Dwid: Stimmt, manchmal ist es aber auch langweilig, wenn nur über langweilige Sachen getratscht wird. Aber wenn Sachen verbrannt wer-den…das ist schon cool. Aber ich werde jetzt nicht näher darauf eingehen.

Du redest doch die ganze Zeit von dem Streit um ONE LIFE-CREW, oder?

Dwid: Ja.

Was sagst du denn dazu?

Dwid: Ich hab die Band nie gehört. Wie ich gesagt habe, ich finds toll, dass die in der HC-Szene verbannt worden sind, wo Hardcore doch auch Meinungsfreiheit bedeuten sollte. Nicht mal SKREWDRIVER haben das geschafft und das waren echte white power Kerle. Und ONE LIFE CREW sind jüdische Türken. Die Kids wollen irgendwelche Traumtypen sein, so wie sie denken, dass ihre Helden in den Bands sind, aber in Wirklichkeit sind sie die lächerlichsten Fälschungen die rumlaufen. Wenn sie in den Spiegel gucken würden, würden sie genau die Leute sehen, die sie so hassen. Und darüber kann ich mich so richtig freuen und von Ohr zu Ohr grinsen. Das ist echt das Grösste.

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O.K., eigentlich wollte ich wohl noch ein wenig auf die ONE LIFE CREW Geschichte eingehen, obwohl ich das eigentlich gar nicht vorhatte, aber ich konnte und wollte, dass was Dwid da von sich gelassen hat nicht so stehen lassen. Beim Interview hat das nicht geklappt, weil Dwid plötzlich angefangen hat nur noch über Las Vegas zu reden und daraufhin einige Lieder von Vegas-Stars zum besten gibt, was durchaus amüsant ist.

Jedenfalls war es dann zu spät einzugreifen und er hat ja im Prinzip schon seine Meinung gesagt. Ich will nur noch kurz erwähnen, dass Meinungsfreiheit selbst-redend nicht bedeuten kann alles und jeden Scheiss offen reden zu lassen.

ONE LIFE CREW sind üble Rassisten und haben in der HC-Szene noch weni-ger verloren als sonstwo, und da gehts kein bisschen um Meinungsfreiheit und es hat meines Erachtens auch nichts mit Einschränkung der Meinungsfrei-heit zu tun, so`n Scheiss zu boykottieren. Punkt.

Die Sache mit dem Verbrennen sehe ich da auch schon kritischer, da das für mich doch etwas stark an die Bücherverbrennungen im dritten Reich erinnert und ein für mich ganz klar von dieser Zeit geprägtes Ritual ist, d.b. unliebsame Dinge öffent-lich zu verbrennen. Wie dem auch sei.

Näher will ich darauf auch nicht eingehen, wo ich ja sowieso keine Lust hatte über solche Idioten zu reden (für mich ist übrigens auch klar, dass Menschen, die sowas rausbringen, sprich Victory Rec., genauso scheisse sind wie OLC selbst; bei Bands, die auf dem selben Label sind bin ich mir nicht so si-cher…obwohl das halt für mich selbstverständlöich wäre nicht mehr mit Victory zusammenzuarbeiten. Deren Platten hab ich eh noch nie gekauft und hab jetzt auch einen Grund es nie zu tun.)

Jetzt ist aber auch Schluss, auf der Kassette geht`s noch weiter mit verschiedenen Interpretationen von Hits aus Las Vegas (Wayne Newton, Frank Sinatra, Dean Martin, Sammy Davis Jr.,…) und darüber, dass Dwid ein vorzügliches Oberlippen-bart-Model abgeben würde.

Interview: Jobst Eggert

Links (2015):
Wikipedia
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