April 27th, 2009

INFERNO (#128, 02-2008)

Posted in interview by jörg

Mit Inferno – der High Speed-HC-Punk-„Legende“ aus Augsburg aus den 80igern – verbinde ich zwei Lebensabschnitte. Im zarten Alter von 14 Jahren hörte ich die Band zum ersten Mal auf dem Schlachtrufe I -Sampler und bestellte mir bei A&M-Music die CD mit den ersten zwei Alben. Das Debüt „Tod und Wahnsinn“ war der Soundtrack für mich als Einsteiger in die lokale Punkszene. Damals – 1992/1993 – war ich mit einer Punkerin aus einem Vorortkaff befreundet, die ich beim Pogen in einem evangelischen Jugendzentrum in Leverkusen kennen lernte.

Muss man sich dafür heute schämen? Egal, auf jeden Fall verloren wir irgendwann den Kontakt, Jahre später ging ich durch den U-Bahn-Schacht des Kölner HBF und von da, wo immer die Alkis sitzen, kam eine völlig zugedröhnte Frau auf mich zu, küsst mich und faselt irgendwas. Es war die gleiche, unglaublich, unglaublich fertig allerdings auch. Sie war dann ein Mal sogar bei Hans Meisner in RTL, Thema „Junge obdachlose Kids in Berlin“.

12 Jahre später sitze ich in dem Auto von meinen Eltern, was ich an einem Abhang eines Berges in dem ehrlich benannten Ort „Stumpf“ im Rheinland parkte. Ich hatte eine wunderschöne Aussicht auf die bewaldeten „Berge“ dort, trank Dosenbier, rauchte und versuchte, mich neu zu ordnen: konnte es sein, dass ich nach Jahren als Single wieder eine Beziehung starten und parallel wieder aus meiner Heimatstadt wegziehen würde? Soundtrack dazu: Mixtape mit u.a. meinen Lieblings Inferno-Stücken von der ersten und zweiten Platte.

Die Band begleitete mich schon seit langer Zeit und ein Interview mit Inferno im Trust ist schon irgendwie witzig: ohne die Band hätte es das Trust wahrscheinlich auch gegeben, aber wann? Sänger Howie schreibt mit, Trust-Herausgeber Dolf war der alte „Manager“ der Band, irgendwie schliesst sich für mich da ein Kreis. Inferno-Gitarrist Archie Alert, später bei der Terrorgruppe in Berlin aktiv, heute mit den HipHopern K.I.Z., traf ich mal in Berlin bei einem Konzert und war begeistert, einen meiner alten Jugendhelfen live kennen zu lernen.

Archie brachte Mitte 2006 auf Destiny Records eine „Werkschau“ (wie ich diesen Begriff hasse) von Inferno heraus, sämtliche Aufnahmen wurden remastert und auf 2 CDs verteilt, dazu gibt es ein fettes Booklet mit der Band-Geschichte und alten Konzertflyern da diese Band-Geschichte schon sehr viel abdeckt, sollte man als Fan der Band diese nachlesen, ich habe hier versucht, andere Fragen zu stellen.

***

Hi Archie, es gab schon eine grosse „Medienresonanz“ zu der INFERNO-Discografie… viele Reviews, viele Interviews… scheint ja echt gut angekommen zu sein, die „Old school / High School“-Doppel CD Version auf Desinty und jetzt kommt auf Weird System noch die Dreier Viny Ausgabe… Wahnsinn… bist du zufrieden bis jetzt?

Archie: Ich war ja schon zufrieden, als wir die Werkschau endlich fertig hatten und ich das finished Product in den Händen hielt. Sehr viel Arbeit steckt in diesem Teil. Zusätzlich find ich es natürlich schon Hammer, das diese Musik heute anscheinend immer noch Leute zum Schwärmen bringt und offensichtlich bewegt.

Ich hab ein paar wirklich interessante Interviews geben können und fand es schmeichelhaft, wie sich einige Leute intensiv mit dieser Geschichte auseinandergesetzt haben. Letztendlich fühl ich mich eben einfach bestätigt, dass wir dieses Projekt in der Form geplant und durchgezogen haben.

Die Vinylversion ist übrigens noch nicht alles, was da noch kommen wird, es wird noch physische Lizenzveröffentlichungen in USA und Brasilien geben, was mich besonders stolz macht! Und ich hab jemanden gefunden, der sogar endlich mal eine kleine T-Shirt-Kollektion herstellen möchte. Ich glaub es gab während der ganzen Bandgeschichte erst ca. 200 Shirts, die wir offiziell selbst hergestellt und verkauft oder verschenkt hatten;–)

Auf der Myspace-Seite schreibst du recht selbstbewusst, dass Inferno von keinem beeinflusst worden sind, sondern andere beeinflussten…. könnte man ja auch als ein bisschen arrogant auslegen, ihr seid ja nun nicht im luftleeren Raum entstanden, sondern habt ja auch Vorbilder gehabt, Discharge z.B. und hyperschneller Speed-Core entstand doch auch parallel schon, ich denke da an MDC in San Francisco, DRI in Texas, Lärm in Holland… oder wolltest du damit sagen, dass es da natürlich schon ähnliche schnelle Bands zu der Zeit gab, ihr aber halt noch nen Tick radikaler wart? Sorry für die doofe Nachfrage…

Archie: Na, wenn ich etwas deiner Meinung nach selbstbewusst schreibe, dann schliesst das ja meine vermeintliche Arroganz automatisch aus. Arroganz bedeutet „Distanz aus Unsicherheit“ und ich muss, was meine Vergangenheit bei Inferno betrifft, weder Distanz zu unseren Inspiratoren wahren noch unsicher sein.

Ausserdem kann ich mich erinnern, dass diese Rubrik im Myspace-Profil „Sounds like“ oder „Influenced by“ heisst und keine Band kann da ernsthaft andere Bandnamen rein schreiben, oder? Es war schon so, dass uns diverse sich parallel entwickelnde Bands wie z.B. Hüsker Dü, The Offenders, Scream, Raw Power inspiriert haben und wir auch Fans dieser Bands waren, allerdings hatten wir auch unsere ganz eigenen klaren Vorstellungen und wollten auch bewusst sehr eigenständig klingen. Das setzte damals unglaublich viel Experimentierfreudigkeit voraus.

Uns konnte ja niemand zeigen, wie man „schnell“ wie z.B. MDC spielt. Diese Techniken mussten wir selbst herausfinden und entwickeln und daraus formte sich auch unser Stil. Es gab während der Entstehungsphase von Hardcore-Punk ja einen regen Austausch unter den beteiligten Bands bzgl. diverser musikalisch-technischer Spielweisen, das war spannend, aber keine Beeinflussung. Ich weiss übrigens nicht, wie du auf „Lärm“ kommst, ich fand den Sänger immer recht nett, aber diese EP mit den 10 oder 20 Highspeed Nummern wanderte bei mir umgehend in die Unhörbar-Plattenkiste.

Wirklich massgeblich beeinflusst hat mich die Musik meiner Teenagerzeit von den Beatles, The Sweet, Bay City Rollers, Sex Pistols, Stiff Little Fingers, Thin Lizzy, MC5, Dead Boys, Iggy Pop, David Bowie, AC/DC, Queen, Police und der ganze Kram. Ich meine, mal ehrlich, was kann denn ein Ian McKaye, der sich mit degenerierten Lebensmodellen wie Straight Edge auseinandersetzte, gegen Lichtgestalten wie Iggy Pop, Johnny Rotten, Phil Lynnot oder Bon Scott ausrichten? Leute eben, die ganzen Generationen von Jugendlichen den Kopf verdrehten und das waren meine wirklichen Idole.

Beeinflusst haben wir ja lustigerweise nicht unbedingt Hardcore-Punkband , da waren wir „nur“ ein Teil der beginnenden Szene. Wir haben mit unserem Stil ja nachweisslich Thrash- und Speedmetal-Bands inspiriert. Auch welche, die später sehr, sehr bekannt wurden. Das lässt sich allerdings auf einem Myspace-Profil schlecht detailliert darstellen ;-.) Geht mir eh aufn Sack. dieser Myspace-Scheiss, ich hatte nur leider keine Zeit mich um eine anständige Inferno Homepage zu kümmern.

Inferno kamen ja aus Augsburg, hast du das mitbekommen, dass es seit einigen Jahren eine grosse Dokumentation über die Punkszene in München gibt, es gibt ein Buch, eine DVD, eine Ausstellung… ich habe das immer ganz interessiert gelesen, komisch fand ich, dass Inferno nun wirklich gar nicht erwähnt worden sind obwohl teilweise Gruppen aus dem Umland von München zur Sprache kamen… war`s einfach diese Kleinstadt – Grossstadt – Trennung, oder war München einfach nur Punk und ihr schon Core…?

Archie: Keine Ahnung! Es gab ja einige Münchner, die uns ganz cool fanden, aber viele waren es sicher nie, das stimmt schon. Woran das lag/liegt, weiss ich nicht. Aber wir wurden damals eigentlich in ganz Deutschland nicht in der Form gefeiert wie im Ausland! Kann schon sein, dass wir einfach zu extrem waren. Was du da jetzt mit „Core“ meinst ist für mich Geheimsprache! Für mich gab es immer nur die Hardcore-Variante von Punk-Rock, alles was sich da später in diesem Kleinod „HC-Szene“ entwickelte, fand ich eher uninteressant.

Wo ist eigentlich dieses schöne Gruppenfoto von Inferno entstanden, was in euerer zweiten CD abgebildet ist, dieser Berg, wo ihr 4 steht…? Ich mag das Bild sehr gerne…

Archie: An einem bitterkalten Tag auf einem Hügel vor Augsburg. Dort steht ein alter Befestigungsturm aus dem 19. Jahrhundert, namens „Bismark-Turm“. Ich kannte diese Aussicht gut, da meine Mutter gleich daneben wohnte! Es war die Photosession fürs Plattencover von HIBAKUSHA. Später wurde über der Augsburger „Skyline“ mit einem aufwendigen überblendungsverfahren ein Atomblitz eingefügt und mit Airbrushtechnik getrimmt. Mann, so was macht man heute mit Photoshop in Minuten.

Aber kurz zurück zu den Bands, die uns beeinflusst haben. Auf diesem Photo kann man an Howie, Zong und mir relativ genau erkennen, dass uns der Haarstyle von Misfits ganz gut gefiel;-). Und um es ad Absurdum zu treiben! Sieh dir mal die alten Promofotos von Tocotronic an, hehe, na fällt einem da was auf? Und meine Freundin liess letztens, als sie das Photo sah, beiläufig die Bemerkung fallen: „Wow, welche ähnlichkeit, 20 Jahre vor Bill von Tokio Hotel“!

Oh, und dann gibt`s noch ein anderes Inferno-Bild, was mir gut gefällt… Dolf, euer alter „Manager“, steht auf so einem Kanalrohr und ihr verbeugt euch zu ihm…. Der Streit mit ihm und euch ist ja in dem Booklet der „Pioneering Work“ gut und ehrlich dokumentiert, trotzdem liest sich der irgendwie schräg, aber „da steckste halt nich drin… .konntest du denn von dieser Erfahrung für deine späteren Bands wie Nikanuke und der Terrorgruppe etwas lernen?

Archie: Vielleicht war das ja unsere unterbewusste künstlerisch, fotografische Aufarbeitung von Dolfs autoritärem Management-Stil;-)? Ein Freund von mir, welcher als Manager einer bekannteren deutschen Band arbeitet, hat mir erst kürzlich mal eine vernünftige, auf den Punkt gebrachte Grundregel für die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen einer Band und ihrem Manager gesteckt.

Er meinte, solange die Band nach aussen hin cooler und wichtiger rüberkommt als ihr Manager, ist die Sache in trockenen Tüchern. Dolf hatte sich ja damals enorm in der angehenden Hardcore-Szene engagiert und ich glaub darum kam es auch letztendlich zu Spannungen, da nicht mehr eindeutig klar war, ob er seine persönlichen Interessen nicht mit denen der Band vermischte.

Ich will das hier und jetzt nicht ausführlich ausbreiten, weil es eigentlich niemanden was angeht und weil es auch einfach zu kompliziert ist, das verständlich und Objektiv darzustellen. Sind ja auch schon ein paar Jährchen her, ne? Nun, auf jeden Fall trennten sich eben unsere Wege, was sicher erstmal sehr schade und ärgerlich für beide Seiten war, jedoch ging für uns alle das Leben ja weiter und der Rest der Geschichte ist bekannt ;-).

Ich habe daraus für meine weiteren Band-Projekte gelernt, dass ich meine Interessen klar und ehrlich benennen muss und mein Umfeld/ Team kompetenztechnisch sauber strukturiert aufzustellen habe. Ausserdem halte ich meine Freundschaften und die organisatorischen, geschäftlichen Belange ziemlich straight auseinander. Das gibt dann weniger böses Blut, wenn`s mal scheppert ;-).

Apropos spätere Bands, du hast du auch mal mit Barry von RKL und Destiny Dave ein Metal -Verarschungsalbum gemacht, wie hiess das noch mal, Embryo Killers? Gute Erinnerungen daran?

Archie: Au ja das war lustig. Barry kam nach Berlin zu Besuch. Ich hatte gerade einen neuen Drum-Computer und einen Vierspur-Recorder am Start. Wir spielten einen Abend lang an dem Zeugs rum und machten Blödsinn, versuchten den schnellsten Drummer der Erde zu programmieren. Der Drum-Computer war leider zu lahm, also nahmen wir einen programmierten Take auf Tape auf und drehten das dann hinterher schneller. Wir waren glücklich, als wir einen Drummer erfunden hatten, der sogar schneller war als eine Maschine;-).

Während ich mich um den aufnahmetechnischen Teil unseres kleinen Experimentes kümmerte, kritzelte Barry bizarre Texte auf einen Block. Strophen über „Böse Frösche“, „Nekrophile Nonnen“, „Kriegsvögel“ und all so’n Blödsinn Er las mir immer wieder ein paar Zeilen vor und wir lagen uns japsend vor Lachen in den Armen. Schnell war klar, dass wir da gerade einen Flow hatten und wir beschlossen eine Deathmetal-Persiflage-Partyplatte zu schreiben. Nach einer Woche Vor-Produktion und endlosen Lachanfällen buchte ich ein billiges Studio und wir nahmen den Quatsch an 2 Tagen auf.

David kam dann auch noch vorbei und brüllte ein bisschen ins Mikrofon. Die Flasche 100$-Malt-Wiskey, die er mitbrachte, machte mir dann beim Mixdown noch Probleme, da Dave und Barry nicht mehr Herr ihrer selbst waren und ständig irgendwelche Wurfgeschosse durch die Regie flogen. Barry brachte dann noch Dan Sites und Dave Brokie von GWAR dazu, sich ums Artwork zu kümmern und Pollack und ich gründeten schnell ein extra Label – „Born Dead Records“- dafür. Naja, im „Rock Hard Magazin“ drängte ich darauf, den Titel der „Arschbombe des Monats“ dafür zu bekommen und flugs waren 1000 Einheiten von dem Ding verdeckelt;-). Und viele meiner Bekannten feierten die Cd auf ihren Parties ab.

Was ich bei der Durchsicht diverser Reaktionen in Bezug auf Inferno nicht ganz verstanden habe, ist, dass immer so eine Tendenz vorkommt, dass man „trotz der teilweise Klischee-Texte“ die Band klasse findet… was kann damit gemeint sein? „Linke Sau“? Oder dieses „Russen und Amis lauern über all“? Ich mag die Texte allesamt sehr gerne und sehe da eigentlich keinen Raum für Fehlinterpretationen… gut, man könnte sagen, dass eine Punkband eine Frau als „Cunt“ benennt (bei „Ram it up“) ist eher ungeil, aber das haben Conflict mit „Berkshire Cunt“ ja auch gemacht… würdest du dich von irgendwas distanzieren?

Archie: Damals gab es ja noch nicht so eine Band-Schwemme wie heute und vor allem nicht so viele Bands die eben genau das gleiche machten. Darum waren unsere Texte damals ja eben nicht Klischee sondern extrem authentisch. Wir texteten in einer einfachen Sprache, etwas holprig aber ehrlich, über unseren Alltag, unsere ängste und gaben unserer Verständnislosigkeit gegenüber der weltpolitischen Situation Ausdruck. Wir nutzen unsere Texte und die Musik hauptsächlich als Ventil, um Frust und Wut abzubauen. Für Rezensenten, die nicht in dieser Zeit aufgewachsen sind, ist das heute natürlich schwer zu verstehen, allerdings glaub ich schon, das die Authenzität der alten Aufnahmen sich grösstenteils konserviert hat.

Bei „Linke Sau“ ging es halt eben nicht um Mitglieder der MLPD, sondern um unehrenhafte Feinde und falsche Freunde und weltpolitisch gesehen waren Russen und Amis eben schuld an einer sehr unsicheren Situation in Bezug auf atomare Bedrohung, welche uns Angst machte. Aber Sprache verändert sich nun mal auch ständig und dann entstehen eben 25 Jahre später auch Fehlinterpretationen, klar! übrigens heisst es „Ram it up your cunt“ nicht „Ram it up you cunt“.

Musikalisch überraschend fand ich den Einschlag von einigen hoch melodiösen Einschlägen auf der zweiten CD, z.B. bei „No one rules“, dat is ja fast wie Lurkers, ha ha…

Archie: Knapp verfehlt ist auch vorbei!;-). „No One Rules“ ist eine Cover-Version der Band „Charge“ und ein Blues-Rock basierte Oldschool-Punk-Nummer! Wir fanden die Nummer alle cool und wollten sie unbedingt nachspielen. Wir hatten allerdings, solange ich noch in der Band war nicht zwingend vor, wesentlich melodischer zu werden, eher abwechslungsreicher vielleicht!

Entweder war ich zu doof, oder es gibt für den Laien kaum Unterschiede zwischen „Ram it up“ und „Ram it up II“?

Archie: Nicht? Ooops, schade, wieder mal was falsch gemacht! „Ram it up II“ ist natürlich mit ganz anderen Techniken eingespielt wie die alte Version (Doppelkick, gedämpfte Stakkatogitarren, Gegentakte usw.) und das Ende wurde auch komplett umarrangiert.

Warum sind die Lieder der Tod und Wahnsinn eigentlich in einer anderen Reihenfolge wie auf dem A&M-Music-Release? Ist das jetzt die Original-Reihenfolge?

Archie: Ich fand die Kopplung auf der „Tod und Wahnsinn“ nicht mehr ideal, darum hab ich mir bei den Re-Mastern erlaubt. da einen besseren Flow rein zubekommen und hab die Reihenfolge dementsprechend verändert!

Ihr seid auf dem ersten Schlachtrufe-Sampler am Start gewesen… kann man sich das so vorstellen, dass da schön jeden Monat ein 1000 Euro Scheck Roaylities reinkommen? Der muss sich doch wie geschnitten Brot verkauft haben, fast jeder ha(ss)t den ja…:) ?

Archie: Don’t ask ‚bout money. Sicher lief der Sampler wie eine Granate, nur war Thomas Ziegler von AM Musik nicht unbedingt der transparenteste Lizenznehmer und Abrechnungspartner. Einer der Gründe, warum ich später Indi-Labels und ihren vordergründig fairen, aber eigentlich nicht nachvollziehbaren Deals immer sehr skeptisch gegenüber stand! Ich hab jedenfalls nie was von dem Geld gesehen ;-).

Inferno und Alkohol… Bier und Wodka scheinen bei euch ja hoch im Kurs gewesen zu sein, oder war nur Howie die Wodka-Fraktion? Gab`s bei euch auch mal Gigs, wo alle dicht waren oder waren eher nüchterne Auftritte die Ausnahme? Euer Manager hat euch bestimmt oft gesagt, dass Bier trinken wirklich nur 1-2 unter der Woche vorkommen darf oder …*grins*…

Archie: Wir hatten alle ein verdammtes Alkoholproblem und in unserer Inferno-Zeit versuchten wir. das noch zu glorifizieren, obwohl sich der Song „Wodka“ sogar unterbewusst, ironisch damit beschäftigt! Ich hoffe, allen Protagonisten geht es heute gut und Seelen sowie Lebern sind noch heile.

Total genial finde ich ja das Stück „Liebeslied“…war das eine Antwort auf ZK`s „Dosenbier“?

Archie: Keine Ahnung, ich fand ZK ja immer geil, aber wie ich oben schon sagte, so offensichtlich war uns die Inspiration anderer Bands nie bewusst. War eigentlich schon logisch. dass wir in Augsburg/Bayern Flaschenbier abfeierten, schmeckt ja auch wirklich besser als Dosenbier!

Was ich nicht ganz verstanden habe, du hast mal gesagt, dass du in der Endphase von Inferno aus Augsburg wegziehen wolltest, weil du sonst auch zum Alkoholiker mutiert wärst… du bist dann nach Berlin gezogen, ist aber nicht gerade da die Gefahr aufgrund des viel grösseren Angebots an Kneipen, die 24 Stunden offen sind, viel grösser?

Archie: Diese Kleinstadt tat mir nicht mehr gut, ich fühlte mich nicht mehr wohl da und musste weg. Ich wollte Optionen haben. Die Welt musste mir offen stehen. Ich betrank mich vorwiegend aus Langeweile. Mir war klar dass das in Augsburg mit mir nicht gut enden würde! Ich war zwar in Berlin auch nicht unbedingt ein abstinenter Engel, hatte aber ständig was zu tun und so hielt sich mein Drogenkonsum dort doch eher in überschaubareren Grenzen. Auf dem letzten TG-Album befindet sich ein Song namens „Kleinstadtlied“, da geht`s genau um diese Thematik.

Standen Inferno eigentlich recht isoliert in der Punkszene da oder hattet ihr Bandfreundschaften (in Augsburg, BRD, Welt)?

Archie: Wir hatten regen Kontakt mit vielen Bands auf der ganzen Welt. Aber irgendwie hatte ich schon den Eindruck, dass uns gerade die typisch, deutschen Oldschool-Punk-Bands eher belächelten.

Ha ha, ich musste doch sehr schmunzeln, google mal Inferno und Augsburg, gibt jetzt ne Rockkneipe in Augsburg mit dem Namen „Inferno“…ein später Triumph :)?

Archie: Wenn das wirklich mit uns zusammenhängt, wäre das natürlich schon lustig. Allerdings ist das Wort „Inferno“ in der härteren Rockmusik ja auch ein relativ stark frequentiertes Wort. Es gab ja Ende der 80er schon eine Death-Metalband aus USA, die sich so nannte, und Mötorhead tauften ja auch ein Album „Inferno“.

Totale Nerd-Frage… es gibt doch diese Passage in einem Toxoplasma-Song, wo die „Inferno, Tod und Wahnsinn“ singen… bezog sich das auf euch oder habt ihr von denen das übernommen?

Archie: Irgendwie klingelst da. Das Toxoplasma-Album war ja vor unserem Album draussen, etwa ein Jahr glaub ich. Wir fanden Toxoplasma auch alle gut und als wir den Titel fürs Album auf dem Tisch hatten, wurde auch öfters über diese Toxoplasma-Songzeile gewitzelt. Ich weiss allerdings wirklich nicht mehr, ob wir den Titel nicht sogar darum gewählt haben oder ob wir uns nur über den dummen Zufall lustig gemacht haben?

Gab`s eigentlich Coverlieder, die ihr mal gespielt habt?

Archie: Ja, einen, „No One Rules“ (siehe oben) ;-).

Gab`s die überlegung, irgendwelche Live-Aufnahmen auf die Doppel-CD noch draufzupacken?

Archie: Gab es, ja. Vorwiegend natürlich das „Live and Loud“ Album, aber wir haben uns dagegen entschieden. Zum einen, weil es dann 3 CD’s geworden wären und das finanziell den Rahmen gesprengt hätte und zum anderen, weil sonst sehr viele Nummern auf der Werkschau doppelte Versionen gewesen wären.

Das wäre dann ja eine Art komplettes „Audio Archiv“ geworden und wir hätten wirklich alles jemals Aufgenommene draufpacken müssen. Das wäre allerdings rechtlich schon gar nicht möglich gewesen, da die Masterrechte einiger weniger Songs wie z.B. die Tunes auf den „Ultra HC Power 1 & 2“ Samplern leider auch nicht geklärt werden konnten.

über die Reanimierung der Band in den 90igern wollt ihr lieber den Mantel des Schweigens legen… war es so mies? Kam vorstellbar bei dem tollen Backkatalog an geilen Liedern…

Archie: Darüber war aus Howie nicht sehr viel rauszubekommen. Ich hab die Jungs mal auf einem TG-Gig in Augsburg 1996 versammelt getroffen, aber danach muss es zwischen Zong und Howie wohl gekracht haben, aber da erfährt man nichts genaues darüber!

Hast du noch Familie in Augsburg oder noch Freunde da? Bist du noch mit Zong in Kontakt, gefällt dir seine Band DEEP? Wie schautv es mit dir und Howie aus?

Archie: Mein Vater und meine Mutter leben noch da, ja, Freunde hab ich da leider nicht mehr. Zong ist unauffindbar. Bei meinen Recherchen ihn zu kontakten bin ich auf DEEP gestossen Find ich ganz cool, diese Musik, vor allem dass er weiterhin mit Musik experimentiert, begeistert mich. Howie hat meinen vollen Respekt, er hat mich bei dem Werkschau-Projekt mit besten Kräften unterstützt, obwohl er wohl fett Stress um die Ohren hat!

Als 14jähriger hörte ich das erste Mal Inferno und als ich beim TRUST mitmachte, und peilte, dass Inferno-Howie da auch mitmacht, baute sich natürlich ein riesiges Bild auf, wie denn der Inferno-Sänger heute aussieht… das geht bestimmt vielen so, wenn sie irgendwann mal auf ihre Helden der Jugend treffen und Vorstellung und Realität aufeinander treffen… kennst du das von dir selber…? Wie können sich die Leute den Archie von heute vorstellen? Sollte man ihn ansprechen, wenn man ihn erkennt oder sind diese „Deine Band hat mich voll beeinflusst“- Sprüche nicht voll peinlich und deshalb sollte man lieber gar nix sagen? Aber irgendwie will man sich ja auch bedanken, wenn man eine Band ewig hört und die einen begeleitet, aber unpeinliche Fan-Mails sind wohl ein Widerspruch in sich…

Archie: Na, du hast mich ja selbst schon mal aus heiterem Himmel in einem Berliner Club bei einer „Crosstops“ Show darauf angequatscht. Ich hab da doch hoffentlich ganz normal reagiert? Eigentlich freu ich mich schon über solche Kontakte, ist halt nur manchmal komisch mit Lobeshymnen umzugehen. Ich weiss immer nie, wie ich reagieren soll, wenn mich Leute zu sehr abfeiern. Mit meiner Inferno-Vergangenheit geht das ja noch, aber mit der TG Vergangenheit wird`s dann schon manchmal bizarr.

Du hast vor kurzem mit KIZ live ein Konzert gegeben, wie war`s? Was gefällt dir an der Band, kamen die auf dich zu? Kenne von denen nur das „Wir sind jetzt Stars“—geiler Text!

Archie: Die KIZler sind Hammer. Ich habe in meinem Musikerleben 3-mal dasselbe Gefühl von „Scheisse ist das Cool, Neu, Einzigartig und sensationell Souverän“ erlebt. Erstmals bei Inferno, dann bei Terrorgruppe und erst kürzlich bei K.I.Z.. Die Jungs sind so was von Basic-Punk, das gibt`s gar nicht und das als HipHop-Band. Als die mich fragten, ob ich nicht eine Nummer zusammen mit ihnen machen möchte, musste ich nicht lange nachdenken und wusste genau warum und was ich zu tun hatte. Brüder im Geiste halt.

Die einzige aktuelle Band, die wirklich frisch und authentisch mit deutscher Sprache umgehen kann. Dagegen hört sich alles andere wie Opa-Grütze an. Die erste Band die mal wieder nen anständigen, gesunden Generationskonflikt auslösen kann. Die Jungs haben meinen ganzen Respekt und meine volle Unterstützung.

Zum Abschluss habe ich noch kurze Fragen, kurze Antworten an dich und bedanke mich schon mal im Voraus… Toten Hosen?

Archie: Opel Gang, eine Hammer Platte. Egal was man von dieser Band heute halten mag, sie waren eine Institution was Punk mit deutschen Texten angeht.

Dein Lieblingslied von Inferno? Dein „Geht gar nicht mehr Song von Inferno?“

Archie: „Wäh“, einen „geht gar nicht Song“ gibt`s eigentlich nicht! Selbst Songs, die heute nicht mehr aktuell erscheinen, waren damals sehr authentisch und wichtig für uns.

Was war das schönste Kompliment, was du je über Inferno gehört hast?

Archie: Scott Ian hat mich mal auf nem WFF Festival mit Props zugeschüttet, kann mich allerdings leider nicht mehr an die genauen Wortlaute erinnern! Unser tschechischer Merchandiser bei TG hat mir mal erzählt, er und seine Prager Punker-Gang hätten sich damals die „Tod und Wahnsinn“ so oft von Tape auf Tape weiterkopiert das irgendwann mal die Musik nicht mehr deutlich zu erkennen war, das fand ich schon erstaunlich!

AC/DC oder Kiss?

Archie: Keine Frage! AC/DC natürlich! KIss fand ich nie wirklich gut. Show-technisch natürlich schon einzigartig, aber musikalisch und inhaltlich kickten die mich nie?

Was ist deine Message an die Kids und Leser?

Archie: Kids, lernt lesen! Leser, bleibt jung!

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Interview: Jan Röhlk

Guckst du hier: myspace.com/infernohc

Links (2015):
Wikipedia
Discogs

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