März 12th, 2007

IGNITE (# 60, 10-1996)

Posted in interview by andreas

Ignite haben gerade ihre dritte Europa Tour absolviert. Daher wurde es mal höchste Zeit ein Interview zu machen. Eigentlich sollte das ja schon im Dezember 1995 in Kalifornien passieren. Aber dank widriger Umstände wurde daraus nichts, und das Ganze musste auf den Juli 96 verschoben werden. Für die, die die Band noch nicht kennen hier ein paar kurze Fakten.

Ignite spielen HC in der Tradition von Minor Threat und Uniform Choice gepaart mit einem Schuss mehr Melodie. Es gibt Leute, die das als Old School Hardcore bezeichnen. Gegründet wurde die Band 1993 von Joe D. Foster (Gitarre) und Bret Rassmusson (Bass). Weitere Mitglieder sind Zoli (Gesang) und Casey Jones (Drums). Nach Veröffentlichungen auf Ringside Records, Lost & Found und Conversion Records dürfte die neue MCD inzwischen auf Revelation Records erschienen sein.

Da schon viel über die Band in anderen Zines zu lesen war habe ich Fragen zur Musik in den Hintergrund gestellt. Vielmehr interessierte mich Joe’s Verständnis von Hardcore, seine Meinung über Madball deren Support Ignite auf dieser Tour bildeten und andere langweilige Dinge.

***


Joe, bist Du eigentlich schon gut gestresst am Ende dieser zweimonatigen Monster Tour durch Deutschland? Ihr habt ja seit dem 15.Mai bis heute dem 3. Juli fasst jeden Tag gespielt und immense Strecken zwischen den einzelnen Shows zurückgelegt.

Joe: Das waren gar nicht mal so viele Shows in Deutschland, mehr in England und Frankreich. Aber zu Deiner Frage, wenn Du uns am Anfang der Tour gesehen hast und Du uns jetzt in die Augen schaust, siehst Du nichts weiter als Zombies. Ich meine, wir lieben es zu spielen, aber bei einer so langen Tour gehst Du dir untereinander schnell auf die Nerven, du bekommst Heimweh, und die Shows in England waren auch nicht so sehr gut. Da waren zum Teil nur 30 Leute. Es fing super Klasse an hier in Deutschland mit den Visions Festival Shows.

Diese Visions Shows haben Dir gefallen?

Joe: Ja, das war grossartig, ich meine es waren eine Menge Leute dort.

Aber diese scheiss grossen Hallen

Joe: Ich denke nicht, dass sie zu gross waren. Da waren keine Absperrgitter vor der Bühne, und die Kids konnten auf die Bühne kommen, diven, Spass haben etc.

Ich sehe das ein bisschen anders. O.K. es gab keine Absperrgitter bei den Visions Shows, aber dafür gab’s dämliche Ordner die Dich mit ’nem Arschtritt von der Bühne befördert haben.

Joe: Das ist passiert? Du warst nicht bei allen 5 Visions shows?

Bei 3 von 5.

Joe: (lacht) OK die anderen beiden waren also verdammt cool.

Worauf ich eigentlich hinaus wollte war, ob solche Shows überhaupt noch etwas mit Hardcore zu tun haben? Das denke ich nämlich nicht unbedingt. Hier fängt es doch spätestens an Rockbusiness zu werden.

Joe: Ich will mal ehrlich sein. Ich denke, dass Du eine ziemlich engstirnige Vorstellung davon hast, was Hardcore ist. Für mich ist Hardcore alles was aus tiefstem Herzen kommt, egal ob Du Piano spielst oder in ein Mikrophon brüllst. Du und deine Leute wollen Hardcore ausschliesslich auf diesen aggressiven Musikstil bezogen sehen. (B L ö D S I N N). Für mich kann es aber alles sein, nicht ausschliesslich nur Musik, alles was Du mit totaler Hingabe machst und liebst ist in meinen Augen Hardcore.

Du hast mich da wohl etwas falsch verstanden. Ich bin nicht der Arsch der denkt, DIE Definition des Hardcore für sich gepachtet zu haben, so wie das einige Bands tun, oder zumindest so verkaufen, zum Beispiel Earth Crises.

Joe: (lacht)

Sie verkaufen doch nur ein Image, genau wie diese Band namens Madball die Ihr gerade erst supportet habt. Bei Ihnen ist es eben nur ein anderes, das Tough Guy, Image. Dabei sehen sie doch nicht mal danach aus, ausser vielleicht diesem monstermässigem Basser.

Joe: Das ist der netteste Mensch der Welt

Vielleicht ist er das, aber trotzdem habe ich ein Problem mit der Band, da sie dieses Tough Guy Image verkaufen. Hast Du schon mal einen Ihrer Video Clips gesehen, das ist Poser Scheiss.

Joe: Ja aber Du darfst nicht vergessen, dass Du nicht wie sie auf der Strasse gross geworden bist. Das ist ihr Leben seit ihrer Geburt, setz dich durch auf der Strasse oder lass andere die Scheisse aus Dir rausprügeln. Wären sie so aufgewachsen wie Du, ich weiss ja nicht wie das war… Sagen wir mal sie wären so aufgewachsen wie ich, vielleicht würden sie dann in einer Band wie Ignite spielen.

Was ich sagen will ist, dass sie kein Image verkaufen, sie sind so. Leute kaufen vielleicht dieses Image. Aber das ist nicht Madballs schuld. Und du kannst das ruhig schreiben, Madball sind die nettesten Menschen die Du Dir vorstellen kannst. Und ich sollte das nach Wochen die ich mit ihnen auf Tour war doch wohl beurteilen können. Und für was ich sie wirklich respektiere ist, dass sie sich von niemandem etwas gefallen lassen. Wenn ihnen jemand dumm kommt, nehmen sie sich der Sache an. Und wer sie so respektiert wie sie sind hat auch keinen ärger mit Ihnen.

Es ist ganz klar, und das sehe ich so wie sie, wer mich so nimmt wie ich bin, den akzeptiere ich auch. Ich bin auch immer für eine friedliche Problemlösung, aber in der Vergangenheit haben viele Leute Ignite nur ausgenutzt. Sie dachten sie könnten uns herumschubsen, wir seien ja nur schöne Jungs aus Kalifornien, nur Trendcore usw. Gerade diesbezüglich haben wir eine Menge aus der Tour mit Madball gelernt, insbesondere was es heisst Respekt zu haben.

Das ging jetzt noch endlos so weiter und führte doch zu nichts Ich werde meine arrogante Mid-Class Meinung über Madball nicht ändern. Eine harte Kindheit ist in meinen Augen noch keine Entschuldigung für Blödheit und „Auf die Fresse“ Mentalität. Vielleicht hatten ja auch Stalin, Hitler oder Kohl eine schlimme Kindheit. Deshalb werde ich sie und Ihre Taten bestimmt nicht respektieren. Denken ist schliesslich kein Privileg von wohl behüteten Kiddies.

Kommen wir lieber mal wieder zu einem Punkt der Ignite betrifft. Denkst Du, dass Eure Popularität bei der nächsten Deutschland Tour so gross ist, dass Ihr nur noch in Hallen, wie bei der Visions Tour, mit einem Fassungsvermögen von 1000+ spielen werdet? Ist das überhaupt ein erstrebenswertes Ziel?

Joe: Ich persönlich denke, dass unsere Popularität im Vergleich zum letzten Jahr gesunken ist. Eine Zeit lang war es trendy Ignite zu hören und Ignite Shirts zu tragen, aber das ist ganz offensichtlich vorbei, da alles in allem weniger Leute auf den Shows waren als letztes Jahr. Aber ich sehe das als etwas an, das wir nicht beeinflussen können, sowas passiert einfach. Ehrlich gesagt ist es mir auch egal. Ich spiele gerne kleine Shows, denn das sind die Momente, die richtig Spass machen. Ich kann mich nicht an eine grosse Show erinnern, die einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen hat. Du wirst da nicht eins mit den Kids und darauf kommt es doch an.

Was mich wirklich traurig machen würde wäre, wenn die Kids, die seit Jahren zu unseren Jugendzentren Shows kommen, uns plötzlich nicht mehr mögen würden. Die anderen, die Ignite nur als Trend sehen oder sahen, können mir gestohlen bleiben. Wir werden uns niemandem anpassen oder uns verändern und die Leute, die uns nicht nur für so einen Trend halten, werden uns auch treu bleiben.

OK, aber Ihr habt jetzt einen Deal mit Revelation Records, einem Label das ziemlich viele Bands an Major Label verscherbelt. Würdet Ihr diesen Schritt machen, wenn ein Angebot kommt?

Joe: Wenn wir es so machen können wie Sick of it all, dann ja. Keine Veränderungen im Sound, volle Künstlerische Kontrolle, Covergestaltung, Preisbestimmung der Shirts und des Eintritts bei unseren Shows, klar würden wir das machen. Es bedeutet letztenendes nur einen besseren Vertrieb.

Leute die unserer Scheiben heute nicht so leicht bekommen können, würden dann keine Schwierigkeiten mehr damit haben. Aber ich glaube nicht, dass das überhaupt passieren wird. Verschliessen würden wir uns solch einem Deal, der uns Geld bringt und uns alle Freiheiten lässt, natürlich nicht.

Das klingt so, als hätte Hardcore für Euch nicht mehr viel mit Punk zu tun?

Joe: (wird ein wenig giftig) Hardcore kann z.B. bedeuten, 2 Monate in den selben Klamotten in einem stinkenden Bus zu hausen in dem Du nicht mal kacken kannst, jeden Abend zu spielen mit Equipment das ständig in Arsch geht, kaum bezahlt zu werden weil du nur die Support Band bist – Das ist Hardcore.

Hardcore heisst auf der Strasse zu leben, sich zu weigern irgend jemand mit seinem Job reich zu machen, dir dein Essen aus den Mülleimern zusammen zu kratzen – Das ist Hardcore, fuck, versuch mal 6 Monate in einem Bus auf Tour zu sein, dann unterhalten wir uns über Hardcore, Passion & Love. Meine Unterwäsche klebt an mir. Ich kann sie nicht mal ausziehen, so dreckig ist sie. Und das ist nicht witzig, ich liebe es einfach Musik zu machen, deshalb nehme ich all das in Kauf – Das ist Hardcore. Was ich sagen will ist, das Hardcore nichts mit dem Musikstil zu tun hat sondern mit der Ideologie dahinter.

Ok Ok, aber viele Leute verbinden mit Hardcore noch immer eine politische Einstellung (und ich meine nicht die Leute mit den „Hardcore – The real deal“ Shirts). Das ist doch bei Euch eher weniger der Fall oder?

Joe: Nein, darum dreht es sich bei mir auch. Ich sage nicht das jeder Teil eines Systems gut oder schlecht ist, aber ich bin gegen viele Dinge die so abgehen, gegen die ganze Scheisse die unsere Regierung verzapft hat. Ich glaube das jeder genug Kraft in sich hat, um sein eigener Boss zu sein. Viele Leute sind aber auch bequem und werden zu Marionetten des Systems (Guter Mann, dem kann man nicht entgehen!). Das ist etwas was ich für mich ablehne. Ich habe noch nie Steuern an meine Regierung bezahlt, die wissen nicht mal, dass es mich gibt.

Wenn ich alt bin bekomme ich keine Rente, da ich niemals in meinem Leben einen geregelten Job hatte. Es gibt immer Wege für mich Geld zu machen, aber keinen Weg für andere Leute Geld zu machen. So bezahle ich auch keine Steuern, die dann für allen nur möglichen Mist benutzt werden. Ich bin also nicht wirklich Teil des Systems.

Und die Konsequenz daraus müsste doch sein, dass Du nicht zu einem Major gehen dürftest, denn dort zahlst Du Steuern und machst andere Leute reich.

Joe: Wenn ich mit meiner Musik keinen Erfolg habe werde ich wahrscheinlich vom Hardcore Typen in einer Band zu dem Typen, der sich in den Strassen sein Essen aus den Mülleimern kratzt. Stell Dir also vor Du wärst ich, Du machst seit 17 Jahren diese Musik, Du hast noch immer kein Geld und besitzt nichts, aber du liebst es Musik zu machen, wenn es geht bis ans Ende Deines Lebens. Und dann kommt da dieser Typ von Capitol Records und bietet dir z.B. 2 Millionen Dollar mit einem Vertrag über 5 Alben, der Dir alle Freiheiten lässt die Du willst. Und ich sage Dir, Du würdest das annehmen, wie könntest Du nein sagen zu 2 Millionen Dollar?

Für mich würde das bedeuten, ich kann Musik machen bis an mein Lebensende ohne die tägliche Angst im Nacken irgendwann nichts mehr zu Essen und kein Dach mehr über dem Kopf zu haben. Was es aber auch bedeuten sollte ist, dass die Konzerte die wir spielen billiger werden, 5 Mark oder umsonst. Man braucht das Geld dann nicht mehr, die 2 Millionen bieten grosse soziale Sicherheit. Ich persönlich würde dann sofort sagen, lass uns auf Tour gehen, alle Konzerte freier Eintritt, das wäre cool aus meiner Sicht. Bestimmt würden uns einige Leute auch dafür hassen, aber fuck them.

Sie sind es letzten Endes die verlieren, nicht wir. Wir hätten nur Glück gehabt, nur Glück! Wir wären keine Sellouts oder sonstwas, einzig und allein wäre ich für 17 Jahre harter Arbeit belohnt. Das heisst nicht, dass ich nicht auch jetzt schon jeden Abend nach einer guten Show durch die gute Stimmung belohnt bin. Aber die Angst, irgendwann auf der Strasse leben zu müssen, eliminiert zu haben wäre eine grosse Last, die mir von den Schultern genommen wäre.

Und was ist mit den Steuern die Du dann bezahlen würdest?

Joe: Klar, wenn das wirklich passiert, wir auf einem Major, dann bin ich Teil des Systems, zumindest mehr als jetzt. Ich zahle durch die CD Verkäufe Steuern. Aber das wäre OK für mich, da ich immer noch für mich arbeite, ich tue etwas das ich liebe und an das ich glaube. Es ist nicht der Major der die Musik macht sondern Ignite.

Wer ist hier also von wem abhängig? Wir bestimmen unser Schicksal selbst, nicht irgendeine Firma. Und das ist der einzige Weg wie ich Teil des Systems werden würde, denn Musik ist das Einzige was ich machen will. Und nicht irgend einen scheiss Job den ich hasse, ich kann das nicht.

Um Leuten gleich mal den Wind aus den Segeln zu nehmen, die meinen, dass Joe’s Aussagen Schwachsinn sind, da jeder Teil des Systems ist, hier noch ein paar kurze Gedanken. Sowohl mir als auch Joe ist eben schon gesagtes natürlich bewusst. Wenn ich z.B. in einen Laden einkaufen gehe zahle ich auch Steuern und bin somit Teil eines, und zwar unseres, politischen Systems. Aber darum ging es auch nicht, sondern vielmehr um den Grad an Verweigerung den man dagegen aufbringen kann. Klar?

Ich kenne einige Leute die meinen, dass Ignite keine besonders korrekte Band seien und sich nicht wesentlich vom üblichen Rockbusiness unterscheiden. Deshalb kommen sie nicht zu Euren Shows. Was denkst Du darüber?

Joe: Nicht korrekt? Was soll das, was sind das für Leute? Wir geben Konzerte und bieten den Kids eine Möglichkeit über gewisse Dinge nachzudenken. Was machen diese Leute? Sitzen sie in einem Raum und unterhalten sich mit Ihrem Spiegelbild, oder was? Ich verstehe solche Leute nicht. Pro Abend können wir 4 Leute auf die Gästeliste setzen. Hast Du mal unsere Gästelisten gesehen, die sind riesig.

Für uns heisst das, dass wir vom Profit des Abends weniger abgekommen, da die Clubs die Extra Gäste von unserer Gage abziehen. Zoli hat allein schon für rund 3000 Mark Merchandise an Kids verschenkt, die es sich nicht leisten konnten. Wir kümmern uns um die Leute, verstehst Du?

Zum Merchandise muss ich noch eben was loswerden. Kein Wunder, dass Zoli das Zeug verschenkt. Wer zahlt schon Geld für ein Shirt auf dem in riesigen Buchstaben das Wort Hardcore steht. Das ist in meinen Augen ja wohl nur schlecht, aber das habe ich mit Joe schon vorher alles durchgekaut. Er sieht das natürlich alles ganz anders, aber egal, das Merchandise ist in meinen Augen für’n Arsch.

Mich würde noch mal interessieren was Ihr so für Jobs habt. Wenn Du in Deutschland einen festen Job hast, kannst Du nicht eben mal 6 Monate auf Tour gehen. Wie sieht das bei Euch aus?

Joe: Casey hat `nen Job, den er jederzeit wieder aufnehmen kann, Bret musste seinen aufgeben, Zoli hat einen Teilzeit Kellner Job wann immer er will. Und wie ich schon sagte, ich hatte nie einen Job. Ich kann also machen was immer ich will. Wenn ich Geld brauche mache ich zum Beispiel Photos, drucke sie dann, gehe zu einem Platz wo viele Leute sind und versuche, sie zu verkaufen. So halte ich mich über Wasser.

***

Es folgten noch lange Gespräche über Sellout, New Age, Conversion, Epitaph usw. Aber das würde den Rahmen hier wirklich sprengen. Danke für Eure Aufmerksamkeit. Ignite kommen übrigens im Oktober/November noch mal nach Deutschland. Vielleicht sehen wir uns ja beim ein oder anderen Konzert.

Interview: Torsten Meyer

Links (2015):
Wikipedia
Homepage
Discogs

 

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