März 12th, 2007

HIP YOUNG THINGS (#62, 02-1997)

Posted in interview by andreas

Schneider von den HIP YOUNG THINGS, auch bei LOCUST FUDGE tätig, gibt sich beim Interview locker, obwohl die allgemeine Situation, über die wir da sprechen, ziemlich krampfig ist: debattiert wird (und das nicht nur bei den HIP YOUNG THINGS), warum ausgerechnet die Gitarre nicht mehr hip ist und warum es so schwer geworden ist, noch mit Lust und Laune Rock zu spielen – weshalb also der Begriff ‚Indie‘, der bis Ende der 80er so verlässlich erschien, plötzlich nur noch fade Erinnerungen wachruft.

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Schneider: „Alternative-Rock interessiert mich gar nicht mehr. Es ist schwierig, mit der gegenwärtigen Situation umzugehen, damit, eine Gitarre in der Hand zu halten, obwohl einem Gitarrenmusik im weitesten Sinne gar nichts mehr bedeutet. Darum haben wir uns mit der neuen Platte ganz von diesem Post-Grunge-Stil gelöst, haben richtige Popnummern eingespielt.

Auf dieser Platte ist die Gitarre nur Mittel zum Zweck, steht nirgends mehr im Mittelpunkt. Es gibt sowieso nur noch zwei Möglichkeiten, mit Gitarrenmusik umzugehen, glaube ich: Entweder man ist noch völlig von dem überzeugt, was man macht, dann glückt es vielleicht zufällig – so wie es bei MOTORPSYCHO zufällig glückt – oder man muss verlieren.“

Als „Shrug“ von den HIP YOUNG THINGS 1994 rauskam, hatte mich diese Platte sehr überzeugt, nicht obwohl sie eine Gitarrenrock-Platte war, sondern gerade weil sie eine aussergewöhnliche Platte dieses Genres gewesen ist. Die Band stapelte Lärmwände auf (Post-SONIC YOUTH, Post-SPACEMEN 3, Post-DINOSAUR JR und viele Posts mehr), um sie locker zu durchbrechen, extrem dynamisch, ironisch, leicht, also ganz ohne diesen Authentizitäts-Rocker-Gestus. Und auch Schneider kann noch mit dieser Platte leben, gerade weil sie ihm schon als sehr gebrochen und selbstkritisch erscheint:

Schneider: „Es gibt eine gewisse Form von Posing, die ich nie praktiziert habe. Thurston Moore sagte einmal, er würde Gitarre spielen, weil es gut aussieht. Okay, er hat das nicht ernst gemeint, aber gerade daran habe ich schon beim Aufnehmen der ‚Shrug‘ gelitten: Ich hätte die Gitarre am liebsten ins Eck gepfeffert. Wenn man diese Spannung und Zerrissenheit hört, dann ist die Platte ja doch noch einigermassen gelungen.“

Die neue Platte „Ventilator“ dagegen zeigt sie auf der Suche, hat mich bislang noch nicht so besonders überzeugt – und doch habe ich dieses Interview gemacht, halte die HIP YOUNG THINGS für eine interessante Band, die man im Auge behalten sollte… so wie viele Bands aus dem Umkreis, in dem sie arbeiten. Diesen Umkreis kann man lose als Ruhrpott-Weilheim/Landsberg-Connection bezeichnen, eine Ansammlung von Bands, deren Musiker (Musikerinnen sind auch hier leider eine Ausnahme) im Laufe der Jahre zu Freunden geworden sind und die sich zum Teil auch gegenseitig auf Platte und live unterstützen.

Zu nennen wären da THE NOTWIST, VILLAGE OF SAVOONGA, SHARON STONED (inzwischen bei Sony Music, so geht das, tz tz!), LOCUST FUDGE und um sie herum all die noch wenig bekannten Namen, die doch für neue Impulse sorgen (etwa auf dem Sampler „The Day My Favorite Insect Died“, 1996 auf dem Kollaps-Label herausgekommen).

Was ist all diesen Bands ausser Freundschaften und Zusammenarbeit gemeinsam? Man kann zwar nicht von einer „Schule“ reden, wie das bei den Hamburgern gerne getan wird (obwohl da auch fraglich ist, inwieweit die eine „Schule“ bilden, ober ob dort auch nur zufällig über Freundschaften etwas ähnliches entsteht), aber die Bands haben vergleichbare Entwicklungen durchgemacht. Sowohl die HIP YOUNG THINGS wie auch THE NOTWIST kamen vom Indie-Rock im weitesten Sinne (bei NOTWIST mehr Metal und HC-Elemente, bei den HIP YOUNG THINGS eine Spur mehr Folkrock) und versuchen sich mehr und mehr von diesem Stil -also auch von einem Image -wegzubewegen.

Schneider: „Ende der 80er, Anfang der 90er war alles noch etwas einfacher. Da gab es noch eine Art intaktes Underground-Netz, was wir vor allem daran gespürt haben, dass wir relativ leicht Konzerte bekommen konnten und auch Leute zu unseren Konzerten kamen. Das war alles von „Nevermind“ und kippte mit „Nevermind“. Die Kommerzialisierung, die es einem als Underground-Band schwieriger gemacht hat, ist eine Sache. Eine andere Sache: Diese Knick, der da mit NIRVANA kam, hatte auch etwas Gutes als Folge. Wir alle mussten uns mit Klischees auseinandersetzen und uns ernsthaft fragen, ob es musikalisch so noch weitergehen kann. Das hat auch einen kreativen Schub gegeben. Mittlerweile ist vieles musikalisch in Bewegung – zwangsläufig. Und dass es in Bewegung ist, ist doch eigentlich eine ziemlich positive Sache.“

Viele Bands, die sich einst auf der Indie-Insel so sicher gefühlt haben, beginnen nun zu experimentieren; der Prozess kann die verschiedensten Ergebnisse zur Folge haben, Arbeiten mit Samplings und Loops beispielsweise, eine Sache, die weissgott nicht revolutionär ist, allerdings im Kontext mit ehemaliger ‚Indie‘-Musik interessant werden kann. Auf „The Day My Favorite Insect Died“ wurde dieser Prozess am weitesten getrieben: Musiker aus dem ehemaligen Gitarren-Lager entdecken den Sampler, experimentieren mit Alltagsgeräuschen, üben sich in Dub und Drum’n’Bass.

Schneider: „Zu einer so guten Bindung mit den Leuten aus Weilheim und Landsberg kam es, weil man irgendwie spürte, dass da gemeinsame Vorstellungen vorhanden waren, ähnliche Perspektiven. THE NOTWIST waren ja ebenso unzufrieden wie wir, in das konventionelle Rock-Image gedrängt zu werden.

Sie haben, glaube ich, noch viel mehr Schwierigkeiten mit einem bornierten, intoleranten Publikum als wir: Viele im Publikum haben die Entwicklung von THE NOTWIST nicht akzeptiert und wollten nichts anderes als eine Metal-Band haben.“ (Stimmt: Bei einem hervorragenden Live-Auftritt vor einem Jahr in Bingen kam es zu Kommentaren wie: „Mann, was sind denn das für Hippies“ – ein Schlagwort, das gewisse Leute immer dann bereit haben, wenn eine Musik ihren Horizont übersteigt, vom obligatorischen „Schneller“ mal ganz abgesehen; d. A.). Was die Weilheimer und uns verbindet – aber das hat sich erst im Laufe der Zeit herauskristallisiert – anfangs war es wie gesagt nur so eine Art vage gegenseitige Sympathie – ist, dass wir gegenüber nichts Berührungsängste haben: Ambient, Psychedelic, Pop, Drum’n’Bass, Techno, Jazz… all das hat seine Reize. Und so war das Ende des Independent-Rock mit NIRVANA für uns ein gehöriger Anreiz, aus gemachten Nestern herauszukommen und auch einmal andere Arten von Musik zu integrieren.“

Ein wichtiger und sehr sympathischer Zug an den HIP YOUNG THINGS (aber auch das lässt sich auf den Rest – NOTWIST, SHARON STONED etc. – verallgemeinern) ist zudem, dass sie ihre Musik von dem ganzen in den letzten Monaten geführten Geschwafel über „deutsche Musik“ seit jeher freigehalten haben; ein Geschwafel, das mit Heinz Rudolf Kunzes Forderung nach der Radio-Quote für deutsche Bands begann, weitergeführt wurde durch Kunzes unsägliches Geschwätz von einer ‚deutschen Qualität‘ gegenüber amerikanischem und englischem ‚Schund‘, irgendwie schliesslich völlig verdreht, als Günther Jacob im ‚konkret‘ – gegen Kunze (zurecht) und gegen den Rest der Welt (arg übezogen) -behauptete, dass auch eine Band wie BLUMFELD sich für den ’nationalen Pop‘ einsetze (???!). über die Grenzen und Gefahren einer in deutscher Sprache vorgetragenen Musik will ich mich hier gar nicht auslassen; man kann all dem zwar entgehen, indem man in Englisch singt – was die HIP YOUNG THINGS tun -, man kann sogar das Deutschsein durch schlechtes Englisch ironisieren, doch das ist noch nicht alles:

Eine gute Band stellt sich stets in einen internationalen Kontext und tut nicht so, als könne Qualität nur dort wachsen, wo sie sich auf eigene Wurzeln beruft (welche Wurzeln sollen das überhaupt sein? Blasmusik? Peter Alexander? Heino? Die Rattles? Nena?). Gerade dort, wo die nationale Herkunft völlig egal wird bzw. nicht mehr hörbar, kann ja erst eine Musik entstehen, die aus sich selbst heraus überzeugt.

Schneider: „Zu dieser ganzen widerlichen Deutsch-Debatte hat eigentlich Jochen Distelmeier von BLUMFELD vor einigen Monaten im SPEX alles Relevante gesagt. Ich kann mich dem nur anschliessen. Erstens kann ich in Englisch besser texten und singen, das geht mir einfach besser runter, zweitens bin ich nicht deutschlandfixiert, sondern halte mir die Option offen, auch im Ausland aufzutreten. Gute deutschsprachige Musik ist sowieso selten – sie entsteht dort, wo mit der Sprache gealbert wird, wo der Wert dieser Sprache in Frage gestellt wird. Ein gutes Beispiel ist das Debut von TRIO – ein Klassiker! Obwohl, auf der Platte singen sie ja nur zum Teil in deutscher Sprache, zum Teil in Englisch. Auch ein guter Beweis dafür, dass es auf eine bestimmte Sprache gar nicht ankommt.“

Noch einmal: Nicht ausschliesslich die englische Sprache entlastet eine deutsche Band davor, vom Verdacht irgendwelcher Nationalismen frei zu sein, sondern hinzu kommt auch die Art, wie sie mit englischer und amerikanischer Musik umgeht. Wo diese nur eigedeutscht und für ‚hiesige Verhältnisse‘ verwendet wird, können die krassesten Blüten entstehen, z.B. in Deutsch gesungenem rechtsradikalem Hip Hop (ja, sowas gibt es auch schon, vgl. ‚konkret‘ 11/96). Bei den HIP YOUNG THINGS und LOCUST FUDGE ist mir dagegen immer sehr positiv aufgefallen, wie sie ihre Musik als eine Hommage auf all die vorwiegend amerikanische Musik eingesetzt haben, die sie auch privat gerne hörten – Folk und Bluegrass, ssT-Rock, heute mehr Pop… höre ich da BECK raus? -, ohne mit den Originalen zu wetteifern.

Ihre Stücke waren lediglich Versionen und Interpretationen einer Sache, was gerade dadurch so sympathisch rüberkam, dass sie sich selbst nicht mit den Originalen messen wollten. Ich weiss nicht, ob ich mich verständlich ausdrücke… zum Beispiel THE NOTWIST: Zu Beginn hiess es oft, sie seien nur eine schale Mischung aus Neil Young (wahlweise auch DINOSAUR JR) und METALLICA. Aber gerade das machte ihren Reiz aus: Sie waren eine Mischung, der man anhörte, welche Platten in ihren Zimmern stehen (das ist legitim, oder?!) und sie waren vergleichsweise schal… auf die sympathische Art, die eben nicht versuchte, als das grosse neue Rock-Monster rüberzukommen.

All das sind Vorzüge von THE NOTWIST und den HIP YOUNG THINGS gegenüber einer Fraktion, die einklagt, hierzulande würde man viel zu sehr darauf achten, was ‚die Amis‘ machen, anstatt sich auf ‚das Eigene‘ zu konzentrieren. All das wird umso absurder, wenn man bedenkt, dass einige Amis wesentlich stärker nach Krauts klingen (z.B. TORTOISE, TRANS AM) als die Krauts derzeit selber. Ohne diese völlige stilistische Durchdringung (Pop ist nun mal international, was ihn vor Nationalismus eher bewahrt als so manch andere Musik) wäre es auch langweilig und fatal:

Der „Buy british“-Aufkleber auf öden Gitarrenpop-CDs ist genauso borniert wie die Heinz Rudolf Kunze-Kampagne, aber auch nicht weit von einer ganz gewissen Punk-Fraktion entfernt, die sich WIZO und TERRORGRUPPE reinzieht, weil man da „wenigstens was versteht“. Okay, nix gegen Defizite in Englisch, aber es kommt doch derb, wenn mich Punx nach einer Lesung aus meinem Buch ansprechen: „Mann, bist du deutsch oder bist du ein Ausländer? – Na, dann red doch gefälligst wie ein Deutscher!“ Und dies, obwohl die Fremdwörterquote im Text, den ich diesen Leuchten vorgetragen habe, nicht höher gewesen ist als im Text, der Euch gerade vorliegt (Ihr könnt ja gerne nachzählen).

Innerhalb der HC-Fraktion lautete lange Zeit ein Spruch: „Support your local scene“ – so von wegen, die Bands von Zuhause sind billiger und uns irgendwie näher. Nein, ich will in diesen Slogan jetzt gar keinen Nationalismus reininterpretieren (der Günther Jacob könnte das wahrscheinlich), höchstens ein bisschen suspekte Blauäugigkeit: Wer NOMEANSNO seinerzeit verpasste, weil ihm acht Mark Eintritt zu teuer waren und sich als Ersatz für drei Mark eine heimische Schweine-Todesrockkapelle anhörte, ist halt selber schuld gewesen.

Nein, mir kommt dieser Slogan während dem Interview deshalb in den Sinn, weil er längst einfach nur lauten müsste: „Support your scene.“ Es kann längst nicht mehr um das „local“ gehen (wenn das denn je einen Wert hatte), da weltweit sämtliche Bands vorm Aussterben bedroht sind, die sich dem grossen Spiel um die Superstar-Plakette verweigern.

Schneider (bringt es gut auf den Punkt): „Vor dem grossen Boom kamen ja wöchentlich Bands aus den USA rüber – und sie waren oft verdammt gut, so gut, dass du oft drei fabelhafte Konzerte pro Woche hattest. Davon profitierten auch Bands hierzulande, sei es nur, dass sie einen Auftritt als Vorgruppe bekamen. Inzwischen ist alles anders geworden: Kleinere ausländische Bands haben kaum mehr eine Chance, hier aufzutreten, denn inzwischen gibt es fast überall nur noch Prozentgagen. Weil weniger Geld da ist, oder auch nur, weil das Publikum ausbleibt, werden die Veranstalter vorsichtiger, gleichzeitig sterben immer mehr kleine Clubs aus.“

„Support your scene“ müsste heute heissen: Zu einem Netzwerk zurückzufinden, das auf Basis von Jugendzentren den Grosshallenveranstaltungen SOUNDGARDEN vs METALLICA und äRZTE vs TERRORGRUPPE entgegenwirkt, aber eben nicht so borniert ist, nur ultraorthodoxen Punkbands eine Chance zu geben. Die Szene lebt vom Austausch, der nur stattfinden kann, wenn die verschiedensten musikalischen Ansätze in die eigene Szene mitaufgenommen wurden. Ohne hier 80er-Nostalgie verbreiten zu wollen, aber: In einer Woche HALF JAPANESE, UNIVERSAL CONGREss OF, FUGAZI, 2 BAD und Silvia Juncosa erleben zu können, das war… – aber ich träume, denn das sind Situationen, die so schnell nicht mehr wiederkehren.

Schuld daran seid IHR ALLE (ich meine jetzt nicht spezifisch euch Leserinnen und Leser, hoffentlich nicht), schuld ist nicht der böse Techno (denn Techno könnte auch in einem kleinen AJZ-Rahmen stattfinden), sondern die Müdigkeit vieler, eigene Strukturen aufzubauen und zu tragen – da gehen die meisten lieber einmal pro Monat in die Jahrhunderthalle und konsumieren die kommenden 30 Tage über Konserve.

Wagt sich so etwas noch in irgendeiner Form Szene zu nennen? Weil all dies so geworden ist – und es sind wahrlich nicht NIRVANA alleine, denen man diesen Schwarzen Peter geben kann -, haben es Bands wie THE NOTWIST und HIP YOUNG THINGS schwerer als noch vor fünf Jahren, DIE DOOFEN, TERRORGRUPPE, WIZO und andere Konsens-Bands dagegen erdenklich leicht. Scheiss drauf! ändere etwas!

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Text/Interview: Martin Büsser

Links (2015):
Wikipedia
Discogs

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