Oktober 27th, 2017

GUNNER RECORDS (#150, 10-2011)

Posted in interview by Jan

Gunner Records aus Bremen hatte ich das erste Mal auf dem Schirm als The Gaslight Anthem ihr Debütalbum darauf veröffentlichten. „Sink Or Swim“ mauserte sich zu einer der drei besten Platten aller Zeiten (für mich) und Gunner sprang aus dem Nichts zu einem der wichtigsten deutschen Punklabels. Neben The Gaslight Anthem verhalf man auch Frank Turner zu dem verdienten Ruhm und blieb sich dabei immer treu. Kaum Ausfälle, immer interessante neue Acts und zu guter Letzt mit The Riot Before so eine hypersympathische Band, dass sie schon fast die nächsten sein könnten, die den Sprung auf große Bühnen schaffen könnten (wenn die Welt eine gerechte wäre). Gunnar von Gunner Records traf ich bei dem Konzert von The Riot Before in Berlin und fragte nach dem wundervollen Konzert nach einem Interview – er hatte Bock – ich war zu besoffen. Also per E-Mail. Anbei das Ergebnis.

Hallo Gunnar, lustiges Wortspiel zwischen Deinem Namen und dem Deines Labels. Soviel Humor hätte ich gerne mal. Magst Du Dich erstmal vorstellen? Was machst Du wenn Du gerade keine Platte veröffentlichst und E-Mails wegen irgendwelcher Touren oder Veröffentlichungen schreibst?

Ich bin Gunnar, komme aus Bremen und veröffentliche Platten über mein Label Gunner Records und buche Touren für die meisten dieser Künstler. (www.gunnerrecords.com). Eigentlich bleibt gar nicht mehr sooo viel Zeit für anderes… Die ganze Sache ist doch zu einem Fulltimejob geworden. Außerdem muss man sich ja ständig weiter entwickeln, also es kommen immer neue Dinge dazu die man erledigen muss. Wenn ich mal wirklich etwas Zeit habe versuche ich die möglichst entspannt zu nutzen und die Dinge aufzuholen, die sonst manchmal wegfallen.. sprich: Mit Freunden weggehen, Platten auflegen, Konzerte selber mit veranstalten, Platten kaufen, kochen, Serien auf DVD schauen..

Seit wann machst Du Gunner Records und warst Du schon immer der alleinige Betreiber? Ist ja nicht so easy, könnte ich mir vorstellen, vor allem wenn man Platten für „Liebhaber“ rausbringt. Kohle bleibt doch da nicht so recht hängen? Herrje, zwei Fragen in einer..!

Gunner Records gibt es seit 2006. Es war zuerst eigentlich gar nicht als richtiges Label gedacht, es sollte eine Platte rauskommen und das wars dann.…und das nur weil mir die Mischief Brew – Smash The Windows so gut gefiel und kein anderer sie rausbringen wollte. Als nächstes kam dann auch die erste Tour für Mischief Brew dazu. Mit dem hören der Demos von The Gaslight Anthem habe ich dann das Label wieder reaktiviert und „Sink Or Swim“ veröffentlicht und ebenfalls die erste Tour für sie gebucht…da diese Platte immer erfolgreicher wurde, beschloss ich das Label weiterzuführen…Gunner Records war schon immer nur ich alleine (mit ein bisschen Hilfe von meiner Freundin und meiner Mutter und anderen Labels wie The Company With The Golden Arm, Audiolith oder auch Rookie Records). Kohle bleibt leider gar nicht hängen, aber das Label finanziert sich selber und läuft auch immer besser. Wie gesagt man muss sich da mit der Zeit weiterentwickeln und schauen was man noch anbieten kann… Es ist schön dass du es Platten für Liebhaber nennst, denn ein wenig soll es so auch sein..ich stecke viel Zeit in meine Releases und habe immer gehofft dass das auch einige merken 😉

Du erwähnst ein paar Labels als Hilfe, auch Audiolith. Zwei Dinge: Wie genau sah da die Hilfe aus und ein anderes Thema: Wie stehst Du zum Label Audiolith? Musikalisch ist das nicht ganz mein Ding, aber jede Band und auch die Politik von Lars gefallen mir ziemlich. Ist das vll. einfach diese Punk-Sozialisation?

Lars von Audiolith und ich haben in der selben Kleinstadt in Schleswig-Holstein abgehangen früher, daher kannten wir uns. Lars hat mir geholfen einen Vertrieb für mein Label zu finden, anfangs wurde ich sogar als Sublabel von Audiolith vertrieben, bevor ich meinen eigenen Vertrag bekam. Lars ist eigentlich etwas weiter als ich was Labelarbeit angeht..was einfach daran liegt, dass er das Ganze auch schon ein paar Jahre länger als ich macht. Netterweise hat er mir immer Auskunft geben können wenn ich irgendwelche Fragen hatte… Ich finde das Audiolith Label super!.. So wie die ihre Sachen machen und was sie machen ist halt einfach sehr konsequent…Ob es nun Aktionen sind wie mit nem Bus über die Dörfer zu touren, oder die Bestechungsaktion…und nicht zuletzt auch die Releases…es wird gemacht worauf sie Bock haben! ..Ich glaub noch mehr Punk geht nicht!

Was war denn Deine Inspiration zu der ganzen Sache?

Zu tun hab ich mit Bands und Touren seit 1997…angefixt wurde ich damals auf meiner ersten Tour mit World/Inferno, The Sineaters und Van Pelt. Als ich dann selber Platten rausbrachte.. ging es mir in aller erster Linie darum Platten hier zu veröffentlichen die schwer und/oder nur teuer hier zu haben waren/sind…die ich aber selber gern besitzen wollte.. und dann sagte damals Ingo von The Company With The Golden Arm zu mir als ich ihn beschwatzen wollte doch die Mischief Brew rauszubringen, dass ich es doch einfach selber machen sollte…und so ging es dann los..

Hat Gunner Records ein bestimmtes Label-Vorbild?

Ein Vorbild hab ich eigentlich nicht was Labels angeht, wichtig ist dass alles fair abläuft und ich die Bands auch auf einer persönlichen Ebene gern mag und als Freunde bezeichnen kann…

Hat Gunner Records eine bestimmte Vorgehensweise oder eine selbstauferlegte Regel, was veröffentlicht wird bzw. was nicht? Dein Label-Programm ist ja schon immer am Punk dran, aber variiert von klassischem wie Riot Before zu Singer/Songwriter wie Jeff Rowe und dann eben auch (zumindest für mein Ohr) sehr Rock N‘ Roll lastigem a la The Blacklist Royals. Wie gehst Du da vor? Muss es Dir gefallen oder kann das auch mal bloß ein Gefallen für einen Freund sein?

Es muss mir in erster Linie selbst gefallen…als gefallen für einen Freund würde ich glaube ich nichts rausbringen. Dafür ist so eine Produktion einfach zu teuer. Wichtig ist also für mich dass die Bandmitglieder nett sind und ihre Musik super ist… An meinen Releases kann man daher sehr gut meinen eigenen Musikgeschmack wieder erkennen…ich mag Punk sehr gerne bin aber auch offen für andere Musikrichtungen…

Ich frage das weil mir gerade die Platte der Blacklist Royals überhaupt gar nicht gefiel, fast schon als einziges Album an das ich mich jetzt so erinnere von Deinem Label. Ist Dir solche Kritik eigentlich wichtig oder geht dir sowas am Arsch vorbei?

Ich glaube Kritik geht den wenigsten am Arsch vorbei. Selbst wenn man es behauptet macht man sich doch Gedanken. Aber bei der von dir angesprochenen Platte kann ich von meiner Seite sagen, dass sie mir sehr gut gefällt und daher stehe ich auch hinter dem Release! Habe auch ansonsten viel positives Feedback für die Platte bekommen und auch das Tourbuchen für die Blacklist Royals gestaltet sich ziemlich gut, da viel Interesse da ist. Freue mich aber dann bei deiner Frage eher daran, dass dir sonst alles gefällt…das ist doch ne ziemlich gute Trefferquote, wenn dir nur eine nicht gefällt!

Stichwort Kritik. Die Platten die Du so rausbringst verschickst Du ja auch regelmäßig für die Promo. Für wie wichtig empfindest du die Promo bei einem Label, dass ich als Liebhaber-Label beschreiben würde? Ich weiß zum Beispiel, dass Flo vom Uncle Sallys riesiger Fan ist. Oder ist das vielleicht auch ein „Muss“ für Deinen Vertrieb, Broken Silence?

Ich denke Promo ist schon wichtig. Man möchte ja all die Menschen die es interessieren könnte in Kenntnis setzen, dass ein Album jetzt zu kaufen ist. Außerdem geben die Reviews immer einen ganz guten Eindruck darüber wie andere über das Album denken. Man ist ja schon etwas voreingenommen wenn man ein Platte selber veröffentlicht. Für den Musikinteresssierten potenziellen Käufer kann es auch sehr interessant sein sich so erstmal einen Überblick zu verschaffen, was ihn auf der Platte musikalisch erwartet und ob es überhaupt interessant zum kaufen ist. Evtl. vergleiche mit anderen Bands können da ja sehr hilfreich sein… Leider ist aber heutzutage auch schon ein gewisses Budget von Nöten um überhaupt bei einigen Zeitungen reinzurutschen. Aber hier lerne ich auch gerade noch sehr viel dazu. Aber selbstverständlich braucht auch der Vertrieb Promoergebnisse, um eine Platte an den Handel verkaufen zu können.

Wie eng ist Deine Zusammenarbeit mit Broken Silence? Wie Du schon erwähnst sind Promo-Ergebnisse für den Vertrieb nötig, aber was bedarf es da noch?

Ich glaube jedes Label, das einen Vertrieb hat, eng mit dem Vertrieb zusammenarbeitet, letztendlich muss es ja auch so sein, da der Vertrieb ja die Platten, die das Label produziert dann unter die Leute bringen soll. Die Promo ist somit auch generell wichtig, damit ich meine Tonträger auch verkaufen kann. Die Leute sollen ja schon wissen, dass neue Sachen bei mir rauskommen. Es sollte also nicht so klingen als ob ich die Promo nur für den Vertrieb mache…Was es noch bedarf spielt eigentlich dann auch auf die oben erwähnte Wechselwirkung an…je besser ich ein Release aufstellen kann, so dass es Menschen kaufen möchten, desto besser kann der Vertrieb die Tonträger an die Plattenhändler verkaufen.

Buchst Du die Touren deiner Bands eigentlich selbst? Ich frage das, weil ich Dich ja zuletzt bei Riot Before in Berlin traf und meine auch, Dich bei den Landmines gesehen zu haben?

Im Moment buche ich fast alle Touren selber, die einzigen Künstler auf meinem Label die ich nicht buche sind diejenigen die sehr groß geworden sind wie The Gaslight Anthem oder Frank Turner. Für viele Bookingagenturen rentieren sich so kleine Touren nicht, die versuchen erst dann eine Band weg zuschnappen wenn sie einen finanziellen Nutzen für sich erkennen. Was ich persönlich sehr schade finde, da es oftmals bedeutet, dass man selber viel Zeit und Geld in eine Band gesteckt hat und jemand anders dann die Ernte einfährt…

Als wohl größte Acts hast Du ja Frank Turner und, vor allem, The Gaslight Anthem im Programm. Wie ist der Kontakt zu beiden Acts? Besteht der überhaupt noch oder verläuft das leider irgendwann? Riot Before konnten ja auf ihrer letzten Tour für The Gaslight Anthem eröffnen..

Der Kontakt mit allen Künstlern auf meinem Label ist immer noch sehr gut…gerade mit Gaslight Anthem bin ich noch sehr gut befreundet und wir versuchen uns so oft wie möglich zu treffen, wenn sie hier auf Tour sind. Das von dir angesprochen Konzert von Riot Before im Vorprogramm ist so entstanden, dass uns Last Minute eine Show abgesagt wurde..in so kurzer Zeit es aber nicht mehr möglich war eine eigene Show auf die Beine zu stellen. Ich habe dann Gaslight gefragt ob wir mitspielen könnten, und für sie war es geradezu selbstverständlich uns da zu helfen. Es war ein toller Abend und ich bin ihnen immer noch sehr dankbar, dass es so problemlos geklappt hat! Auch mit Frank versuche ich mich so oft wie möglich zu treffen wenn er hier ist und auch er hat mir ja schon ausgeholfen indem er Crazy Arm als Support auf seiner Tour hat mitspielen lassen.

Die Sachen die Du so rausbringst sind ja reine Lizenzdeals, oder? Wie steht beispielsweise die Chance für eine deutsche Band, die ganz nach Deinem Geschmack ist, bei Dir rauszukommen? Oder belässt Du es bei den Lizenzen und wenn ja – warum? Was ist daran der Vor- bzw. Nachteil und warum bevorzugst Du jene Releases?

Das mit den Lizenzdeals stimmt nur bedingt..so sind nicht alle Sachen Lizenzdeals…in dem Fall der meisten Bands, da sie aus Amerika sind ist es sehr wichtig auf dem amerikanischen Markt rauszukommen, dies ist für ein amerikanisches Label sicherlich einfacher als durch mich. Um ein Beispiel zu nennen, Jeff Rowe fragte gezielt für Europa Labels an und auch gezielt Labels für Amerika. Es ist somit ein direkt mit dem Künstler geschlossener Vertrag über unterschiedliche Territorien. Es ist witzig, dass du deutsche Bands ansprichst. Da es mir oft vorgeworfen wird, dass ich da nichts rausbringen möchte. Das stimmt aber so nicht, denn es wird 2 Veröffentlichungen von deutschen Bands 2011 geben. Zum einen ein Split Release mit einem Freiburger Label. Es geht dabei um die Hamburger Band Honigbomber. Zum anderen geht es um eine 7inch von Bug Attack aus Rendsburg, Bug Attack sind Olli eine 1Mann Band, der spielt Gitarre und Schlagzeug und singt dazu, live ein unglaubliches Erlebnis. Wirkliche Vorteile für einen Lizenzdeal fallen mir jetzt nicht ein. Lizenzdeals sind deshalb generell nicht so toll, da sie eine Veröffentlichung teurer machen für den Kunden, der sie im Laden kaufen möchte. Außerdem bekommt dann ein Label etwaige Lizenzgebühren, die die Band sehr viel wichtiger brauchen könnte, um weiter touren zu können.

Okay – danke Gunnar. Danke, dass Du Dir Zeit genommen hast. Wenn Du noch letzte Worte hast – gerne her damit.

Vielen Dank für das Interview… hört euch auch mal Platten an von unbekannten Bands und Labeln….Die übrigens auch live ziemlich gut sein können!

Interview: Raphael Schmidt

Links (2017):
Gunner Records Homepage
Gunner Records Discography
Gunner Records Soundcloud
Gunner Records Twitter

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