September 3rd, 2013

GRANT HART (#156, 10-2012)

Posted in interview by jörg

„ Grant Hart, der Mann, um den man sich Sorgen macht“

Nicht „Wie war es?“ oder „Was hat er gespielt?“ waren die ersten Fragen von Freunden, als ich erzählte, dass ich Ende 2011 auf einem Grant Hart Konzert in Frankfurt war. Stattdessen: „Wie sah er aus?“ und „War er gesund?“ Man macht sich Sorgen um Grant Hart, wie um einen guten Freund, der auf die schiefe Bahn geraten ist. Für nicht wenige hat er den „Soundtrack to our Lives“ mitgeschrieben. Mit Hüsker Dü, die einst die „beste Band der Welt“ waren, Nova Mob und Solo, ihr wisst Bescheid. Verliebt mit „Keep hanging on“ auf dem Walkman, grossartig!

Unglücklich verliebt mit „Diane“, auch grossartig! Hymnen am Fliessband mit Hüsker Dü. Drei Meilensteine mal eben in zwei Jahren der Welt geschenkt, „Zen Arcarde“, „New Day Rising“, „Flip your wig“, in unzähligen „Die-besten-50-100-1000-Alben-aller-Zeiten-hör-sie-bevor-du-stirbst“-Listen gefeiert und verewigt und das natürlich völlig zu recht. Später dann Solo und mit Nova Mob Perlen wie „2541“, „Evergreen memorial drive“ oder „Admiral of the sea“, um mal ein paar meiner Favoriten aufzuzählen. Überhaupt schüttelt Grant Hart bis heute zu Herzen gehende Pop-Songs locker aus dem Ärmel. Nachzuprüfen auf den letzten Alben „Hot Wax“ veröffentlicht in 2009 oder auf „Oeuvrevue“, einer Werkschau auf Hazelwood aus 2010.

Dieser Mann sollte glücklich und zufrieden mit eigenem Geldspeicher leben und sich ab und zu in ausverkauften Hallen feiern lassen. Hall of fame, den Bambi fürs Lebenswerk, Weggefährten und Jünger, die Schlange stehen, um mit Grant Hart ins Studio zu gehen und die Hüsker-Dü-Nova-Mob-Grant-Hart-Complete-Schmuck-Box mit 180g-Vinyl würde jetzt auch endlich rauskommen und in Internet-Foren tausendfach diskutiert, ob da tatsächlich auch die bisher unveröffentlichten Studio-Outtakes, von denen man bisher nur Gerüchte gehört hat, mit dabei sind. Andererseits, so hört und liest man, soll dieser Mann ob seiner Heroinsucht Hüsker Dü ganz alleine auf dem Gewissen haben. Manchen gilt er als „völlig verpeilt“ und als tragische Figur.

Jahrelang verschwand er, was Veröffentlichungen angeht, völlig von der Bildfläche. So gingen zwischen „Good news for modern man“ und „Hot Wax“ zehn lange Jahre ins Land. Seine selten aktualisierte Homepage vermeldete nur sporadisch Gigs. Im letzten Jahr Bob Moulds Biografie „See a little light“, die ein wenig Schmeichelhaftes Bild von Grant Hart zeichnete und zuletzt die Nachricht, dass sein Heim in Flammen aufging. Nicht gerade viele gute Nachrichten aus dem Hause Hart. So fährt man nach Frankfurt, um mit Freund Jan ins Konzert zu gehen. Mal gucken, wie es ihm geht.

Und wie erleichtert ist man, als Grant Hart zwar ein wenig müde, aber augenscheinlich gesund und guter Dinge im Hier und Jetzt vor 40 Menschen auf die kleine Bühne des Hazelwood-Studios tritt, um sich einmal quer durch sein Schaffen zu spielen. Die Stimme hat über die Jahre ein wenig gelitten, mehr essen sollte er vielleicht auch, aber – hey – es hätte schlimmer kommen können. Mit guten Nachrichten aus erster Hand – ein neues Album ist auf dem Weg und Grant will wieder mit Band auftreten – verlassen wir den Ort des Geschehens. (schippy)

„Now that you know me“

Ein gewisser Hart, Grant Hart, Multitalent am Schlagzeug, Gitarre, Bass, Gesang, Klavier machte schon in den 80er Songs auf Akustikgitarre und bewies Genialität, Emotion, Wahnsinn und die Existenz von Gott, der sich offensichtlich in Minneapolis nieder gelassen hat. Über Hüsker Dü ist vor kurzem ein recht interessantes Buch erschienen, in dem Grantzberg Vernon Hart und Greg Norton interviewt wurden (einige Zeit vorher interviewte Jochen Greg Norton in der Trust # 127 von 2007 fürs Trust, gibt’s online zu lesen).

Derweil also Grant Hart weiter Musik mit langen Veröffentlichungspausen machte, Greg Norton im Restaurantwesen sein Geschick versucht und auch wieder an neuer Musik arbeitet, ist ein gewisser Bob Mould mit Sugar, diversen Solo-Alben und zuletzt seiner Autobiographie wieder in der Presse gewesen. 2005 standen Grant Hart und Bob Mould für das Benefiz-Konzert des an Krebs erkrankten Karl Müller von Soul Asylum wieder zusammen auf der Bühne. Dass die tolle Schweizer Punk-Band NORTON sich mit ihrem Bandname vor Greg verneigt, okay, aber HART, das macht doch viel mehr Sinn…

Drei Sachen, die man auf einem Grant Hart Konzert machen kann, aber nicht zwingend muss (peinlicher Weise alle drei gemacht): Erstens sich die „2541“ EP nebst Tour-Plakat für Schippy signieren lassen, „es soll ein Geschenk werden“. Zweitens „Diane“ rein rufen. Drittens mit „All tensed up“ nachlegen. Nach dem Konzert am Freitagabend besuchte ich dann am nächsten Tag Dolf, Jörg und Stone in Bremen, Grant Hart spielte an dem Abend auch in Bremen, Stone war da. Sonntagvormittag kaufe ich mir `nen Kaffee und Käsebrötchen im Bremer HBF, als mich irgendein Typ schon in der Mitte der Bahnhofshalle anschrie, ich ihn jedoch ignorierte und schnellen Schrittes zum Kaffeestand marschierte. Dort tippte mir dieser jemand auf die Schulter…“Remember me, Jan???“ und siehe da, es war der gute alte Grant, der mich wiedererkannte von dem Frankfurt Auftritt vor zwei Tagen.

Das ist toll, da stehst du verkatert mit einem Käsebrötchen und Kaffee in der Hand im Bremer HBF, eines deiner Idole redet mit dir über einen gewissen Bob, der ja sehr schwierig sein soll, überhaupt, seine alte Band und so… Auf der MRR-Tim-Yo-Memorial-Seite gibt es einige sehr geile Schnappschüsse von Tim Yo und Grant Hart, die zusammen Spässeken auf einem Konzert der Los Olivados 1983 haben. Aber wenn es ein Bild gibt, was ich immer mit Grant Hart verbinde, ist es ein Foto aus dem Out of Step Fanzine Mitte der 90er: die Redaktion sitzt an einem See bei der Bonner Rheinkultur in einem Bierflaschenmeer und in den Mund vom einen ist eine Sprechblase reingelegt mit dem Text „HÜSKA!!!“.

Das hat mich immer fasziniert, dass die Leute zum Saufen Hüsker Dü hörten und nicht auf Vorkriegsjugend, Slapshot Boston oder UK Subs zurückgriffen. Ja, ich glaube, als ich dieses Bild sah, da wusste ich, wo ich hin will: Leute finden, die gerne trinken und geilere Musik hören. Eben zum Trust! Den aktuellen Jahreswechsel feierten wir auf einer kleinen Privatparty in Frankfurt, der erste Song des neuen Jahres, nachdem man vom draussen Sekt trinken und Knutschi Knutschi zurück kam, wurde von Gastgeber Al serviert: „Data Control“, ein fünfminütiger epischer Song von Grant Hart auf der „Land Speed Records“, dem unglaublichen Hüsker Dü Debüt mit 20 Songs unter einer Minute. Sie wissen schon, mystische Kreise haben sich da geschlossen, ich sachet Ihnen…. Wichtig: Sein erstes Soloalbum “Intolerance” ist woanders vor einiger Zeit wieder veröffentlicht wurden, ich befehle den Sofortkauf. (jan)

***

Hi Grant, super Auftritt in Frankfurt. War das dein erster Deutschland-Auftritt oder der erste der Tour überhaupt?

Grant: Frankfurt war die erste Stadt im Rahmen einer kleinen Deutschland-Tour. Ich spielte noch in Bremen und Essen. Die Tour machte ich mit der Bahn. Ich würde gerne eine viel längere Tour in Deutschland machen, mehr von dem Land und den Städten sehen. Wenn man mit der Deutschen Bahn reist, dann kannst du dir die wirklich wunderschönen Landschaften ansehen, ohne Verkehrsprobleme oder Staus. Wenn du im Zug isst, dann sind die Mahlzeiten nicht zu teuer. Klar, manchmal musst du mit Idioten umgehen, aber das musst du überall. Und die Leute betteln dich an den Bahnhöfen nach Geld an.

Wie überall im Leben: es gibt Entscheidungen, die musst du treffen. Ein Junge kam am Essener Hauptbahnhof zu mir an und wollte Geld, er sagte, er hätte die letzten zwei Tage nichts gegessen, dann nahm er einen kräftigen Biss von seinem Hamburger, den er in seiner Hand hielt. Einige bringen mich zum Lachen, einige zum Weinen. Die Bahnhöfe sind auch gute Möglichkeiten, um zu schauen, was die Leute momentan für modisch oder edel halten. Warum eine Frau Stöckelschuhe bei einer Bahnfahrt trägt, ist etwas, das ich nicht ganz verstehe.

In den letzten Jahren gibt es einen Trend im HC-Punk. In die Jahre gekommene Sänger von HC-Punk-Bands schnallen sich die Akustik- Gitarre um und spielen Americana-Musik. Das hört sich immer so langweilig an, deshalb tat es gut, dich live zu sehen. Du hast das alles ja schon in den 80er begonnen und bist immer noch viel besser als all die anderen. Schreiben dir viele jüngere Punker und bedanken sich wenigstens, dass du damals eine Pionier-Leistung für sie erbracht hast? Bekommst du viel Anerkennung von jüngeren Musikern?

Grant: Die Aufmerksamkeit von jüngeren Musikern macht mich am glücklichsten, also, wenn eine jüngere Person mein neueres Material entdeckt und dann daran interessiert ist herauszufinden, was ich vor Jahren gemacht habe. Social Media brauche ich nicht, ich mache für mich auch keine Werbung via Computer, so müssen jüngere Menschen sich etwas mehr anstrengen, mich zu finden, als wenn sie nach einer neue Band suchen. Das ist etwas, was ich in naher Zukunft ändern möchte.

Ich bin jedoch mehr daran gewöhnt, wenn Leute wie du zum Beispiel mich einfach direkt ansprechen und ein Interview vereinbaren. Ich denke nicht, dass Technologie so wichtig ist, wie viele Leute denken. Die Leute antworten, bevor sie überhaupt wissen, worauf! Oder bevor sie richtig drüber nachgedacht haben. Ich lese und beantworte meine Emails morgens und am frühen Nachmittag. Wenn etwas eilt, da kümmere ich mich darum am späten Nachmittag. Ich simse oder twittere nicht.

Du warst und bist oft auf Tour, mit Hüsker Dü in den 80er mit Nova Mob in den 90er und solo heute. In einem älteren Interview sagtest du, dass du nicht mehr der „Tour Manager“ von Nova Mob sein wolltest. Wie fühlt es sich an, alleine unterwegs zu sein, nur mit Gitarre und einem Koffer?

Grant: Der Vorteil meiner Arbeit ist, dass ich viele Menschen kennenlerne oder welchen vorgestellt werde, die ich sowieso gerne treffen würde. Es wäre perfekt, eine Van-Tour zu machen, die es mir erlauben würde, mich zwei bis drei Tage in einer Stadt aufzuhalten. Ich interessiere mich für viele Sachen und würde gerne jedes Technik-Museum und jede Automobil-Sammlung auf der Welt sehen. Früher war ich auch sehr an Kunst-Museen interessiert, aber jetzt schaue ich mir nur noch wenige Arbeiten an, halt die, die mich interessieren. Aber den Tour Modus, den habe ich noch nicht perfektioniert. Ich bring immer zu viele Klamotten mit.

Oder, wenn ich weniger mitnehme, dann finde ich keine Wäscherei. Beim nächsten Mal werde ich zwei Chargen von Klamotten mitnehmen, eine für die Bühne und dann eine für Off-Stage und fürs Reisen. Als ich sagte, ich bin es leid, der Tour Manager von Nova Mob zu sein, war das nicht ganz gerecht: Fakt ist aber, immer wenn jemand was von der Band wollte, dann wurde ich angesprochen.

Und wenn jemand in der Band was wollte, dann war ich ebenfalls der Ansprechpartner. Wenn die komplette Band zur Radiostation ging, um ein Interview zu geben, dann hat der Interviewer das Mikro immer auf mich gerichtet. Und wenn die Band das so akzeptierte, frustrierte mich das. Jetzt ist es so: wenn ich das Hotel verlassen muss, dann gehe ich einfach. Wenn es Zeit für den Soundcheck ist, dann mach ich das einfach. Jeder ist da, wo er sein muss, wenn ich da bin.

Oh, du interessierst dich für Autos, diese alten amerikanischen „Muscle Cars“?

Grant: Als ich ein ganz kleiner Junge war, gab es einen riesen Zirkus hinsichtlich den ganz alten Autos im Fernsehen und in den Filmen. „Chitty Chitty Bang Bang“ oder „The Avengers“ im TV. Aus irgendeinem Grund dachte ich, sie wären cool. Spulen wir etwas vor, ich bin 14 Jahre und Freunde von mir verwandeln alte Volkswagenkarren in Dünnensportfahrzeuge, machten mit Mustangs Strassenrennen oder fuhren mit Camaros, die waren damals sehr billig, heute sind sie unbezahlbar.

Ich interessierte mich dafür, die Geschichten hinter den verschiedenen Unternehmen zu verstehen, den Erfindern, wie sich alles entwickelte, aber ich hatte jetzt nie ein cooles Auto. Vor 15 Jahren fand ich einen 1955 Studebaker Champion, den jemand verkaufen wollte. Studebaker stellte Waggons in den 1859er her und dann Autos um 1900 herum. Sie waren eine fortschrittliche Firma, die mit der Auto-Produktion 1965 aufhörte, nachdem sie sich für die Weltraum-Industrie zu interessieren begannen. Fortschrittlich halt, wie ich sagte.

Während ich Spass mit meinem Spielzeug hatte, lernte ich viel über die unterschiedlichen Studebaker-Autos und ich entschied, wann immer mir ein 1963 „Gran Turismo Hawk“ über den Weg laufen würde, wäre das mein Traumauto hinsichtlich Preis, Geschichte und Leistung. Schliesslich fand ich einen und dann auch noch einen Reihenmotor von 1963, so wurde das Auto besser, als neu. Es war ein langsamer Prozess, aber ich traf dann einen Karosserie-Experten, der ein guter Freund wurde und gemeinsam mit mir, in langen Stunden, die wir gemeinsam an dem Auto gearbeitet haben, alles wieder herstellte.

Der Wagen besteht aus originalen Fabrikteilen und ist jederzeit schneller wie eine Corvette aus der gleichen Vintage-Zeit. Es ist ja so, ich hatte nie ein Hobby. Kunst und Musik waren Hobbies, die zu Karrieren wurden. Es ist schön, wenn man eine konstruktive Sache macht, die nichts mit der eigenen Kreativität zu tun hat, aber mit der eines anderen vor langer Zeit. Ich werde Bilder des Wagens mit der Welt teilen, halte Ausschau!

Das Publikum in Frankfurt war ja gemischt, es gab junge und ältere Leute. Ich bin 34, durch meine ältere Schwester kam ich zu Hüsker Dü. Wie gehst du damit um, dass viele ältere Besucher kommen, vielleicht sind die total in ihrer Midlife Crisis und du musst dann ihr nostalgisches Bedürfnis befriedigen, damit sie sich wieder 18 Jahre alt fühlen können und es wieder 1985 ist. Du hast mal gesagt, dass du diese Attitüde verstehst, aber nicht so magst.

Grant: Ich bin am zufriedensten, wenn das Publikum jünger ist. Ich mag es, von ihren Ideen zu erfahren und sie wollen gleichzeitig auch einiges an altem Kram hören. Es ist auch so, dass ich einige Dinge anders sehe: Aus meiner Sicht ist es so, dass ich heute die besseren Stücke schreibe. Besonders textlich bin ich besser als früher. Irgendwie macht es mich etwas traurig, wenn Leute in einem Job feststecken (ich ja auch) und sie sich abschiessen, weil sie keinen Bock haben, zuzuhören, weil, sie wissen ja schon, welche Lieder sie hören möchten.

Wenn sie dann den neuen Kram ignorieren, tut mir das als Musiker schon etwas weh. Ich liebe mein Konzertpublikum, aber es ist 2012 und nicht mehr 1984. Es gibt so vieles, was wir mit all der positiven Energie damals hätten tun können. Es fühlt sich so an, als wären wir Überlebende eines Krieges, den wir verloren haben. Firmen halten uns heute in Angst. Wir waren damals so mutig. Was ist passiert?

Ich war überrascht, dass du immer noch in Minneapolis lebst. Die letzte Info, die ich hatte, war, dass dein Haus abgebrannt ist und du über einen Umzug nach Montreal nachdachtest, weil du die Atmosphäre da magst.

Grant: Tja, warum lebe ich noch in Minneapolis, die Frage stelle ich mir jedes Jahr, wenn es hier kalt wird. Zwar ist es in Montreal noch kälter, aber ich liebe es da im Sommer. Im Idealfall würde ich dort sein, wo es die ganze Zeit warm ist.

Verstehst du dich heutzutage mit den Replacements-Leuten?

Grant: Also, was sie betrifft, ich hab jetzt nie viel mit ihnen abgehangen. Ich mag einige Songs von Paul, aber ich finde nicht, dass er das Genie ist, das viele in ihm sehen. Sie sind okay.

Du bist einige Male mit Patti Smith aufgetreten, wie war es?

Grant: Also, Patti Smith ist im Vergleich zu den Replacements ein Genie und fünf Mal so geil. Sie bleibt eine tolle Inspiration und ich zitiere sie oft. „I DON’T FUCK MUCH WITH THE PAST BUT I FUCK PLENTY WITH THE FUTURE.“ Daran muss ich denken, wenn jemand nach einem Song ruft, den ich schon eine Million Male spielte. Am Ende spiele ich ihn sowieso.

Ha, das ist wirklich ein grossartiges Zitat. Zwei deiner bekanntesten Songs haben mit dem Meer zu tun, „Standing by the sea“ und „Admiral of the sea“, nur Zufall?

Grant: Die Welt ist grösstenteils mit Wasser bedeckt, natürlich nicht so tief, wie es sein könnte. Wie tief ist der tiefste Teil des Ozeans? Wird es Richtung der Pole salziger? Ich erinnere mich an einen Berg-Song, einen Hügel-Song. Auf der nächsten Platte werden einige Songs zum Thema „Himmel“ sein.

So sind alle Elemente abgedeckt, „Moon on the water“. Und was ist mit Tieren? Ich hab einen Katzen-Song und ich liebe all meine Katzen. Die meisten der Songs, die ich über sie singe, bestehen aus kleinen Teilen, die nur sie verstehen. Es gibt auch einige Baum-Songs. Ich habe noch nie über Bäume auf diese Weise nachgedacht.

Wie kamst du zu Hazelwood Vinyl Plastics?

Grant: Mein österreichischer Agent hatte das Arrangement für das Album „Oeuvrevue“ auf Hazelwood Vinyl Plastics in die Wege geleitet. Ich traf sie, nachdem sie die Platte schon veröffentlicht hatten. Eigentlich war es als limitierte Auflage gedacht. Aber nachdem wir den direkten Kontakt hatten, stimmten wir überein, dass wir die Platte verfügbar halten wollen.

Wenn jemand Ahnung von allen Arten von Labels hat, dann du. Hüsker Dü hatten ein eigenes Label, du warst auf einem Indie, dann auf dem Major Warner Records. Was ist von alledem die wichtigste Lektion, die du gelernt hast?

Grant: Die wichtigste Lektion, die ich lernte, ist die: Der Künstler muss die Kontrolle über die Produktion haben. Viele Label sind vorsichtig damit, dem Künstler diese Verantwortung zu geben. Darüber hinaus, und das ist ebenso wichtig: wenn du eine Platte machst, sei dir von vorneherein darüber im Klaren, was du machen willst.

Ich erzählte dir ja von unseren ssT DJ Abenden, wie schaust du auf diese Zeit mit Joe Carducci, Spot, Mike Watt und Chuck Dukowski zurück?

Grant: ssT war ein grossartiges Label, bis Joe Carducci gegangen ist. Chuck habe ich nicht oft gesehen, aber Mike Watt ist ein Freund für die Ewigkeit. Spot ist super, ich habe ihn jedoch Jahre nicht mehr gesehen. Mit Boon zusammen zu sein, das war sehr lustig. Es gibt eine ganz Menge Leute, die in das Label involviert waren, die nicht „bekannt“ wurden.

Janine arbeitete als Büroangestellte und sie wurde auch in dem Unfall verletzt, durch den Boon starb. Mugger und Merril waren oft da. Pettibon war sehr still, aber er war auch öfters dort. Bevor wir überhaupt Leute in Los Angeles kannten, haben wir viel Zeit in den ssT Räumen verbracht, später nicht mehr so viel. Jeder ging seine eigenen Wege.

Den ersten Song, den ich im Jahr 2012 hörte, war “Data Control” in voller Lautstärke auf einer Silvesterparty, ha. Was für Musik magst du zurzeit?

Grant: Ich bin gerade eben von der South by Southwest-Messe aus Texas zurück. Es war dort mehr wie eine Art „Spring Break“ für junge Besoffene. Mir gefiel es sehr, die Strassen entlang zu spazieren und all der verschiedenen Musik zu lauschen, das ergab alles zusammen ein echtes Gebrüll und chaotisches Getöse. Davon abgesehen, wenn ich an einem Projekt arbeite, tendiere ich dazu, mich völlig von anderer Musik abzukapseln. Wenn Musik sich einmal stark in meinem Kopf festsetzt, dann dauert es eine lange Zeit, bis sie wieder weggeht und so habe ich einen Song dann wochenlang im Ohr. Echt jetzt. Ich höre fast nur meine eigene Musik, wenn ich aufnehme.

Da muss mein Gehirn voll da sein. Mir gefällt es sehr, eine gute live Band zu sehen, egal was ich gerade mache. Die Aufregung und der Nervenkitzel sind immer noch vorhanden, wenn ich eine tolle Band mit wilden Musikern entdecke. Bei Autofahrten auf langen Strecken höre ich die „Golden Oldies“ oder „Talk Radio“. Dieses „Talk Radio“ ist echt das allerschlimmste auf allen Ebenen.

Ich kenne die Hintergründe von dem Song “Diane” und dachte, dass du den nie wieder live spielen würdest. Dann sah ich im Netz einen Auftritt von dir in Connecticut vor zwei Jahren, bei dem du „Diane“ wieder spieltest. Also, manchmal gibt es den Song dann doch wieder live?

Grant: In dem Song „Diane“ ging es um eine Bestie, die ein Mädchen getötet hat. Heutzutage, Jahre nach dem Mord, ist sie nur als Inspiration für diesen Song bekannt. Das verursacht bei mir einen grossen Konflikt. Ich wünsche, es gäbe Dinge, die anderes verlaufen wären. Mir ist auch bewusst, dass es keinen richtigen Weg gibt, damit umzugehen, egal was ich mache, es fühlt sich wie der falsche Weg an.

Du hast mir in Frankfurt erzählt, dass du ein eigenes Buch schreiben müsstest, um auf das Interview-Buch mit dir und Greg Norton und die Autobiografie von Bob zu reagieren. Wird das passieren, oder willst du eher die Vergangenheit hinter dir lassen?

Grant: Wenn der „Streit“ vorüber ist, mache ich es vielleicht. Verschiedene Leute aus der Verlagswelt haben mich gefragt. Ich kann mich nicht für ein Format entscheiden: Soll ich es so machen wie das Kochbuch von Alice B. Toklas oder die Form eines Gedichtbandes wählen? Ich würde auf jeden Fall die Wahrheit erzählen. [Alice B. Toklas – „Kochbuch. Kochen für Gertrude Stein.“ Für den einen oder anderen Leser, der hier auf dem Schlauch steht: Alice B. Toklas, Lebensgefährtin von Gertrude Stein. Die beiden lebten zusammen in Paris und nutzten ihre Wohnung als Salon, in dem Maler wie Picasso oder Schriftsteller wie Hemingway ein- und ausgingen. Das „Kochbuch“ ist eine Mischung aus – tatsächlich – Kochrezepten und Erinnerungen an all die Begegnungen mit anderen Künstlern. Neben der „Wahrheit“ könnte man sich also auch auf „Kochen mit Grant“ freuen.]

Grant, danke für deine Zeit, hast du noch einen Gruss an unsere Leser?

Grant: Ich weiss noch nicht, wann ich in euer Land zurückkomme, aber ich wünsche allen Lesern grossartige Musik in ihrem Leben, liebevolle Zweisamkeit und besinnliche Einsamkeit, einfach das Beste, von dem, was sie lieben. Peace and Noise!

***

Einleitung und Interview: Schippy und Jan Röhlk

Mehr Grant Hart: granthart.com

Links (2015):
Wikipedia
Discogs

 

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