Dezember 30th, 2016

GOVERNMENT FLU (#175, 12-15)

Posted in interview by Jan

Government Flu habe ich das erste Mal im Park hinter der Uni in Hannover gesehen. War ein kurzes, sehr energievolles Erlebnis und vorbei bevor die Polizei aufkreuzen konnte. Danach spielten sie desöfteren in Hannover und auch die weiteren Konzerte waren immer super. Warum also nicht einmal die Band interviewen. Also meinen Kumpel Danny geschnappt, die Band eingesackt und ab in einen ruhigen Raum der Korn, Hannover, wo gerade Tag II oder besser gesagt Nacht II des Punk-Festes lief.

Stellt euch doch bitte zuerst einmal kurz vor.

Wolfi: Hey, ich bin Wolfi, Drummer.

Rafael: Ich bin Rafael, Sänger.

Marcin: Und Marcin, Gitarrist.

Rafael: Und der Vierte ist Libek, aber der schläft schon.

Marcin: Er schläft sehr oft, deswegen wird er auch „Sleebek“ gennant.

Sollen wir ihn aufwecken?

Rafael: Das überlasse ich gerne dir. (lacht)

Marcin: Das können wir ihm nicht antun.

Ok, eure zweite LP ist gerade rausgekommen. Zufrieden?

Rafael: Ich mag es wie sie aussieht und den Sound also ja, sehr.

Marcin: Anders als die Erste, aber sehr gut.

Wolfie: Wie sollte sie nochmal klingen, nach Converge?

Rafael: Wie Converge, bei denen Optimus Prime Schlagzeug spielt.

Ihr wart gerade erst in den U.S.A. Auf Tour, erzählt ein bisschen was davon.

Rafael: Das war im April, vor ein paar Monaten, insgesamt 16 Shows an 15 Tagen. Für mich war es was besonderes, da ich noch nie dort war. Leute/Bands treffen, das ist immer super.

Gab es Probleme bei der Einreise?

Alle: Nicht wirklich.

Wolfi: Wir haben nichts mitgenommen, was auf musikalische Aktivitäten hinweisen würde.

Marcin: Wir haben uns als Touristen getarnt. Ich habe noch nicht einmal Plektren mitgenommen. Keine Kabel, Keine Plektren, Keine Saiten. Überhaupt nichts.

Sprich ihr habt alles dort gekauft oder geliehen?

Wolfie: Teils, teils.

Marcin: Die Coke Bust Leute haben uns einen kleinen Second-Hand Gitarren Shop gezeigt, der wirklich günstig war. Dort haben wir alles gekauft.

Wolfi: Als tourende Band hat man sogar 50 Dollar Rabatt bekommen.

Marcin: Ja, aber nur einmal. (lacht) Als der Typ sagte ich würde 50 Dollar Rabatt auf die Gitarre bekommen, meinte ich: „Ok, dann nehme ich außerdem, das und das und das.“ Aber das mit dem Rabatt hat leider nur einmal funktioniert. (lacht)

Wolfi: Es geht dort ein wenig, sagen wir rauer zu, als in Europa, aber es war super. Es ist auf keine Fall normal für die Bands zu kochen, oftmals war es so: „Oh, ihr seid hungrig, da und da bekommt ihr was zu essen.“

Marcin: Hier ist viel einfacher, was das angeht.

Wie sieht es mit Pennplätzen aus?

Marcin: Hatten wir sehr oft, allerdings auch aufgrund der Hilfe von James.

Rafael: Manchmal spielten wir Kellershows, die gleichzeitig auch die Schlafplätze sein sollten. Dann hat uns James meist ausgeholfen, indem er bei Freunden was organisiert hat.

Gab es irgendwo Stress oder unangenehme Situationen? Wake (Grindcore Band aus Canada) erzählten von ihrem Gig in Philadelphia, in der Nacht wurden 3 Menschen umgebracht, gar nicht mal so weit entfernt.

Wolfie: Philadelphia war nett, allerdings waren dann plötzlich Feuerwerkskörper im Moshpit in einem Lagerhaus. Das war ein wenig beängstigend, aber eben total punk. In Detroit haben wir dann in der Nähe der Eight Mile gespielt und das Schild am Eingang der Stadt, auf dem „Welcome to Detroit“ stand, hatte Einschusslösser. Der Konzertort war dann auch echt nett und es gab keine Probleme mit Nachbarn. Allerdings haben uns dann selbige erzählt, dass noch ein paar Stunden vorher eine Leiche auf der anderen Straßenseite gelegen hätte. Die Polizei war wohl da, hat aber nur geguckt und sind wieder gefahren. Erst ein paar Stunden später kamen noch ein paar Sanitäter, die die Leiche dann mitgenommen haben. Kranker Scheiß. Schwer sich vorzustellen, dass es wirklich Stadtviertel gibt, in welche man, nicht nur nicht geht wenn es dunkel ist, sondern einfach nie, auch nicht bei Tageslicht.

Wie ist die Szene in Polen so, ist es dort schwer Konzerte auf die Beine zu stellen oder Proberäume und so zu finden?

Rafael: Sicherlich gibt es dort nicht so viele Räume wie in Deutschland, aber ich denke Polen hat eine gute, starke D.I.Y.-Szene, besonders Warschau. Es gibt dann auch Orte, wo man weiß das der Laden voll sein wird, wenn ’ne Band spielt.

Habt ihr Beziehungen zu der Venue die vor ein paar Jahre (2013) am polnischen Unabhängigkeitstag angegriffen wurde? Wie war die Reaktion der Szene auf die Ereignisse?

Wolfi: Ich war ein paar Mal da und habe Soli-Geld vorbei gebracht und die waren sehr, sehr dankbar. Es gab sehr viele Soli-Aktionen deswegen. Zu der Zeit wurde auch das andere Squat in der Stadt öfters angegriffen. Zu sagen es war unerwartet wäre falsch, das Besondere daran war, dass es dieses Mal mitten in der Stadt passiert ist. Das alte Squat war ein wenig außerhalb. Aber das es dann mitten in der Stadt passierte, war ein anderes Level. Davon abgesehen, waren die Leute natürlich total schockiert.

Wie sieht es denn mit der Verbindung zwischen organisierten Nazis und Fußball-Hooligans aus? Spielt das da auch mit rein?

Marcin: Es gibt einen Club in Warschau, bei denen sich eine Antifaschistische Gruppe aus Fans gegründet hat, aber es sind nicht sehr viele, es ist nicht so wie bei St. Pauli.

Wolfi: Pavel (von der Band: The Fight) erzählte das dort früher keine Verbindung bestand, das hat sich wohl so aus dem gemeinsamen Hass auf die Polizei entwickelt und dann hassten plötzlich auch alle Hooligans Antifas. Freunde von mir hängen öfters mit Hooligans ab und die waren dann plötzlich auch so drauf, von wegen: „Was, du bist ’n Antifa?“ Keiner wusste so richtig warum das so war, aber es war offensichtlich woher der Einfluss kam. Das ganze ist so 3 Jahre her, also relativ frisch.

Rafael: Als die Märsche zum Unabhängigkeitstag anfingen groß zu werden, wurde die Verbindung offensichtlich.

Wolfi: Vor 3 Jahren wurde der Marsch auch blockiert, woraufhin Nazis und Hooligans die ganze Nacht randalierten. In den Jahren danach wurden die Gruppen konsequent von einander getrennt und das wurde dann so hingedreht, dass es die Schuld der Antifas war, dass es das Jahr davor so ausgeartet ist. Es war wirklich widerlich, es wurde in der Zeitung zum Beispiel einer Antifa-Gruppe aus Deutschland die Schuld gegeben, welche noch bevor es dann eskaliert ist, längst verhaftet war. Es gab ein Bild in der Zeitung auf dem diese Gruppe war und auf dem jemand in eine Richtung zeigt, nach dem Motto: „In die Richtung müssen wir gehen,“ und in der Zeitung stand dann, der auf dem Foto hätte den Hitler-Gruß gezeigt, mit der Zeile „The Germans are Back.“

Und generell auf Shows, gibt es Probleme mit Nazis?

Marcin: Normalerweise nicht.

Wolfie: The Fight wurden mal attackiert.

Ok, dann mal wieder was anderes. Ihr habt doch alle noch andere Bands, richtig? Erzählt mal.

Marcin: Ich spiele noch in einer Band namens „Cold“, aber wir spielen vielleicht 2 mal im Jahr.

Marcin, Rafael (beide lachend):

Wolfi?

Wolfi: Im Moment sind es weniger geworden. Nur eine in Dresden, „Vowels“, dann „Mindtrap“ in Berlin, „Extra Lungs“ in Warschau und mit „The Fight“ ist es gerade vorbei.

Stimmt, ihr wart eigentlich auch für heute Abend eingeplant.

Wolfi: Vielleicht gibt es ein Nachfolgeprojekt mit den Leuten von „The Fight“. Und dann habe ich noch ein Nebenprojekt mit einem von „The Fight“.

Ich hab heut das Video von „Extra Lungs“ gesehen, sieht ziemlich gut gemacht aus.

Wolfi: Oh, Danke.

Sieht sehr professionell aus.

Wolfi: Ja, weiter? (Alle lachen)

Das ist alles. (lachen)

Wolfi: Es war das erste Mal, dass ich sowas gemacht habe und bin auch ganz zufrieden damit.

Wie ist die Szene mit dem Frosch entstanden? War der grade da und du hast ihn verfolgt? (lachen)

Wolfi: Eigentlich ist es sogar eine Animal Liberation Story. Den Frosch haben wir in dem Haus gefunden und ihn animiert raus zu hüpfen und ihn dabei gefilmt. Wir haben ihn quasi aus dem Haus befreit. Es ist eine sehr emotionale Szene.

Rafael: Auf jeden Fall, er sprengt seine Ketten. (alle schmunzeln)

Wie organisiert ihr das ganze, mit einem Drummer der zwischen Berlin und Warschau pendelt?

Rafael: Wolfi kommt sehr oft nach Warschau, das letzte halbe Jahr war es nicht ganz so oft, aber wenn er da ist, proben wir fast jeden Tag in der Woche. Besonders vor Touren.

Wolfi: Und bei Konzerten von den Bands in denen ich spiele läuft es dann so, wer zuerst kommt, gewinnt.

Wie ist die Stimmung was die Situation in der Ukraine angeht?

Wolfi: Die Leute sind schon verängstigt…

Rafael: …gerade weil es so nah dran ist. Die Leute wissen glaube ich alle, dass das nicht gut ist.

Wolfi: Als ich das letzte mal unterwegs nach Warschau war, habe ich ein paar Leute aus der Ukraine kennen gelernt und es war eine sehr seltsame Situation, weil jeder dir etwas anderes erzählt hat. So wie es auf einer anderen Ebene auch läuft, die einen erzählen das und die anderen genau das Gegenteil.

Rafael: Es sind so viele Leute involviert und es spielt soviel mit rein, dass es alles komplett unübersichtlich ist. Und die Leute vor Ort sind natürlich wie immer die, die am meisten leiden.

Ok, wollt ihr noch was sagen?

Rafael: Glaube nicht.

Wolfi: Go Vegan…Straight Edge for Life… (alle lachen)

Rafael: Kommt zu den Konzerten, da passiert das Ganze.

Marcin: Startet eure eigene Band.

 

Interview: Martin Scheer

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