Februar 23rd, 2007

GOOD RIDDANCE & SICK OF IT ALL (#80, 02-2000)

Posted in interview by andreas

Beim ersten anhören des aktuellen longplayers der fünf aus Santa Cruz, CA, war klar, dass ich mit ihnen ein interview machen wollte. Nicht nur, weil sie mich musikalisch voll überzeugten (würde ja schon reichen), sondern auch, da sie schon öfter durch ihre texte bewiesen hatten, dass sie durchaus kritisch ihrer umgebung gegenüberstehen.

Leider hat es dann noch eine ganze weile gedauert, bis ich die pläne umsetzen konnte. Als Good Riddance dann im september mit Sick Of It All und Beatsteaks in München gastierten, ergriff ich zusammen, mit Christian von Radio Z 95,8 Nürnberg (dieses interview wurde im rahmen der sendung Zosh! – mittwochs 21:00 – 24:00 h – gesendet) die gelegenheit, Chuck (Good Riddance) und Craig (Sick Of It All), der sich nach einer weile spasseshalber dazu gesellte und natürlich auch gleich verhaftet wurde, auf den zahn zu fühlen.

Zunächst ein paar worte zum neuen album „Operation Phoenix. Was es mit dem namen auf sich hat, konnte ja u.u. schon in anderen gazetten nachgelesen werden. Der vollständigkeit halber aber dennoch ein paar worte. „Operation Phoenix war während des Vietnamkriegs ein deckname für eine art konzentrationslager, in denen die USA ihre gegner inhaftierten und folterten. Auch schon bei anderen heften durchgekaut wurde das backcover (ein mann, dessen kopf gehäutet wurde, wird von soldaten weggeschleift). Dennoch wollten wir darauf noch einmal eingehen:

***

Wieso das Backcover? Viele leute halten das schlichtweg für abstossend. Es würde lediglich eine weitere glorifizierung des todes darstellen.

Chuck: Wir wollten schlicht und ergreifend provozieren. Mehr nicht. An sich ist das ja nichts neues. Schau dir nur die punkrock cover der vergangenheit an. Ich weiss nicht, ob du das Reagan Youth cover mit dem KKK schriftzug kennst. Die hatten das auch benutzt, obwohl sie eigentlich absolut gegen den Ku-Klux-Klan waren. Es geht ganz einfach darum, aufmerksamkeit zu erregen. Wenn du nachliest, worum es bei „Operation Phoenix in Vietnam ging – auch wenn das bild leider gar nicht aus Vietnam stammt…

Das album ist ja sehr zornig und aggressiv. Sowohl bezüglich der texte, als auch hinsichtlich der musik. Wir wollten da auch etwas den zusammenhang herstellen. Zwar hatte jeder so seine vorstellungen zum cover, aber ich hatte das bild in einem buch mit dem titel „Deeds of War gesehen. Das hat mich dann einfach nicht mehr losgelassen. Und als es darum ging, das cover für die neue platte zu machen, hab ich darauf zurückgegriffen.

Wir wollten nämlich was wirklich schockierendes, ähnlich dem Brujeria cover. Ich hatte mir diese platte seinerzeit nur wegen dem cover (ein soldat hält einen abgeschlagenen kopf in die kamera – Seb.) gekauft… ich kannte die band gar nicht. Es sollte da auch ein gegensatz zum frontcover hergestellt werden. Vorne das hellblaue, mit einer kleinen politischen aussage versehene cover (logo und text sind eine anspielung auf den CIA – Seb.). Politisch aber eigentlich harmlos… und hinten dieses doch reichlich krasse bild.

Jetzt kann es halt passieren, dass jemand im laden das teil sieht und sich denkt „Oh, look the new Good Riddance album, es heraus nimmt und umdreht, denkt er sich dann „Oh shit, what the fuck`s that? Was entgegnest du dann jemanden, der euch vorwirft das ganze sei reichlich überflüssig, immerhin verkauft ihr ja wirklich genügend platten.

Chuck: Es ist insofern nicht überflüssig, als wir es ja für uns gemacht haben. Am liebsten würde ich ja ein cover machen, das nicht computer-generiert ist. Aber das geht aus präsentationsgründen nicht. Mit dem backcover präsentiert man jedoch nichts. Also konnten wir uns da ganz gut austoben.

Hierzulande gab`s ja probleme mit dem vertrieb. Wie sieht`s denn mit den USA aus. Dort ist man ja doch eher prüde und es gibt jede menge reglementierungen. Ist da der kopf auch mit nem sticker überklebt?

Chuck: Nein, dort wird es ohne den aufkleber verkauft. Bevor die scheibe ausgeliefert wurde, hatte Fat Wreck bei uns angerufen und gemeint, es gäbe probleme in Europa. Daher schlugen sie uns vor, die platte mit einem neuen backcover nur für Europa rauszubringen.

Das kam für uns jedoch absolut nicht in frage. Mit sowas erreichst du genau das gegenteil. Schliesslich würde dann jeder versuchen, einen import mit dem originalcover zu bekommen. Bestes beispiel hierfür ist eine Tad LP, von der nur 5000 exemplare verkauft wurden, bevor sie wegen dem cover, auf dem gezeigt wird wie ein typ einer frau an die brust greift zurückgezogen werden musste. Grund war, dass plattenläden die diese LP im angebot hatten, angezeigt worden waren. Jetzt ist die erstauflage sehr rar und die leute zahlen ein schweinegeld dafür. Idiotisch!

Du hast erzählt, das bild vom backcover stammt aus einem buch. Da stellt sich doch die frage nach der rechteklärung: Macht ihr euch gedanken darüber, wenn ihr bilder, logos klaut bzw. weiterverwendet?

Chuck: Ach, wenn sich wer aufregt, regt er sich halt auf. Bevor ich musiker wurde, hab ich als grafiker gearbeitet. Da gehört es zum alltag, ideen zu klauen. Selbst wenn du eine eigene idee umsetzt, irgendwann kommt bestimmt jemand her und meint, sowas woanders schon mal gesehen zu haben. Also kannst du eigentlich gleich klauen… Wir haben ja schon öfter logos und markenzeichen verfremdet.

So haben wir mal ein t-shirt gemacht, wo wir den Rebel-Alliance-schriftzug verwendet haben. Und nicht mal die schiesshunde von Lucas-Arts haben uns ans bein gepisst. (die werden das wohl einfach nicht mitbekommen haben, immerhin hatte Lucas-Arts erst vor kurzem jagd auf Starwars-fanpages im internet jagd gemacht, da diese unberechtigterweise das Starwars-logo verwendeten – Seb.) Gerade heute mit dem internet ist es ja kein problem mehr an ideen ranzukommen.

Das bild vom back-cover ist zum beispiel auch bei rotten.com zu finden. Wenn sich jemand aufgeregt hätte, hätte Fat Wreck schon was gesagt bzw. die produktion eingestellt. Lagwagon hatten mit ihrer „Hoss- LP ja probleme mit den leuten von Bonanza. (Siehe auch den ärger um das cover der aktuellen Zen Guerilla LP- Seb.)

Was erwartet ihr eigentlich von eueren fans? Schliesslich könnte man euch ja durchaus als politische interessierte und aktive band bezeichnen. Muss das auch auf eure fans zutreffen?

Chuck: Nein. Es gibt eh zwei kategorien von fans. Die einen lesen sich die texte durch, machen sich nen kopf und sind auch politisch durchaus interessiert. Den anderen geht es nur um den spass. Die sind halt dann nur wegen der musik dabei. Aber das ist ok. Wir sehen das auch nicht so eng.

Nur weil wir einen song wie „Waste haben, werden wir nicht gleich sauer, wenn jemand fleisch isst. Uns fehlt da irgendwie der missionarische eifer. Aber natürlich freuen wir uns, wenn sich die leute für das interessieren, was wir von uns geben. Aber genau so ok ist es auch, wenn sich jemand nur der musik wegen für uns interessiert.

Denkst du, dass die ideale, wie sie im punk/HC propagiert werden irgendeinen einfluss auf den rest der gesellschaft haben? Hat sich denn durch musik jemals was verändert?

Chuck: Nein, das glaube ich nicht. So sehr ich mir auch wünschte, das es der fall wäre. Ich seh da doch ziemlich schwarz. Früher mag das anders gewesen sein. So 84-87 konnte punkrock die gesellschaft noch aufrütteln, aber heute ist das alles leider mainstream geworden und hat seine bedrohung verloren. Genau das war es ja, was punk seinerzeit so interessant für mich gemacht hat. Die nonkonformität. Zum glück gibt es auch heute noch bands, die die ideale von damals vertreten. Die würden niemals in so nem laden wie dem hier (Incognito in München – Seb.) spielen.

Auf sowas steh ich auch heute noch total. Aber auch wenn wir in der band alle punks sind, so müssen wir uns als band leider doch mit der realität arrangieren. Als „echte punkband müssten wir mit nem scheiss-auto auf tour gehen und hoffen, dass wir was zu essen bekommen. Natürlich kostet das konzert dann nur $ 3. Das haben wir früher auch gemacht. Aber jetzt leben wir davon…scheisse ich glaub ich hab mich jetzt irgendwie verrannt… I`m diggin` myself a hole!

Arbeitet ihr noch, oder könnte ihr von der band mittlerweile leben?

Chuck: Ich mach beides. Wenn ich zuhause bin, arbeite ich in einem coffee-shop. Aber das ist eigentlich eher eine art hobby, da ich von der band alleine sogar leben könnte. Die ist dann auch mein full-time-job.

Glaubst du, dass wenn du mit der band mit der zeit grösser wirst und du schliesslich sogar von ihr leben kannst, etwas von dem verlierst, an das du früher geglaubt hast?

Chuck: Nein. überhaupt nicht. Aber das ist ne verdammt gute frage.

Du wirst ja in dem moment von dem geld, das du mit der band machst, abhängig.

Chuck: Nein, weil ich gerade mal so davon leben könnte.

Craig: Er hat ja nur eine chance wahrgenommen. Andere ergreifen ihre chance einfach nicht. Ausserdem, was ist ehrlicher: zu sagen, nein ich kann nicht in der band spielen, weil ich arbeiten muss und meinen job nicht verlieren will; oder zu sagen: scheiss drauf, ich geh das risiko ein, am ende mit nichts dazustehen, dafür mache ich, was mir spass macht?

Chuck: Du musst auch sehen, dass ich schon länger in bands bin, als andere gearbeitet haben. Ich hab mir das irgendwo auch verdient. Ich spiele in bands seit 84. Aber erfolg hab ich damit gerade mal die letzten 2-3 jahre.

Wie steht ihr zu diesem ganzen „tough guy gehabe im HC, mit dem manche bands versuchen eindruck zu schinden?

Chuck: Dieses „tough guy-ding hat mit musik nichts zu tun. Das ist doch eigentlich nur ein persönliches statement. Wenn`s nach mir ginge, sollten man alle diese bands in einen ring stellen und gegeneinander antreten lassen. Wer dann übrig ist, ist der tough guy. Ich werde es jedenfalls nicht sein… Es ist schon vorgekommen, dass wir mit bands gespielt haben, wo uns im nachhinein gesagt wurde, das wäre ne „tough guy-band.

Wir hatten davon eigentlich nie was gemerkt. Die waren immer ganz nett zu uns. Im rap ist es doch auch nicht anders. Da gibt`s auch bands wie De La Soul auf der einen seite und auf der anderen NWA… (Irgendwie war es nicht so richtig möglich, klar zu machen, was wir meinen. Möglicherweise lag das nicht zuletzt daran, dass das problem in den staaten ganz anders präsent ist, als hierzulande. – Seb.)

Craig, gibt`s DMS eigentlich noch?

Craig: Ja, sicher. Die kids, die sich DMS nennen, gibt`s immer noch. Die ganze diskussion über das gekämpfe ist reichlich übertrieben. Alles was die kerle machen, ist sich zu wehren, wenn sie jemand blöd anmacht. Ich hab es – ehrlich gesagt – noch nie erlebt, dass jemand von denen einen kampf angefangen hat.

Zugegeben, immer wenn ich mit ihnen unterwegs war, kam es zu zwischenfällen. Aber da hat immer wer anders angefangen. Andere leute – wie du und ich – würden in so einer situation eher defensiv reagieren. Bei denen gibt`s dann halt eins auf die glocke.

Chuck: Aber das ist doch normal. Wenn dich jemand anmacht und nicht aufhört, dann musst du einfach manchmal aggressiv werden. Würde ich auch machen. Wenn einer nicht mal aufhört, wenn ich weggehen will, dann werde ich auch handgreiflich.

Craig: Es ist nicht so wie ihr denkt. Das ist nur eine gruppe von freunden. Da sucht niemand streit. Das sind alles erwachsene leute.

Vor zwei jahren hab ich ein Madball-interview mit dir gemacht, da ging`s nur um DMS. In einem ami-zine dagegen war davon überhaupt nicht die rede. Also frage ich mich, ob es einen unterschied gibt zwischen dem, was die bands in Europa und dem in den USA erzählen. Denkst du darüber nach, wenn du ein interview gibst?

Beide: Nein. Du stellst die fragen und wir antworten.

Craig: Es geht doch im punk/HC gerade darum, den leuten eben nicht irgendeinen scheiss zu erzählen. Und das halte ich auch für sehr wichtig.

Was geht so in N.Y. ab? Gibt`s dort immer noch eine gute szene?

Craig: Ehrlich gesagt weiss ich das gar nicht, da ich schon länger nicht mehr zu hause war. Aber wenn ich auf shows geh, sind die in der regel schon recht gut. Allerdings sind es nicht mehr so viele bands wie früher.

Was anderes, wie ist es eigentlich mit den amerikanischen medien. Während der Lewinsky-affäre waren die medien voll mit irgendwelchen peinlichkeiten. Ist das die art, wie die amerikanischen medien mit der wahrheit umgehen: nur das zu bringen, was ihnen in den kram passt?

Chuck: Soll ich dir was sagen? Ich schau eigentlich nicht fern, ausser vielleicht filme. Als ich noch in LA gewohnt habe und dort den fernseher eingeschalten habe, kam nie was über gangs, obwohl die wirklich ein problem waren. Es gibt in den nachrichten nichts positives, ausser das wetter und den sport. Das war`s. Drum schau ich nicht fern. Insofern kann ich dazu nicht wirklich was sagen.

Craig: Diese ganze Lewinsky-sache wurde ja von den rechten ins rollen gebracht, um die demokraten abzusetzen und selber wieder an die macht zu kommen. Da gings nur ums geschäft.

Identifiziert du dich mit einer politischen partei?

Craig: Nein.

Wählst du?

Craig: Manchmal, eigentlich meistens, aber nicht immer.

Chuck: Ich habe noch nie gewählt.

Craig: Es kommt halt darauf an, worum es geht.

Chuck: Ich befasse mich ehrlich gesagt zu wenig mit dem, was gerade los ist. Insofern wüsste ich gar nicht, was ich wählen sollte, damit ich das meiner ansicht nach richtige wähle. Ich wähle zwar immer in meinem kopf, nach dem motto: wer sollte es werden und warum, aber mehr nicht. Auch wenn es wichtig ist und ich sogar registriert bin, gehe ich nicht wählen.

Nach einer kurzen beschreibung des wahlvorgangs driftete das ganze dann in eine unterhaltung, die sich mit themen wie datenspionage (überwachung bei der wahl, datenverkehr zwischen computern), dem richtigen computer (Mac vs. PC) und die totale sonnenfinsternis. Irgendwann kam dann das thema KIss auf und das gespräch wurde wieder mehr ein interview:

Ihr habt ja diese Kiss-coverversion „I stole your love. Seid ihr etwa auch Kiss-fanatics?

Chuck: Yeah! Aber leider hab ich sie nie live gesehen. Ich hab zwar von meinen brüdern mal ne karte für die „Dynasty-tour geschenkt bekommen, allerdings durfte ich nicht hin, weil ich noch zu jung war. Naja, und die letzten jahre waren wir immer auf tour, wenn sie auch auf tour waren. Wir haben schon mal am gleichen tag in der gleichen stadt gespielt, aber leider nicht zusammen. (Abgesehen davon ging es dann noch um den film „Detroit Rock City usw. – Seb.)

Was ist deiner ansicht nach das geheimnis von KIss?

Chuck: Das make-up. Es kann nur das make-up sein. Naja, und das blut und das feuer und so weiter. Das ist wie bei Manowar: das ist alles so dämlich und hohl, dass es schon wieder richtig gut ist.

Zum schluss noch die gartenparty-frage: Ihr macht eine gartenparty und könnt dafür drei bands/musiker (auch nicht mehr existente) einladen. Wer würde da spielen?

Chuck: GBH, Ozzy Osborne und wahrscheinlich alle von KIss. Das wäre geil! Abhängen mit Paul….

Craig: Jimi Hendrix, Elvis Presly and Jimmy Durante.

***

Das war`s dann auch schon. Zwar wurde noch über Mohammed Ali und Social Distortion gestritten, aber das scheint mir eher unwichtig. Zum schluss haben dann beide noch für ihr side-project Creep Division die werbetrommel gerührt, eine band, die sich der beschreibung nach recht interessant anhört. Mal sehen, wann da was rauskommt.

So nett und relaxed das interview war, so klasse war das anschliessende konzert. Ich denke, beide bands haben hier deutlich unter beweis gestellt, dass sie dem gros der bands, die aus den gleichen musikalischen ecken kommen, um mehr als eine nasenlänge voraus sind.

Fotos & Text: Sebastian W.
Christian Mössner (die meisten fragen)

Links (2015):

Good Riddance
Wikipedia
Homepage
Discogs

Sick of it all
Wikipedia
Homepage
Discogs

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