Dezember 9th, 2007

FUCKHEAD (#123, 04-2007)

Posted in interview by jörg

Berlin, 27. Januar 2007, Club Trasmediale in der Maria am Ufer. Fuckhead aus österreich spielen. 1993 und 1994 waren sie und wir zusammen mit Cold World auf Reisen, um dem Volk komische Musik zu geben.Schon damals waren Fuckhead eine beeindruckende Erscheinung – Grimassen ziehend, sparsam bekleidet, tätowiert, bizarre Tänze zu brachialem Rock aufführend, der auf dem zweiten Bein der Tour schon schüchterne Ansätze von Elektronik zeigte, im September 1993 allerdings noch mit zwei Bässen und Gitarre etwas war, was – wie wir später erfahren – Fuckhead nie sein wollten: progressiver Rock. Der klang allerdings so gar nicht nach dem, was man sich nach alter Lesart darunter vorzustellen geneigt wäre.

Eher schon im Sinne der später Furore machenden Today Is The Day oder so. Kompliziert, aber immer mit Wucht und Krach. Dann verlor ich sie aus den Augen, ein alter Freund sah sie mal in Berlin, ein anderer erzählte, Didi Bruckmayr, Sänger von Fuckhead, habe sich in Wien an zwei Pflöcken hochziehen lassen, die durch seine Brust getrieben waren, wobei einer aufriss – man sehe allerdings nichts mehr davon, weil der Mann sich die Stelle habe gleich wieder übertätowieren lassen.

Die neueren Platten drangen nicht zu mir vor, was vielleicht auch damit zu tun hatte, dass es musikalisch bei Fuckhead immer mehr in Richtung Elektronik, weg von Rock ging – ein Schritt, den ich seinerzeit nicht nachvollzog. Ende letzten Jahres bekam ich denn die neue Fuckhead-DVD „Lebensfrische“ nebst Nachricht, die Band spiele in Berlin an einem Abend und am gleichen Ort wie Venetian Snares und Trencher.

***

Und da für jenes Wochenende ausnahmsweise mal keine Präsenzpflicht herrschte, machte ich mich auf den Weg um zu hören, was die Irren jetzt machten – und herauszufinden, was in der Zwischenzeit geschah.

Didi Bruckmayr: Fuckhead gibt es seit 1988, damals als Duo, aber das ist nicht sehr relevant. Ich hab mit meinem Bruder gerade mal einen Auftritt gespielt und das war eigentlich einfach Industrial-Krach. Dann haben wir uns sehr schnell erweitert zu einer Noise-Rock-Band. Ich würde sagen, 1990 ging es dann konstruktiver los. Im ersten Line-Up haben wir mehrere Tourneen gespielt, waren in Polen, Italien, so die richtigen Hausbesetzer-Fussboden-Schlaf-Tourneen, das wollten wir unbedingt erleben.

Dann waren die Leute ausgelaugt und sind ausgestiegen, dann sind der (Josef) Linschinger und der (Michael) Strohmann eingestiegen. Mein Bruder, mit dem ich schon vorher in anderen Bands gespielt hab, ist dann nach der Tour mit Cold World und Mutant Gods 1994 ausgestiegen. Und dann ist Didi Kern eingestiegen.

Womit wir bei Fuckhead von heute wären, seit ein paar Jahren ohne Linschinger, seit ein paar Jahren mit Siegmar Aigner, im Folgenden Sigi genannt, als zweitem Sänger.

Didi Kern: Das muss so 1995, Anfang 1996 gewesen sein. Dann haben wir in Wien beim Torture Garden gespielt.

Didi: Das war so ein Jazz-Fest Wien Ableger mit Schwerpunkt Free Jazz und Noise. Das war die Feuertaufe für den Diederich. Komischerweise sind wir damals immer wieder in Jazz-Bereichen verortet worden. Das hängt wohl mit der Biografie zusammen, dass die jungen Leute aus der Provinz alle sehr an Free Jazz interessiert waren.

Michael Strohmann: Das war die Zeit von John Zorn, Painkiller und Naked City.

Bruckmayr: Und das Interesse an Grindcore war sehr vital, auch wenn wir das nicht gespielt haben. Carcass, Brutal Truth – diese Sachen waren insofern erwähnenswert, weil gerade BT mit elektronischen Oberflächen gearbeitet habe. Ich hab das auch live gesehen, die super angetriggerten Bass-Drums, viele digitale Zuspielungen, Drones, das war so eine Richtung, die wir hinsichtlich der Intensität interessant fanden.

Strohmann: Ein anderer wichtiger Einfluss waren Komponisten wie Xenakis und Messiaen.

Ein Einfluss, den ich nie sehr stark wahrgenommen habe…

Strohmann: Es gab einige Kompositionen, die auf aleatorischen Prinzipien (Zufallsprinzipien) aufgebaut waren. Auch wenn man das nicht unbedingt hört, es war die Art, wie die Akkorde geschichtet oder die Rhythmen aufgebaut waren. Aber es ist auch gut, dass man das nicht hört, weil…

Bruckmayr: Es ist halt Hirnwichserei. Da ist man wieder bei Art-Rock, und das war für mich immer ein Fluch. Linz war vor Punk übelster provinzieller Art- und Krautrock mit zehnminütigen Gitarrensoli, wie überall anders wahrscheinlich auch.

Kern: Sowas dürfen nur Frank Zappa und Prince.

Bruckmayr: Klassik und die Theorie dahinter hat uns schon interessiert, aber das wollten wir nicht ausstellen. Das wäre ein Schuss ins eigene Knie gewesen. Die Strukturenveränderungen waren immer mit Lineup-Wechseln verbunden. Wir haben sehr lange mit zwei Bassisten gespielt.

Kern: Mein erster Fuckhead-Gig war der letzte mit zwei Bassisten, einer der Melodien spielt, und der Fuzz-Bassist.

Bruckmayr: Anfänglich war der zweite Bassist, der Noise-Bassist, ein totaler Dilettant. Der hatte vier gleiche Saiten aufgezogen, der war an den Swans interessiert, das war der Presslufthammer-Sound, und mit einer Stichsäge, auf die er ein Plektrum gesetzt hatte, hat er dann Presslufthammer-Bass gespielt, das war schon ziemlich schiach. Mit dem ersten Line-Up-Wechsel, als der Strohmann und der Linschinger kamen…

Der Strohmann war eigentlich Bassist und der Linschinger Pianist. Und der Linschinger hat dann den Bass übernommen, und da haben sich sehr eigenartige Dinge entwickelt. Aber mit Elektronik hat sich das sehr erweitern lassen und als der Thomas, der wirklich gut geschulte Bassist ausstieg, da ging das mit den Helferlein los.

Enter Elektronik. 1988 kam das Album „The Male Comedy“ auf Mego, einem aufregenden Label, das eine ganze Schule von digitaler Avantgarde-Musik begründete (siehe auch Fennesz-Rezension weiter hinten).

Kern: Das war ein Prozess von eineinhalb bis zwei Jahren. Ich bin von Linz nach Wien gezogen, der Rest ist von Wien nach Linz gezogen.

Strohmann: Der Linschinger und ich haben während unseres Studium der elektronischen Musik diese Platte produziert. Das war der Endpunkt des Studiums.

Bruckmayr: Das ist auch alles in dem Institutsstudio aufgenommen, sonst wäre das gar nicht möglich gewesen.

Strohmann: Zu der Zeit haben wir uns alle keine Computer leisten können.

Kern: Wir haben nachts immer Sessions gemacht, da sind wir extra aus Linz gekommen. Tagsüber haben die beiden weitere daran gearbeitet.

Bruckmayr: Mich hat elektronische Musik schon in den Siebzigern interessiert – wegen Kraftwerk. Ich hab damals auch Orgel gelernt, immer mit dem Fokus, dass ich mir mal diese Keyboards kaufen kann. Das war damals ja unerreichbar. Ich war auf einer Messe, wo sie den Commodore 64, diesen Ahnherrn, vorgestellt haben.

Das war unerschwinglich teuer. Da haben sie Samplingsysteme vorgestellt, wie sie Eberhard Schöner von Tangerine Dream gespielt hat, und gesagt: Das kostet 30.000 Euro. Danke, auf Wiedersehn. Damit war das für mich erstmal abgeschlossen. Ich dachte, ich geh lieber auf die Bühne und schreie, was das Zeug hält, spiel in Punkbands, weil du Elektronik schon aus Finanzgründen vergessen konntest. Durch die Herren (Strohmann und Linschinger) sind wir aber in den Stand versetzt worden, in so einem Studio zu operieren.

Dann kommt der Herr von Jazzthetik herein und will 5 Minuten mit dem Didi reden, es wird dann etwas länger…

Was schon 93, 94 sehr stark bei euch war, war das performative Element, die mit GafferTape umklebten Penisse, die Pflöcke, die sich Didi durch die Brust treiben liess – woher kam das?

Strohmann: Das Interessante bei Fuckhead, was mich immer wieder verblüfft, ist, dass sich das von selbst immer entwickelt, nie von jemand bestimmtem ausgeht. Es passiert immer in der Gruppe.

Kern: So das „Doing by doing“-Prinzip. Man ist motiviert, macht was Dubioses auf der Bühne, hat ziemlichen Spass dabei, dann redet man darüber und macht es nächstes Mal ganz bewusst. So hat sich ein Grossteil der Performance entwickelt. Damit bei den Nacktauftritten die Genitalien nicht wild rumschwingen, haben wir sie mit Tape festgeklebt. Das ist übers Jahrzehnt gewachsen und gewachsen. Immer wenn lustige Sachen passiert sind, wie mit der Wäscheleine… Seht ihr das Konzert heute Abend? Dann seht ihr es sowieso… (Also die Sache mit den auf der Bühne applizierten Stöpseln im Po, zwischen denen eine Wäscheleine hängt, an der dann Altpapier aufgehängt wird – siehe entsprechendes Foto). Das waren lauter Sachen, die eher durch Zufall entstanden sind, oder auf der Anreise zum Konzert, wo wir blöd geredet haben und dann drauf kamen, dass man das machen kann: Spannen wir halt eine Wäscheleine von Arschloch zu Arschloch. Das wird dann eben einfach mal ausprobiert.

Strohmann: Wir sind natürlich schon auch in igendeienr Weise beeinflusst von den Wiener Aktionisten. Offensichtlich impliziert Wien das.

Warum denkst du das?

Kern: Naja, es stimmt schon. Der morbide Schmäh der Stadt – irgendwann ist man da auch drin und lacht über die obskursten Sachen. Solang man nirgends hinscheisst, geht`s dann schon. I wass ah net. Vielleicht war es auch nur eine Gegenbewegung zu dem Glam-Metal-Schmus der Neunziger. Keine Ahnung.

Nein, es ist auch schon viel um den Körper sebst gangen. Dass man sich selbst blossstellt auf der Bühne, wie in der „Male Comedy“, der Traum vom kleinen Glück. Das hat schon viel mit männlichem Dilettantismus oder was auch immer zu tun.

Strohmann: Ja, mit Lächerlichkeit, sich selbst lächerlich zu machen, sich blosszustellen, ist ganz wichtig. Ganz wichtig sind auch die Grimassen, die einen in einen ganz anderen Bewusstseinszustand führen, wenn man die ständig macht auf der Bühne. Ich hab mich immer dagegen gewehrt, die Performance als Ritual zu bezeichnen, weil es ein Begriff ist, der so stark schubladisiert ist.

Das war bei den Wiener Aktionisten aber durchaus sehr stark vorhanden…

Stroh: Ja, vor allem bei (Hermann) Nitsch. Am ehesten beeinflusst hat mich auch der (Rudolf) Schwarzkogler, weil der am kryptischsten ist. Der ist sehr früh gestorben. 1969 ist der ausm Fenster gesprungen oder geflogen, auf jeden Fall ist der irgendwie gestorben. Und die einzige Hinterlassenschaft von seinen Performances sind Fotos.

Der und (Günter) Brus sind so die, die mir persönlich ästhetisch am besten gefallen. Wobei allerdings die Performances von Otto Mühl, diese Materialaktionen, wie er es genannt hat, am ehesten dem entsprechen, was wir gerad machen. Obwohl Mühl künstlerisch oder von seiner Aussage her ziemlich eigenartig ist. Eigentlich möchte ich mit dem nichts zu tun haben. Am ehesten Brus und Schwarzkogler. Offensichtlich wollten die Aktionisten das damals schon mit Musik verbinden, haben aber keine Kooperationen gefunden.

Es gibt eine Performance mit Brus und Anestis Logothetis, die aber von der Polizei abgebrochen worden ist, weil es zu laut wurde. Die Akzeptanzschwelle hat sich von den 60ern bis heute so dramatisch verschoben, dass wenn man, was wir nicht unbedingt wollen, so schockieren will, man das eigentlich nicht mehr machen kann. Damals ist der Brus weiss angemalt durch Wien spaziert und sofort verhaftet worden. Die haben damals Aufzeichnungen darüber geführt, wieviel Strafe sie im Jahr gezahlt haben. Das wäre undenkbar, dass man heute so abgestraft wird dafür. Wir haben es nur auf eine einzige Anzeige gebracht. Bei irgendeinem Konzert waren Minderjährige im Publikum und wir waren nackt auf der Bühne.

Kern: Eigentlich war es so, dass der Veranstalter keine Lizenz für Theater, Kabarett und Varieté gehabt hat, und wir waren definitiv keine Musikband, sondern Varieté oder so. Daraufhin hat der Veranstalter einen Batzen Geldstrafe bekommen.

Auf eurer neuen DVD „Lebensfrische“ gibt es einen Live-Mitschnitt aus der Royal Festival Hall in London, da macht ihr eigentlich auch gar keine Musik. Welchen Stellenwert hat die Musik bei Fuckhead?

Strohmann: Der besagte Ausschnitt ist nur ein Teil des Konzerts. Mittlerweile gibt es eine Trennung zwischen Performance-Teil und Musik. Weil der Performance-Teil uns vom Spielen ablenkt. Es läuft ein Band mit Musik, aber wir produzieren die nicht auf der Bühne.

Kern: Der Ablauf der Musik ist völlig fixiert, weil die mit den Bildern synchron läuft. Früher war es wirklich wie eine Rock-Combo, die ihre Stücke runtergespielt hat. Und bei Tracks, wo nicht so viel zu spielen war, war dann der Performanceteil auch noch dabei oder eben während des ganzen Konzerts, aber wegen des Musikspielens ziemlich limitiert. Irgendwann war klar, dass man das aufteilt, jetzt kommen vier Stücke, ein kurzer Perfomanceteil, dann wieder Stücke und dann Performanceteil mit Outro.

Strohmann: Jetzt haben wir zwei Sänger…

Kern: Die können sich das schön aufteilen, während einer singt, performt der andere. Das ist auch ein Wechselspiel, wer Zeit hat für was – oder wie man gerade drauf ist. Im Grossen und Ganz ist der Ablauf schon fix, aber er ist nie gleich. Es passieren immer irgendwelche Sachen, was auch viel mit der Venue zu tun hat, damit, wie die räumlichen Gegebenheiten sind. In Porto haben wir in einem Museum für moderene Kunst gespielt, und da sass das Publikum gerade hoch vor uns wie in einem Hörsaal. Das war eine ganz andere Situation, wie in einem Theater oder so.

Strohmann: Komischerweise gibt es kaum Berührungspunkte zwischen Bands und Performance.

Melted Men?

Strohmann: Ja stimmt.

Kern: Die haben so ziemlich den selben Schmäh, obwohl die viel mehr Equipment mitschleppen als wir.

Strohmann: Naja, es gibt auch Gwar und so, ja. Aber es gibt die ganze Kunstszene, die eher auf Performance macht, in den Sechzigern eben die Aktionisten und die Body Art, die aber nie mit Musik mit Musik verbunden wurde.

Kern: Da gab’s den Bob Flanagan, der hat irgendeine Krankheit (Mukoviszidose) gehabt, der war mit dem „Modern Primitive“-Stuff ein grosser Einfluss für Didi. Da gab es diese beiden Shows, wo Didi sich an der Brustmuskulatur aufgehängt hat. Einmal sind synchron die Knöpfe aufgegangen. Jeder hat gegelaubt, dass es ausgerissen ist, das war ein völliger Schock fürs Publikum, dem Didi ist aber überhaupt nichts passiert.

Bei der zweiten Show hat er sich das auf der Bühne von einem Piercer richten lassen, wir haben aber nicht mitgedacht und ganz dünne Plastikschnüre durchgezogen, und als er da hing, ist das durchgerissen (durch die Brust), da hing er kurz an der Brustmuskulatur – ich darf jetzt gar nicht dran denken. Da musste er dann ins Krankenhaus. Das war der Peak der „Wilde Männer“-Show.

Damals war es wirklich so, dass wir aufgrund solcher Aktionen auch eine andere Klientel angezogen haben. Bei der zweiten Show, bei der er gehangen ist, waren extrem viel Leder- und Fetisch-Leute im Publikum, Madame, die den Typen an der Kette hinten hat und so. Das hat dann wieder aufgehört. Ich bin dem ganzen Zeug nicht unbedingt abgeneigt, jeder wie er’s braucht, aber es war schon eine komische Stimmung, die haben wirklich nur noch vorn gestanden und gegeiert, dass was Brutales passiert.

Strohmann: Das war eine Sackgasse. Es gibt dieses Märchen von einem Performance-Typen, der so eine Maschine erfunden hätte, die ihn in Performances amputiert bis hin zum Kopf.

Das ist wirklich eine Sackgasse…

Kern: Es gab schon immer diese Performance-Sachen (bei Fuckhead), schon bevor ich dabei war. „Dufte Drüsen“ (?) im Posthof in Linz und so, wo es darum ging, bewusst nicht die Metal- oder Macho-Mann-ästhetik rüberzbringen, sondern eine zweite Ebene einzubringen, nicht einfach drei Typen, die da oben musizieren, sondern dass es da noch was zu schauen gibt. Das war noch vor dem Zeitalter der Videos. Lichttechnik war schon immer ziemlich wichtig für uns.

Strohmann: Wobei es schon immer aus der Musik genährt wird. Wir müssen einfach irgendwie rumhupfen. Das hat sich, wie gesagt, einfach entwickelt.

Es gibt ja schon, nicht nur bei Fuckhead, sondern auch bei Wipeout und der Bruckmayr-Solo-Platte, so eine zivilisationskritische Botschaft.

Strohmann: Auf jeden Fall. Und die Performance ist auf jeden Fall Fortsetzung der Zivilisationskritik in den Texten. Weil wir sehr viel mit Schmutz agieren. Für mich sind Schmutz und Müll der letzte Schritt vor der Kippe zur entropischen Wiedergeburt. Wie damals die Einstürzenden Neubauten gesagt haben: Du zerstörst etwas und daraus baust du etwas Neues. Die Entropie geht darauf hin, dass sich alles in immer kleinere Teile zerlegt, alles wird im Endeffekt zu Staub. Die Gegenbewegung zur Entropie ist die Selbstorganisation.

Aus diesem Staub kann sich wieder etwas selbst organisieren. Wenn wir bei der Performance mit Dreck arbeiten, ist das für mich quasi die letzte Stufe vor dem Neuanfang. Dsas zweite Ding ist, dass wir versuchen, auf der Bühne möglichst viel Energie zu kreieren, die hoffentlich auf die Menschen, die der Performance beiwohnen, übergeht. Wenn diese beunruhigende Energie, die wir kreieren wollen, überspringt, ist es mehr als passives Zuschauen.

Kern: Es passiert schon mal, dass wir ein ungefragtes Helferchen auf der Bühne haben, der wirklich arg Drang zum Agieren hat, wie in Linz, da hat es einen Typen gegeben, der mir voll zur Hand gegangen ist, dem auch das mit dem Schleim voll taugt hat, der war am Schluss genauso dreckig wie wir. Aber es ist schon super, wenn man Leute motiviert, das rauszulassen. Als ich bei Fuckhead eingestiegen bin, hab ich schon ein bisschen Bammel gehabt, am Anfang vor allem vor der Nackteinlage am Ende. Da hab ich mich relativ unwohl gefühlt. Nach ein paar Shows war aber klar, dass das ein ganz eigener Geisteszustand ist, und da wurde es dann interessant und ich habe mich gefreut auf die Shows, weil du es für 50 Minuten rauslassen kannst, was im Alltag nicht geht. Und es wäre schon super, wenn das auch mal auf mehr als einen überspringen würde.

Strohmann: Es funktioniert eh ganz gut. Meistens sind die Leute nachher eh energetisiert. Ich find, dass wenn man auf das Geschehen in der Welt Einfluss nehmen will, man jede Energie braucht, die man kriegen kann. Wenn wir es mit der Musik oder der Performance schaffen können, diese Lebensfrische-Energie, ist das super.

Was steht aktuell bei euch an? Was ist das Neueste auf der DVD?

Strohmann: Das sind die ersten Sachen auf der DVD. Zum einen die Stücke mit den abstrakten Digital-Videos, und dann später noch einmal live gespielt.

Kern: Das ist eigentlich das Programm, wie es vor zwei Jahren ausgesehen hat.

Stroh: Es war wichtig, ein Live-Video zu haben, damit man sehen kann, was wir machen.

Ich kenne eigentlich niemanden, der euch kennt. Andererseits reist ihr in der Weltgeschichte herum, werdet mal nach Portugal, mal nach Japan eingeladen… Warum seid ihr im deutschen Sprachraum so obskur? Ich habe den Eindruck, dass ihr jahrelang von der Bildfläche verschwunden seid…

Kern: Es gab in der Zwischenzeit noch zwei Theaterproduktionen, eins davon war eine ziemlich grosse Sache. Die „Elevator Symphony“ sollte auch veröffentlicht werden, aber das ganze Zeug ist dann irgendwie verschwunden, dann war der Bassist weg und wir mussten die Band wieder fitmachen.

Strohmann: Der aktuelle Release war eigentlich vor vier Jahren schon fertig. Dann ist Mego bankrott gangen, jetzt heisst das Editions Mego.

Kern: Das war 2003. Jetzt sind wir bei Mosz, aber das hat auch gedauert. Dann war klar, dass wir nicht einfach eine CD machen wollen. Jedenfalls war der Releas vor zweieinhalb, drei Jahren fertig, und dann ist es losgegangen mit dem Zusammenstellen des Materials für die DVD. Wir sind auch nicht die schnellsten gewesen. Nebenbei hat es dann auch noch Shows mit Wipeout (Bruckmayrs Elektronik-Projekt) gegeben. Da spiele ich seit ein paar Jahren.

Strohmann: Generell sind wir eine Gruppe von Leuten, die zusammenarbeiten, aber immer viel in Projekten, das heisst, es dauert immer alles.

Kern: Fair Enough ist zum Beispiel ein Projekt von Jade, einer Labelbetreiberin von Mosz, Didi und Michael.

Strohmann: Dann gibt es noch Imago, auch mit dem Didi Bruckmayr, das für die Ars Electronica in Linz vor zwei Jahren entwickelt worden ist. Das ist eine digitale Repräsentation von Didis Kopf, der auf die Stimme und die Bewegungen von Didi reagiert. Das ist eine E-Performance für drei Köpfe. Da gibt es zwei Avatare und Didi selbst, und das ganze ist eingebettet in elektronische Musik, die wiederum aus Didis Stimmsamples live generiert wird.

Die Elevator Symphony dealt mit dem Unabomber und dessen Pendant, dem österreichischen Briefbomber, Haiderscher Xenophobie und Philip K. Dick. Fuckhead spielen darin Tanzcombo, die gelegentlich abdreht und zu einer Krachkappelle wird. Regie führte Yosi Wanunu. Schade, dass das gewissermassen als verloren gelten muss. Ein anderes zeitraubendes Projekt sind zum Beispiel die grossartigen Bulbul, bei denen Didi Kern trommelt, Strohmann macht viel Musik fürs Theater, Bruckmayr hat gerade ein Solo-Album veröffentlicht, deshalb dauern bei Fuckhead die Dinge eben ihre Zeit. Zurück zur neuen Scheibe…

Kern: Beim neuen Programm sind die Ausläufer von Dance noch zu spüren. Das war ein paar Jahre schon Thema. Ich hab auch auf Mego eine Solo-12″ gemacht, dann das Ding mit Wipeout. Und auch bei Fuckhead war das eine Zeitlang Thema. Jetzt sind wir schon beim nächsten Ding, aber auf der Platte hört man ein paar Spuren aus dieser Zeit.

Strohmann: Es gibt zwei Nummern, die eigentlich Covers sind, eins von Shostakowitsch und ein russisches Volkslied. Die singt der Sigi, der ist eigentlich Opernsänger und singt im Staatsopernchor. Das ist eine andere Art zu singen.

Kern: In Japan haben die Leute bei den Stücken angefangen zu weinen.

Strohmann: Aber es war wohl auch die Erscheinung vom Sigi, so ein grosser Mann.

Zurück zur Gesamtsituation…

Kern: Es geht ordentlich was weiter, und wir können eigentlich alle vom Sound leben. Oder von unserer Arbeit. In österreich haben wir uns das soweit richten können. Deshalb kennt man auch die ganze Szene. So viele Plätze, wo was passiert gibt es eben auch nicht.

Strohmann: Diese ganzen Projekte sind auch der Grund, weshalb das bei Fuckhead immer so langsam geht. Und auch, weil wir diese ganz harten Touren mit Schlafen auf dem Boden nicht mehr machen.

Kern: Wir haben irgendwann bewusst aufgehört, durch österreich zu touren, weil es immer das gleiche war. Da haben wir gedacht: Drei oder vier solide Show im Jahr müssen genügen. Aber es war schon irgendwann klar, dass wir mit der Band alt werden. Deshalb hat keiner einen Stress damit. Es kommen immer wieder schöne Angebote, die werden gespielt. Aber es hat niemand Stress, weil man sowieso weiss… Dann kommt das Bier…

Die DVD ist schon so ein Punkt, euch nochmal zusammenzuraufen?

Kern: Die ist für mich der Abschluss der letzten sieben Jahre. Es gibt ein Angebot von Karate Joe für nächstes Jahr. Ein anderes Label hat sich interessiert. Aber es geht jetzt auf jeden Fall weiter.

In welche Richtung?

Strohmann: Die letzten Sachen sind komplett im Rechner entstanden und wir spielen live dazu. In Zukunft wollen wir das weniger machen. Wir haben uns zu sehr versklavt durch diese vorproduzierten Sachen.

An dieser Stelle hat Didi Bruckmayr sein Jazzthetik-Interview beendet.

Und wir kommen auf andere Themen. Seinen Doktortitel zum Beispiel…

Bruckmayr: Das ist ein exotischer Aufputz, erhlich gesagt. Ich habe diplomiert und dissertiert in Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Das ist ein sehr paradoxes Nebenfach im klassischen Studium der Handelswissenschaften, aber es wurde bewilligt. Dort hab ich als Doktorand für einen Forschungfonds gearbeitet. Da habe ich Arbeiten geschrieben über den Nationalsozialismus in österreich.

Und aus dem Forschungsauftrag hab ich dann meine Dissertation und mein Rigorosum gemacht. Vorher hatte ich ein ganz anderes Thema. Mein Chef meinte aber: „Burli, mach dirs doch nicht schwer. Nimm deinen Forschungsbericht, du hast meinen Segen, somit hast du deine Dissertation.“ Ich hab dann aber aufgehört, ich war jahrelang ständig in Archiven, refundiert durch ein Forschungsstipendium, und das war steuerfrei. Ich hatte damals Geld. (lacht). Ich hatte einfach keine Lust mehr, mich nur mit Gemeinheiten zu beschäftigen, Irgendwann genügt’s dir… Ich hab mich dafür entschieden, als Spassvogel, Hilfsarbeiter und Musikant durch die Gegend zu fahren. Das ist flexibler und witziger.

***

Lange reden wir über Bruckmayrs Vortragsreisen durch Schulen und so weiter, den modernen Sozialsstaat, Rassismus in der Politik now and then… Und abends dann dieses unglaubliche Konzert, das eben nicht einfach nur ein Konzert war. Es spritzte, es war laut, es war gleichermassen schockierend wie hinreissend komisch. Checkt das mal auf Youtube.com aus! Da könnt ihr ansatzweise herausfinden, worum es da geht. Oder schaut euch die DVD „Lebensfrische“ an – vor allem aber: Besucht ihre Auftritte, wenn sie mal in der Nähe sind. Das öffnet Augen.

Text & Interview: stone

Links (2015):
Homepage
Discogs

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