März 11th, 2007

FAVEZ (#76, 06-1999)

Posted in interview by andreas

Vor nicht allzu langer Zeit, es war ein Freitag abend, sassen wir zu hause rum und wussten nicht so recht, was der Abend bringen würde. Einem Stadtmagazin entnahm ich, dass im Schlachthof Wiesbaden, eh einem der angenehmsten Konzertorte in D-land, Fireside spielen würden. Na gut, besser als nix und hin. Dort passierte dann etwas, was ich als… selten betrachten würde: Die Vorband spielte die Hauptband an die Wand und (UND!) es schien mir so, als ob mehr Leute bei der Vorband zuschauten als danach.

Nun, wie ihr sicherlich aus der überschrift habt erkennen können, war diese Vorband eben Favez aus der Schweiz. Die spielen eine Form von Gitarrenmusik, die hinlänglich als Emo-core beschrieben wird, aber nicht so tuckig wie das, was Jörg hört, sondern einer Art Musik, die von langsamen, introvertierten Passagen lebt, die in kurzen Gewaltausbrüchen unterhaltsam durchzogen wird, wie es ja auch seit vielleicht 2,3 Jahren reichlich üblich geworden ist.

Aber, und das ist wichtig: Favez können`s. Unlängst erschien eine Akustik CD, auch etwas, was sie sicherlich ausserhalb gängiger Schemata erscheinen lässt, und kurz davor eine Mini CD, die ich auf diesen Seiten hier schon bejubelte und die ein einziger Knaller ist: Coming Home heisst sie übrigens. Kurzerhand einigten wir uns, das Produkt folgt nun. Daniel.

***

Chris, erzähl` doch mal etwas ausführlicher, wie zu Deiner Band gekommen ist, inbesonders im Hinblick auch auf Euer Herkunftsland, in welcher Stadt ihr gross wurdet, wie es da ’szene‘-mässig so aussieht, wie man sich dort über andere Bands/Musik informieren kann… und wie es jetzt dort so ist.

C: Unser Drummer Fred ist 24 und seit 2 Jahren dabei, Fig an der Gitarre ebenso lange, ist aber erst 22, Phil spielt Bass, ist in dieser Band seit 4,5 Jahren und erstaunliche 37 Jahre alt, Guy und ich haben die Band vor etwa 9 Jahren aus der Taufe gehoben – er ist 26, ich seit gestern 27 und wir spielen beide Gitarre, ich singe auch noch dazu. Es gab verdammt viele Besetzungwechsel über die ich gar nicht sprechen möchte, (viele, viele Drummer), aber seit 1990 ist in etwa dies passiert: 1993 nahmen wir unsere erste Platte unter dem Namen Favez Disciples auf, ‚and the world don`t care“ – 11 Lieder in drei Tagen aufgenommen und gemischt.

Ist ausverkauft und für das Wohlergehen der Musik im Allgemeinen wird sie auch nicht wiederaufgelegt. Von unserer zweiten Platte der Arrogance-Ep, haben wir annähernd zweitausend Stück verkauft, da gingen wir dann auch auf Tour und haben in Deutschland u.a. mit der schottischen Softrockband Gun gespielt. 1996 kam eine LP mit dem Titel ‚The eloquence of the favez disciples“ raus, wir tourten Kanada, kamen zurück und änderten den Bandnamen in Favez, unseren Drummer in jemanden der weniger Metal spielt, und kamen letztlich musikalisch dorthin, wohin wir wollten. Als wir einige Monate im Sommer`98 nichts zu tun hatten, schrieben wir einige Akustiksongs, haben einige ältere Stücke etwas angeweicht, und haben ein Album veröffentlich, auf das wir alle sehr stolz sind: ‚A sad ride on the line again“ (Der Satz ist von einem Regulator Watts Song geklaut).

Das Album haben wir an Beggar`s Banquet in England, Stickman in Deutschland und Doghouse in den USA geschickt und Stickman haben drei Tage später angerufen. Mit ihnen haben wir jetzt einen Drei-album-deal und sie sind natürlich die nettesten Menschen der Welt (wenn das hier nicht steht wir mich Rolf bei nächster Gelegenheit verprügeln!). Doghouse haben zwei Monate später geantwortet – deren Chef Dirk ist auch ein cooler Typ, aber er würde mich nicht verprügeln, also muss ich das auch nicht unbedingt sagen und die werden im Juni in den uSA und im Juli in Japan unsere Platte veröffentlichen. Beggar`s Banquet haben nie geantwortet, aber wie schon der grosse MeatLoaf einmal gesagt hat: ‚Two out of three ain`t bad“.

Das zur Geschichte der Band. Wir sind alle in der phantastischen Stadt Lausanne aufgewachsen (Phil hat hier schon jedes Gefängnis besucht und könnte daher einiges über die ECHTE Hardcore-scene erzählen!), aber ich denke, dass es mehr H/C Kids in Genf gibt. In Lausanne gibt es eher die Kategorie ‚Indie-Bands“ (Chewy, die Band meines Bruders) oder Metalbands wie Shovel und Sludge, die auf Headstrong sind, für das Label arbeitet Fig. Bei uns war es also nicht wirklich eine Szene, sondern eher eine Band, die alles ins Rollen brachte: Les Radiateurs, sie sahen sooo cooool aus und spielten soooo schlecht, du musstest deine Gitarre nur tief hängen und hoch springen und warst Gott. Heutzutage ist bis auf gute Bands die Lage in der Schweiz nicht so toll.

Ein Fanzine sehr hoher Qualität, Reactor, kein Radio und bis auf den Plattenladen Disc- -brac und einen Club namens Dolce Vita (ich arbeite für beide! Ich bin Gott! Ich bin überall!) gibt es keine Szene. Um Schweizer Bands kümmern sich die Leute erst, wenn sie ausser Landes auf Tour gehen, wie wir auch selbst mitbekommen haben. Das Gute an der Schweiz ist – klar, gut geraten Geld – dass man für fast jede kulturelle Aktivität Gelder erhalten kann, so dass fast jede Art von Musik – unsere auch – unterstützt wird, Touren also kein Problem darstellen, auch wenn wir natürlich noch unsere Jobs haben.

Ich weiss nicht genau, wie viele Leute in Lausanne zu uns jetzt kommen würden, vielleicht 400, und 1000 auf Festivals. Die meisten Band, die ich heute mag, sind DC-HC wie Kerosene 454, Bluetip und der sogenannte Emo-kram (verstehe den Namen (natürlich ! Anm. D.) nicht – ist es nicht einfach guter alter Rock?) wir Joshua oder Appleseed Cast, wir kriegen den Kram meist durch meinen Laden und den euch vielleicht bekannten, phantastischen Lumberjack-Vertrieb. Hmm langsam wird hier alles ein wenig durcheinander, zur Schweiz fällt mir noch ein, dass es nicht so ein Musikland wie Deutschland ist – dort haben wir viele Leute getroffen, die die gleichen Sachen wie wir hören, und zuhause sind wir damit eher allein. Es tut gut, auf Enthusiasmus und Fachwissen zu treffen…

Woher kommt der Name, was soll der bedeuten, und, wie soll man den eigentlich aussprechen?

C: Superfrage! Man spricht es Favez aus, wobei man es natürlich auch Favez aussprechen könnte, wobei es in manchen Ländern auch Favez ausgesprochen wird. Es ist ein richtig pathetischer Familienname in unserer Gegend, so wie Schwarz, Schmidt oder Gustavus (?!!) in Deutschland. (jau- e-mail-interviews sind geil, wa? D.)

Na wenn ihr so komisch seid, dann sag“ doch mal bitte was zu den folgenden Fanzine-namen (still hoffend, dass du die Hefte nicht kennst): Zap

C: It sucks, in a teenage 80″s TV kind of way

Plot

C: It sucks, in a bland kind of way

Blurr

C: Das ist am schlimmsten! Doppelte Konsonanten sind ein ästhetisches Verbrechen.

Trust (jaja, ich weiss.)

C: Habt ihr solche Spiele als Spassersatz in Deutschland?

Ox

C: ‚x“ ist der schlimmste Buchstaben im Alphabet

Plastic Bomb

C: Wie clever. Diese Name und ein Ryker`s-Feature über Brutalität an kleinen Kindern. Ha ha ha.

Wow. Eine deutsche Band, der Name soll mal nicht interessieren, hat mal Norddeutschland in Aufklebern ertränkt, auf denen es zu lesen gab ‚Hardcore heisst wieder kämpfen“. Seit nicht all zu langer Zeit ist der Nachfolger dieses Spruches ‚H/c heisst wieder kämmen‘.. in Bezugnahme auf die modische Fixierung der Konzertbesucher…

C: Hmm ich bin naürlich eher dafür, meine Haare zu kämmen, als mein Gesicht eindrücken zu lassen, aber darum geht`s wohl nicht. Ich glaube, dass 90% irgendeiner Menge an Menschen totale Cretins sind, egal ob Fussballstadion oder H/C Konzert. Wenn diese Leute ihre Kicks daraus beziehen, gut auszusehen, stört mich das nicht. Wenn sie 200 Mark ihrer bourgeoisen Eltern für Vans ausgeben wollen:

Bitte. Sie werden ein, zwei Jahre lang ‚hardcore“ sein, indirekt ein paar Mark an einige tourende Bands verteilen und einige könnten sogar etwas bessere Menschen werden, dank ihres kurzen Ausflugs underground. Dann werden sie ein Fussballteam anfeuern und nicht mehr eine Band beschimpfen, werden Bayern München Biergläser kaufen anstelle von DIY split 7″. Sie werde durch die gleichen Idioten ersetzt werden. Die Szene existiert nur für ein paar Leute – so sehe ich das zumindest.

Warum eigentlich eine Akustik-CD?

C: Wir wollten es einfach mal probieren. Eine Platte mit Stille und Raum. Wir dachten, dass unsere Musik generell etzwas zu ‚voll“ sei, dass wir nach all den Jahren des Lärmens ein wenig Frieden wollten. Das dürfte alles dazu sein, wir mögen die Platte und machen vielleicht noch einmal eine.

Wenn ihr schon aus der Schweiz seid, müsst ihr natürlich auch unseren Lesern zeigen, dass alle Vorurteile zutreffen: Lieblingskäse, Lieblingsberg zum Wandern, zum Skifahren und Bankverbindung?

C: Wahrscheinlich Emmentaler oder Vacherin. Ich hasse Skifahren. Ich hasse Wandern. Banque Cantonale Vaudoise. Aber ihr solltet da nicht zu stolz sein, ihr habt den Oberlippenbart und die Scorpions…

Nichts gegen die! Mein Herausgeber hat zu mir gemeint, dass auch einige Musikmagazine an Euch interessiert sein oder so was, werdet ihr gerade Stars oder was? Hast Du das Gefühl, dass Ihr mit Euerer Musik wo anders hinkommt?

C: Schwer zu sagen. Wir sind happy mit unseren Deals und froh, dass wir touren können und eine neue Platte aufnehmen. Ich hoffe, dass das so noch eine Weile bleibt und alles gut ist. Ich weiss nicht: Das ist eine unangenehme Frage.

Auf Eurer Mini CD spielt ihr Lieder dreier Bands nach, die nicht unbedingt dem aktuellen Emo-Department entstammen: Chokebore, Unsane, Girls vs. Boys. Prinzipiell ist es mir ja egal, was ihr nachspielt und welcher Schublade das entspringt, nur wie seid ihr auf die drei gekommen. Und wie wirkt das auf die Leute, die Fireside sehen wollten und von Unsane noch nie gehört haben?

C: Das ist das Geile an der Schweiz: Es gibt überhaupt keine Szene. Nur coole Musikfans, die es nicht kümmert, ob es eine strange postrock band ist oder billiger kalifornischer Punkrock. Ein Hauptaspekt an Musik: Die Vielfalt und die endlosen Möglichkeiten der Kombination von Stilen, Lieder und Energien.

Warum sollte man Madball anhören, weil sie H/C sind und Du H/C hörst, wenn Du Dir Mark Hollis oder Marvin Gaye oder Mudhoney und all die anderen guten Sachen anhörst, die mit H/C nichts zu tun haben, aber trotzdem Snapcase auch gut finden Es gibt soo viele gute Bands. Dies sind eben drei davon, die wir besonders mögen.

Euer eigener Track auf jener CD, coming home, ist so eine Art übersong und ich habe ihn sehr oft gehört. Wie kamt ihr auf den: Auf`m Klo, unter der Dusche….

C: Phil ist ja, wie erwähnt, sehr alt, und muss deshalb jede Stunde während einer Probe mal pinkeln gehen. Ausserdem mag er komponieren nicht sonderlich. Wir schrieben das Lied während einer seiner Pinkelpausen. Da er recht schnell ist, mussten wir uns beeilen, bis er zurückkam und sich über das ‚ewige Gitarrengewichse und diese blöden Hippie-jams“ aufregte, da wäre es ja besser zuhause TV zu schauen“.

Wir versuchten, alles so einfach wie möglich zu halten. Es ist ein Klischee-Rocksong, aber es hat einen coolen Touch. Ich habe diesen aber noch nicht dingfest machen können. Phil scheint … cool zu sein, Gefängnisgeschichte, naja, was treibt ihn zu all dem?

C: Er ist eben cool. Er ist wahrer Hardcore. Auf jeden Fall eher auf der ‚kämpfen“ als ‚kämmen“-Seite. Er macht dies, weil er eben genau dies tun will. Es ist so einfach und so rein, mehr kann ich dazu nicht sagen. Er sass mit 14 im Knast, er war in mehr als 400 Häuser eingebrochen – in 6 Monaten. Nein kids, dass ist weder erwachsen noch clever. Er putzt sich auch nie die Zähne. Böser Böser Phil.

In welcher Band (Standardfrage kommt… weiterblättern!) würdest Du gerne wen ersetzen?

C: Oh, ich wäre gerne der Drummer der Ryker`s – dann wären sie noch schlechter und das Publikum würde es immer noch nicht merken und weitermoshen. Wenn ich etwas länger nachdenke, wäre ich gerne zweiter Gitarrist bei R.E.M…

Noch was von der letzten Tour?

C: Nichts wirklich Spannendes. Stundenlang versucht, mit Fans von Fireside auf schwedisch zu sprechen. Nur um ihm zu sagen, dass er doch bitte die Bad Brains etwas leiser im Bus hören soll. Auf Papier ist das nicht wirklich lustig,

Na gut, danke, lassen wir es mal dabei.

C: Ja, Prost an Euch alle, ich hoffe, es war weder zu langweilig noch zu hmm verwickelnd. Meine Ex-freundin (diese Story enthalte ich Euch aus gewissen Gründen zwei Ausgaben vor / Daniel) verdient es nicht, auf der anderen Seite die Ryker`s schon. Wir sehen uns.

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Links (2015):
Wikipedia
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Discogs

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