Februar 4th, 2015

Everybody’s Gypsy – Popkultur zwischen Ausgrenzung und Respekt, Dotschy Reinhardt

Posted in bücher by Dolf

Metrolit Verlag, Prinzenstr. 85, 10969 Berlin, www.metrolit.de
EverybodysGypsy
Vorweg sei gesagt das dies das erste Buch zum Thema ist welches ich gelesen habe und ich muss auch sagen, ich hatte mir was anderes erwartet….. hier gibt es auf jeden Fall keine tiefgründigen kultursoziologischen Ausführungen über Sinti und Roma. Dafür viele Geschichten aus dem meist sehr abwechslungreichen Leben von der Autorin, erinnert streckenweise auch an ein Tagebuch oder könnten auch verschiedene Kolumnen oder Erzählungen sein, es ist nicht ganz geordnet. Zurecht benennt sie immer wieder diskriminierende Strukturen und wehrt sich gegen den oftmals latent vorherrschenden Antiziganismus und erzählt gleichzeitig von ihrer Popkultur. Das sind nun
natürlich ganz unterschiedliche Sachen. Das eine sind unberechtigte Vorurteile gegen Sinti und Roma, das andere sind Problematiken die es mit Teilen dieser Bevölkerungsgruppe sicher auch gibt und dann natürlich noch

die Welt in der sich Dotschy Reinhard bewegt. Die Popkultur. Mit vielen Sinti/Roma-Künstlern deren Fans sicher meist nicht latent antiziganistisch sind, wo aber auch eben erwähnte Problematiken kein Thema sind und man deshalb als Musiker und Autorin prima Geschichten über die zeitgenössische Gypsy-Kultur und deren Wurzeln erzählen kann. Soweit so gut. Dotschy nimmt uns mit auf verschiedene Reisen, unterhält sich mit anderen kulturell engagierten Sinti und Roma (Asphalt Tango, Gogol Bordello [der wurde übrigens 2003 in einem ausführlichen Interview im Trust gefeatured], RotFront, Goran Bregovic, Party Zigan), stellt sie vor, interviewt sie, macht mit ihnen Musik. Sie blickt kritisch auf die TV/Film-Landschaft und beschreibt wie es für sie ist als Gast bei Öffentlich-Rechtlichen Talkshows aufzutreten. Sie beschäftigt sich mit „Zigeuner“-Klischees und erwehrt sich dieser. Taucht ein wenig in die Literatur, Mode und die Kunst ein. Blick zurück auf die lange Reise der Sinti und Roma von Indien nach Europa. Spricht mit älteren Sinti und Roma über deren oftmals schlimmen Erfahrungen. Erwähnt immer wieder die diskriminierenden Strukturen und den Antiziganismus dem Sinti und Roma bis heute ausgesetzt sind – sowas kann man nicht oft genug erwähnen. Trotzdem kommt das Buch bzw. eben die Autorin irgendwie naiv rüber. Ist es jetzt „intim“ oder einfach nur peinlich wenn da z.B. steht – ich zitiere sinngemäß aus meiner Erinnerung: „es war ein toller Tag und so setzte ich mir erstmal meine Ray Ban Sonnenbrille auf.“ Häh? Das ist nicht schlimm, aber bringt vielleicht ganz gut zum Ausdruck was ich meine….. Man bekommt den Eindruck das die einzige existente Problematik die diskriminierende Einstellung der nicht-Sinti und Roma ist und das, wenn diese aus der Welt geschafft wird, alles gut wird. Das wäre natürlich schön und begrüßenswert, greift aber natürlich viel zu kurz. Lösungsansätze – Fehlanzeige. Ebenso eine kritische Beleuchtung der Roma und Sinti (Stichworte: Homophobie, Roma vs Sinti, etc.). Aber, wie Eingangs schon erwähnt, ich habe etwas anderes erwartet. Dennoch, würde ich hier die standard Maßstäbe aus dem alternativen HardcorePunk anlegen, würde die Popkultur der Sinti und Roma, welche Dotschy hier beschreibt, sicher nicht gut wegkommen und natürlich nicht weil es deren ist. Zufällig sah ich grade gestern einen Vortrag von zwei Roma Jungs welche aus Serbien stammen, einige Jahre in Deutschland lebten und dann dorthin abgeschoben wurden wo sie herkamen. Gypsy Mafia nennt sich das Duo und sie berichteten davon das sie viel Abneigung von den eigenen Leuten erfahren, weil die – oft aus Angst – keine Energie haben sich zu wehren. Und die anderen eigenen Leute die im Ausland Geld sammeln, die würden das nur in die eigene Tasche stecken. Gut, das stimmt so sicher nicht, aber die Sichtweise von zwei 20jährigen Roma Jungs die auch schon einiges mitgemacht haben und noch nicht in den Popkultursphären von Reinhardt und Co angekommen sind hat dann mit der Popkultur von der Autorin vielleicht so viel nicht gemein. Was wiederum darauf schließen lässt das es auch hier nicht um Roma und Sinti vs den Rest geht, sondern um Unterschiede in der eigenen Kultur (welche hier auch nicht sonderlich gut definiert wird, was aber auch nicht zwingend die Aufgabe der Autorin ist… wie gesagt, meine Erwartungen waren andere…..), wie es die überall gibt. Wahrscheinlich ist es nicht verkehrt erstmal ein paar andere Bücher zum Thema zu lesen, dann ist die Erwartungshaltung nicht so hoch. 250 Seiten, gebunden. 17,99 Euro (dolf)
Isbn 978-3-8493-0306-8

[Trust # 169 Dezember 2014]

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