Juli 2nd, 2014

ERIC DROOKER (# 60, 10-1996)

Posted in interview by Jan

In der Lower East Side befindet sich eine ziemlich starke und aktive alternative Szene, die sich jedoch nicht, wie größtenteils in D´land, aus der weißen männlichen Mittelschicht zusammensetzt, wobei meiner Einschätzung nach das „männlich“ auch für dort gültig ist. Nichts­desdotrotz – es gibt eine relativ große Hausbesetzer­Innenszene. Auch auf kultureller, künstlerischer Ebene läuft wesentlich mehr, als in unseren Kreisen.

Da Eric Drooker uns bei einer Vielzahl von Aktivitäten begegnete, beschlossen wir spontan, ein Interview mit ihm zu machen. Damit erklärte er sich auch gleich sehr bereitwillig einverstanden.

Die Länge des Interviews zeigt auch, daß es ihm offensichtlich sehr leicht fällt, sich zu repräsentieren und es wird auch deutlich, wie sicher er sich vieler Sachen ist. – Erschreckend sicher? Vielleicht, zumal er teilweise Sachen von sich gibt, die in keinster Weise unstrittig sind, besonders was heterosexistische Denkweisen an­geht….

Aber dieses Gespräch haben wir ja nicht geführt, um ihm schlicht ein Forum zu bieten und ihn so populärer zu machen, sondern damit wir und ihr, die ihr´s jetzt lest, mehr über den Men­schen Eric Drooker, der hinter den Bildern steckt, zu erfahren. Und er hatte ja auch viele neue Infos für uns, die sehr interessant waren. Aber lest selbst….

***

Vielleicht kannst du dich ja erstmal ein bißchen selbst vorstellen, erzähl einfach mal das über dich, wovon du denkst, daß es wichtig sein könnte – sowas, wie persönliche Daten und so …und dann vielleicht noch was darüber, wann und wie du angefangen hast, politi­sche Kunst zu machen.

Eric: Ja, das hat schon ganz schön lange gedauert. Geboren wurde ich 1958 in N.Y.C. in der Lower East Side in Manhattan. Das war während des Kalten Krieges, kurz bevor Kennedy gewählt wurde. Und ich habe in dieser Gegend mein ganzes Leben gelebt – 37 Jahre im gleichen 15-Block-Radius. Zur Schule bin ich auch in der Nähe gegangen – ich gehe übrigens jetzt wieder dort hin, um Musik­unterricht zu nehmen.

Zum College bin ich zur „Cooper Union“ gegangen, das ist ´ne Kunst­schule. Ich bin echt ´nen „local kid“. Habt ihr von diesen Bauern gehört, die über Generatio­nen auf ihren Farmen lebten und nicht ein einziges Mal in die nächste Stadt gingen? Ich bin so ähnlich – ich habe gar nicht richtig das Bedürfnis zu reisen – so viele Sachen kommen zu mir, ihr zum Beispiel….

Leute kommen aus der ganzen Welt, um mich zu sehen (du arro­ganter Kerl, du…) Ab und zu reise ich aber doch ein bißchen, um rum zu kommen. Ich habe 6 Monate in Amsterdam gelebt, das war inter­ressant. Egal, wo ich hinkomme, mache ich Kunst, treffe Leute und interessiere mich für die politische Situation.

Erzähl doch noch was dazu, wie und wann du anfingst, politische Kunst zu machen…

Eric: Es ist schwer zu sagen, wann es anfing- alles was ich weiß ist, daß ich mit 7 Jahren Bilder von Monstern gemalt habe, die sich die Köpfe abreißen – gewalttätige Bilder und Phantasien – solche beängstigenden Dinge – wovon ich denke, daß es auch politisch ist… Macht, Machtbeziehungen. Als ich älter wurde, be­gann ich zu verstehen, wer die Feinde sind (falls es denn Feinde gibt außer uns selbst…).

In meiner Welt ist der „bad guy“ der, der die Macht hat, der Cop, der Vermieter, der Präsi­dent….. Jetzt habe ich anstelle von riesigen Monstern Bilder von riesigen beängstigen Vermietern, Häusern, Müll, Yuppies…. Es ist also sowas wie ´ne natürliche Entwicklung. Aber ich denke, diese Tendenz zur politischen Arbeit hatte ich schon immer. In dieser Stadt habe ich schon immer die Widersprüche unserer Gesellschaft gesehen. Ich habe mitge­kriegt, wie reiche Leute in ihren tollen Autos herumkurven, während andere auf der Straße leben.

Ja, ich wuchs ja mitten­drin auf. Ich war dem allem, der Stadt… sehr früh ausgesetzt. Diese Stadt, die die Menschen so klein und minderwertig erscheinen läßt. So viel in meiner Kunst handelt genau davon – die Architektur und wie es ist, in einer Stadt zu leben, wo alles so groß ist…

Also nochmal, ich denke, daß alle Kunst politisch ist, aber ich versuche, sie sehr bewußt zu gestalten- „propaganda-artwork“, die in den Straßen ist – das hier z.B….

Das ist zur Räumung der 13th Street, oder? Kannst du dazu bitte etwas erzählen, ich denke bei uns wissen nur sehr wenige etwas darüber.

Eric: Letzten Sommer im Juni gab´s in und um die 13th Street ´ne ganze Menge Squats, in denen viele Leute lebten, ganze Familien – und die Stadt wollte sie rauswerfen, weshalb sie dann auch gleich mit einem Räumpanzer auf­kreuzten – die Cops hatten Maschinengewehre. Das war ´ne ganz neue Entwicklung – in der Vergangenheit wären sie halt gekommen und hätten dich verhaftet, vielleicht mit Gewalt – aber diesmal war´s verdammt militärisch. Es war das erste Mal seit 1968, daß ein Räum­panzer in der Nachbarschaft war.

Damals war ich 9 Jahre und ich war mit meiner Mutter draußen, da stand ein Räumpanzer, das war direkt nach Martin Luther King, sie benutzten die Panzer in der Lower East Side und in Harlem, um Unruhen zu unterdrücken. Es ist interessant, daß die Cops dachten, es sei wieder mal nötig, Kraft und Stärke zu zeigen, und das, wo die Leute sogar absolut gewalt­frei waren. Sie sangen „We shall over­come“…und die kreuzen mit Gewehren auf!!

Später habe ich dann darüber nachgedacht, wie diese Situation darzustellen wäre. Eine riesige Frau, die die Cops mit ihrer militäri­schen Ausrüstung so machtlos und dumm wie kleine Jungen oder Spielzeug erscheinen läßt, drückte das alles für mich am besten aus. Sie ist wie mother earth oder besser Louisaida, was spanisch ist für Lower East Side.

Warum drückst du die Nachbarschaft als eine Frau aus?

Eric: Für mich hat das verschiedene Gründe. Ich bin in der Nachbarschaft aufgewachsen, ich habe zu ihr ein Gefühl, als wenn sie meine Mutter wäre. Weibliche Energie mit Wärme. Außer­dem dachte ich, es sei radikaler, weil in den meisten Bildern Kraft und Stärke durch Män­ner ausgedrückt und repräsentiert wird.

Auch in der Linken, wenn wir uns z.B. „social real­ism“ anschauen – immer nur starke Frauen, die hinter den starken Männern stehen und die Sichel halten, während der Mann immer den Hammer hält. In westlicher Kunst ist es unüb­lich, Bilder von starken Frauen zu haben. Die Freiheitsstatue kommt dem wohl am nächsten. Aber sie hat ja alle ihre Klamotten an und ihre Hände sind voll mit Sachen, bei dem Bild hier ist es viel mehr eine Haltung des Widerstandes.

Bloß weil sie nackt ist? Ich kapier einfach nicht, warum sie dafür nackt sein muß…

Eric: Nicht unbedingt, weil sie nackt ist, es ist vielmehr ihre Haltung. Ursprünglich hatte ich sie mit einem Kleid gezeichnet, aber das sah etwas seltsam aus – ein riesiges Kleid… Meine damalige Freundin sagte, es sei besser, sie nackt zu malen. Ich denke auch, daß es radika­ler ist so. Sie hat nichts zu verbergen, sie schämt sich für nichts. Und es ist symbolischer für die Wahrheit, die nackte Wahrheit.

Das ist, wer ich bin, ich hab´ nichts zu verbergen – wohingegen die Männer ihre Uniformen brau­chen, sie verstecken sich hinter dem Räum­panzer, hinter Helmen, sie haben all diese Sachen, um sich dahinter zu verstecken. Aber sie steht da, total verletzbar an sich, sie kon­frontiert die Männer mit sich selbst, sie müssen damit umgehen.

Solche Straßenposter habe ich mein ganzes Erwachsenenleben gemacht, das ist es, worauf ich mich konzentriere. Mir ist es wichtig, meine Kunst auf die Straße zu krie­gen, anstatt sie in Galerien oder Zeitungen einem elitären Publikum zu präsentieren. Ich mach das auch, aber die Straße ist wichtiger. So erreiche ich ein viel breiteres Publikum. In Galerien sehen´s nur die Kunstinteressierten – weiße Mittelklasse.

Straßenkunst hat den Kampf gegen die Werbung allzu schnell aufgegeben. Überall in den Straßen in Ame­rika ist Kunst, aber nur solche, die dir etwas verkaufen will. Die Cooperations wissen sehr wohl, daß die Straße der beste Ort ist für Kunst. Sie wissen, daß es viel effektiver ist, ihre Propaganda direkt auf der Straße zu haben. Riesige Joe Camels oder Michael Jacksons. Aber viele Künstler denken, das ist nicht der Platz, wo ihre Sachen hingehören.

Du hast vorhin gesagt, daß viel Leute deine Sachen in den Straßen sehen. Denkst du daß es viel Unterstützung gibt in der Lower East Side für deine Sachen, oder auch, daß so viel mehr Leute mitkriegen, was in der Nachbar

Eric: Ich denke, daß die meisten Leute in der Nach­barschaft die Sachen kennen. Die Funktion meiner Kunst isses, die Leute zu bilden, oder den Rest der Gemeinschaft zu bewegen. Es ist nämlich eine relativ kleine Gruppe von Leu­ten, die HausbesetzerInnen oder AktivistInnen sind. Aber es ist eine alternative Art der Öf­fentlichmachung von Aktionen. Sonst wird ihnen nur das negative Bild der Medien ver­mittelt.

Es ist ganz klar Propaganda-Kunst. Die Kunst, die Hitler als Propaganda auf die Straßen brachte, war auch sehr effektiv, oder was die Sowjets oder die Chinesen gemacht haben. Wißt ihr, es kann für gute und böse Zwecke genutzt werden. Aber der Punkt ist, daß es sehr effektiv ist, die Kunst auf der Straße zu haben, weil es einen Effekt hat auf das Bewußtsein der Leute. Wenn die Leute hingucken, berührt es sie unbewußt.

Also, du siehst deine Kunst als Teil des Politischen Kampfes? Politischer Kampf gegen was?

Eric: Ja, der politische Teil ist sehr wichtig, weil ich ein Aktivist bin. Es ist wichtig sich in den Kampf einzubringen. Das passiert ja sowieso die ganze Zeit, besonders in dieser Nachbar­schaft. Es hat meistens etwas zu tun mit Immobilien und Land, also wer die Gebäude, den Park kontrolliert.

Das sind die Dinge, die im Tomkin Square Park eine Rolle spielen – police brutality, Drogen. Cops, die Leute dafür verhaften, daß sie Marihuana verkaufen. Hier steht das auf derselben Ebene wie Heroin. Hauptsächlich, weil es dann einen Grund gibt, mehr Cops im Einsatz zu haben. Das heißt, daß es mehr Kriminelle gibt, wenn sie Mari­huana kriminalisieren…

Aber die andere Funktion der Kunst ist es, ein Bewußtsein aufzubauen, sowas, wie ein „spirituelles“ Bewusstsein.

Das klingt ziemlich schräg…

Eric: Ja möglich, aber mir geht´s dabei darum, einen positiveren Lebensbezug zu entwickeln. Im Gegensatz zur Werbung, die dich immer wieder wie ein kleines Arschloch fühlen läßt, dich manipulieren will – das läßt dich nicht gut fühlen mit dir selbst. Nie kannst du den Standard der Modells erfüllen, zu kleine Brüste, zu kleiner Penis…. Aber sie reden dir ein, daß du es mit Geld erreichen kannst und dann auch Liebe erfahren kannst.

Die Leute fühlen sich so demoralisiert, ihnen geht´s ja eh dreckig in dieser Gesellschaft. Es ist eine wichtige Aufgabe von Kunst, die Menschen weniger allein fühlen zu lassen, daß sie es schaffen, sich besser mit sich selbst zu fühlen, optimistischer sind, glücklicher, mehr zusam­men arbeiten. Das ist mir sogar noch wichtiger als der politische Aspekt.

Aber das hängt doch total zusammen, das läßt sich doch nicht so einfach voneinander abtrennen… Abgesehen von all dem, wovon lebst du?

Eric: Ich lebe von meiner Kunst. Ich mache Sachen für Zeitungen, Illustrationen für die NY Times, Wallstreet Journal, viele der Main­stream-Publikationen. Ich veröffentliche auch immer noch im World War III, The Shadow und der linken Presse. Aber die zahlen ja nicht.

Um meine Miete, mein Essen und so zu bezah­len, gehe ich Kompromisse ein. Aber ich bin bereit, das zu tun, ich denke nicht, daß meine Arbeit dadurch herabgewürdigt wird. Wird ja so auch von mehr Menschen gesehen… Ande­rerseits bedeutet es natürlich auch, daß ich damit solche Publikationen unterstütze und so legitimiere – z.B., daß ich Sachen für´s Wall­street Journal mache, ist schon ´ne komische Sache.

Aber dadurch habe ich Geld, womit ich z.B. die Poster für die 13th Street finanzieren kann. Ich denke mensch sollte nicht zu ver­härmt damit umgehen. Außerdem ist mir aufgefallen, daß auch andere Radikale z.B. für´s Wall Street Journal schreiben. Und für die Bourgeosie, die Reichen ist es auch wich­tig, diesen Ideen ausgesetzt zu werden. Die treffen ja viele Entscheidungen… Ich habe wirklich nicht so ein Problem damit, aber es kommen schon öfter Vorwürfe von anderen AktivistInnen und FreundInnen.

Wo wir gerade darüber reden, daß Leute unzufrieden sind mit dem, was du tust – da war doch vor einiger Zeit diese Ausstellung mit Arbeiten von dir in Hamburg in der Roten Flora. Dort wurden ja einige deiner Arbeiten zerstört wegen sexistischer Darstellungen.

Eric: Ja, ich habe davon gehört, einige Feministin­nen sind sauer geworden, ich war aber nicht in Hamburg, habe nur Fotos gesehen. Ich fand das sehr interessant.. über das Bild hier (13th Street) werden sie wohl auch empört sein.

Naja… ich denke, es geht doch wohl darum, daß unter anderem Frauen nackt dargestellt werden, Männer aber angezogen.

Eric: Ist euch das aufgefallen?

Ja klar… (schon wieder: du arrogan­ter Kerl!!)

Eric: Mir ist aufgefallen, daß die die Beschwerden hauptsächlich von Deutschen und von Amis kamen. Sieht so aus, als wenn es sich um prüdere unterdrücktere Kulturen handelt, als z.B. Holland oder Frankreich. Mir ist aber auch aufgefallen, daß die Kritik hauptsächlich kam, weil ich Sex oder Nackt­heit zeige.

Ich habe Frauen nie in schlechter Weise dargestellt, aber allein die Tatsache, daß ich die Brust einer Frau zeige, bringt die Leute in Aufruhr, die aufgewachsen sind in dieser Kultur.

Über das 13th Street Bild habe ich auch schon Beschwerden bekommen, warum ich sie nackt zeige und daß da sexistisch sei. Aber ich sage, es ist genau das Gegenteil. Ich zeige sie, wie Frauen aussehen, das ist eine nackte Frau, nichts wofür mensch sich schämen müßte. Und sie hat eine Widerstandshaltung, es ist ein Bild der Stärke und nicht der Unterordnung. Für mich bedeutet es, die Dinge umzudrehen, das ist mein Verständnis der Dinge.

Ich denke nicht die bloße Nacktheit ist das Problem an deinen Bildern, es ist, wie ich schon vorhin gesagt habe, wohl eher die Tatsache daß immer wieder nackte Frauen und angezogene Männer auftauchen….

Eric: Ja das ist eine berechtigtere Kritik, aber ich bemühe mich auch, nackte Männer zu zeich­nen. Falls es doch so ist, daß ich mehr eroti­sche Bilder von Frauen habe und nicht soviele nackte Männer, so liegt das vielleicht daran, daß ich heterosexuell bin. Das ist dann einfach so, wie´s aus mir herauskommt. Ich will nicht Frauenkörper ausbeuten. Ich mache sie halt erotisch und sexy, ich denke nicht, daß daran etwas falsch ist.

Aber das ist doch genau der Punkt, die Frauen sind immer „sexy“, immer doch wieder Sex-Objekte, immer „schön“, haben Idealfiguren…

Eric: Für mich ist sie sexy, aber sie entspricht doch nicht dem gängigen Schönheitsideal. Frauen sollen diese Plastikfiguren haben, das ist genau der Grund, warum ich sie sehr stämmig gemalt habe, Frauen sollen wissen, daß es o.k. ist, so auszusehen. Aber ich höre, was du sagst, Frauen immer sexy aussehen zu lassen – könnte wirklich ein Problem sein.

Ja genau, es sind immer die Frauen, die die Sex-Rolle in deinen Bildern haben, selbst wenn der Inhalt des Bildes an sich nichts mit Sex/Sexualität zu tun hat. Es wirkt teilweise, als wenn du deine Bilder dann etwas mit Sex aufpeppst, das ist ganz schön gängig.

Eric: Hm… damit ist schwer umzugehen in der Kunst, ich denke halt sehr viel an Sex und ich denke, meine Kunst ist der Ort, wo ich damit herauskommen kann.

Aber ich will nochmal kurz zur Ausstellung in Hamburg zurück­kommen Die Sachen, die Anstoß erregt haben, waren sehr speziell. kennt ihr die Geschichte „home“? Da kommen ein Mann und eine Frau nach Hause und haben dann Sex zusammen. Mir schien immer, daß dies nichts sexistisches ist, geschweige denn eine ungleiche Machtbe­ziehung darstellt. Es wäre ein offensichtliche Problem gewesen, wenn er sie herumziehen, schlagen oder vergewaltigen würde. Aber das ist doch gar nicht der Fall….

Es ist doch bloß eine traditionelle, gleichwertige Sex-Szene. Für mich war es interessant, daß es Leute gibt, die das als sexistisch interpretieren. Nur die Tatsache, daß es graphisch um Sex geht macht die Leute sauer. Es sit ein sehr emotionales Thema, besonders wenn du lesbisch bist und dann siehst du diese heterosexuelle Ge­schichte. Ich kann verstehen, daß homosexu­elle Leute so was schlecht fühlen läßt und sie sauer werden. Das heißt aber noch lange nicht, daß es sexistisch ist. Im schlimmsten Fall ist es ein weiteres abstoßendes heterosexuelles Bild. Es ist langweilig, es gibt das schon 1000mal, es ist ein Klischee.

Aber es hat wohl auch was damit zu tun, daß viele dich (besonders in Deutschland) als politi­schen Künstler betrachten und für viele hier hat Sex/Sexualität nichts mit Politik zu tun.

Eric: Gibt´s noch mehr Fragen zu Sex und Sexismus in meiner Arbeit? Es ist wirklich so, daß Sex und Erotik ein Schwerpunkt in meiner Arbeit ist, weil es mehr in meinem Kopf ist als Poli­tik. Dann gibt´s ja auch noch die Sexual Politic´s, der Krieg zwischen den Geschlech­tern – ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll.

Wißt ihr, Sachen wegen denen ich emo­tionell werde, die mich bewegen, das sind die Sachen, mit denen ich mich in meinen Arbeiten auseinandersetze. Also nochmal – politisches Subjekt zu sein, wütend zu werden über politische Ungerechtigkeit….

Aber laß uns nochmal darauf zurückkom­men, daß viele deine Sachen als hochpoliti­sch betrachten…

Eric: Aber ich mache halt nicht nur politische Kunst. Die Leute sind so kompliziert, wenn´s um Politik geht. Ich denke, daß es die politische Kunst stärker macht, wenn die Leute ein vollständiges menschliches Wesen dahinter entdecken können.

Es handelt sich ja nicht um einen abgehobenen Künstler, der sich nur auf Politik eingefahren hat, nein es ist jemand, der ein ganzes Leben führt, der Musik genießt, Sex genießt, mit Tieren spielt, alles… Und mit dem Älterwerden bin ich auch offener geworden, ich male ganz andere Sachen, zusätzlich zur politischen Kunst: z.B. mythologische Themen.

Du machst ja jetzt auch A-Capella-Songs…

Eric: Ja, ich mache jetzt auch Musik, mein Inter­essenbereich ist größer geworden. Als ich jünger war, hatte ich mehr Wut, aber auch mehr Angst, und ich war mehr auf bestimmte politische Schwerpunkte konzentriert. War vielleicht zu ängstlich, um andere Bereiche zu entdecken: Dadurch, daß ich in den letzten 3 Jahren so viel mit Alan Ginsburg gearbeitet habe, ist vielleicht etwas übergesprungen.

Jedenfalls schreibe ich jetzt selber Gedichte und vertone sie auch. Da ich so viele Freunde habe, die Musik machen, ist es vielleicht auch sowas, wie ´ne natürliche Entwicklung. Es gibt so viele Eindrücke und Gefühle, die nicht durch Bilder ausgedrückt werden können, obwohl es letztlich doch um ähnliche Inhalte geht, wie bei den Bildern.

Aber Bilder sind so starr, in vielen Belangen so tot, es gibt keine Bewegung oder Entwicklung. Bilder haben sowas morbides, andererseits haben sie so viel Kraft. Aber sie können dich nicht physisch bewegen, nur emotionell. Das ist sehr kraft­voll, wenn Musik dich physisch bewegen kann und dich dazu bringt, etwas zu tun. Ich begann Musik zu machen bei politischen Aktionen, ich bin der Typ mit der Trommel, seit den letzten 5 Jahren.

Keine Ahnung, wie ich in diese Rolle hineingeraten bin. Ich machte es 1,2 Mal und merkte, daß niemand sonst es machte. Ich wollte immer die anderen animie­ren, auch Trommeln mitzubringen. Stellt euch vor – 12 Trommeln – die ganze Stadt würde zusammenfallen. Da wurde mir die Macht von Rhythmen bewußt. Wie das die Leute ermutigt und die Cops verunsichert.

Auch die Faschis­ten wissen nur allzugut, wie sehr Menschen durch Rhythmen in bestimmte Stimmungen versetzt werden können. Es ist eine Art, Leute zu beeinflussen, sie sogar zu kontrollieren. Momentan wird allles von den großen Cooperations kontrolliert, gerade auch durch diese Sachen wie Bilder und Musik. Ich ver­suche diese Mittel im kleinen Rahmen zu nutzen um alles in die andere Richtung zu bewegen.

Das klingt ja ziemlich dannach, als wenn du Menschen kontrollieren willst, als wenn´s darum geht, die Kontrolle über bestimmte Dinge, Personen zu übernehmen..

Eric: Nein, für meine eigenen Zwecke mache ich das nicht. Auf ´ne Art stimmt´s aber schon, wobei es aber eher etwas erzieherisches ist – die Leute dazu zu bringen, auf die Art zu denken, die du für wichtig hälst. In diesem Punkt bin ich den Leuten, die ich nicht mag, schon ziemlich ähnlich.

Es geht hier nicht um mein persönli­ches Teil, sondern darum, wovon ich denke, daß es menschliche Werte sind. Hitler dachte vielleicht auch, daß seine Sichtweise menschli­che Werte seien. Ich muß zugeben, daß wir uns vielleicht gar nicht so unähnlich sind.

Ich verwende die Kunst allerdings, um demokra­tischere, gleichberechtigtere Verhältnisse zu erreichen und nicht ein Szenario, wo ein patri­archaler Füherer sagt, was richtig ist, das ist ein sehr schlechter Umgang mit Dingen. Ich mache die Kunst, um die Leute eher in eine positive Richtung gehen zu lassen.

Ich wollte dich noch fragen, wie´s dir damit geht, Bilder für große Major-Label Bands, wie Faith no More zu machen? Es scheint wohl einer dieser Kompromisse zu sein, die du eingehst, um zu leben.

Eric: Ja, aber ich mache nur für mich vertretbare Sachen, wenn mir die Texte nicht passen, sage ich nein. Aber wenn die halbwegs o.k. sind und ich Geld kriege, warum nicht?

Für mich ist das schon komisch, weil ich dich aus einem sehr politischen Zusammenhang heraus kannte, und den Eindruck hatte, daß das alles sehr underground ist…und dann eins von deinen Bildern auf´m Faith No More Shirt zu sehen..

Eric: Das kommt wohl in D´land so rüber, aber hier sehen die Leute meine Sachen überall, das ist hier nicht so´n großes Ding. Aber ich kann mir vorstellen, daß es seltsam ist. Faith No More, sind die eigentlich irgendwie politisch, oder ist es bloß ´ne Rock´n´Roll Band? (Gelächter)

Ja, ich weiß es echt nicht, die Musik hat keine Bedeutung für mich. Mir kam´s aber o.k. vor. Außerdem fand ich den Gedanken gut, daß soviele diesen beängstigenden Cop auf der CD und den T-Shirts sehen würden. Es ist ein aufrührendes Bild. Es erinnert daran, daß der Cop kein freundlicher Typ ist. Er ist gefährlich, das sollen alle Leute wissen!

Das ist doch ein gutes Schlußwort, danke für´s Interview.

***

Unglaublich? Aber so steht es geschrieben….

Interview: Urte & Jobst

Links (2015):
Wikipedia
Homepage

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