März 11th, 2007

ENFOLD (#85, 12-2000)

Posted in interview by andreas

Enfold sind ohne Frage eine der Bands, die hierzulande gezeigt haben, was in musikalischer und textlicher Hinsicht ohne stumpfes Kopieren bewährter amerikanischer Muster an Ausdruck und Intensität erreicht werden kann. Von ihrer ersten Single bis zum aktuellen Album ‚No Coming Home“ (Per Koro) haben sie ihr Verständnis von energetischem, emotionalen HC immer weiter entwickelt, so dass man ihre Musik mittlerweile nur noch als absolut eigenständig bezeichnen kann.

Dazu kommt, dass Enfold eine der wenigen bands sind, die es zustande bringen, politischen Anspruch und persönliche Themen miteinander zu verbinden, ohne dabei entweder in demagogisches Gehabe oder Emo-Weinerlichkeit zu verfallen. Wer zudem einmal die Chance hatte, ein Konzert von ihnen zu besuchen, wird auch wissen, dass sie live ein ziemliches Ereignis sind…

Grund genug also, sie auch einmal im Trust zu Worte kommen zu lassen. Das folgende Interview wurde bestritten von Stephan (Gesang), Phillip (Gitarre), Christian (Schlagzeug) und Nikolai (Gitarre).

***

Anfangen wollte ich dann gleich mal mit dem Knaller… Ich habe nämlich von mehreren Seiten gehört, dass Enfold sich auflösen wollen. Ist da was dran?

Stefan: Kein Kommentar! (Gelächter)

OK!

Stefan: Na ja, da kann man eigentlich nicht viel drüber sagen, weil wir uns selber noch gar nicht darüber im klaren sind, wie das jetzt weiterlaufen soll. Das ist halt ein zweischneidiges Schwert, wo es für und wider gibt, und wir müssen jetzt schauen, wie wir damit umgehen.

Ihr solltet ja eigentlich auf der Garrison-Tour als Vorband spielen. Das ist ja, soweit ich weiss, abgesagt worden, weil euer Bassist einen Hörsturz hatte…

Christian: Nicht wirklich Hörsturz, er hat einen Tinitus. Ja, eigentlich hätten wir spielen sollen, das ist jetzt aber in den letzten vier Tagen kurzfristig umentschieden worden. Erst war die Hörsituation von Olli wohl einigermassen OK, dabei natürlich schon ziemlich angeschlagen und auch in ärztlicher Behandlung. Der Arzt meinte erst, wenn die Situation so bleiben sollte, könnte Olli spielen. Dann hat es sich aber relativ schnell und drastisch verschlechtert, so dass er, wenn er jetzt vor dem Gebäude hier stehen würde (A.M. Thawn spielen gerade), Ohrenstöpsel tragen müsste.

Ist natürlich schade, dass die Tour jetzt ohne euch läuft, weil ich die grundsätzliche Idee ziemlich cool fand, eine Verbindung zwischen verschiedenen Arten von Musik herzustellen, die vielleicht auf den ersten Blick nicht so offensichtlich ist.

Stefan: Das ist natürlich auch eine Sache, die vom Publikum abhängt… Bei dem einen Konzert, dass wir mit ihnen gespielt haben, war es so, dass die Leute dort teilweise wegen uns da waren, und ich leider mit niemandem gesprochen habe, der jetzt speziell wegen Garisson gekommen ist.

Unbekannter Zwischenrufer: Die will doch sowieso niemand sehen! (Gelächter)

Stefan: Wir haben damals ja mit Highscore getourt, was auch schon in diese Richtung ging. Das war dann eben dieses old school-new school-Ding, einfach eine Verbindung herzustellen.

Christian: Burkhard von Green Hell, der die Tour organisiert, hat mir, als ich ihn gefragt habe, warum er gerade uns als Vorband will, dann auch gesagt, dass das doch passen würde. Ich dachte mir zuerst ;Mmmh, na ja…“

Ich finde die Kombination schon ziemlich gut…

Christian: Ja, Garrison sind für mich eben auch keine klassische Emo-Band, die haben ihre noisigen Parts und gehen eigentlich eher in Richtung Indie-Rock. Ich war auch total gespannt und habe mich unglaublich auf die letzten Konzerte gefreut, weil wir ja schon die letzte Tour im Frühjahr mit Chispa absagen mussten, weil Stefan da diese Tinitus-Sache hatte. Ist jetzt natürlich blöd, gerade weil die Garrison Typen ziemlich nett sind… obwohl sie jetzt gerade ziemlich angetrunken sind und in jedem Satzt mindestens dreihundertmal „fuck“ unterbringen müssen! (Gelächter)

Ihr wart ja letztes Jahr mit Chispa in den USA auf Tour. Man hört ja oft, dass dort eigentlich erstmal nicht über den eigenen Tellerrand geschaut wird und Bands aus dem Ausland einfach nicht interessieren. Wie habt ihr das erlebt?

Stefan: Das war eigentlich eher umgekehrt! Ein Konzert speziell war unter aller Sau, da haben wir mit Locust zusammen gespielt und die Leute wollten wohl nur die sehen, aber abgesehen davon waren die Leute sehr interessiert. Gerade in Boston wurden wir auf jeden Fall total super angenommen.

Christian: Ja, da haben wir zweimal gespielt, einmal auf einem Festival und einmal mit Drowningman zusammen. Bei diesem Festival hätten wir eigentlich mit Melt Banana zusammen spielen sollen, waren aber tierisch verspätet und konnten erst am nächsten Tag spielen. Der Veranstalter hat uns dann, als wir angekommen waren, erzählt, dass echt viele Leute dagewesen wären und auch lange auf uns gewartet hätten. Wir haben also unglaublich viele positive Reaktionen erhalten, womit ich nicht gerechnet hätte.

Jetzt müsst ihr aber auch eure Bravo-Geschichte erzählen!

Stefan: Mit RZA?

Natürlich auch mit RZA!

Stefan: Das war schon sehr lustig, denn an dem gleichen Rastplatz, wo wir RZA vom Wu-Tang-Clan getroffen haben, hatten wir zwei Tage vorher Sticky Fingaz von Onyx getroffen, als wir von unserem Flug abgeholt wurden! Mit RZA war es dann so, dass Niko, unser Gitarrist, und Thomas, der Schlagzeuger von Chispa, in der Toilette standen und RZA die beiden dann angequatscht hat, ob sie Deutsche wären.

Thomas kann halt ziemlich gut Englisch, und so sind die dann ins Gespräch gekommen… Der Typ hatte in seinem Kofferraum (Gelächter) drei Abteilungen für Gras, Phillies und Bobby-Digital-Bikinis (Bobby Digital: Alter Ego von RZA, Titel von RZAs Soloalbum und eines Filmes, den er gedreht hat, lieber HipHop-Unkundiger – Hans)!

Christian: Ohne Scheiss jetzt?! Wenn wir das veröffentlichen, stechen die uns ab…

Stefan: Das stimmt echt!!! Scott, der die Tour gemacht hat, hat dann auf dem Rastplatz so einen Bikini angezogen und ist damit schreiend durch die Gegend gelaufen. Der ist nur 1,60 gross und ziemlich schmächtig, aber wir konnten ihn nicht einfangen! Wir wollten einfach nur zurück in unseren Bus, damit wir weiterfahren konnten…

Christian: Auf dem Rastplatz waren echt auch nur solche Country-Familien! Aber RZA war schon ne coole Sau…

Stefan: Der war auch, glaube ich, recht dicht und hat sich ziemlich einen zurecht gestottert. Die Bravo hat dann den Text, den wir eingeschickt hatten, leider sehr gekürzt. Ursprünglich hatten wir geschrieben, dass wir mit unseren HipHop-Bands DJ Chispa und MC Enfold auf Tour gewesen wären. Schade, aber na ja…

Nun gut. Jetzt will ich gerne etwas über die neue Platte wissen, und zwar habe ich bisher zwei unterschiedliche Reaktionen zu hören gekriegt: die einen sagen, die Platte wäre „poppiger“ als die alten Sachen, wogegen die anderen eher meinen, die neuen Stücke wären vertrackter und unzugänglicher. Wie seht ihr die Entwicklung, die da stattgefunden hat?

Stefan: Es ist irgendwie sehr schwierig, seine eigene Musik zu bewerten. Ich denke aber schon, dass eine Entwicklung stattgefunden hat, wäre ja auch schlimm, wenn es nicht so wäre, und ich denke, man kann beides gut sagen. In dem Lied „Fueron“ beispielsweise kann man beide Seiten finden, einerseits ziemlich vertrackt, andererseits auch eingängige Melodien – soweit natürlich solche Musik überhaupt poppig sein kann.

Inwieweit hat denn über die Jahre hinweg auch eine Veränderung der Zusammenhänge stattgefunden, in denen ihr euch als band bewegt? Seit ihr etwa in der HC-Szene noch stark involviert, oder hat das mit der Zeit eher nachgelassen?

Stefan: Bei mir war das sowieso nie wirklich durchgehend. Im Moment habe ich damit eher nicht soviel am Hut, weil ich auch in meinem eigenen Leben ziemlich viel um die Ohren habe. Ich denke schon, dass man aus dem HC-Ding persönlich viel ziehen kann, denke aber auch, und das hört sich jetzt vielleicht blöd an, dass das vor allem ein Jugend-Ding ist. Wenn nun jemand sagen würde -und das möchte ich jetzt nicht von mir behaupten- das er da herausgewachsen wäre, fände ich das auch nicht schlimm.

Auf dem Album finden sich ja diverse elektronische Zwischenparts. Auf wen gehen die zurück?

Phillip: Wir hatten uns gedacht, dass es gut wäre, die Platte etwas aufzulockern durch Sachen, die vielleicht nicht unbedingt HC-typisch sind. Da war dann die Idee, dass sich jeder etwas überlegen sollte…

Stefan: Wobei unser Bassist kein Stück gemacht hat. Er wollte zwar, aber es hat dann doch nicht geklappt. Die Stücke auf der Platte sind dann also von uns vieren.

Hattet ihr euch denn auch mal überlegt, diese elektronischen Elemente auch in die Songs selber einzubauen? Als Paradebeispiel würden mir jetzt gerade Refused einfallen…

Christian: Ich finde, ein gutes Beispiel wären auch At the Drive-In, weil die gerade auch live Keyboards und Samples in ihre Musik mit einbeziehen. Aus meiner Sicht war immer die Option offen, sowas zumindestens auszuprobieren. Es ist aber auch so, dass wir eben in dieser klassischen Fünfer-Besetzung in den Proberaum gehen und da bisher meines Erachtens auch Resultate mit herausgenommen haben, die echt o.k. sind. Was wir mit diesen Zwischenparts auch zeigen wollten, war, dass wir keine Band sind, die sich strikt in ihrem eigenen Metièr bewegt und dann auch genau darauf eingeschossen ist.

Jeder von uns hat halt nicht nur Punkrock/HC-Wurzeln, manche haben die sogar überhaupt nicht. Wir hören alle die verschiedensten Sachen, und diese Stücke sind eben auch ein Versuch, das auch mit einzubringen, um zu zeigen: das ist auch möglich. Am wichtigsten dabei ist aber einfach, dass man sich selbst sagen kann, dass man diese Stücke einfach nur schön findet – ohne jetzt irgendwem was beweisen zu wollen. Ich persönlich würde, wenn ich die richtigen Leute fände, auf jeden Fall auch solche Musik machen.

Stefan: Diese Stücke waren jetzt auch nicht als Kritik an Leuten gedacht, die nur HC hören. Das hat uns allen eben einfach Spass gemacht.

Zu den Texten der neuen Platte: Mich würde interessieren, inwieweit dieses explizit politische Element, dass gerade durch die Erläuterungen zu den Texten deutlich wird, eher eine Form des persönlichen Ausdrucks oder eine Art der Bewusstmachung bestimmter Probleme auch bei anderen Leuten darstellt?

Stefan: Was die politische Seite angeht, trifft auf jeden Fall beides zu. Diese Erklärungen waren meist Anlass für die Texte, die ich dann geschrieben habe. Die Texte selber sind dann ja immer recht offen gehalten, die müssten auch nicht politisch sein, wenn es nicht diese Erläuterungen dazu geben würde. Ich finde es eben auch doof, explizit politische Texte zu schreiben, das ist einfach nicht mein Ding.

Es geht da auch um das Gefühl von Wehrlosigkeit, dass man also gegen bestimmte Sachen eigentlich nichts machen kann. Diese Kosovo-Geschichte, die wir mit reingenommen haben, war mir persönlich auch echt wichtig, weil ich denke, dass die Sachen, die da gelaufen sind, gar nicht so bekannt sind.

Ist es denn vielleicht auch so, dass die Erklärungen zu den Stücken auch nur einen Aspekt dessen darstellen, was die Texte bedeuten?

Stefan: Zu einigen Texten haben wir ja nichts geschrieben, und da ist es auch Sache des Hörers, das für sich selbst auszulegen. Dabei handelt es sich dann auch meistens um Texte, die einen stark persönlichen Hintergrund haben. Bei den politischen Sachen war es uns aber schon wichtig, dass man die dann auch in diesem Sinne versteht.

Nikolai hat ja auch zwei Texte geschrieben. Wie ist das, die zu singen, habt ihr euch da vorher zusammengesetzt und diskutiert, worum es da überhaupt geht?

Stefan: Nö, überhaupt nicht.

Nikolai: Die Texte sind auch völlig unabhängig von Enfold entstanden. Ich habe die nicht mit dem Gedanken geschrieben, dass das jetzt zukünftige Enfold-Texte wären. Es wurde mir dann später klar, dass da zwischen den beiden Liedern, die ja in ihrer Grundstruktur auch von mir stammen, und den Texten ein Zusammenhang besteht.

Stefan: Ich weiss auch, wie es Nikolai in der Lebenslage, in der er die Texte geschrieben hatte, ging. Deswegen sind mir die auch wichtig, und ich singe die auch sehr gerne. Ich denke also nicht: Oh Scheisse, jetzt muss einer von diesen Affen auch noch Texte schreiben…

Christian: Ach komm, so war`s doch! (Gelächter)

Nikolai hat eure Platte ja auch aufgenommen. War es da nicht vielleicht manchmal auch schwierig, Objektivität zu bewahren?

Nikolai: Nein, das war eigentlich kein Problem. Ich mache diese Studio-Sache ja auch so als Job, da muss ich mich dann ja auch immer einmischen. Der kreative Prozess war ja schon im Vorfeld abgeschlossen, und den Aufnahmeprozess habe ich dann eben so gestaltet, wie ich das auch bei anderen bands gemacht hätte.

(Was folgt, ist ein Versuch meinerseits, die Enfold-Mitglieder dazu zu bewegen, mir noch etwas über ihre diversen anderen musikalischen Aktivitäten zu erzählen, was aber irgendwie nicht so recht geglückt ist. Deshalb hier nun eine kleine Auflistung von bands, die mir gerade einfallen: 125, Rue Monmatre, eine Indierockband mit Phillip; Durango 95, eine HC-Punkband mit Christian; die mittlerweile aufgelösten Hocus (metal/grind-lastiger, langsamer HC) und die ebenfalls aufgelösten Chispa mit Olli. Vor Enfold gab es dann auch noch Hybris mit Phillip am Schlagzeug… zurück zu den letzten Worten!)

Hat irgendwer noch einen schönen Schlusssatz?

Stefan: Die T-Shirts!

Christian: Ja, genau, wir haben noch 80 T-Shirts – Kaufen, Leute!!!!

***

(hans fese)

Links (2015):
Discogs

You can leave a comment, or trackback from your own site. RSS 2.0

Leave a comment

You must be logged in to post a comment.