März 11th, 2007

EARTHLINGS? (#74, 02-1999)

Posted in interview by andreas

Aus den Weiten der Wüste Kaliforniens kam im letzten Jahr ein Ding geflogen, ungefähr aus der Richtung, aus der sonst staubiger Stonerrock mit tonnenschweren Sabbath-Riffs anrollt. Der Klang eher schwebrig-fliessender Psychedelik, die nominelle Infragestellung ihrer Erdenhaftigkeit, die ihre Fortsetzung in Klang (Quadrophonie) und Optik (komischen Anzügen und Apparaturen) findet, machen sie jedoch trotz freundschaftlicher und organisatorischer Verbundenheit mit dem Nach-Kyuss-Klüngel zu einem eigen Ding. 

Rancho De La Luna, Joshua Tree, Kalifornien ist der Ort, wo Earthlings? gewissermassen „zusammenfielen“, wie es Pete Stahl formuliert. Dieser Mann dürfte einigen noch durch eine semi-legendäre Hardcore-Vergangenheit bekannt sein, spielte er doch seinerzeit samt Brüdern und Dave Grohl bei SCREAM und später dann bei den auch nicht ganz unbekannten WOOL. Mit denen weilte er nun einst in ebenjenem Studio namens Rancho De La Luna, um Demos aufzunehmen.

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Und hier traf er auf Fred Drake, den Besitzer des Studios, und dessen Kumpel Dave Catching. „Ich traf diese Leute und wir kreierten spontan Musik. Und wer da war, konnte mitmachen. Wenn du da gewesen wärst, hättest du auch etwas spielen können. Fred Drake ist ein exzellenter Produzent und Mischer und legt einen Zauber auf die Musik. Das ist im Grunde, was passiert ist. So machen wir die Musik.“

Entsprechend klingen Earthlings? auch wie ein eher loser Zusammenhang, wie eine Session, und es haben offenbar eine Menge Leute vorbeigeschaut. „Es entwickelt sich zu einer Band. Aber es ist mehr eine Party als ein Projekt“, erklärt Pete. „Just an evolving fun thing to do …. It‘ soft and it’s pleasurable. Es ist gut. Es ist nicht wirklich geplant.“

Auf der Earthlings?-Platte sind dann auch neben Stahl, Catching und Drake unter anderem Dave Grohl, Victoria Williams, Scott Reeder und eine ganze Reihe anderer als Ausführende notiert. So entstanden über einen längeren Zeitraum zahlreiche Aufnahmen. „Und jeder schien es zu mögen, was uns immer amüsierte. Mein Freund Töni Schiffer, den ich kenne, seit er einen kleinen Plattenladen in Villingen Schwenningen hatte, sagte, er würde die Platte rausbringen. Also brachte er die Platte raus, und als sie da war, merkten wir, dass wir eine Band brauchten, um sie zu spielen. Also fragten wir Adam Maples, der schon viel auf der Platte gespielt hat. Dann trafen wir Matthias Schneeberger, ein Typ aus Berlin, der in Los Angeles lebt und ein Studio hat. Wendy, eine Schauspielerin in Los Angeles, die Bass spielt. Dave und Fred spielen Gitarre und andere Instrumente wie Lapsteelgitarre. Ich singe, fast alle in der Band singen.“

Zur Umsetzung der Earthlings? reisten in der Summe schliesslich sieben Musiker an (zur Nummer sieben kommen wir später, nicht dass das jetzt so sonderlich spannend wäre, aber genau darum muss ich ja nun auch nicht gleich jetzt damit rausrücken). Ein beträchtlicher Aufwand, wie ich annehme? „It’s a mess – ein organisiertes Chaos“, wie mir Pete amüsiert zustimmt.Kann sich so ein kleines Label, wie Crippled Dick Hot Wax, das denn leisten? „Nein.“ Weil nun aber die QUEENS OF THE STONE AGE, übrigens die Band des ehemaligen KYUss-Gitarristen Josh Homme, gute Freunde sind, war eine Tour möglich. „Wir sind sehr froh, dass sie uns mitgenommen haben, weil wir uns das nicht leisten können. Ich weiss nicht, ob wir es uns leisten können, nochmals wiederzukommen. Wir haben gerade sechs oder sieben Mal zusammen gespielt. Wir können auch nicht so oft proben, weil die Hälfte in der Wüste lebt und die andere Hälfte in Hollywood, Los Angeles. Wir konnten auch nicht alle mitbringen. Der eine Bassist ist aus Holland und hat bis gestern noch nie mit uns gespielt.“

Der herzliche Umgang miteinander, Petes Aufforderung, doch noch mit einigen der Anderen zu reden, versehen mit der Bitte, freundlich zu ihnen zu sein, es seien nette Leute, und einige personelle Interaktionen während der Auftritte, lassen vermuten, dass die Earthlings? miteinander eine gute Zeit in Europa haben. Allerdings ist für einen gestandenen Wüstensohn, wie Fred Drake, die Kälte reichlich ungewohnt. „Das ist wild. Ich meine, wir kommen hier für ein paar Tage zum Spielen und es ist kalt, während es in Kalifornien tagsüber immer noch warm und nett ist.“

Der Mann verbringt schliesslich fast sein ganzes Leben mit seinem Pferd, einem arabischen Hengst, den er jetzt, nach ein paar Tagen Tour, schon vermisst, in der Wüste in Joshua Tree. „Es ist nicht einsam. Eine Menge Bands und Freunde kommen raus und hängen da rum. Es ist nicht so einsam, wie man denkt. Ich habe einen ziemlich vollen Stundenplan mitten im Nirgendwo. Aber es ist schon ein anderes Leben, sehr anders.“ Dieser Ort scheint in der Tat einen ganz speziellen Reiz auszuüben. Als beispielsweise der schon erwähnte Matthias Schneeberger das erste Mal dort war, war er dort kaum wieder wegzukriegen. „Eines Abends hat mich Pete gefragt, ob ich nicht mal mit in die Wüste fahren will.“ Zuerst wusste er nicht, was er denn dort bitteschön eigentlich solle, aber als er dort war dachte er: „Hier bleibe‘ ich. Wenn ich nicht meinen Job hätte, würde ich da sofort wohnen. Und seit einem halben Jahr spiele ich eben bei den Earthlings? mit.“

Wie mehrere seiner Mitmusiker lebt er in Los Angeles. „L.A. ist ja nicht gerade die beste Stadt der Welt, aber ich wohne in Silver Lake und habe dort ein Studio. Von dort kann man die Berge sehen, den Schnee darauf, wenn man aus dem Fenster schaut.“

„Ein magischer und spiritueller Ort“

Schon im Begriff vom Stonerrock klingt der Rausch an. Und auch bei den Earthlings? haben derartige Zustände anscheinend eine gewisse Bedeutung. „Wir nehmen eine Menge ‚psychedelics‘, wenn wir Musik machen. Die ganze Platte ist mitten in der Wüste entstanden. Es ist ein sehr magischer und spiritueller Ort. Du kannst ‚psychedelics‘ nehmen und herumlaufen, ohne von irgendjemandem gestört zu werden. Und dann kommst du wieder und machst Musik. Deswegen ist wahrscheinlich auch die Musik psychedelisch“, erzählt Pete.

Zwar hat mir mal ein anderer Mensch, selbst Hersteller teils psychedelischer Musik, einmal mit Verweis auf Kesey versichert, dass, so man einmal die Pforten der Wahrnehmung durchmessen habe, dies nicht immer wieder tun müsse, um zu sehen, wie es da aussieht, und um psychedelische Musik spielen zu können, müsse man vielmehr vollkommen fokussiert, mithin klar im Kopf sein. Aber bei den Earthlings? scheint es zumindest bekifft noch ganz gut zu gehen. Die Wirkung ihrer Musik verstärken sie bei ihren Konzerten durch einen weiteren Kostenfaktor, nämlich eine quadrophone Anlage. „Als wir, Fred, Dave und ich, Earthlings? anfingen, stellten wir Verstärker in verschiedene Teile des Raumes und stellten sie einfach an. Mit Pedalen konnten wir jeden Amp kontrollieren. Und wir fingen an ambiente Sounds aus allen Richtungen kommen zu lassen.“ Von KONG, die ja seinerzeit sich, wo es ging, auf die vier Ecken des Raumes verteilten, und das Publikum ebenfalls aus allen Richtungen mählich auf eine Reise über Tanzboden und durch Rockland schickten, von denen hat Pete Stahl auch gehört. „Das ist toll. Das würde ich auch gern machen.“

Die Erdlingsvariante funktioniert über ein Pult, mit dem Pete die Musik zwischen den verschiedenen Lautsprechern hin und herschlingern lässt. Und ihre Musik nimmt dich sowieso schon ganz sacht bei der Hand, auch wenn die Riffs manchmal schwer werden, auch wenn sporadisch vordergründig gerockt wird. Der Unterschied zu den im folgenden spielenden QOTSA war beträchtlich. Wo die Earthlings? Räume bauten, die sie dann nach und nach mit Stimmverfremdungen, sich kühn aufschwingenden Gitarren, fast poppigen Melodien, komischem Geklöppel und Marihuana auffüllten, da legten jene ein fettes Brett auf, mit wenigen Mitteln komponiert, das seine Wirkung via Gewicht und Wiederholung tat, stoisch, laut und nach einer Weile auch ein wenig, tja, langweilig. Da konnte man sich aber auch schon über Wodka-Orange freuen, den die freundlichen Wüstenmenschen spendierten.

Plaudern, Rauchen. Wir sollten doch einfach mal vorbeikommen, wenn wir in der Gegend wären, meint Pete, und ich sage, das würden wir ganz sicher tun. Und dass er es ernst meine, setzt er noch nach. Und das hört sich auf einmal ziemlich ernst an. Dummerweise werde ich ihn fürs erste nicht beim Wort nehmen können. Schade, vor allem, weil es mal wieder meine Armut ist, die es mir schon versagt, die Möglichkeit zu haben. Aber für die Earthlings?-Tour, die laut Fred Drake im Frühjahr stattfinden soll, wird es wohl hoffentlich reichen. Doch, hat mir gefallen. Schöne Musik. Nette Leute. Das sei euch zur Anprobe empfohlen, meint

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STONE

Homepages:
http://earthlingsinfo.com
http://www.myspace.com/earthlings

 

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