Oktober 4th, 2011

DIEDRICH DIEDERICHSEN (#137, 08-2009)

Posted in interview by jörg

Ich sehe es schon düster am Firmament auftauchen, den Vorwurf älterer Trust-Leute… „Der Jan wieder, schon wieder interviewt der da ne Berühmtheit, die er kennen lernen will“. Antwort dieses mal: „Ha, Paul und ich machen das Interview zusammen und ja, wir zwei sind Fans der Bücher von Diedrich Diederichsen“.

Paul war ja vom Alter her direkt am Puls der Zeit, als Diederichsen in den 80er von seiner Tätigkeit als Sounds-Redakteur in Hamburg (1979 bis 1983) als Chefredakteur zur Spex nach Köln wechselte (1985 bis 1990). Ich kam erst viel später zu einer Beschäftigung mit den Büchern, als Diederichsen sich schon aus der Spex / seiner Tätigkeit als reiner Musikjournalist zurückgezogen hat und ab 1990 in dem Hochschulbereich wechselte.

Er lehrte u.a. an der Stuttgarter Merz-Akademie, am Art Center College of Design in Los Angeles, an verschiedenen Unis in Deutschland und ist seit 2008 Professor für Theorie, Praxis und Vermittlung von Gegenwartskunst an der Akademie der bildenden Künste in Wien.

Ende 2008 kam das neue Buch „Eigenblutdoping – Selbstverwertung, Künstlerromantik, Partizipation“ raus, super Buch, kaufen, ich besprach das im Trust Anfang 2009, stellte es ins Regal und bemerkte dabei, dass ich ja schon fast auf einen halben Meter von Diederichsen-Literatur komme.

Wäre Diederichsen eine Band, hätte ich ja schon längst mal nen Interview gemacht. Ich habe fast alle Bücher von ihm, die ich allesamt sehr sehr geil finde und die einfach durch ihren assoziativen Mix aus highly political Autoren- und Donald Duck-Querverweisen richtig erfrischend und belebend sind

(besser eventuell auf Wikipedia formuliert: „Kritiken von Diedrich Diederichsen zeichnen sich durch einen ausgeprägten individuellen Geschmack und enzyklopädische Detailkenntnisse aus. Viele Künstler und Theoretiker werden als Referenz und Bezugspunkt seit Beginn seiner publizistischen Tätigkeit immer wieder angeführt (Bob Dylan, Theodor W. Adorno, Andy Warhol, Albert Ayler u.a.).  Unabhängig von High-Art-/Low-Art-Kriterien kann Diederichsen verschiedenen Kulturprodukten seine Aufmerksamkeit in ähnlich intensiver Weise zuwenden.“).

Und mich haben einige biografische und viele inhaltliche Punkte einfach interessiert, deshalb dieses Interview, ich denke / hoffe, ich spreche da auch für meinen Trustmitstreiter Paul. Also, ihr gottverdammten Punks, viel Spass bei diesem Interview!

***

Hi Diedrich Diederichsen! Schön, dass du Lust auf dieses Interview hast, es ehrt mich sehr, mit „Deutschlands bekanntestem Pop-Theoretiker“ zu sprechen – also wirklich, jetzt ohne Scheiss gemeint. Ich habe absolut keine Ahnung, in welcher Sprache dieses Interview zu führen wäre. Soll / muss ich meine Uni-Sprache auspacken? Oder extra „deftig“ Fragen stellen? Ich habe mich dafür entschieden, exakt den Stil zu nehmen, wie ich es im Grunde immer mache. Respektvoll und auf diese Art und Weise zu reden, wie ich das auch live vortragen würde. Ich hoffe, das geht okay für Dich, bin gerade unschlüssig, ob ich jetzt in jede Frage das extra schwer zu findende Foucault-Zitat einbauen soll. Aber solche akademischen Interviews werden wohl sowieso oft mit dir geführt, oder?

Diedrich: Akademische Interviews und akademisches Denken müssen ja nichts mit Knowledge-Deko zu tun haben. Und Angeber, die mit Fakten und Wissen hubern, gibt es in der Welt des alternativen Wissens fast noch mehr als in der akademischen Welt. Die üblichen Beeindruckungs-Nummern. Das Angenehme an der Welt der Musikschreiberei war ja oft, dass man nicht nur seine Inhalte, sondern auch seine Sprache selber bestimmen konnte.

Könntest du uns sagen, wo, bzw. was Du gerade lehrst/machst? Bist Du noch in Stuttgart bei der Merz-Akademie oder ausschliesslich in Wien? Schreibst Du gegenwärtig noch für andere Publikationen? In den 80er & 90er hast ja unglaublich viel verfasst

Diedrich: Ich schreibe als freier Autor über Kino, Politik, Theater, Bildende Kunst und Musik – aber nicht über alles in allen Bereichen, sondern zu bestimmten Interessensgebieten innerhalb dieser Riesenressorts. Ich bin ausserdem seit 2006 Professor für Theorie, Praxis und Vermittlung von Gegenwartskunst am Institut für Kunst- und Kulturwissenschaften an der Akademie der Bildenden Künste, Wien.

In Stuttgart habe ich 2007 aufgehört. Meine Texte erscheinen bei Buchverlagen unterschiedlicher Art, Kiepenheuer & Witsch, Philo Fine Arts, transcript u.a., in Fachzeitschriften wie Texte zur Kunst und Theater heute, und in Publikumszeitschriften und Tageszeitungen, z.Z. vor allem in der taz, SZ, Zeit oder der Jungle World.

Verfolgst oder liest Du noch die Musikzeitschriften, für die du früher gearbeitet hast, also Musikexpress-Sounds und Spex (war das eigentlich dein Bruder Detlef oder Du, der zuerst bei der Sounds war?) Für die Spex wirst Du ja regelmässig interviewt.

Diedrich: Für Musikexpress/Sounds habe ich zuletzt 1983 geschrieben und auch seitdem nicht mehr reingeschaut, Spex lese ich regelmässig. Mein Bruder hat vor mir für Sounds geschrieben (seit 1976), ich habe erst 1979 angefangen, nachdem ich als Redakteur angestellt wurde.

Du hast mal geschrieben „Spex ist zu einem guten Teil auch immer dazu da gewesen, gegen das, was irgendwelche Interessenten aus meist naheliegenden Gründen zur Wirklichkeit erklärt haben, zu opponieren“. Wie beurteilst du die Entwicklung des Heftes, dass ja als Fanzine anfing Warum kam es 1990 zum Wechsel der Autoren und wie beurteilst du den Umzug nach Berlin? Ich mag das Heft heute eigentlich ganz gerne, einige alte Trust-Autoren der ersten Stunde schreiben ja jetzt dort ( d.h. nicht, dass ich es deshalb mag, aber deswegen habe ich es mir wieder öfters gekauft), vor allem die zweimonatige Erscheinungsweise und ausgewählte Reviewpolitik finde ich gut.

Diedrich: Ob Spex als Fanzine anfing ist strittig. Die Gründer, zu denen ich nicht gehörte, haben das, glaube ich, anders gesehen. Die Entwicklung ist aber schwer in ein paar Worten zu beurteilen. Da gab es ja sehr viele Phasen. Mir hat das „Spex“ der mittleren 90er am besten gefallen. Da war ich als Redakteur nicht mehr aktiv, machte andere Sachen, war aber noch eng mit dem Laden verbunden. Die Musikschreiberei verband sich damals für mich am glücklichsten mit den Diskursen in anderen Künsten und politischen Aktivitäten.

Wo siehst du die musikthematischen Printmedien zur Zeit? No future dafür? Ist der Einfluss dieser Medien geschwunden, wird ein neuer Musiktrend von anderen Medien erzeugt, gibt es solche Trends eigentlich noch, oder ist all das lediglich eine Blase, die durch Einigkeit via persönlich empfundenen Geschmacks – Impulsen durch Zusammenführung der Konsumenten über den eigentlichen Charakter der Musik hinwegtäuscht?

Diedrich: Ehrlich gesagt, ich verfolge das nicht so. Ich mag Fachzeitschriften und ihre Diskurse nicht mehr so sehr, bevorzuge Vermischungen und Nachbarschaften nicht gleichartiger Dinge. Nischenbildung ist überall und nervt daher, aber nicht nur deswegen. Sie ist auch der zentrale Modus kultureller Ruhigstellung. Ich informiere mich über The Wire, das trifft am ehesten meinen Geschmack, als Zeitschrift mag ich es aber nicht so, da pflegt es auch so einen Homestory-Rockjournalismus, der m.E. seine Zeit gehabt hat.

Ich glaube, dass sich der Musikjournalismus durch Dich seit den frühen 80er verändert hat, Punk war sicherlich auch Ausdruck der Unzufriedenheit mit gängigen Strukturen der Rockmusik, Deine Schreibweise verstand ich zu diesem Zeitpunkt als eine Art Idee von Widerstand gegen diese Unterwanderung von aussen her, denkst Du, dass Deine damaligen Leser dies stets so aufgefasst haben oder glaubst Du heute, dass Du evtl. missverstanden worden bist, weil eben genau diese Leser damals vollkommen überrannt fühlten?

Diedrich: Ich verstehe die Frage nicht ganz. Meine Schreibweise soll zu Punk-Zeiten ein Widerstand gegen Unterwanderung von aussen gewesen sein? Ich dachte eher, es war ein Teil dieser Unterwanderung. Ich war immer dagegen über Musik nur als Musik zu schreiben. Punk war ein hilfreicher Auslöser, weil dadurch vieles durcheinander geriet. Bald wurde Punk aber selber orthodox und kirchenartig; auch in der Schreibweise.

Wie siehst Du den Musiker und sein Werk in seiner künstlerischen Identität heute? Ist die Kritik an der Gesellschaft über die Musik zu einer vermarkteten Massenkultur geworden, ist anders sein wirklich konform geworden, wie es Norbert Bolz bereits in „Die Konformisten des Anderssein“ formulierte? Wie überhaupt gehst Du mit Deinen Kritikern um, welche sind das und inwieweit berücksichtigst Du deren Standpunkte?

Diedrich: Das sind sehr viele Fragen auf einmal. Zunächst: Norbert Bolz hat nie je mit irgendetwas Recht gehabt. Das ist rein physikalisch schon unmöglich. Ich weiss nicht, was „künstlerische Identität“ sein soll. So etwas wie Integrität? Wo gibt es denn noch Massenkultur? Nicht einmal mehr bei ARD und ZDF, denn das ist Omi-und-Opi-Kultur. Der Markt ist doch gerade in der Kultur ein Nischenmarkt, das generiert aber kein Anders-Sein in irgendeinem radikalen oder produktiven Sinne, sondern nur Distanzen.

Ich weiss aber auch nicht, ob man sich vom Konzept des Anders-Seins nicht eh verabschieden muss. Ist das nicht vor allem ödipal, unterkomplex, heroisch-machohaft und daher ein bisschen langweilig? Man muss deswegen ja nicht aufhören, oppositionell zu sein, aber vielleicht sollte man die Opposition lieber etwas mehr organisieren und etwas weniger hoffen, dass sie sich aus dem Habitus entwickelt. Obwohl Organisationen natürlich auch nerven.

Was mich am meisten – ich gebe es zu – interessiert: wie würdest auf folgende drei mehr oder weniger erfundenen Kritiken / Vorwürfen / Klischeevorstellungen Dir gegenüber antworten? „Ah, komm hier, der Diederichsen, der war vielleicht mal cool in den 80er, als der ssT fürs Spex entdeckte und die zweite Napalm Death LP als Platte des Monats auf zwei Seiten beschrieb, aber heute…der steht doch gar nicht hinter solchen Sachen, der hört doch bestimmt nur noch Jazz oder Klassik“.

Diedrich: Nichts war in der ganzen Geschichte der Rock-Musik dem (Free) Jazz und der (zeitgenössischer) Klassik so nahe wie ssT und Napalm Death, wäre also nur logisch, dass wer das eine auch das andere mag.

„Das ist bestimmt so voll der intellektuelle Spiesser, da hinter seiner 5 Meter Bücherwand, da musst du dein Bier aus Gläsern, die zu dem gerade getrunkenen Bier korrespondieren, auf Brokatuntersetzern trinken wenn überhaupt Bier getrunken wird und da wird dann nur über Foucault gesprochen und nicht mal schön Cock Sparrer gehört und über Frauen geredet“.

Diedrich: Richtig verstanden schliesst sich „Intellektueller“ und „Spiesser“ aus. Denn intellektuell heisst ja unvoreingenommen und unter Verwendung seines Verstandes zu handeln, leben etc. Ist es nicht genau das, was Spiesser nicht tun? Gibt es Spiessigeres als darauf zu bestehen, dass wer cool ist, Bier aus Flaschen trinken muss?

Und am allerspiessigsten sind Leute, die „über Frauen reden“: Homosoziale Heterospiessergemeinschaften, wie man sie nur in den übelsten Szenen findet. Allerdings gibt es bei mir nicht genügend Gläser, also muss das Bier aus Flaschen getrunken werden. Einer einzigen Cock Sparrer-CD stehen unendliche Mengen Klassik-LPs gegenüber.

„Assoziativer Schreibstil schön und gut, aber der tut doch nur so, als ob er das alles kennt“

Diedrich: Als ich noch assoziativ geschrieben habe, habe ich oft Namen gedroppt, weil Namen schöne, genaue Wörter sind, nicht weil ich alles über diese Namen wusste. Aber assoziativ schreibe ich eigentlich schon lange nicht mehr, allenfalls manchmal schnell.

Wie schaffst Du das eigentlich, immer am aktuellen geilen Sound zu bleiben? Also – 1988: ssT Records, dann in den 2000er Animal Collective und so? Auch wenn Du jetzt nur noch im Hochschulbereich tätig bist? Kann man sich das so vorstellen, dass aktuelle Spitzenbands dir kurz via Email Bescheid geben oder wie läuft das – wie hörst du von den Bands, sind das alte „still in the musicbiz“ aktive Freunde von dir, die dir Tipps geben nach dem Motto „Check das mal aus, der eventuell neue heisse Scheiss!!!“ oder besuchst du in Berlin einfach super viele Konzerte? Oder bist Du unbedarfter Konsument, der in den „Plattenladen seines Vertrauens“ geht, um erst einmal einen Stapel neuer Veröffentlichungen zur Hörbox schleppt um dann vielleicht lediglich 2 Platten zu kaufen, weil er im Grunde schon alles gehört hat und nicht wirklich denkt, dass noch etwas Neues, völlig innovatives passieren wird? Sorry, wenn ich das jetzt so primitiv formuliert habe, aber interessiert mich echt, ich kriege es nicht besser hin.

Diedrich: Interessante Frage. Und vielen Dank für das Kompliment. Ich weiss es aber nicht. So methodisch läuft es nicht. Man interessiert sich halt. Internet, The Wire, Freunde. Wie bei jedem anderen auch, schätze ich.

ssT Records war ja sozusagen „Dein“ Label in den 80er. Das konnte ich zumindest aus dem Buch deiner gesammelten Reviews (Diedrich Diederichsen: 2000 Schallplatten 1979 – 1999, Hannibal Verlag) für Sounds und Spex entnehmen. 2008 wurde das Label ja 30 Jahre alt und im Trust gab“s dazu ein grosses Geburtstags-Special. Die beteiligten Autoren listeten unter grossen Schmerzen ihre 5 Lieblingsplatten von ssT auf, was wären Deine, und vor allem: warum? Denkst du, heute könnte noch mal eine Plattenfirma wie ssT einen ähnlichen Rang erlangen oder ist seit dem Internet alles anders?

Diedrich: Ich vermeide solche Listen, aber was bleibt, sind schon die Projekte einiger sehr guter Leute: Mike Watt, Joe Baiza, Greg Ginn, Chuck Dukowski. Wichtig war aber auch das verrückte Umfeld: Leute wie Steve Fisk, Glenn Philips, Tom Troccoli, Always August und Cruel Fredrick. Natürlich Hüsker Dü. Was mir heute egal ist, ist der Punk auf dem Label, ausser Black Flag und den Dukowski-Bands. Vielleicht ist es leichter aufzuzählen, was man heute nicht mehr braucht, als was man braucht: Painted Willie, Descendents, auch Angst brauche ich nicht mehr so oft.

In der Techno-Zeit gab es ja jede Menge wichtige Label, von Mille Plateaux bis Mego, ich orientiere mich auch heute noch viel an Labels, lebenden und toten. Byg actuel habe ich komplett, von Nessa und Delmark kaufe ich alles, aber auch von heutigen wie QBico oder Textile. Durch das Internet hat sich zumindest im Spezialisten-Markt die Bedeutung von Labels noch verstärkt. Man kann sich leichter hundert neue Label merken als zehntausend neue Künstler.

Welches Buch von Dir würdest du für den Einsteiger empfehlen? Dein bekanntestes Buch – „Sex Beat“ – finde ich am schwersten zugänglich, ich würde zu deinen „Musikzimmer-Kolumnen“ raten? Alleine für dieses wundervolle Zitat! Hattest du da eigentlich irgendeine bestimmte Band vor Augen? Echt sehr treffend, gerade für mich als Punkmusikfreund, immer diese ganzen provo-anti-pc-Bands Irgendwie scheint bei denen die Nachricht, dass Provozieren leicht und das Provozieren mit Meinungen, die man selber vertritt / gut findet, schwer aber richtiger ist, noch nicht angekommen zu sein. „Die Pop-Musik lebt davon, dass junge Spinner, die eigentlich doch noch gar nichts wissen können, auftreten, als wüssten sie alles – und damit durchkommen. Ihre Wahrheit liegt darin, wie sehr es einem Künstler gelingt, sich als zuverlässiger Experte für sein Thema darzustellen und doch nicht ganz zu verstecken, dass er mehr wünscht, das Leben zu kennen, als es zu kennen. Je präpotenter, desto besser. Am schönsten ist es immer, wenn ein 20-Jähriger auf sein Leben zurückblickt, wie sonst nur Sinatra oder Juhnke auf der Schwelle zu Grab oder Backstage-Party („My Way). Man meint normalerweise, Sid Vicious wäre auf diesem Gebiet nicht zu schlagen, und „My Way mit 20 zu singen an Chuzpe nicht zu überbieten. Zumal er dies anschliessend durch den eigenen Tod noch retroaktiv zu legitimieren wusste. Aber das war natürlich der Fehler: Die grösste Dummheit ist es immer, die präpotente Selbstermächtigung durch Pop-Musik anschliessend durch Taten in der wirklichen Welt legitimieren zu wollen – das verdirbt alle Freunden der Präpotenz. Wenn es um solche Taten ginge, bräuchte man ja keine Pop-Musik, dann kann man sich gleich für Sportler und Immobilienmakler begeistern.“

Diedrich: Ja, vielen Dank. Ich hatte wirklich den unglaublich schnöseligen, blutjungen John Lennon vor Augen, der sich herausnimmt, einen Song zu schreiben, der „In My Life“ heisst und wo er auf dasselbe zurück blickt wie ein alter Seemann beim Kautabakkauen. Als Einstieg würde ich vielleicht sonst „Freiheit macht arm“ empfehlen, ist nicht gerade aktuell, aber der Zusammenhang zwischen Musik, Kunst und Politik ist da besonders ausgeprägt.

über die drei jüngsten Projekte, wo ich wieder auf Deinen Namen gestossen bin, würde ich gerne was wissen: fangen wir an mit deinem Vorwort zu Andreas Michalke’s Comicband. Wie kam es dazu, kanntet Ihr Euch aus den 80er?

Diedrich: Nein, ich kannte Michalke gar nicht. Ich war nur Fan seiner Jungle-World-Comics. Und das habe ich irgendwo mal geschrieben und dann haben mich die Jungle-World-Leute gefragt, ob ich ein Vorwort schreiben will.

Michalke hat ja vor 20 Jahren sogar mal fürs Trust gezeichnet und 2006 das Titelbild zur Trust Schwerpunktausgabe „Sex und Musik. The sexiest thing is Trust“ gemalt. Zu sehen waren zwei sich küssende Frauen mit Punk-Accessoires, der Symbolik – also Tattoos, Piercings etc. In der „Intro“ wurde diese Ausgabe unter dem Kritikpunkt besprochen, dass sich da heterosexuelle Männerfantasien der Herausgeber manifestieren, also zwei sich küssende Frauen = Lesben = Bedienung von Männlichkeitsfantasien. Hmh, das brachte mich als Teil des damaligen Koordinationsteams doch zum Schmunzeln, daran hatte ich nun gar nicht gedacht und dann gerade in der „Intro“ Aber vielleicht hat die Intro ja doch mehr Recht, als ich bereit bin zuzugeben? Solche Vorwürfe sitzen in der „Szene“ ja immer recht locker, also Sexist/Nazi/Sellout, was kam Dir gegenüber öfters in all den Jahren?

Diedrich: Von den drei Vorwürfen zum Glück am häufigsten Sell-Out: mit dem kann ich auch am besten leben.

Du bist ja auf der DVD der Goldenen Zitronen dabei. Dazu eine „Credibility“ Frage In der Dezember 2008-Ausgabe vom Musikexpress war ein Streitgespräch von Campino und Ted Gaier drin. Ted Gaier wirft Campino in der Interview vor, dass sie immer versuchen und ständig daran scheitern, „authentisch“, „down“, „street“, „true“, „real“ mit der „Crowd“ zu sein, also immer dieses „Hey, ich weiss, was ihr fühlt, ich bin Teil von euch“, während die Goldenen Zitronen irgendwann bewusst auf Distanz zu ihrem schnauzbärtigen Publikum gegangen sind. Was mir dazu direkt eingefallen ist, war: „Ja toll, aber zumindest haben die Toten Hosen nie Leute aufgrund der Länge ihr Oberlippenbehaarung von Konzerten ausgeschlossen“ Gaier zitierte ja auch deinen Sexbeat-Satz in dem Interview, nachdem die Hosen das „Spiel der anderen mitspielen“. Was ist das, was Campino da immer verzweifelt versucht, hochzuhalten, Authentizität? Als Millionär? Tappt er immer wieder in die Authentizitätsfalle?

Diedrich: Das ist ein sehr kompliziertes Problem. Das Tolle an den Zitronen ist, dass sie alles wollen, immer auch das, was gerade nicht zusammengeht. Sie wissen das auch, wollen es aber trotzdem. Andere Leute wollen das auch, aber sie lassen die Widersprüche einfach stehen und sagen, man müsste eben kognitive Dissonanzen aushalten können, die Zitronen gestalten die Dissonanzen, als zugleich unerträglich und motivierend. Schliesslich haben sie sowohl mit dem zu tun, was man abschaffen und bekämpfen will, andererseits mit der Lebenswelt, in der man sich entwickelt hat.

Dein aktuelles Buch „Eigenblutdoping – Selbstverwertung, Künstlerromantik, Partizipation“ – wieder im KiWi-Verlag erschienen – beinhaltet Vorträge an einer Hamburger Kunstschule. Ich fand drei Aussagen / Zitate / Begriffe absolut toll, direkt im ersten Teil Deine Untersuchung des Begriffes „Leben im Loop“. Genau das fühle ich, wenn es immer heisst „Weltwirtschaftskrise gerade 2009 am schlimmsten seit 1929“. Vor 10 Jahren hiess es das schon bei dem Einbruch der Finanzmärkte in Mexiko, dann war es der dicke Staat, der endlich abnehmen muss und schuld an der Krise ist, also, dass der Chinese jetzt billiger produziert, dann die Krise der New Economy, jetzt halt Banken. Aber hat dieser Begriff – so klasse und prägnant er als Beschreibung einer Gefühlslage passt, die sich in andauernder Wiederholung befindet – nicht auch was sehr resignierendes? Der Loop scheint von aussen zu kommen, niemand… nicht ich, nicht du, keiner… kann ihn beenden; es wiederholt sich alles, „so why be active anyway to change something?“ Irgendwie scheint da dann wieder ein Ausspruch von Dir zu passen, der erst weit hinten im Buch kommt: „Es ist ein kurzer Weg von der jugendlichen Negation zur Weltskepsis im Altersheim.“ Also die Position des Zynikers, der die Verhältnisse doch genau durchschaut, der weiss, was passiert, wie er verarscht wird, aber trotzdem alles mitmacht?

Diedrich: Es war keine Kunsthochschule, sondern der Hamburger Kunstverein, also sass da schon ein sehr heterogenes Publikum. Aber zu Deiner Frage: Als geschichtsphilosophische Beschreibung wäre der Loop verheerend. Das wäre die Rede von der ewigen Wiederkehr. Aber es geht auch nicht einfach, sich auf einen, immer nur verzögerten Fortschritt rauszureden.

Es gibt auf der subjektiven wie auf der ästhetischen Ebene, Möglichkeiten mit der Gestaltung von Loops gerade die eigene Wirklichkeit besser in den Griff zu bekommen, ja so etwas wieder zu erkennen, wie Mikroentwicklungen. Wir brauchen auch für die reale Welt ein Gespür für Mikro-Bewegungen und -Entwicklungen, an die sich anknüpfen lässt, ohne dass man sie zu Mikro-Politik verklärt.

Ebenfalls sehr anregend fand ich den Abschnitt in der Mitte des Buches über die Zusammenhänge zwischen Punk und wilder Malerei – „Wie es zu den 80er Jahren kam: Intensität, Negation, Klartext“. Deine Aussage über Black Flag / ssT fand ich klasse, alldieweil: ich habe sie nicht verstanden (den Mittelteil). Erst mal das Zitat: „Die von Black Flag und anderen, vor allem kalifornischen Bands noch relativ elaboriert vorgetragene Anarchismus-Verehrung folgten Punks überall in der Welt – bis heute. Die Ableitung der Anarchie aus der Absage an Werte – alle Werte -, der man ja u. U. folgen kann, wenn man die Instrumentalisierung von Werten durch Autoritäten mit den Werten selbst gleichsetzt, leuchtete allgemein ein. Sie verursachten nur demjenigen Schwierigkeiten, die daraus eine dauerhafte Praxis gewinnen wollten, wie Black Flag selbst mit ihrem ssT-Label. Wie viele andere gründeten sie als ersten Schritt zu herrschaftsfreien Räumen – klassisches Paradox der damals neu entstehenden Independent – Kultur – eine Firma.“ Klasse oder, diese Feststellung des Widerspruchs herrschaftsfreie Räume vs. Firma die Firma als herrschaftsfreier Raum. Kannst du den Satz hier „Die Ableitung der Anarchie aus der Absage an Werte – alle Werte -, der man ja u.U. folgen kann, wenn man die Instrumentalisierung von Werten durch Autoritäten mit den Werten selbst gleichsetzt, leuchtete allgemein ein. Sie verursachten nur denjenigen Schwierigkeiten, die daraus eine dauerhafte Praxis gewinnen wollten, wie Black Flag selbst mit ihrem ssT-Label.“ noch mal erklären, ich verstehe den nicht.

Diedrich: Wenn man praktisch kooperativ arbeitet, geht das nicht ohne Regeln, warum das Eine dem Anderen vorzuziehen ist; nicht in absoluten, singulären Situationen, sondern in der typischen Situationen des Alltags. Diese Regeln lösen das Problem, dass andere sich auf einen verlassen müssen in der Kooperation. Um Gründe für die Regeln zu haben, braucht man Werte.

Was ich am Ende jedoch sehr gut verstehe, ist dieser Widerspruch von „man will herrschaftsfreie Räume schaffen“ und gründet erstmal dazu ausgerechnet eine Firma, den absoluten Ort der militärisch – strukturierten Hierachieverteilung.

Diedrich: Ja, obwohl man heute so tut, als wäre eine Firma eine befreite Zone.

Du sprichst auch das „legendäre Ausschlafen der Boheme“ im „Eigenblutdoping“- Buch an  angeblich wollen Kunststudenten gar nicht mehr old school – bohemestyle – getreu Velvet Undergrounds „White wine in the morning“ leben? Ist folgendes Zitat, was ich vor kurzem in einer umsonst Uni-Zeitschrift fand, der neue Sound der Boheme? „Wie muss ein Künstler arbeiten, um dennoch von seiner Leidenschaft leben zu können? Professor Udo Dahmen, Künstlerischer Direktor der Popakademie Baden-Württemberg, erklärt: „Der Musiker sollte ständig zwischen lukrativen Firmenaufträgen, eigener Komposition und Produktion sowie der Arbeit an Texten und Filmmusik bei Labels und Firmen oszillieren. Eine Art Patchworkteppich also. Es gilt, sich mehrgleisig aufzustellen.“

Diedrich: Ja, am besten als Rangierbahnhof. Oszillierende Künstler! Ich finde es ganz gut, dass einmal einer ausspricht, was implizit in so vielen Entwürfen und Anrufungen steckt. Natürlich ist das der Horror. Es ist die Abschaffung jeder künstlerischen Unabhängigkeit, wenn sie nur noch als eine Funktion der allgemeinen Abhängigkeit gesehen wird. Als Hobby.

Am Schluss hätte ich noch kurze Fragen mit der Bitte um kurze Antworten an dich Wie oft dreht die erste Gun Club Platte noch ihren Runde bei dir privat?

Diedrich: Ich höre eigentlich (fast) nur Sachen, die ich neu habe. Da gibt es immer genug.

Hast Du irgendwann ein Comeback als Musik-Redakteur oder als Verlagsmitbegründer vor?

Diedrich: Da ich kein Geld habe, kann ich auch keinen Verlag gründen, alles andere weiss man nicht.

Worin besteht der Hauptunterschied zwischen Deinen zwei Wohnorten Köln und Berlin?

Diedrich: Ich wohne ja schon lange nicht mehr in Köln. Meine zwei Wohnorte sind z.Z, Berlin und Wien. Ich mag sie beide sehr. Die Unterschiede sind einerseits gewaltig, Preussen und österreich, andererseits kann man sagen, dass zwischen zwei Stadtteilen in Wien oder Berlin mehr Unterschiede zu erleben sind als zwischen den beiden Städten.

Du schreibst ja gerne aus USA, z.B. wurde „Sex Beat“ ja in New York geschrieben, „Eigenblutdoping“ zum Teil in St. Louis? Hattest du Bekannte in den Städten oder warum hast Du Dir speziell diese Städte ausgesucht? Hast du eine Lieblingsstadt in den USA? Wie kam es eigentlich zu deiner Lehrtätigkeit in Pasadena? Los Angeles ist definitiv meine Stadt in den USA.

Diedrich: Was mich zu Zeiten von „Sexbeat“ nach New York getrieben hat, erzähle ich, glaube ich, in dem Buch. Nach Pasadena und damit nach LA hat mich Mike Kelley geholt, aber ich hatte da auch viele andere Freunde, u.a. Christopher Williams, der mir meine erste Wohnung in LA vermittelt hat. Nach St.Louis und in andere Orte bin ich durch die üblichen akademischen Einladungsstrukturen geraten. LA und New York sind die mit Abstand interessantesten Städte. Aber es gibt auch viele ländliche Gegenden in den USA, die ich mag.

KIss oder AC/DC?

Diedrich: Definitiv keines von beiden. Ich war schon fast 20, als diese Bands aufkamen; für mich stellte sich damals eher die Frage Bowie oder Grateful Dead. Oder Velvet Underground oder Free Jazz. Mein Kinder-Konflikt wäre dann doch eher Beatles oder Stones – und da war und bin ich eindeutig für die Beatles.

Das Trust – Spex-Verhältnis in den 80ern „Feinde“ oder eigentlich doch „Partners in crime“ auf unterschiedlichen Ebenen? Glaubst Du, von den Trust -Lesern wird das Interview so aufgenommen von wegen „Ach du Je-mi-ne, das alte „Feindbild“ von der Spex wird interviewt“ oder mehr in die Richtung „Diedrich Diederichsen – wer ist das?“

Diedrich: Sind die „Trust“-Leser denn doch dieselben wie in den 80ern? über 20 Jahre dabei? Also ich hoffe mal, dass die Mehrheit der aktuellen Leser nicht mehr weiss, wer ich bin.

Hast Du ’nen Gruss an die Leser?

Diedrich: Hallo, ich bin kein Spex-Redakteur!

 

***

 

Interview: Paul und Jan

 

Auswahl-Discografie Diedrich Diederichsen

Buchveröffentlichungen als Autor

Sexbeat. 1972 bis heute. Kiepenheuer und Witsch (KiWi), Köln 1985

Elektra – Schriften zur Kunst. Meterverlag, Hamburg 1986

Herr Dietrichsen. Roman. KiWi, Köln 1987

Popocatepetl.10 Jahre Schallplatten. 43 Schwarzweisstafeln österreichischer Künstler. Forum Stadtpark, Graz 1989
1.500 Schallplatten. 1979-1989. KiWi, Köln 1989.

Freiheit macht arm. Das Leben nach Rock’n’Roll 1990-93. KiWi, Köln 1993

Politische Korrekturen. KiWi, Köln 1996

Der lange Weg nach Mitte – Der Sound und die Stadt. KiWi, Köln 1999.
2.000 Schallplatten. 1979-1999. Hannibal Verlag, Höfen 2000

Musikzimmer. Avantgarde und Alltag. KiWi, Köln 2005

Eigenblutdoping. Selbstverwertung, Künstlerromatik, Partizipation. KiWi, Köln 2008

Kritik des Auges. Texte zur Kunst. Philo Fine Arts, Hamburg 2008

Buchveröffentlichungen als Herausgeber

Staccato. Musik und Leben. Kübler Verlag Michael Akselrad, Heidelberg 1982

Yo! Hermeneutics! Schwarze Kulturkritik. Pop, Medien, Feminismus. Edition ID-Archiv, Berlin 1993

Loving The Alien. Science Fiction, Diaspora, Multikultur. ID-Verlag, Berlin 1998

Golden Years. Materialien und Positionen zu queerer Subkultur und Avantgarde zwischen 1959 und 1974. Edition Camera Austria, Graz 2006

Martin Kippenberger. Wie es wirklich war – am Beispiel. Lyrik und Prosa. Suhrkamp, Frankfurt 2007

Links (2015):
Wikipedia
Homepage

 

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