April 10th, 2015

DIE GOLDENEN ZITRONEN (#144, 10-2010)

Posted in interview by Jan

„Sid Vicious war kein Nazi, der war einfach ein Idiot!“

Wenn es in der Bundesrepublik Deutschland eine Band gibt, die es geschafft hat, gleichzeitig erwachsen zu werden und doch Punk zu bleiben, dann sind es Die Goldenen Zitronen. Doch was heißt heute eigentlich noch Punk?

Wenn wir Nix Gut oder Universal glauben schenken, dann ist Punk am Ende des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrtausends entweder langweilig oder scheiße oder beides. Gefangen zwischen wertkonservativem Traditionalismus und postpostmoderner Beliebigkeit driftet das abgetakelte Schlachtschiff Punk durch belanglose Gewässer jenseits von politischer Einmischung oder kritischer Reflektion.

Für die Mehrheit derer, die sich mit dem Begriff identifizieren, scheint Punk nichts weiter zu sein als ein Musikstil, und sicher, wenn das die einzig mögliche Lesart ist, dann sind Die Goldenen Zitronen schon lange kein Punk mehr. Es gab jedoch von jeher auch immer die anderen Punks, diejenigen, für die Punk eher eine kritische Geisteshaltung war, die sich mit E-Gitarren ebenso ausdrücken lässt wie mit Sampler und Drumcomputer oder auch ganz ohne Musik.

Punk in diesem Sinne ist der Punk, von dem die Rede ist, wenn es um die Goldenen Zitronen geht. Und da jetzt schon zehnmal das Wort Punk gefallen ist und das weit mehr als genug ist, ist es vielleicht wirklich an der Zeit mit der Wiedergabe dessen zu beginnen, was an jenem Abend im vergangenen Dezember in den Hinterzimmern des Festsaals Kreuzberg gesprochen wurde.

***

Heute ist der 16.12., und Weihnachten steht vor der Tür. Wie werdet Ihr die Feiertage verbringen?

Mense: Ich werde zu meinen Eltern aufs Land fahren und dort drei Tage mit meinen Geschwistern und Nichten und Neffen verbringen, bevor ich am zweiten Weihnachtstag wieder nach Hamburg zurückfahre.

Schorsch: Bei mir ist es sehr ähnlich mit leicht ausgetauschtem Personal. Ich genieße aber diese Phase mit der Verwandtschaft. Es ist oft klassisch und es gibt nichts Schwammiges darüber zu sagen, ich mag diese Zeit als verordnete Pause. Ansonsten ist Weihnachten so ein Thema das… ach, da ist so viel gespottet worden. Ich fand das von ZK, der Toten Hosen-Vorgängerband, immer ganz amüsant: „Nieder mit dem Weihnachtsmann, so eine Scheiße hören wir uns nicht an!“..

Scheint als haben wir alle das Gleiche vor – mit ausgetauschtem Personal.

Schorsch: Wir schenken uns innerhalb der Familie nichts mehr, das finde ich sehr angenehm.

Mense: Bei uns wird immer noch sehr viel geschenkt.

Schorsch: Diese Zeit kann extrem anstrengend sein, für mich sind die Einkaufszonen der blanke Horror!

Mense: Ich finde es in Ordnung sich mal zu überlegen, wie seine Schwester so ist. Was macht die denn so? Was findet die überhaupt gut? Dass man damit dann auch total auf die Fresse fliegen kann, finde ich ganz gut. Aber ja, es ist natürlich total anstrengend Geschenke zu kaufen.

Gerade wenn Ihr jetzt kurz vor Weihnachten auf Tour seid. Danach ist ja erst recht viel los in der Stadt.

Schorsch: Aber der Punkt ist ja, dass es wirklich mindestens einen Monat konstant so geht.

Ich würde eher sagen, dass es sich über einen Monat hinweg immer weiter steigert.

Schorsch: Klar steigert sich das für so Vögel wie uns, die spät dran sind. Während der letzten zwei Winter habe ich wegen Theaterstücken während der Weihnachtszeit in Hannover City gewohnt. Hannover definiert sich extrem über diese Einkaufszone zwischen Bahnhof und Ballhof- Theater, da ist alles pures Einkaufen! Ganz Niedersachsen trifft sich zu dieser Zeit einen Monat lang in der Innenstadt und kauft unaufhörlich ein. Und ich muss ganz ehrlich sagen, abseits von jeder Kapitalismuskritik, finde ich diesen Warenterror wirklich deprimierend, bedrückend und traurig. Lasst uns schnell das Thema wechseln!

Da mir jetzt gerade auffällt, dass ich auch noch kein einziges Geschenk gekauft habe, wechsle ich gerne auch das Thema. Die Goldenen Zitronen bewegen sich spätestens seit den frühen 90ern stets im Spannungsfeld zwischen Kunst und Politik. Genau in diesem Feld ist in der letzten Zeit in Hamburg einiges geschehen, worüber wir gerne mit Euch sprechen möchten.

Ein Beispiel ist das Gängeviertel, in dem Daniel Richter, mit dem Ihr eng verbunden seid, genug zu tun hat. Erst gab es die Besetzung und gestern hat dann die Stadt Hamburg beschlossen das Gängeviertel für eine Menge Geld zurückzukaufen. Warum interveniert die Stadt hier, während sie bei anderen Projekten wie dem LIZ oder der Roten Flora mit dem Arsch nicht hinsehen würde? Und liegt es vielleicht daran, dass diese Besetzung Kunst als Standortfaktor betont hat?

Mense: Ich denke schon, dass durch diesen Kunstboom in den letzten zehn Jahren auch die Stadtväter bemerkt haben, dass es wahnsinnig wichtig ist Künstler zu haben, und Kunst auch ein riesiger wirtschaftlicher Faktor ist. So kreative, arme Künstler, die so ein bisschen das Stadtbild bestimmen. Sie wissen natürlich auch, dass so ein schnuckeliges Gängeviertel direkt in der Innenstadt von Hamburg etwas für die Stadt bedeutet und dass man damit für den Tourismus etwas anfangen kann. Dann kam es noch dazu, dass es in der Presse, im bürgerlichen Feuilleton, überall reflektiert wurde und sich alle grundsätzlich, von FAZ bis Abendblatt bis Süddeutsche auf die Seite des Gängeviertels gestellt haben. Ich kann mir schon vorstellen, dass die Stadtväter dann auch plötzlich gedacht haben „Ja, lass die Künstler da mal einfach machen.“

Schorsch: Eben und Daniel Richter ist ja mittlerweile auch ein Prominenter. Es war dann ja auch exemplarisch, dass so ein populärer Künstler die Stimme macht. Nur muss man heute genau abwägen für was man eintritt, um nicht umgekehrt gleich wieder damit verwertet zu werden. Dieser Aufruf „Not in our name“, dieses Pamphlet, beschäftigt sich ja genau mit diesen Dingen, dass man sich da nicht vereinnahmen lassen will. Die Stadt hat ja gelernt und versteht den Nutzwert der so genannten Kreativen, das hat Mense ja schon soweit erklärt, dass sie erkannt hat „Okay, das bringt uns möglicherweise was, wenn wir mit diesen bunten Leuten kooperieren.“

Mense: Bezeichnend ist ja auch, dass dort wahnsinnig viele Musiker unterschrieben haben. Es hat überhaupt keine Rolle gespielt, ob jemand wie Jan Delay, Tocotronic oder Fettes Brot genannt wurden, die ja auch wirklich sehr erfolgreich sind.

Schorsch: Das war aber schon später, glaube ich?

Mense: Nein, die waren von Anfang an Unterzeichner. Die Entscheidung war tatsächlich sehr kunstbezogen.

Schorsch: Daniel hat mit dem Gängeviertel ja auch nur peripher zu tun, aber er hat sich dann eben da hingestellt, weil man ihn fragte. Er verhält sich da ja auch sehr direkt und von daher ist das ja richtig.

Mense: Ja absolut. Ich wollte nur noch mal festhalten, dass es ein Kunstding ist und wie sich der Stellenwert von Kunst in letzter Zeit verändert hat.

Wenn einem plötzlich Ole von Beust und die FAZ nach dem Mund reden und so tun, als würden sie auf der gleichen Seite stehen, muss man sich da Gedanken machen, ob die eigene Position vielleicht noch mal überdacht werden muss?

Mense: Die FAZ war glaube ich das einzige Blatt, was eine Kritik zu dem Gängeviertel hatte, wo Ted Gaier als Zigarillo rauchender Alt-Leninist rüberkam.

Schorsch: Das Thema ist ja nicht neu. Es gab ja mal dieses Buch „Mainstream der Minderheiten“, was ich immer noch gut finde, obwohl es schon alt ist. Wir haben ja auch ein Stück „Der Bürgermeister auf dem Tocotronic Konzert“, welches das thematisiert. Man muss sich immer wieder überlegen, wo und wie wirkt meine Sprache. In dem Fall war es einfach das sehr breit aufgestellte Bündnis. Das waren ja nicht nur Künstler, da ging es auch um Mieter, die rausfliegen sollten wie jetzt auch in der Bernhard-Nocht-Straße.

Dieses Bernhard-Nocht-Quartier und das gegenläufige Aktionsbündnis No BNQ – da geht es schon um etwas Existentielles, nicht nur um Kunst oder wer da welche Ästhetik mitbringt. Sie wiegen halt ab, wen sie vereinnahmen können. Das ist aber auch nicht neu, seit Präsidenten Rockgitarre oder Saxophon spielen, seit Politik sexy sein soll und wenn sie das ist, hat sie begriffen, dass sie dadurch auch erfolgreich sein kann. New Labour war ja das erste sehr offensive Modell da. Das haben sie natürlich begriffen und da kommt sowas wie mit den prekären Künstlern, coolen Szeneleuten, Leben und Arbeiten auf St. Pauli gemeinsam stellen – das passt dann schon. Und das ist dann auch irgendwann eine verkaufbare Marke, denn das ist ja die Idee: Hamburg als Marke.

Mense: Wenn es um Musiker oder Künstler geht, können sie nicht wirklich unterscheiden zwischen den Leuten, die ein kleines Studio betreiben oder ein Atelier haben und Leuten die eine Werbeagentur haben oder dort arbeiten. Den Eindruck habe ich oft, wenn ich sehe, wie die Hamburger Stadtväter ihre Künstler beurteilen. Das finde ich problematisch.

Schorsch: Es gab in großen Zeitungen wie Süddeutsche, FAZ usw. eine Hamburg-Journal-Beilage als Werbung für die Stadt und vorne waren auch die Goldenen Zitronen drauf. Da haben wir uns schon sehr gewundert, denn ich glaube nicht, dass wir für die Stadt so jemals Werbung gemacht haben- freiwillig. Es ist interessant, dass wir dazugerechnet werden, obwohl wir doch die Dinge immer eher kritisch begleitet haben. Vor zwei Jahren war ich plötzlich mal „Künstler des Jahres“. Ganz offiziell meldete sich die Stadt und ich sollte mit anderen komischen Prominenten eine Urkunde überreicht bekommen.

Es gibt da noch den Golden Pudel Club in Hamburg, hinter dem Du [Schorsch] ja auch stehst. Der Pudel ist mittlerweile auch zu einer Marke geworden und zu einem Standortvorteil für das südliche St. Pauli aus Hipster- und Kreativensicht. Mittlerweile zieht der renovierte Pudel und Park Fiction nebenan durchaus die Menschen an, die auf der anderen Seite von Bündnissen in Bezug auf Gentrification kritisiert werden, in denen der Pudel oder Ihr auch involviert seid.

Schorsch: Also man muss auch wissen, dass man sowieso Mit- Gentrifizierer ist. Das sind wir heute Abend wahrscheinlich auch, wenn wir hier mit unserer Band im schrottigen Kreuzberg spielen. Das ist immer so. Da wäre ich auch vorsichtig, man muss sich ansehen, was der Pudel Club daraus macht. Der Unterschied ist doch, ob man es kommerziell nutzen will oder nicht. Ich behaupte mal, dass wir das nie versucht haben.

Der Pudel steht ja doch für eine Gegenkultur. Rocko [Schamoni] ist da auch sehr engagiert mittlerweile, das macht er auch ganz offensiv und hat sich da nie verstellt. Dass muss man verstehen, dass Leute – übrigens auch Leute, die man nicht schätzt – ein Interesse daran haben in eine Gegend zu gehen, die irgendwie aufregend und vielleicht noch nicht ganz so durchleuchtet ist. Das war mit dem Schanzenviertel natürlich extrem so, aber es kommt immer darauf an, welche Beweggründe dahinter stehen. Ansonsten wissen wir natürlich, dass wir ein Teil dieser Vorhut sind. Find ich aber nachvollziehbar.

Mense: Ich finde das auch nicht so schlimm. Das Fundament auf dem der Pudel steht, also inhaltlich und musikalisch, finde ich völlig in Ordnung. Tatsächlich habe ich auch nicht den Eindruck, dass der Laden jeden Tag mit Werbearschlöchern voll ist. Das Publikum ist völlig in Ordnung, auch wenn es samstags vielleicht voller ist und ein paar Leute aus der Vorstadt kommen. Und wenn da mal ein paar Leute aus den großen Werbeagenturen sind, warum nicht?!

Schorsch: Ganz am Anfang, in der dritten Woche, stand da gesammelt Gruner & Jahr rum und der Fernsehsender Premiere wollte mit uns ein großes Portrait machen. Man muss ja auch sagen, dass wir auch mit Leuten in Kontakt sind, die da dazugehören.

Mense: Aber das ist doch jetzt viel weniger geworden! Man kann da an einem Dienstag hingehen und man ist unter sich.

Schorsch: Richtig, es ist nicht so, dass die den Laden jetzt erst für sich entdeckt haben, das war von der ersten Sekunde an.

Liegt es vielleicht daran, dass wir, die sich alle wahrscheinlich der Gegenkultur zugehörig fühlen, dann doch durch unsere bürgerliche Sozialisation mit einem ähnlichen ästhetischen Empfinden ausgestattet sind, wie die Leute auf der anderen Seite des Tisches?

Schorsch: Also ich mache ja zum Beispiel auch Theater in Institutionen, die als Hochkultur bezeichnet werden. Trotzdem müssen die behandelten Themen dort jetzt nicht weniger konsequent sein als in einem autonomen Café. Es kommt immer darauf an, mit wem man sich fortbewegt oder womit man sich verbunden fühlt. Diese Entscheidung muss man kennen. Nur weil jemand eine schwarze Bomberjacke anhat, ist er noch lange kein ausgewiesener Linksradikaler.

Ich finde es sehr schwierig und es ist auch sehr komplex. Unsere Band galt schon als Verräter, weil wir Sachen nicht spielen wollten, die sie hören wollten oder wir waren auch schon kommerziell, was auch immer das bedeutet. Das greift zu kurz, man muss das immer im Einzelnen untersuchen, mit wem ich was zusammen machen will. Da gibt es große Unterschiede. Ich kenne Leute, die machen Werbung für Mercedes-Benz und ich würde das nicht machen. Für mich sind es trotzdem Menschen, mit denen ich auch befreundet sein kann. Ich kann trotzdem deutlich sagen, mein Weg ist das nicht.

Beschreibt das auch das Verhältnis zwischen Euch und den Toten Hosen?

Schorsch: Das ist ein Beispiel, wenn auch ein sehr wiederholtes. Ich vertrete das, ich bin mit ihnen sehr gut befreundet. Künstlerisch sind wir sicherlich auseinander, aber das Dasein hat auch noch andere Parameter. Ich will Dir nicht beweisen, was da jetzt Korrektes drinsteckt, nur: vielleicht ist jemand, der eine Volksküche betreibt ein viel größeres Arschloch. Das ist eben alles andere als schwarz- weiß so ein Thema.

Die Toten Hosen unterstützen auch Organisationen, die ich wichtig finde. Die machen keine Werbung, also was soll’s?! Es ist kompliziert. Ich hatte heute erst, ich glaube es war die Welt in der Hand, dort wurde eine Platte von Rammstein als eines der wichtigsten Alben der vergangenen Dekade gelistet. Dort wo auf Platz eins Arctic Monkeys und auf Platz zwei The Streets sind. Dann weiß man gleichzeitig, dass bei Rammstein auch 2-3 Leute ziemlich okay sind und aus einem Umfeld kommen, was wir alle auch als unseres bezeichnen. Also ich halte Flake zum Beispiel für einen klasse Typen aus dem DDR-Underground. Rammstein selber sind natürlich zum Teil entsetzlich!

Dass die Welt Rammstein dort aufnimmt hat sicher auch etwas mit dem Kulturstandort Deutschland zu tun. Wahrscheinlich will die Welt auch eine bedeutende deutsche Rockband dabei haben, findet aber nichts anderes.

Schorsch: Da tauchen ja auch immer dieselben Namen auf. Da sagt man Kraftwerk, die Neubauten…

Mense: Für die Welt schreiben mittlerweile glaube ich auch linke Schreiber.

Schorsch: Das sowieso.

Mense: Dieses eindeutige Reden von Gegenkultur ist ja auch sehr schwierig. Viele Leute bedauern ja, dass es das nicht mehr so gibt. Ich finde das eigentlich nicht so schlimm, dass man nicht mehr in der alten BRD lebt, wo die Mauer noch steht. Wo es die eine Seite gab und wo es die andere Seite gab. Dass man sich nun überlegen muss, wie ist der Typ so drauf, mit dem ich mich gerade einlasse, was macht der so und wie bin ich selber drauf, wie kann man das abgleichen?

Schorsch: Die Frage der Konsequenz ist ja eine riesige. Die kann man sich auch bei Berthold Brecht ansehen, wenn man bei „Leben des Galilei“ nachschaut. Inwieweit stehe ich für das ein, was ich tue und das ist immer sehr schwammig. Wenn wir befragt werden, müssten wir ja in erster Linie darauf überprüft werden, was wir speziell raus bringen. Was wir für Themen haben, was wir damit behaupten, und die Verbindungen sind groß und sehr vielschichtig. Wir leben hier in der ersten Welt auf Kosten der dritten und so weiter. Was soll ich machen, wenn ich jetzt einen Tausender über hätte? Könnte ich den mit meiner Moralvorstellung nur anbringen, in dem ich Leute unterstütze?

Wie Adorno sagte: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“.

Schorsch: Genau, diese wunderbare These! Ich würde ja sogar sagen, dass es mittlerweile einen Schritt weitergeht: Man versucht, das ohnehin falsche Leben im sowieso Falschen möglichst richtig zu gestalten. Mehr ist ja gar nicht drin, wir wissen jetzt, dass es auf alle Fälle falsch ist.

Mense: Geil, Adorno upgedatet!

Nächste Frage, Ihr kommt ja aus Hamburg…

Schorsch: Keiner von uns kommt aus Hamburg. Aber ja, die Band ist da verortet.

Es gibt die klassische These in Bezug auf Punk, dass sich rechte Regierungen gut für Punk und linke Gegenbewegungen auswirken. Es werden immer Namen wie Thatcher, Kohl und Reagan genannt oder der Boom der „tollen“ Punkbands wie Anti-Flag unter George Bush Jr. In Hamburg gibt es nun im Senat schon seit 8 Jahren CDU mit wechselnden Koalitionspartner_innen…

Schorsch: Aber es gibt ja noch die Grünen! Es ist ja momentan wirklich eine schwarz-grüne Regierung, was erstmal seltsam genug ist. Aber da müsste man sich erstmal fragen, wie links denn die Grünen überhaupt sind, aber das ist auch schon wieder schwierig. Ein anderes Beispiel ist der ehemalige deutsche Innenminister Gerhard Baum, der sich mit am Stärksten gegen aktuelle Sicherheitsübertreibungen einsetzt.

Für mich ist er da einer der wichtigsten Leute überhaupt, er macht in Afrika sehr wichtige Politik und ist aber von der FDP! Per se könnte das der Feind sein, er ist aber ein sehr straighter Typ. Du meinst natürlich, dass wenn man eine starke Gegenposition hat, dass man sich dann auch am Besten als Opposition definieren kann. Ich weiß nicht, ob das unbedingt stimmt. In Hamburg hat es gerade spezielle Gründe, die natürlich auch mit der Veränderung der Stadt zu tun haben. Es steckt natürlich auch eine gewisse Wahrheit drin.

Mense: Ein Christdemokrat in den USA in den 80ern ist aber mit Sicherheit noch etwas anderes als ein Christdemokrat heute hier. Und während der SPD Zeit ist die Punkkultur in Hamburg speziell aufgeblüht.

Schorsch: Ja und die GAL damals war wirklich ziemlich radikal, sie waren stets auf der Hafenstraßenseite usw. Jetzt sind sie plötzlich dabei mit der CDU zu regieren. Das ist schon eine starke Wendung!

Meine Einschätzung ist, dass es unter dem Schwarz-Gelb-Schill-Senat definitiv ein Wiederaufleben gab, wie diese Riesendemos zu Bambule-Zeiten, aber danach hat sich alles gelegt und die Linke hat Territorium verloren. Regional gesehen die Schanze, das Karoviertel, St. Pauli-Süd wurden alle stärker eppendorfisiert.

Schorsch: Schill ist ja ein gutes Beispiel. Schill ist wirklich so eine Populistenreizfigur, bei der man gar nicht anders kann, als dagegen zu sein, und er hat so viele brutale Fehler gemacht. Da ist von Beust natürlich geschickter, der kapiert „Hey, die nehme ich doch alle mit ins Boot und dann nenne ich es mein eigenes!“. Also es gibt Zeiten in denen Du besonders autoritäre Gegnerschaften hast, dann hast Du es auch leichter mit Deiner Position. Klar, Punker sind so aufgewachsen, aber da gab es ja auch noch einen Franz Josef Strauß.

Habt ihr eine Idee, wieso es gerade in Hamburg so eine Bündelung von linkem Popdiskurs gibt? Es gibt ja nicht nur Euch, sondern auch Tocotronic, Bernadette la Hengst, Das Bierbeben…

Schorsch: Ja, das ist schon sehr lange so und sicher auch ein Magnet für alle die so etwas interessiert.

Es gibt eine starke Infrastruktur mit Übel und Gefährlich, den Golden Pudel Club, FSK (Freies SenderKombinat), ByteFM und vieles mehr.

Mense: Ich finde schon, dass es in Hamburg eine längere Geschichte gibt! Und dass Leute, die Musik machen, ein anderes Niveau haben, wie sie das reflektieren, was sie musikalisch tun, weil sie sich immer rechtfertigen müssen gegenüber anderen Standpunkten oder anderen Bands, die oft sehr nahe sind, weil die Szene in Hamburg dichter ist als in anderen Städten.

Schorsch: Du meinst also schon länger und nicht jetzt?

Schon länger und noch immer.

Schorsch: Tocotronic Dirk wohnt mittlerweile auch in Berlin, aber es hat seine Tradition.

Aber Du weißt auch nicht, woher das kommt?

Schorsch: Also Berlin war immer mehr Rock City. In den frühen Punktagen da gab es PVC oder Spliff. „Wall City Rock“ eben. Hamburg war immer aufgeladener, definierter, vielleicht auch mit mehr Haltung. Damals gab es schon Abwärts, die auch textlich noch eine sehr gute Band waren. Berlin war schon immer Rock’n’Rolliger würde ich sagen.

Wenn Berlin Rock’n’Roll war, was war dann Hamburg?

Schorsch: Eben inhaltlicher, denn dieses Rock’n’Roll Ding hat hier kaum jemand gelebt und wenn war es nur zum Verspotten. Vielleicht ist das auch in einer Wellenbewegung. Diese „Onkel Pö“ Geschichte, zwischen Otto und Udo Lindenberg, das war ja schon bodenständiger Rock. Hamburg war in der Punkszene zum Teil sehr proletarisch. Wie Slime, Razors, Buttocks, das gab es in Berlin nicht so. Dafür hat Berlin mit Françoise Cactus, Peaches, Gonzales eine internationalere Einflussnahme, die es in Hamburg nicht so gibt.

Ein anderes Thema, was in Hamburg derzeit heiß diskutiert wird, ist die Rote Flora. Kretschmer, der Besitzer, hat angekündigt, die Flora möglicherweise verkaufen zu wollen. Die Flora hat zurückpolemisiert und der Blätterwald raschelt. Was denkt Ihr zu der Kritik, die Kretschmer an der Flora äußert, also das die Flora kein Stadtteilzentrum ist und was denkt Ihr dazu, was die Flora darauf sagt, also dass Kretschmer nicht die Legitimität hat, das zu behaupten?

Mense: Ich habe vor einem Monat irgendwas über ihn gelesen, wo er sich noch sehr positiv gegenüber der Flora geäußert hat und alternative Lebensentwürfe bejaht hat.

Schorsch: Im Grunde genommen ist das die gleiche Strategie, so eine leichte Vereinnahmung. Der Mann ist Spekulant und wartet wahrscheinlich darauf, dass die Immobilie irgendwann mal frei wird. Klar will er die Leute da raus haben. Die Flora ist nach wie vor ein wirkliches Symbol in Hamburg. Es wird schwer die Leute raus zu werfen. Es gehört einfach dazu, dass es so ein paar Flecken gibt, die es zu verteidigen gibt, wenn es darauf ankommt.

Das lässt sich nicht räumen, denn dann hast Du eine größere Koalition, als man sich das erstmal vorstellt. Das sind ja nicht nur ein paar Floraaktivisten, eine breite Szene will auch solche Symbole in der Stadt behalten. Dann hält man die Schanze auch eher aus. Ich finde das auch kompliziert, ich kann es nicht allen verübeln, dass sie ihren Milchcafé auf der Piazza bestellen wollen. Die Flora muss es da aber unbedingter geben als so ein paar andere Läden.

Also hat die Flora in einer sich in den letzten Jahren stark verändernden Schanze immer noch ihre Existenzberechtigung, auch wenn sie nicht mehr diese starke soziale Einbettung in ihr Umfeld hat?

Schorsch: Das schwankt auch, es sind ja immer unterschiedliche Leute in der Flora aktiv. Das ist ein unbedingt wichtiges Symbol und die Flora hat ihre Bedeutung, ganz klar.

Mense: Die Flora hat, auch vom Zuspruch her, immer stärkere und schwächere Phasen, wie viele Leute dort politisch sowie musikalisch aktiv sind. Ich habe den Eindruck, dass es in den letzten Jahren wieder stärker geworden ist, nachdem es Anfang der 90er total wichtig war und dann irgendwann nicht mehr so.

Schorsch: Das ist zum Teil auch ein interner Prozess, was Leute machen, welche Interessen sie verfolgen, wie stark sie gerade sind, wer da neu reinkommt und manchmal wird es auch einfach langweilig. Andere wollen eher nur das Café betreiben. Die Flora ist aber kein Raum geworden, der vollkommen eingeschlafen ist. In Zürich gibt es die Rote Fabrik, das ist seit den 80er Jahren ein Symbol dort und es ist mein Gefühl, dass die Leute es zum Teil leicht genervt betreiben, weil das jetzt eine öffentliche Gastronomie ist, welche direkt am See ist und man macht das halt immer noch so als Job. Zum Teil spielen noch die Gruppen, die okay sind, aber es ist ein bisschen durchgesetzt alles. Das ist in der Flora nicht so, dass ist noch ein aktiverer Gegenpunkt. Ich habe gehört, dass so eine Aktivistengruppe die Rote Fabrik neulich in der Nacht weiß angestrichen hat, als eine Art protestierende Kunstaktion.

Die Rote Flora nimmt ja immer noch aktiv an der Hamburger Politik teil. Andererseits scheint es in gewissen popmusikalischen Kreisen schick zu sein mal in der Flora aufzutreten. In den letzten Jahren waren die Beginner oder Wir Sind Helden da. Die Flora scheint bis in den Mainstream etabliert zu sein.

Schorsch: Du hast wahrscheinlich recht, aber ich finde diese Unterstellung schwierig. Vielleicht sind Wir Sind Helden ja okay damit, wenn sie da mal spielen und nutzen das nicht unbedingt strategisch aus um ein Image zu haben.

Mense: Es ist bekannt, dass Leute natürlich die Rote Flora strategisch nutzen wollen, aber auch öfter damit scheitern, weil sie nicht dort spielen können.

Schorsch: Jan Delay macht eine Riesengrätsche, einerseits äußert er sich explizit politisch, andererseits spielt er auch mal für Coca Cola. Es ist schon komisch, dass er so weit auseinander gehen kann. Das ist für uns ein etwas zu großer Spagat würde ich sagen.

Auf dem selben Fusion Festival, auf dem Du auf der Bühne gesagt hast, dass Du extra Dein argentinisches Tangokleid angezogen hast, weil Argentinien gerade hoffentlich Deutschland aus der WM kickt, stand Jan Delay im Deutschlandtrikot auf der Bühne.

Schorsch: Das war eine schwache Provokation, Jan ist aber sicherlich kein Deutschnationaler. Aber das war wirklich dumm, das habe ich auch gesehen. Er hat sich da so blöd verrannt, weil er dachte, dass sei alle-sind-sonstwie-alternativ- und die sollen sich nicht so anstellen und deshalb ziehe ich mir jetzt provomäßig ein Deutschlandtrikot an. Kann man ja irgendwie auch gerade noch nachvollziehen, Sid Vicious hatte ja auch mal eine Hakenkreuzbinde um. Er war deshalb kein Nazi, er war einfach ein Idiot! Wahrscheinlich ist Jan an dem Abend auch ein Idiot gewesen, also mindestens an dem Abend.

Mir kam es so vor.

Mense: Könnt Ihr das bitte als Titel für das Interview nehmen?
***

Einleitung: Jan Tölva

Interview: Jan Tölva / Benjamin Schlüter

 

Gängeviertel: Viertel in Hamburg, in dem im August 2009 zwölf Häuser, die von ihrem Besitzer, einem niederländischen Investor, weitgehend abgerissen werden sollten, von Künstler_innen besetzt wurden. Diese wollten mit der Aktion gegen den Abriss protestieren und generell auf die Probleme der Gentrification und des Sterbens der Off-Kultur aufmerksam machen. Im Dezember 2009 lenkte der Hamburger Senat ein und sagte zu, den Verkauf der Häuser rückabzuwickeln. Schirmherr der Aktion war Daniel Richter.

 

Golden Pudel Club: Club an den Hamburger Elbterrassen nahe des Fischmarkts der früher als Treffpunkt der Hamburger Schule galt, heute jedoch vor allem eher elektronische Musik bietet. Hinter dem Club stehen unter anderem Rocko Schamoni und Schorsch Kamerun.

 

Ronald Schill: Rechtspopulistischer Politiker, der zwischen 2001 und 2003 Innensenator und zweiter Bürgermeister der Hansestadt Hamburg war, als seine Partei Rechtstaatliche Offensive nach einem Wahlergebnis von 19,4% zusammen mit CDU und FDP regierte. In seine Amtszeit fallen die Auseinandersetzungen um die Räumung des Wagenplatzes Bambule im Karoviertel ebenso wie massive Aufrüstungen des Hamburger Polizeiapparats. Sein größtes politisches Vermächtnis dürfte jedoch der Beginn der Umstellung auf blaue Polizeiuniformen sein. Weit stärker in Erinnerung bleiben werden aber sicher die zahlreichen Skandale rund um den ehemaligen „Richter Gnadenlos“.

 

Klausmartin Kretschmer: Hamburger Immobilieninvestor, der 2001 die Rote Flora für 380.000 DM weit unter Wert von der Stadt Hamburg erwarb und 2009 für Unruhe sorgte, als er laut über den Zustand der Roten Flora nachdachte, was von Politiker_innen und Medien der Stadt als Steilvorlage genutzt wurde, über eine mögliche Räumung derselben zu spekulieren.

 

Daniel Richter: Hamburger Maler und Künstler mit zahlreichen internationalen Ausstellungen. Richter war früher Manager der Goldenen Zitronen und ist heute neben seinem künstlerischen Schaffen Inhaber des Plattenlabels Buback und Professor für erweiterten malerischen Raum in Wien.

 

Park Fiction: Kunstprojekt in Hamburg, das sich auf die Theorien der Situationisten bezieht und sich mit Kunst im öffentlichen Raum beschäftigt. Bekanntestes Projekt, an dem Park Fiction beteiligt war ist der kollektiv gestaltete Antonipark mit Kunstpalmen und Blick auf die Elbe in direkter Nachbarschaft zum Golden Pudel Club, der 2005 eröffnet wurde. Teilweise wird auch der Antonipark selbst als Park Fiction bezeichnet.

 

GAL: Kurz für Grün-Alternative-Liste Hamburg. Die GAL ist eine aus einem Zusammenschluss von Grünen und Alternativer Liste hervorgegangene politische Gruppierung, die gleichzeitig als Hamburger Landesverband von Bündnis 90/Die Grünen fungiert und seit 1982 ununterbrochen in der Hamburger Bürgerschaft vertreten ist. Während die GAL bis Anfang der 1990er weit links einzuordnen war, änderte sich dies ab Mitte der 1990er und vor allem nach dem Austritt zahlreicher Linker nach dem grünen Ja zum Kosovokrieg und der Abspaltung der neu gegründeten Wählergemeinschaft Regenbogen – Für eine neue Linke zunehmend, so dass es 2008 in Hamburg zur bundesweit ersten schwarz-grünen Regierungskoalition auf Landesebene kommen konnte.

 

Argentinien vs. Deutschland bei der WM 2006: Viertelfinalspiel, ausgetragen im Olympiastadion Berlin. Nachdem Ayala nach Vorarbeit von Riquelme die Argentinier in der 49. Minute in Führung gebracht hatte, glich Klose zehn Minuten vor dem regulären Spielende nach Vorarbeit von Borowski aus. Die fällige Verlängerung verlief torlos. Das Elfmeterschießen gewann Deutschland dank zwei von Lehmann gehaltener Elfmeter mit 4:2, und Argentinien war – für viele Expert_innen nach einer starken Vorrunde überraschend – aus dem Turnier. Deutschland verlor im weiteren Verlauf des Turniers mit 0:2 nach Verlängerung gegen den späteren Turniersieger Italien sein Halbfinale und wurde nach einem ungefährdeten 3:1 gegen Portugal WM-Dritter. Das ganze Land versank in einem bis dato ungekannten schwarz-rot-goldenen Taumel aus Hurra-Patriotismus und ganz normalem Nationalismus, während die Medien von einem „Fußballmärchen“ sprachen.

 

New Labour: Kampfbegriff für die Umstrukturierung der Labour Party in Großbritannien durch ihren damaligen Vorsitzenden Tony Blair Anfang der 1990er. Die Labour Party wandte sich ab von sozialistischen Traditionen und gewerkschaftsnaher Politik hin zu einer neoliberale Züge tragenden Freien Marktwirtschaft. Nach diesen Umstrukturierungen gelang der Partei 1997 ein Sieg bei den Parlamentswahlen und mit Tony Blair wurde zum ersten Mal nach 18 Jahren konservativer Regierung ein nicht konservativer Politiker Premierminister des Landes.

 

Onkel Pö: Jazzclub im Hamburger Stadtteil Rotherbaum, der von 1970 bis 1985 bestand. Im Programm des Clubs fanden neben Dixieland und modernem Jazz auch Rock und Pop ihren Platz. Zu den bekanntesten Musiker_innen, die sich damals im Umfeld des Onkel Pö bewegten gehören Udo Lindenberg, Otto Waalkes und Inga Rumpf.

 

 

Links (2015):
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One comment

  1. Trust #144 | says:

    […] [Link zum Interview] […]

    Dezember 8th, 2015 at 7:31 pm

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