März 12th, 2007

DIE GOLDENEN ZITRONEN (# 90, 10-2001)

Posted in interview by andreas

Aua, au. Eine neue Goldene Zitronen-Platte, auf der kluge Musik und Texte voller Hysterie ein Tänzchen mit einander wagen. Sie tanzen auf dem „Platz der leeren Versprechungen“, suchen die „Party, die gerade nicht ist“ und treffen dabei auf ihre Sidekicks Wut, Ohnmacht und Revolution.

Zusammen ziehen sie durch saubere deutsche Städte in einem fauligen Staat. Wie die Bremer Stadtmusikanten. Sie finden einen, der mit der Luft schimpft. Eine, die ihnen ihren Sex ins Gesicht hält. Und drei Schwestern, die nur teilweise Rockstars sind.

***

Ihr greift auf „Schafott zum Fahrstuhl“ ein älteres Zitronenstück wieder auf: „Von den Schwierigkeiten, die Regierung stürzen zu wollen“, ursprünglich zu Zeiten vom „FuckYou“-Album um 1990 veröffentlicht. Warum ist jetzt die Zeit wieder reif dafür?

Schorsch: Weil es eigentlich immer die richtige Zeit ist, um die Regierung zu stürzen, oder? Und es war die ganze Strecke über richtig. Der Titel mit der „Schwierigkeit“ ist ja so etwas wie eine Interpretation, die besagt, dass man mit dieser Maximalforderung – also auch Köpfe kürzen und so – zur Zeit nicht weiterkommt.

Man kann das gar nicht einhalten und so viele Köpfe kürzen; so „ne Vorstellung ist vielleicht sogar ein bisschen kindlich, aber die Forderung selbst bleibt bestehen. Ausserdem wollten wir das Stück noch mal anders aufnehmen, glamrockiger.

Wie kam der Titel „Schafott zum Fahrstuhl“ zustande? Was für ein Bild schwebte euch dabei vor? Als Wortspiel wirkt das wie eine umgedrehte und entleerte Damenhandtasche: es entrümpelt den Begriff und dreht ihn auf links.

Ted: Das ist schön, das werd ich mir merken. Genau so soll es sein.

Schorsch: Die Idee dazu hatte Ted, glaube ich. Nee, Mense.

Mense: Das Bild dazu… hm, das war eher ein Gag. Als wir mit den Sessions für die Platte anfingen, hatten wir ein sehr düsteres Stück, das sehr nach Miles Davis klang, nach „Fahrstuhl zum Schafott“, getragen mit Piano, richtig Jazz. Im übungsraum haben wir es mit ironischem Unterton einfach „Fahrstuhl zum Schafott“ genannt und wollten den Titel eigentlich auch so beibehalten, aber dann…

Schorsch: Haben uns unsere Anwälte anders beraten, weil dieser Film und der Soundtrack ein etabliertes Label sind. Wir wollten einfach mal einen Titel, der nicht so festgelegt ist wie etwa „Das bisschen Totschlag“ oder „Deadschool Hamburg“ – die waren aus unserer Sicht nicht so gemeint, wie sie am Ende verstanden wurden. Also zum Beispiel als das Ende der Hamburger Schule – mit dem Begriff können wir eh nicht viel anfangen. Aber vielleicht waren wir auch ein bisschen naiv; denn so ein Name weist halt doch in eine Richtung.

Das Line Up der Zitronen verändert sich laufend; mindestens von Platte zu Platte. Im Nebenprojekt-Meteoritenhagel kreisen ständig andere im Orbit Schorsch Kamerun/Ted Gaier – und eine Auswahl der üblichen Verdächtigen taucht in immer neuen Konstellationen auf. Bei „Schafott zum Fahrstuhl“ sind es Enno Palluca und Stephan Rath, Thomas Wenzel (Die Sterne), Mense Reents (Stella, Egoexpress), Jens Rachut (Dackelblut), Peaches und die Schwestern Logan (Melissa L. ist sonst ein Chick On Speed), die beispringen. Elektroniker Hans Platzgumer nimmt zur Zeit die „Auslandsvertretung“ wahr – sprich: er ist auf Sabbatical. Ein Wechsel, der auch durch den Kollektivgedanken bedingt ist. Wie haben sich dadurch die Arbeitsbedingungen verändert?

Ted: Die Arbeitsbedingungen sind nach wie vor schlecht. Die Bezahlung ist miserabel. Die Nachtschichten werden nicht extra vergütet. Und die Reisen gehen mehr in so drittklassige Länder. Zum Beispiel nach Rumänien, da haben wir einen Teil der Platte aufgenommen, in Bukarest. Das war zwar nur so ein Gag, aber wir haben uns da ganz wohlgefühlt.

Warum ausgerechnet da?

Ted: Also, die Arbeitsbedingungen, wie schon gesagt.

Schorsch: Wir suchen schlechte Arbeitsbedingungen. Dabei haben wir im besten Studio von ganz Rumänien aufgenommen. Hat man uns jedenfalls gesagt.

Enno: Ursprünglich ging es aber auch um Geld, oder?

Ted: Nee, wir wussten von vornherein, dass es genau so teuer würde wie in Hamburg.

Enno: Wir wollten ein ganz traditionelles, akustisches, mit Neumann-Mikrophonen bestücktes Mittelklassestudio haben.

Schorsch: Und haben dann aber in Rumänien die totale Oberklasse abgegriffen. Wir wollten endlich mal ungestört im Studio sein, ohne dass uns was dazwischen kommt; in Hamburg funken oft unsere Nebenprojekte rein. Dazu waren verschiedene Orte im Gespräch, Norwegen, Chile, Tessin. Die haben wir uns aber nicht leisten können, während wir nach Rumänien freundschaftliche Beziehungen haben.

Als ihr die letzte Platte „Deadschool Hamburg“ über Cooking Vinyl rausgebracht habt, habt ihr euch davon auch einen besseren internationalen Vertrieb versprochen. Scheint aber nicht so toll geklappt zu haben. „Schafott zum Fahrstuhl“ erscheint nun bei Buback Tonträger (einer Gründung von Ted Gaier und dem ehemaligen Zitronen-Drummer Ale Sexfeind). Warum seid ihr weg vom Kochvinyl?

Schorsch: Da ging nicht viel. Wir hatten mit dem Label Cooking Vinyl Deutschland zu tun, die das auch angeschoben hatten. Das ist eine Abteilung von Public Propaganda, was so ziemlich der grösste Promotionbetrieb in Deutschland ist. Und da gab es nur eine Figur, die sich ein bisschen mit uns befasst hat.

Wir waren die einzige Band auf Cooking Vinyl Deutschland und sind wohl in deren Alltag untergegangen. Aus England kamen ab und zu Meldungen, ihr habt in Australien so und so viel verkauft, oder in Tschechien, Hongkong. Das ist ja gut und schön, aber wir hatten uns eigentlich erhofft, dass wir dann auch mal mit Labelmates von Cooking Vinyl auf Tour gehen können, aber die Engländer haben sich da nicht weiter gekümmert.

Zum Beispiel David Thomas oder Frank Black – das wären feine Paarungen gewesen.

Schorsch: Oder XTC. Die haben schöne Sachen auf dem Label. Ansonsten gab es mit ihnen keine grösseren Probleme, so vom Ablauf und Offiziellen her. Buback bot sich an, weil da die Leute sitzen, mit denen wir sowieso immer rumhängen. Zumal die es sich jetzt auch leisten können, mal eine Platte rauszubringen, die ökonomisch gesehen nicht so viel einbringt – dafür haben sie ja andere Leute, die Beginner zum Beispiel.

Im Vorstellen von Unsympathen, Kotzbrocken und faschistoiden Trinkhallenstehern in Jogginghosen sind die Goldenen Zitronen seit langem King. Dem Volk aufs Maul geschaut – da fällt so manches Essensbröckchen raus. Und Sprüche, die man ihren Klopfern wieder in die Fresse würgen möchte. Worin besteht der Reiz, in seinen Texten in eklige Rollen zu schlüpfen?

Ted: Weiss ich gar nicht – vielleicht ist das eine gute Möglichkeit, bestimmte Sachen deutlich zu machen. Das fing mit einem Stück wie „80 Millionen Hooligans“ an, wo es darum ging, eine politische Sache aufs Tableau zu bringen, ohne Parolen zu dreschen, und dazu bot sich eine Methode wie die von Degenhardt an, wo die stärksten Stücke genau auf diese Weise funktionieren. Aber das war eher intuitiv und hat sich so herausgebildet. Damit kann man mehr erreichen, als wenn man plakativ sagt, „die und die sind Schweine“.

Schorsch: Man hat es auch beim Singen leichter, wenn man in eine Rolle schlüpfen kann.

Ted: So entkommst du dieser Rockmühle, wo man so oder so singen und Rockstrukturen bedienen muss, die an der Melodie festgehakt sind. Dieses Stück „0:30 Uhr, gleiches Ambiente“ (auf „Economy Class“, 1996), das eine Art Hörspiel ist, ist theoretisch gesehen, vom Riff und vom Schlagzeug her, ein ganz konventionelles Rockding. Dass es in dem Sinne keinen Refrain oder Gesang gibt, erweitert die Sache. Aber vielleicht gibt es für diese Haltung auch psychoanalytische Gründe. Bestimmt.

Die gibt es ganz sicher. Und diese Texte schlagen auf Kerben ein, die eh schon völlig durch und wund sind. Da bemüht man sich, den ganzen Scheiss auf Armeslänge zu halten, und dann treibt einem die sperrige Momentaufnahmenlyrik der Zitronen die Zähne in die Tischplatte. Ich muss bei euren Texten immer schreien.

Schorsch: In welche Richtung, so „Ach du scheisse, ihr verdammten Schweine“?

Ted: Oder mehr so „Halt doch mal das Maul!?“

Nee, mir ist das oft zu nah; das sind Szenarien, wegen denen man eigentlich zur RAF stossen möchte, es am Ende aber noch nicht mal mehr vor die Tür packt. „Müde im Käfig aufwachen“, wie es bei Razzia heisst.

Ted: Wir sind gar nicht so richtig Razzia-geschult.

Ja, ich weiss, dass ihr keine grossen Razzia-Fans seid, aber die Poetik finde ich schon vergleichbar. Was jetzt als Kompliment gemeint ist, weil mir diese Band sauviel bedeutet! It hurts but it feels so good.

Ted: Eigentlich haben wir nie individuell psychologische Sachen, sondern nehmen eher einen soziologischen Blickwinkel ein. Es gibt ja durchaus Bands und Stücke, bei denen es fast intim wird und man involviert ist und leicht das Gefühl kriegt, das geht mir zu nah. Bei uns dreht es sich doch mehr um gesellschaftliche und tagespolitische Relevanz. Auf der anderen Seite stehen da wohl Blumfeld oder so.

Also Blumfeldtexte berühren mich jetzt nicht so.

Schorsch: Bist du nicht sensibel oder was?

Ich denke meist, ach Bub, das ist jetzt ja wirklich schlimm für dich, aber eigentlich klingt das alles arg nach…

Ted: Heulsuse.

Schorsch: Geht mir bei Blumfeldtexten tatsächlich auch manchmal so.

Das Cover ist in bewährter Collagenmanier mit wirren Bildern bestückt; absolute Renner in diesem Kaleidoskop sind „Killer Chicken“ und „Angst“-Bräu (oder was auch immer das ist). Erinnert an ein groteskes Plakat in Leipzig, das ich dort in schwarz-rot-gold für eine Imbissstube werben sah: „Bratwurst-und-mehr“. Die Texte sind ähnliche Irrsinns-Schnappschüsse. Haben Schorsch und Ted Notizblöcke in der Tasche, um so was festzuhalten?

Ted: Ganz verschieden. Bei dieser Platte stammen die Texte weitgehend von Schorsch und mir. Seit vier Platten haben wir mehr oder weniger einen Autor – das heisst, Musik und Texte eines Stücks macht ein und dieselbe Person. Und die Methode ist dann noch mal von Lied zu Lied verschieden. Bei „Flimmern“ zum Beispiel habe ich Zeitungsausschnitte gesammelt und die grosse Abrechnung am Schreibtisch gemacht. Bei „Die Axt“ ist mir der Text so zugefallen, und erst denkt man, daraus ist kein Stück zu machen, und dann klappt es aber doch. Oder wie ist das bei dir?

Schorsch: „Ich habe schon manchmal so Sätze – mir geht das oft so, dass ich über etwas stolpere, aus dem ich dann etwas mache. Auf der letzten Platte war das so bei „Einverstanden“ – da wusste ich, das stimmt einfach. Die Leute erkennen, wie beschissen es ihnen geht und was alles grausiges passiert, wählen es aber trotzdem, und sind – von aussen betrachtet – auch noch einverstanden mit ihrer grausigen Situation. Sonst würden sie sich ja anders verhalten. Das konnte ich zu einer Art Oberbegriff verdichten. Sammeln ist halt eine andere Methode.

Ted: Dann gibt es auch Texte wie „L`Avance du Millénaire“ auf der letzten oder „Fin du Millénaire“ auf der vorletzten Platte – diese Endlostexte, die der Versuch waren, die Welt und den ganzen Neoliberalismus, der am Ende des Jahrtausends herrschte, aus der Sicht der Zukunft zu erklären. Diese Texte wurden schnell viel zu sperrig und unfunktional. Wir mussten einfach im Stück irgendwann aufhören – der ganze Text ist zwar im Booklet abgedruckt, war aber nicht mehr auf die CD zu kriegen.

Den Kreis der ZuträgerInnen zieren diesmal auch die fulminante Peaches und Münchens best, Chicks on Speed –

Ted: Auf dieser CD sind das nicht die Chicks On Speed, sondern Melissa Logan von den Chicks und ihre echten Schwestern! Die haben andere Beruf als Rockstars. Eine ist Heilpraktikerin und Masseurin in Woodstock, die andere ist Stylistin in New York.

Ist aber auch irgendwie Rockumfeld. 🙂 Wie findet ihr, was Peaches sonst macht?

Ted: Ich finde das eigentlich super. Aber ich habe bemerkt, dass es stark auf den Kontext ankommt. Es kann ätzend wie bei „ner Peepshow oder ein richtig starkes Genderstatement sein; kommt darauf an, auf welcher Bühne und vor welchen Leuten sie steht. Ich habe eine Show im Schauspielhaus in Hamburg bei einem Pudelabend gesehen – die Bühne war wie ein Laufsteg, also von beiden Seiten einsehbar, und es waren komische Typen da, die sich aufgegeilt und eine eklige Unruhe reingebracht haben.

Später habe ich sie noch mal in Basel auf einer normalen Bühne erlebt, wo sie ihren kanadischen Schulkumpel Savvy dabei hatte, und da war es gleich etwas völlig anderes. Wenn zwei Frauen agieren, hat es leider automatisch was von Peepshow.

Mense: Also, ich habe sie zuvor in Göttingen gesehen, da war das total in Ordnung, weil sie von der Bühne herunter ganz offensiv agieren konnte. Es hängt vom Umfeld ab. Im Schauspielhaus war es wirklich scheisse.

Ted: Da werden Gender-Beziehungen theatral und stilisiert aufgeführt, auch gerade, wenn sie mit diesem Savvy auftritt. Zum Beispiel, wenn die so tun, als würden sie sich mit dem Mikro einen blasen.

Mense: Oder mit Gonzales, das war auch super.

Ted: Das hat etwas von Hyperrealismus im Film, sagen wir aus Frankreich oder auch bei den Dogma-Sachen, wo sämtliche Grenzen einer Konvention verschoben werden; man hantiert plötzlich mit einem Genre, das sonst nur in der Sexindustrie verwendet wird. Das ist dann wirklich Performancekunst. Kann aber auch nach hinten losgehen.

Auf „Schafott zum Fahrstuhl“ wirkt sie aber eher entschärft. Beziehungsweise verhalten, zurückgenommen, zynisch, leise.

Schorsch: Wieso?

Mense: Sie klingt einfach unheimlich jung.

Ted: Es ist nicht ihr Tempo, es ist nicht ihr Song, und es ist nicht ihre Tonlage.

Schorsch: Und es ist nicht ihr Text, denn der ist von mir.

Mense: Aber der passt schon zu ihr, der Text.

Der Pudelclub ist mittlerweile so was wie ein Synonym für den Hamburgklüngel. Jetzt auch exterritorial. Wie darf man sich das vorstellen, wenn der Pudelclub auf Tour geht??

Schorsch: Naja, das Pudelding hat den Vorteil, dass man mit immer wieder neuen Künstlern zusammenkommt. Denn auf Tour sitzt du ja jeden Tag mit den selben Vögeln im Bus und stehst mit ihnen auf der Bühne, und da war es ganz angenehm, stattdessen etwas mit lokalen Künstlern zu machen. Das habe ich ziemlich genossen. Ansonsten war das natürlich ein Unterhaltungsding.

Wie befruchtet das die Zitronen? Inspirationen durch neue Kontakte, beim Auflegen?

Schorsch: Also, keiner von uns legt da auf. Mense hat mal mit Egoexpress auf einer Veranstaltung gespielt; ich glaube, das ist gar nicht genau nachzuprüfen, wie unsere verschiedenen Aktivitäten in die Zitronen einfliessen. Ich habe in dem Rahmen die Sylvesterboy-Performance gemacht, aus der eine der Coverversionen auf dem Zitronen-Album stammt. Aber das gab es ja schon vor dem Pudel.

Ted: In gewisser Weise vermarktet der Pudel die Szene, die in diesem Dunstkreis entstanden ist, und er ist der etablierte Ort, aus dem sich dieser Zirkel gespeist hat. Ich bin damit gar nicht so d`accord, weil das zu einer Aufwertung führt, die ich nicht legitim finde. Wobei man zwischen dem Markenzeichen Pudel, dem Hipness-Faktor und dem Programm unterscheiden muss, das zum Teil immer noch gut ist.

Das ist alles so postmodern verwoben, dass es kaum noch aus einander zu klauben ist. Bei so integren Läden wie der Flora oder dem Exzess hier in Frankfurt ist das natürlich anders. Da konnte man vielleicht sagen, das sind lausige Hippies, die keinen Style haben; andererseits ermöglichen sie durch ihren radikalen Ansatz das Abbild einer anderen Vorstellung davon, wie Zusammenleben stattfinden kann. Ohne dass der Marktwert die Hauptrolle spielt.

Schorsch: Dass der Marktwert beim Pudel die Hauptrolle spielt, stimmt nun aber weiss Gott auch nicht! Im Zusammenspiel ergibt sich von allein, dass an diesem Ort mit seiner wirklich weichen Politik jeder kommen und auflegen und sein Ding machen kann. Er ist einfach ein Raum, den man nutzen kann.

Ted: Ja, aber da vermischen sich verschiedene Dimensionen. Man kann sagen, es ist ein Undergroundladen, in dem interessante Sachen laufen und ungewöhnliche Leute verkehren. Man kann wiederum sagen, damit bietet er den ganzen Werbefirmen in Hamburg, die dort ein- und ausgehen, eine Anregung als Hipness-Markenzeichen, und man kann auch sagen, es ist eine Kneipe wie jede andere mit einem Chef, der Bier bestellt und Leute einstellt und eine Idee von Kneipe verwirklicht, die ihm genehm ist. Und auch schon Leute rausgeekelt hat, die eine andere Vorstellung von Kneipemachen hatten. Das sind drei Ebenen, und man kann nun nicht sagen, der Pudel ist scheisse oder gut; aber ich kann mich jedenfalls nicht damit identifizieren.

Schorsch: Bestimmte Leute sehen das sicher so, wie du beschreibst, aber es gibt da auch eine Party-Ebene, auf der sich viele bewegen. Und die hinterfragen gar nicht so weit.

Ted: Nein, klar, wenn ich in eine Techno-Disco gehe, frage ich auch nicht zuerst, welche Politik der Chef intern mit seinen Angestellten fährt und wie devot er sie aussucht. Ich mag nur nicht, wenn über den Pudel geredet wird, als ob er intern organisatorisch links geführt würde. Natürlich wird dort linke Politik unterstützt, aber es ist ein ganz normaler Laden.

Mense: Das eigentliche „Pudelding“ findet doch viel mehr ausserhalb von Hamburg statt – wenn die Pudelveranstaltungen mit verschiedenen Leuten über die Bühne gehen. In Hamburg selbst passiert da gar nicht mehr viel.

Ted: Aber dann liest du einen Spexartikel, und da benutzen sie zur Beschreibung von etwas den Begriff „Pudel“, als wäre es eine Marke.

Schorsch: Das finde ich genauso ärgerlich wie Hamburger Schule.

Ihr habt für euch die Unkündbarkeit ausgerufen; wie war das noch gleich? Das klingt unermüdlich kämpferisch, aber ich glaube, es bezog sich darauf, dass die Goldenen Zitronen den Kollektivgedanken hochhalten, oder?

Schorsch: Die Idee war, man darf nicht kündigen, so halten wir das seit der Platte davor.

Ted: Es wird niemand rausgeworfen.

Und es gab keinen Augenblick, wo ihr gesagt hättet, ach nö, ist gut jetzt, wir ziehen uns zurück, ob jetzt aufs Altenteil oder in andere Projekte?

Ted: Das erzählen wir dir doch jetzt nicht…

Schorsch: Ach, kann man doch schon. Es gab zumindest nie einen Augenblick, wo wir alle zusammen gesessen und gesagt hätten, jetzt geht es nicht mehr.

Enno: Intern wird aber schon einiges in Frage gestellt, auch auf krasse Weise. Irgendwie geht es zwar immer weiter, aber darüber wird auch knallhart gestritten. Dann rennt man halt weg, weil man sauer ist oder keine Argumente mehr hat, aber am Ende muss man sich dem doch wieder stellen.

Schorsch: Wir sind ja auch nicht ganze Zeit Goldene Zitronen; in Wirklichkeit nimmt die Band gar nicht so viel Zeit in Anspruch. Diese Band ist einfach Teil von unserem Leben und eine wunderbare Möglichkeit sich auszudrücken. Eigentlich die beste. Ich denke schon, dass wir mit den Zitronen noch am ehesten unsere Inhalte rüberbringen können.

Was ich noch unbedingt loswerden muss, ist die Frage nach der beeindruckenden Modestrecke, die Schorsch und Rocko Schamoni im Intro bestritten haben: In Damenbadeanzügen, mit Tennisröckchen und auf dem Golfplatz in Girlie-Caddy-Schick. Mit Zigarren und Bierseideln als Accessoires. Habt ihr die Klamotten wenigstens als Honorar behalten dürfen?

Schorsch: Honorar? Keins, das war alles geliehenes Zeug. Als Intro angefragt hat, habe ich erst abgelehnt, aber dann haben wir uns überlegt, das mit den Frauenklamotten aufzuziehen, und ich bin nach wie vor total froh über diese Bilder. Die Frauensachen drehen das Modeding so ein bisschen um.

Gut, sie stellen es nicht wirklich in Frage, aber als Produkt passt das halt nicht: Ich gehe jetzt nicht in den Laden und kaufe mir einen Rock, weil Rocko so einen getragen hat. An einem unflexiblen Ort wie dem Intro kam das gerade recht; in einer Zeitung wie Max hätte es hingegen überhaupt nicht funktioniert.

Mense: Damals fing das mit den ganzen Modestrecken auch erst an; die Spex hat dann ja auch welche reingenommen.

Ted: Ich finde am köstlichsten, welche Typen die Ideen zu diesen Modestrecken haben. Graue Indiemenschen mit Saufnasen.

Schorsch: Nicht gerade die ästhetischen Vorreiter.

Zuletzt… was zur Hölle ist die Topforgel, die Mense und Ted laut Booklet spielen??

Schorsch: Endlich fragt mal jemand! Ted hat die erfunden.

Ted: Das sind verschiedene Töpfe und Deckel und Salatschüsseln…

***

Mit verschiedenen Tonalitäten, klar. Deren Klang und die Zahnschmerz-Botschaften der Goldenen Zitronen sind zu hören auf „Schafott zum Fahrstuhl“. Enjoy.

Interview: Melanie Aschenbrenner

Discographie
Doris ist in der Gang (EP)
Am Tag als Thomas Anders starb (7″)
Porsche, Genscher, Hallo HSV (LP)
Das ist Rock – live in Japan (MLP)
Kampfstern Mallorca dockt an (LP/CD)
1990 Fuck You (LP/CD)
Alles was ich will (ist nur die Regierung stürzen) (7″)
Punkrock (LP/CD)
80.000.000 Hooligans (12″/MCD)
Das bisschen Totschlag (LP/CD)
1996 Economy Class (LP/CD)
Deadschool Hamburg (LP/CD)
Weil wir einverstanden sind (Remixe, 12″)
2001 Schafott zum Fahrstuhl

Links (2015):
Wikipedia
Homepage
Discogs

 

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