Juli 13th, 2016

DIE FORM (#57/04, 1996)

Posted in interview by Jan

Verriegelt Türen und Fenster! Versteckt eure Frauen und Töchter! (Die Männer und Söhne am besten auch.) Die S/M-Bizarr-Sex-Chefband aus France ist in unserem verschlafenen Heimatstädtchen zu Gast. Ein Grund, hinzugehen, zumal sie nicht bloß durch fotografische sondern auch durch musikalische Qualitäten aufzufallen wissen, im Unterschied zu manchen anderen Combos in diesem Genre, die es nur mit Optik versuchen.

Und dann muß ich natürlich versuchen, ein paar Worte mit ihnen zu wechseln. Auf eigenes Risiko, man weiß ja nicht, was die da mit einem ma-chen…unversehens…Quatsch! Völlig nette Leute, obwohl sie nach einem Gig mit harten Bandagen abgekämpft, müde und hungrig im Backstageraum hingen, waren sie gerne bereit, über zwei Sprachbarrieren hinweg (in gebrochenem Englisch. Sie können kein Deutsch und ich kann kein, äh, ich meine, ich spreche nicht französisch…) und gegen den Lärm der Hintergrundbeschallung ein kurzes Gespräch über die Liebe zu führen. Philippe F. spricht und Eliane P. souffliert. Voila!

…ich hatte in letzter Zeit fast eure Spur verloren. Ich hatte vor längerer Zeit euer „Confessions“-Album bekommen, das ich sehr Klasse fand, und war dann ein klein wenig enttäuscht über die „Rose Au Coeur Violet“, die mir relativ „soft“ vorkam. Umso mehr hab‘ ich mich über die Songs heute gefreut, die relativ heftig und massiv klangen. Sind die Sachen, die ihr hier heute gespielt habt, von der neuen Platte?

Ja.

Ich fand, es war ein tolles Konzert!

Naja, wir hatten viele Probleme mit der technischen Installation, also war es alles nicht perfekt. Und die Bühne ist auch etwas zu niedrig, also konnten die Zuschauer die Show nicht richtig sehen.

Was mich schon lange interessiert: Ihr macht sowohl Platten als auch diese ausgefeilten Shows – geht ‚Die Form‘ für euch mehr in Richtung Musik oder eher in Richtung Performance?

Es geht zuallererst um die Musik. Alles andere ist zur Unterstützung da. Es ist ein Gesamtkonzept. Also kann man es auch nicht voneinander trennen. Fotos, Filme, Performances, es ist eine starke Einheit. Aber der Motor des Ganzen ist auf jeden Fall die Musik.

Was denkt ihr über Bands wie zB Sleep Chamber? (Die fahren sehr eindeutig und platt die Porno-Schiene)

Wir waren vor ein paar Jahren in Kontakt, aber inzwischen sind wir immer isolierter, wir arbeiten uns mehr und mehr in die Tiefe unseres Themas. Ich denke, es gibt inzwischen viel zu viele Gruppen und TV-Shows mit dem Thema Sex und Sadomasochismus. Also konzentrieren wir uns immer mehr auf die Emotionen, die dunklen Seiten von Sex, und bewegen uns immer weiter weg von dieser S/M-Show-Geschichte. Wir beschäftigen uns jetzt schon seit 17 Jahren damit, also mußten wir uns auch immer weiterentwickeln. Wir wollten nicht immer dieselbe Show zeigen und nicht wie so viele Andere ganz einfach und billig mit Sex arbeiten.

Was tut ihr dann, um klar zu zeigen, daß ihr nicht an der Oberfläche, sondern an tieferen Dingen interessiert seid, und wie wollt ihr euch von den Bands abgrenzen, die einfach und plakativ Sex, im Sinn von Pornografie, zeigen?

Ich denke, die Musik, die Kompositionen sind anders, auch unsere Videos sind nicht einfach pornografisch, sondern immer etwas fremdartig, von Träumen inspiriert. Wir haben jetzt auch eine Tänzerin dabei, die vom japanischen Tanztheater inspiriert ist, das ist zum Beispiel eine neue Seite unserer Arbeit. Es gibt da so eine Art Aufteilung in der Band, ich bin das Dunkle, während Eliane’s Stimme das helle, lichte verkörpert, und das Mädchen, das die japanischen Tänze einbringt, oszilliert sozusagen zwischen Dunkelheit und Licht, das ist, denke ich, eine spannungsvolle Konstruktion. Das bringt Sex in ein anderes Erscheinungsbild, nicht bloß Latex und Fetischmode. Was wir machen, hat nichts mit Mode zu tun, es geht uns um die Tiefe und Fremdartigkeit.

Vielleicht hat ‚Die Form‘ ja tatsächlich Impulse für diese jetzt existierende Mode gegeben? Vielleicht habt ihr diese Mode auch begründet?

Das wohl nicht, aber es gibt uns eben schon sehr lange, daher…

Was hat euch überhaupt veranlaßt, diesen Weg einzuschlagen, euch so direkt mit Sex und seinen dunklen Seiten zu beschäftigen?

Das ist einfach ein grundlegendes Thema vom Beginn der Zeiten an, für jeden ist es eine stete Quelle von Anregungen, Sex und Tod, Eros und Thanatos, zwei sehr engverwandte Dinge, wir müssen einfach immer tiefer in dieses Thema eindringen. So auch für uns, und dies hier ist das Produkt unserer eigenen Forschung und Reflektion. Aber es gibt keine ‚Message‘ in unserer Arbeit, auch wenn das manche Leute nicht mögen. Es ist sowas wie ein Puzzle mit vielen Elementen, Musik, Texte, Bilder, Shows, und du mußt es selbst zusammensetzen, wir wollen der Öffentlichkeit nichts aufdrängen, nur zur Verfügung stellen. Ich möchte z.B. Frauen nicht als Sklavinnen darstellen.

Du sagtest, ihr wärt inzwischen immer isolierter. Ist das so, weil mittlerweile so viele Bands in diesem Genre arbeiten?

Wir brauchen diese Abgeschiedenheit, weil wir andauernd arbeiten, an der Musik, den Filmen etc, und weil wir uns schon derartig lange damit beschäftigen, müssen wir immer intensiver darüber nachdenken, also brauchen wir die Ungestörtheit. Wenn du ständig unter Leuten bist, Filme siehst, Musik hörst, hast du zuviele Einflüsse – die dich von deiner Sache abhalten können.

Also werdet ihr auch nicht in diese Remix-Mode einsteigen, die grade läuft, jeder remixt jeden?

Wir haben einfach nicht die Zeit dazu. Viel-leicht in Zukunft, wir sind für alles offen, es hängt ab von der Zeit und von den Gelegenheiten, die sich ergeben.

Also frißt die Band eure gesamte Zeit auf?

Genau.

Das ist doch eigentlich super.

Zum Teil ist es die Musik, zum Teil sind es die Filme, ich habe gerade ein Buch mit meinen Fotografien herausgebracht, wir arbeiten gerade an einer Menge neuer Videos…

Und woher kommt eigentlich der Name, ‚Die Form‘?

Das war eine Überschrift zu einem Artikel über das Bauhaus, den ich vor langer Zeit gelesen hatte.

O.K. Vielen Dank für das Interview.

 

Länger wollte und konnte ich das Gespräch nicht ausdehnen da die Armen immer noch hungriger, müder und blasser aussahen. ( Untergrund-Journalisten dürfen ja schließlich noch Gewissensentscheidungen fällen!) Tatsächlich haben sie eine ganze Platte, die ‚rose au coeur violet‘, dem Bauhaus-Mythos gewidmet. Und es war schön zu sehen, wie ernsthaft und angestrengt diese Künstler, anders kann man sie wohl nicht nennen (RocknRoller sind’s jedenfalls keine) ihre Arbeit verfolgen. Und von dieser Arbeit ist in Deutschland über Hyperium/RTD erhältlich: ‚tears of eros‘, ‚ad infinitum, ‚rose au coeur violet‘, silent order‘, suspiria de profundis‘, und die neue ‚ l:ame electrique‘ .

Interview: Fritz Effenberger

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