März 17th, 2007

DESCENDENTS (#63, 04-1997)

Posted in interview by andreas

Laut einem Gespräch, dass ein Kumpel mit der T-Shirt-Verkäuferin von den Descendents in Nürnberg hatte, haben einige der Zuschauer in Hamburg geweint, so glücklich waren sie, diese Band live sehen zu dürfen. Ich weiss nicht, ob da irgendwas dran ist, aber die Geschichte gefällt mir, weil es hier nicht um ein Interview mit Band XYZ geht, sondern um die Erfinder dessen, was man Melodycore nennt.

Die Vorstellung, das auf Konzerten die „Punks Over 30“ reihenweise schluchzend in Ohnmacht fallen und wie auf jedem guten Kelly Family Gig von den Rot Kreuz Mannschaften ins nächste Bierzelt gebracht werden um ihnen die Pils-Infusion zu legen, gefällt mir.

Pathos! In Frankfurt war das Konzert so ziemlich die Hölle, im positiven Sinne. Es wurde gepogt wie verrückt und sogar so Altpunker wie Herr Röhnert liesen sich dazu hinreissen, von der Bühne zu springen (ja schon (auau), aber das war bei Steakknife! Daniel). Vorher hatte ich Gelegenheit mit Sänger und Mikrobiologe Milo und mit Schlagzeuger Bill Stevenson zu sprechen.

***

Ich werde die übliche Anfangsfrage gleich überspringen……

Milo: Um die Welt zu retten! Deswegen machen wir es! Das ist die Antwort auf die übliche Frage, oder meine ich eine ganz andere Frage als du?

Ich wollte eigentlich auf das; warum ihr das jetzt wieder macht, gar nicht zu sprechen kommen, das wird in zehntausend anderen Heften schon stehen, sondern wollte wissen, wie es mit deiner akademischen Karriere aussieht. Du hattest ja die Band zum ersten Mal verlassen um Mikrobiologie zu studieren, beim zweiten Mal ging es darum zu promovieren, was du ja jetzt auch geschafft hast. Du sollst in deinem Fachgebiet auch recht gut sein….

Milo: Ja, das mag sein, das Problem ist nur, dass ich nicht besonders viel Spass hatte. Ich hatte mich in die Situation gebracht, in der meine Arbeit sehr frustrierend war. Die Tatsache, dass ich zurück zur Musik gekommen bin, hat viel damit zu tun, dass ich wieder Spass haben wollte. Ich war sicher kein Versager in der Wissenschaft, aber es befriedigte mich nicht völlig.

Gab es jemals den Punkt, an dem deine akademischen Leistungen dir einen grösseren Kick gaben, als vor hunderten von kreischenden Mädchen zu singen?

Milo: Ich habe warscheinlich immer mehr aus den akademischen Leistungen für mich herausgeholt, als aus irgendwelchen schreienden Mädchen. Das liegt aber daran, wie ich erzogen worden bin. Ich bin in einem sehr akademischen Umfeld aufgewachsen und nicht in einem Rock-n-Roll Umfeld. Deswegen fühle ich mich auch in einem akademischen Kreis viel wohler, als auf einer Bühne vor einem Publikum. Aber nach der Promotion ist es so, dass die schulischen „Belohnungen“ wegfallen, man forscht, steckt seinen Kopf in ein Mikroskop und merkt, dass immer weniger Bestätigung kommt. An dem Punkt kommt die Frage auf, warum mache ich das überhaupt? Befriedigt mich das hier wirklich, oder verrenne ich mich nur in etwas?

Aber ist das nicht das gleiche, ob ich jetzt hier etwas über eure Musik schreibe, oder irgendjemand etwas in einer wissenschaftlichen Zeitung über deine Forschung schreibt, bzw. du selber ein Essay veröffentlichst?

Milo: Überhaupt nicht, wenn in einem Fanzine etwas über uns steht, dann ist das von irgendeinem Journalisten und ich habe keinerlei Möglichkeit, das, was er schreibt, zu beeinflussen. Wenn ich in einem Fachblatt ein Essay veröffentliche, habe ich die komplette Kontrolle über das, was veröffentlicht wird.

Bill: Aber bei beiden dieser Beispiele geht es um die persönliche Befriedigung. Es sind beides kleine Nebensachen, die nichts mit der Befriedigung zu tun haben, die du verspürst, wenn man etwas erreicht hat. Du weisst, was du erreichen wolltest, da ist die Reaktion von aussen nebensächlich.

Milo: Genau, es gibt so etwas wie den Kick des Entdeckens. Es gibt diesen Kick in der Musik und in der Wissenschaft. Deswegen machen wir Musik, dewegen habe ich mich überhaupt für Biologie interressiert. Du machst einen neuen Song und denkst dir, Wow, das ist der beste Song, den ich je geschrieben habe, du spielst ein Konzert und denkst dir, Wow der Song hat reingehauen, wie verrückt. Dafür lebst du. In der Wissenschaft machst du eine Entdeckung, und die ist dann toll. Alles andere ist der Scheiss durch den du durch musst, um etwas zu schaffen.

Ihr bekommt ja von der Presse, also auch von mir, den Status einer Kultband zugeschrieben, bzw. ihr seid sowas wie die „Godfathers Of Melodycore“. Wie beurteilt ihr eure Musik, ist sie „wertvoll“?

Milo: Ich bin glücklich, dass wir für andere Bands wichtig sein können, als Einfluss gelten, nur wir haben unsere eigenen musikalischen Einflüsse. Das ist aber die Natur des Rock-n-Roll, dass du alle Bands nimmst, die du liebst und bewunderst und dies dann in der Musik verarbeitest, die du dann selbst machst. Du willst natürlich immer etwas neues machen, aber egal wie neu es ist, die Basis fast aller Rock-Songs werden immer die bekannten drei Akkorde sein. Die Einflüsse werden aber trotzdem immer da sein.

Aber ist es nicht komisch, dass im Vergleich zu den ganzen Bands, die heutzutage so klingen wie ihr, ihr doch ganz andere Einflüsse hattet, die Beatles, oder die Kinks waren……

Bill: Der Unterschied zwischen uns und z.B. Green Day ist, dass kein Mensch die Bands, die uns geprägt haben kennt. Deswegen merkt es keiner. Keiner beschuldigt uns THE LAST zu kopieren, oder die ALLEYCATS, weil keiner diese Bands kennt. Die Leute kennen Black Flag, wissen das die uns geprägt haben, nur der prozentuale Anteil der Prägung ist bei Black Flag kleiner. Wir haben genauso viel von THE LAST in unserer Musik, wie Green Day Elemente von uns in ihrer Musik haben, wahrscheinlich sogar mehr, nur weil niemand davon weiss, werden wir vergöttert.

Milo: Alle denken wir sind so originell, dabei stimmt das gar nicht….

Bill: Genau! Ich meine, wir haben bestimmt unseren besonderen Sound zu der Musik gemischt und wollten auch etwas neues machen, trotzdem ist es das Ergebnis der Musik, die uns begeisterte, als wir 14 waren.

Ich hätte jetzt nicht gedacht, das die alten Dangerhouse Sachen für euch so wichtig gewesen sind, ich dachte eher an die Beatles, so die Platten, die man sich damals von seinem ersten Taschengeld gekauft hat ….

Bill: Natürlich hast du da auch recht, wir wurden schon geprägt von Sachen wie den Beach Boys, oder von diesem Song „Ruby“ von Kenny Rogers, aber das war mehr auf einem unterbewussten Level. Der wirkliche Einfluss, war aber eine Band zu sehen und sich zu sagen, hey, das können wir auch machen, lasst uns versuchen eine Band zu gründen. Das ist ein ernsthafter Einfluss, The Last haben uns dazu gebracht überhaupt anzufangen.

Milo: Nur muss man natürlich zugeben, dass The Last sehr von den Beatles beeinflusst waren, also schliesst sich hier der Kreis doch.

Hattet ihr Befürchtungen, das euere Reunion genauso katastrophal verläuft, wie die von den Circle Jerks?

Bill: Nein, weil wir es nicht als eine Reunion sehen. Wir haben immer Musik gemacht, 3/4 der Band zumindestens. Die Descendent waren immer die Band, in der Milo kam und ging. Jetzt ist er zum dritten Male zurück. Wir haben die ganze Zeit als ALL weitergemacht. Die Tatsache, dass er jetzt wieder dabei ist, ist für uns sehr natürlich. Die Band von der du gerade sprachst, ist ein Haufen alter Männer, die sich nicht mal mehr mögen, die haben dann natürlich Probleme zurechtzukommen, als Band. Bei uns ist das etwas ganz anderes, weil wir nie aufgehört haben, Milo nur Pausen gemacht hat. Im Moment gibt es uns zweimal, wir spielen als Descendents, aber auch noch als All mit Chad am Mikro.

Ich habe gelesen, dass sich „Pummel“, die letzte All-Platte, die ja bei einem Major rauskam, so schlecht verkauft hat, dass ihr von Interscope fallen gelassen worden seit. Ich dachte nach diesem Rückschlag kamen dann die überlegungen mit den Descendents wieder weiterzumachen….

Bill: Nein, Nein, so war das nun wirklich nicht. Alles was du da gerade erzählst, hat mit Business zu tun und mit geschäftlichen Aspekten. Nur wir handeln nicht nach solchen Aspekten. Wir könnten alle für den Rest unseres Lebens von den Tantiemen unserer Platten leben. Verstehst Du, es geht uns um die Musik! Milo hatte neun neue Songs, wir wollten wieder zusammen spielen, also haben wir es gemacht, denn wir wussten, dass es einen Heiden Spass machen wird. Milo ist mein bester Freund seitdem ich ein kleines Kind bin. Da es ALL noch mit Chad gibt, war es klar, die Band mit Milo Descendents zu nennen.

Nur noch etwas zu All und Interscope. Wir wurden nicht fallen gelassen, sondern sind gegangen, einfach weil Interscope es nicht geschafft hat mit der Platte etwas zu machen. Es geht mir nur darum, dass niemand denken soll wir wurden rausgeworfen! Wir hatten einen Vertrag für eine Platte! Sie haben uns dafür eine Million Dollar gegeben, haben es aber nicht geschafft, die Platte richtig zu bewerben, und zu vertreiben. Wir haben Interscope verlassen, mit der Million und vor allem mit „Pummel“, die Platte gehört uns! Brett wird sie warscheinlich noch einmal rausbringen.

Gab es überlegungen Frank Navetta und Tony Lombardo mitmachen zulassen, als Vollmitglieder von den Descendents?

Bill: Nein, sie haben beide die Band vor langer Zeil verlassen aus ihren jeweils persönlichen Gründen, sie vertragen sich auch nicht mehr untereinander. Das Line-Up, Ich, Milo, Frank und Tony könnten nicht in einem Van auf Tour gehen, keine Chance. Das was wir heute hier haben ist die Besetzung, die die meisten Platten, die meisten Tourneen etc. gemacht haben. Du hast vorhin gesagt, das wir eine so „bahnbrechende“, wichtige Band sind, und ein Grund dafür ist, dass wir nie aufgehört haben. Tony und Frank sind einfach gute Freunde, wir haben sie eingeladen mit uns ein Wochenende zu spielen, das war auch klasse. Danach ist Frank sogar wieder nach Kalifornien gezogen und hat ein halbes Jahr bei mir gewohnt, damit wir zusammen fischen gehen können. Wir sind schon eine Familie.

Einer vom Trust hatte euch gestern schon gesehen und sagte mir vorhin am Telefon, dass ihr zwar die Songs sehr gut gespielt habt, es aber keinerlei Verspieler gab, keine Ansagen, das ganze eine zu perfekte, sterile Rock-Show war.

Bill: Also ich weiss nicht, Verspieler gab es genug, eher zuviel, eine Bassseite ging kaputt und ich bin von der Bühne gefallen und habe mir das Handgelenk verstaucht. Also wenn er das steril fand, dann liegt das an seiner Auffassung, wie eine Punk-Show zu wirken hat. Es gibt so einige Klischees die viele für einen Teil einer Punk-Show halten. Die Gitarre muss verstimmt sein, jemand macht auf der Bühne sein Instrument kaputt, das Mikro funktioniert nicht, der Sänger beschimpft das Publikum, und im Saal gibt es eine Prügelei.

Das ist aber so ein blödes „Sex Pistols-Punk-Ding“, da waren wir nie ein Teil von. Wir spielen einfach nur unsere Songs. Ich kann schon verstehen, was dein Kumpel meint, denn es gab gestern nur unsere Songs, keine grossen überraschungen, oder Improvisationen.

Milo: Ich habe auch keinen Stagedive gemacht, aber auch nur weil mein Knöchel verstaucht ist, normalerweise springe ich ins Publikum, bin also doch Punkrock! Ha, ha….

Ihr habt auch ein paar All-Songs gespielt…

Milo: Oh ja, wir spielen alles, was uns gefällt, wir sehen alle All-Songs als Teil unseres Repertoires. Wir spielen so drei bis vier Songs von All.

Sind die Songs auf „Everything Sucks“ alle neu, oder sind auch welche dabei, die ihr schon vor Jahren geschrieben habt?

Milo: „Eunuch Boy“ ist richtig alt, ansonsten sind alle neu.

Nachdem es euch jetzt wieder gibt, bleiben immer weniger Bands übrig, bei denen es sich noch lohnen würde, und just vorgestern habe ich in der „Klasch und Tratsch-Spalte“ eines Magazins gelesen, dass sich Black Flag mit Dez Cadena als Sänger wieder zusammen tun wollen. Mit dir als Schlagzeuger, oder ist das eine Zeitungsente?

Bill: Also ich weiss davon nichts! Die Sache mit Black Flag war, dass zu dem Zeitpunkt, als sie sich auflösten, in der Band sehr viel Streit, zum Teil auch Hass, zwischen den einzelnen Mitgliedern bestand. Das ist eine ganz andere Schiene, wie bei uns, wir waren immer sehr gute Freunde. Also ich weiss davon nichts, es wäre aber für mich ein lächerliches Konzept. Ich würde auch gar nicht Schlagzeug spielen wollen, weil es für mich keinen logischen Grund gäbe da mitzumachen.

Wie negativ waren die Reaktionen von Fanzines, Punks im allgemeinen, auf die Tatsache, dass es euch wieder gibt, ihr jetzt auf Epitaph seid und jetzt „richtig Kohle“ macht?

Bill: Also ich glaube speziell in Europa ist es den Leute weniger bewusst, wie wir als Band immer verwoben waren. Der Schritt wieder als Band zu arbeiten, war ein natürlicher, logischer Schritt. Dies ist keine Reunion, wir machen das ohne Unterbrechung seit 18 Jahren. Wir gewinnen nichts damit, das Milo wieder bei uns singt, Milo hat seinen Spass, und genau dieser Spass ist der Gewinn. In den Staaten wissen das die Leute, deswegen wundert sich niemand so richtig. Milo hat auf All Platten gesungen und Songs geschrieben. Hier denken alle nur wir sind eine Kalifornische Punkband die nach Jahren wieder etwas versucht.

Aber auch in den Staaten war der Trubel um euch sehr gross., Ihr habt sieben Tage nacheinander in L.A. in Whisky gespielt, und alle Konzerte waren ausverkauft. Soviel Beachtung hat All doch nie bekommen.

Bill: Ja das stimmt, aber wir haben uns dieses Publikum in der langen Zeitaufgebaut. 1985 haben wir die Hälfte unserer Konzerte vor 50 Leuten gemacht. Natürlich hat der momentane Punk-Boom uns geholfen…..

Wie sehen denn die Konzerte heute aus? Wieviel Prozent Alt-Punks und wieviel Kiddies gehen 1996 zu den Descendents?

Bill: Da gab es die Konzerte vor der LP, da waren viele, die All schon gesehen hatten, zum Teil auch damals die Descendents, manche hatten sich auch schon gänzlich von der Szene verabschiedet und wollten nur mal so schauen was wir jetzt machen. Nachdem die Platte draussen war, änderte sich das so, das wir nicht mehr eine alte Band mit einer Platte waren, sondern auf einmal eine neue Band mit einer Platte waren und die Kids unsere Platte toll fanden. Jetzt sind es mehr neue Leute und weit weniger Ex-Punks.

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Text & Interview: Al Schulha

Links (2015):
Wikipedia
Homepage
Discogs

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