April 7th, 2014

Das Geschäft mit der Musik – Ein Insiderbericht, Berthold Seliger

Posted in bücher by Dolf

Edition Tiamat, Grimmstrasse 26 , 10967 Berlin, http://www.edition-tiamat.de

DasGeschäftmitderMusikErfrischend, der Autor sagt wie es ist bzw. wie es schon lange läuft in dem „Musikbusiness“. Es geht nicht um Musik oder gar Kunst oder Kultur, sondern ums Geld verdienen.

Das ist für den aufgeklärten Musikhörer nichts Neues und den hirnlosen Konsumenten von „Mainstream-Pop“ interessiert es leider sowieso nicht. Somit wird das Buch jene, die es am dringensten benötigen würden, auch nicht erreichen – was abzusehen war. Dennoch lohnt sich das Lesen der verschiedenen Kapitel, weil der Konzertveranstalter Seliger sehr kompetent die ganze Scheiße so darstellt, wie sie eben ist: Scheiße.

Nach dem Intro geht es gleich los, zuerst bekommt die Live-Industrie ihr Fett ab. Gierige und arrogante Agenten werden heftig und zurecht kritisiert, das Riesengeschäft mit dem Ticketing wird nochmal erklärt und durchleuchtet und man kann mal wieder erkennen, wie groß das Geschäft ist und wie wenige Drahtzieher es hinter den Kulissen gibt (von den sogenannten Refundierung-Deals, wo an der Band vorbei nochmal extra verdient wird und welche in der Branche des Autors mittlerweile Usus sind, erfährt man leider nichts….).

Weiter mit der Tonträgerindustrie, die den digitalen Wandel völlig verschlafen hatte, Geschäftsmodelle werden vorgestellt, blöde Indies werden ins Spiel gebracht und zurecht auch in die Mangel genommen. Und so geht es weiter, Copyright, Gema, Sponsoring, Musikjournalismus und zuguterletzt die Politik. Berthold Seliger hat zu all diesen Bereichen Gutes, Wichtiges und Richtiges zu sagen.

Man erhält gebündelt nochmal all die Argumente, gut recherchiert, warum man mit dem ganzen Scheiß letztendlich nichts zu tun haben will. Detailreich beschreibt Seliger was da für eine Suppe kocht und nach dem Lesen will man von der sowieso nicht mehr kosten. Klasse! Ich könnte bestimmt 80% von dem, was da drin steht, unterschreiben. Noch dazu kommen dann ein paar generelle gesellschaftskritische Gedanken, die auch berechtig sind. Also alles gut?

Nicht ganz….. Während es Seliger immerhin noch schafft, einmal die Band Fugazi und ihren damaligen Kampf gegen Ticketmaster lobend zu erwähnen, schafft er es auch auf den gut 300 Seiten praktisch, die komplette Punk/Hardcore/DIY-Szene zu ignorieren. Das ist insbesondere ärgerlich, wenn er auf dem deutschen Musikblätterwald – zurecht – rumhackt (Kopplungsgeschäfte usw.), dabei aber einfach unerwähnt lässt, dass es eben auch Alternativen gibt.

Gleiches gilt für das Netzwerk, welches in den frühern Achtzigern entstand und unabhängig von den ganzen „Agenten und Agenturen“ vielen Bands ermöglichte, durch ganz Europa zu touren. Kein Wort. Gut, nicht jeder soll oder muss sich für diese Szene interessieren, aber Seliger ist ja kein fachfremder Kirmestechnoveranstalter, er arbeitet mit mehreren Protopunkmusikern….

Warum der Autor eine Alternative zu dem von ihm beschriebenen Kulturbusiness völlig außen vor läßt ist ein Rätsel (kein Wort über The Ex?) und hinterlässt einen bitteren Beigeschmack von einem sonst sehr starken Buch. Über was ich noch stolperte: „Praktisch ausnahmslos entstammen die deutschen Pop-Künstler und Pop-Kulturarbeiter der besseren Mittelschicht, zum Teil der Oberschicht….“ Ich weiß, dass ich nicht die einzige Ausnahme bin…. oder eben doch, weil wir uns nicht zu denen zählen.

Nun kann man darüber debattieren, wenn man das will, inwiefern „Pop“ eben nur das ist, über was der Autor schreibt, oder ob da noch mehr dazugehört…. Das lass ich hier mal bleiben. Es entsteht der Eindruck, dass alle außer den kleinen Labels und Veranstaltern – zu denen der Autor selbst auch gehört – kulturverachtende Kapitalisten sind. Das kommt der Realität schon ganz nahe, dennoch fehlen die Alternativen.

Und es können nicht wirklich die Ideen sein, die Seliger zur Förderung der Kultur durch den Staat vorschlägt. Über Geschmack lässt sich ja streiten, aber was die Konzeragentur Seliger für Künstler betreut und vor allem was da für Preise aufgerufen werden, teilweise mit enorm hohen Eintrittspreisen (ja ja, Kunst kostet eben….) – das scheint der Autor mit seinem Gewissen vereinen zu können.

Es scheint, Berthold Seliger meint er wäre der alleinige Erfinder der Kritik am Musikbusiness (was eigentlich nicht sein kann, dazu ist er zu schlau). Das dem nicht so ist, wissen alle anderen. Trotzdem, damit hier kein falscher Eindruck entsteht, das Buch ist gut und richtig, super recherchiert mit vielen Zahlen untermauert und jeder sollte es lesen. 18.- Euro (dolf)

Isbn 978-3-89320-180-8

[Trust # 164 Februar 2014]

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