November 7th, 2017

CULT OF LUNA (#100, 06-2003)

Posted in interview by Jan

Darf’s ein bisschen mehr sein? Darf’s ein bisschen weher tun?

Pssst, dann hab‘ ich hier was: Apokalyptischer Noisecore. Maximale Verdichtung bei geringst möglicher Umdrehung. Nichts für schwache Gemüter oder schwache Stunden. Tieftöner, die einem die Magenwände einreißen, als wären sie Jericho, mit Texten, die einem das frohgemute Dahinleben gründlich versauen. „The Beyond“, das zweite Album der schwedischen Cult Of Luna, fegt alles unwesentliche aus dem CD-Player und von der geistigen Festplatte. „The Beyond“ ist schön, schrecklich, verstörend, machtvoll und erhaben.

Das Album ist eine Variante des Würfels in Hellraiser: Eben glotzt man noch begriffsstutzig auf das nondeskripte High Tech-Cover, und schon in der nächsten Sekunde wird man aufgefressen. Im Hintergrund bricht ein Sturm los, ein Lavastrom walzt sich quer durchs Musikzimmer und mitten ins Zentralnervensystem. Manchmal reichen einem die Sechs aus Umeå einen Strohhalm, lassen ein bisschen Hoffnung aufblitzen: Erlösungsversprechen steigen seifenblasenesk, die Gitarren machen uns ein beruhigendes Glissando und… dann ist schon wieder Essig mit dem Traum vom Glück. Der nächste taumelnde Riffberg sorgt dafür, dass sich kein Silberstreif lange hält. Warum dann das Ganze hören? Weil es sich so gut anfühlt, und weil es so befreiend ist. Das hat Cult Of Luna schon immer ausgezeichnet, aber zu keiner Zeit war die Mischung so garstig wie hier.

Cult Of Luna sind Klas Rydberg (Gesang), Johannes Persson (Gitarre), Erik Olofsson (Gitarre), Andreas Johansson (Bass), Marco Hildén (Schlagzeug) und Magnus Lindberg (Programming). Angefangen haben sie als Quintett, und Andreas ist bereits der dritte Basser in der noch jungen Cult Of Luna-Geschichte. Ob die Tieftöner gesundheitsschädigend sind und worum es bei „The Beyond“ geht, erklärt die Band per Mail und am Telefon. Dazu hat sich ein völlig ungrimmiger Johannes spät nach der Arbeit noch mal an den Hörer geklemmt… Misanthrop ist er nämlich nur in Teilzeit.

Johannes: Ich habe zwei Jobs, abends bin ich in der Behinderten- und Altenhilfe tätig, und tagsüber arbeite ich als Ladenekel bei H & M… und nerve die Kunden.

Eine vernünftige Mischung von guten Taten und bösem Brotjob…

Laut Unternehmenspolitik haben die Kunden immer Recht, aber ich tue mein bestes, um das zu untergraben. Ich bin supermies zu ihnen, aber was soll ich sagen – sie haben es nicht besser verdient. In meiner Abteilung sind alle so drauf, hehehe. – Und was geht zur Zeit in Deutschland?

Es ist zum Beispiel scheißkalt. Aber wem sage ich das; du wohnst schließlich in Nordschweden. Wenn wir uns über –10°C beschweren, machst du wahrscheinlich gerade mal das Klofenster zu.

Oh ja, -10 klingt nach Sommer, geradezu toastig angenehm. Wir hatten vor ein paar Tagen noch –30°C. Das ist brutal.

Wie hält man bei so einer Temperatur eine Gitarre?

Gar nicht, das geht nicht. Wenn wir uns zum Proben treffen, braucht es für gewöhnlich 20 Minuten, bis unsere Finger wieder einsatzbereit sind. Das ist eine echte Herausforderung. „Warmspielen“ bekommt da ’ne ganz neue Bedeutung. Vielleicht erklärt das aber auch, weshalb wir hier so viele tolle Bands haben – und gerade aus dem Norden, aus Umeå, Skellefteå und Lulea kommt haufenweise klasse Musik. Refused, Meshuggah, International Noise Conspiracy, oder auch viele gute Popbands: die Wannadies, Isolation Years und so fort. Isolation Years sind übrigens gute Freunde von mir, und ich halte sie für eine der besten Indiebands zur Zeit! Ich finde sogar, wir haben etwas mit ihnen gemeinsam. So eine Art „northern angst“, auch wenn wir uns sonst wie Tag und Nacht zu einander verhalten.

Northern Angst, genau. Ihr habt aber auch die beharrlich durchsickernden Melodien gemeinsam, die sich erst durch mehrmaliges Hören öffnen.

Das ist korrekt analysiert, denke ich! Und wir schwelgen gern in Moll-Akkorden.

Ihr habt bislang mit sehr unterschiedlichen Labels gearbeitet. Die Split-Single mit Switchblade ist bei Trust No One erschienen, euer Debüt „Cult Of Luna“ erschien im September 2001 über das englische Rage Of Achilles-Label. Die zweite Single kam dann im März 2002 via Hydra Head, einem der exquisitesten Label für intelligenten Krach… Mittlerweile seid ihr beim Metal-Stall Earache untergekommen. Repräsentieren diese verschiedenen Deckel für euch unterschiedliche musikalische Familien, oder ist das einfach die Business-Seite?

Stimmt, wir haben für jede Veröffentlichung mit einem anderen Label gearbeitet, aber ich kann dir gar keine triftigen Gründe dafür nennen. Die Labels, bei denen wir veröffentlicht haben, haben zumindest das gemeinsam: Sie werden von leidenschaftlichen Individuen betrieben, und sie stehen ganz ehrlich auf unsere Musik. Im Laufe der Jahre haben wir Angebote von allen möglichen Seiten bekommen, darunter viele sehr gute Label, und das hat uns in eine privilegierte Position gebracht, aus der heraus wir stets das wählen konnten, was uns richtig schien. Der Gang zu Earache bedeutete allerdings, dass wir das erste Mal einen richtigen Vertrag unterzeichnet haben, was für uns ein großer und wirklich kein leichter Schritt war. Wir haben einige Monate verhandelt, um zu einem fairen Kompromiss zu kommen, mit dem wir leben können.

Schweden – check. Wütende, dünne junge Männer – check. Gebrüll, Bassdröhnung und Gitarrenwände – check. Hardcore? Nope. (Naja, ein bisschen.)

Cult Of Luna machen tonnenschweren Doom Noise, aber eurer Biografie nach seid ihr allesamt von der orthodoxen Schweden-HC-Szene abgeplatzt, richtig? Kannst du im Schnelldurchlauf euren Stammbaum aufdröseln?

Richtig, wir haben ursprünglich überhaupt nichts mit der Metalszene zu tun, sondern kommen aus der Hardcore-Ecke: Cult Of Luna sind zu Teilen aus Eclipse hervorgegangen. Das heißt, wir sind mit Zeug wie Refused und anderen Umeå Hardcore-Bands aufgewachsen. Aber so um 1994/95, also selbst zur besten Zeit dieser Szene, klang das alles irgendwie identisch. Zwar eigen, aber doch gleich. Das hat sich seither ziemlich geändert. Die Szene ist musikalisch deutlich auseinander gewachsen, auch wenn das ursprüngliche Gefühl und die Freundschaften noch da sind. Klas und ich wollten damals von der HC-Schublade weg und stimmten dafür, Eclipse aufzulösen und gründeten Cult Of Luna. Uns fehlte ein Schlagzeuger, und irgendwie kam ich mit Magnus Lindberg in Kontakt. Er ist aus Skellefteå, zwei Stunden nördlich von Umeå, und spielte bei Lineout. Über ihn sind wir dann an die nächsten beiden Jungs geraten, und eh wir uns versahen, kam die halbe Band aus Skellefteå. Erik und Marco haben beide in diversen Hardcore-Bands gespielt – als ich sie kennen gelernt habe, waren sie bei einem berüchtigten Grindmonster namens Astec Two-Step. [Nicht zu verwechseln mit dem US-Folk Rock-Duo Aztec Two-Step aus den 70erjahren, – d. Verf.] Von Astec Two-Step müssen zwar noch um die 30 unveröffentlichte Stücke herumliegen, erschienen ist aber nur eine Single. Ich selber habe lange bei einer Band namens Plastic Pride gespielt, ehe wir uns 2001 getrennt haben. Der Plastic Pride-Sänger und ich haben zusammen schon ein neues Projekt angeschoben, Koma. Wir kommen aber nicht oft zum Proben, weil ich zur Zeit fast alle Energie in Cult Of Luna stecke.

Ich schätze, Cult Of Luna verdanken allen diesen Lagern etwas; Brachial-Filigran und Schatten, Melodie vs. Chaos…

Klar, wie du sehen kannst, kommen wir alle aus Bands, die mit diesen Elementen arbeiten. Astec Two-Step waren superchaotisch, die Musik von Plastic Pride hingegen sehr auf Melodie ausgerichtet, und Eclipse hatten einen sehr dunklen Sound, also könnte man auf die Idee kommen, dass Cult Of Luna diese Elemente als Synthese vereinen. Aber ich bin mir da gar nicht so sicher. Unser Sound hat sich wohl hauptsächlich deshalb in diese Richtung entwickelt, weil wir aus zwei Städten kommen, die jeweils für einen sehr eigenen musikalischen Ansatz stehen, und ich denke, das hatte einen großen Einfluss auf unseren aktuellen Klang.

Eure Musik lässt – bei aller Eigenheit – Vergleiche mit Acts wie Isis, Botch und Knut zu, und wie diese haltet ihr eure Botschaften lieber implizit als explizit, arbeitet mit Metaphern und Assoziationen in den Texten.

Du hast recht, die Botschaften sind implizit. Was nicht heißt, dass ich es müde geworden wäre, politische Tiraden zu halten. Von Zeit zu Zeit komme ich da immer noch sehr in Fahrt. Die Tatsache, dass wir aus einer politischen Szene stammen, hat natürlich einen Einfluss, aber wir sind nicht im selben Sinn politisch wie zum Beispiel International Noise Conspiracy.  Nicht alles bei uns ist politisch – wobei natürlich im Grunde genommen alles politisch ist. Aber viele Bands, die von der Bühne oder von Platte predigen, übersehen den Unterschied zwischen „informieren“ und „den Leuten sagen, was sie tun sollen“. Was ich für gefährlich halte. Wir wollen nicht vorschreiben, was die Leute denken sollen – wir wollen einfach, dass die Leute denken. Was jetzt vielleicht albern klingt, aber überleg‘ mal, wie viel man unreflektiert hinnimmt und konsumiert. Ich vertraue darauf, dass die Menschen im großen und ganzen in der Lage sind, logisch zu denken. Und wir versuchen, ihren Intellekt mit Metaphern zu kitzeln, die noch einigermaßen zugänglich sind, also nicht zu obskur, sondern mit Schlüsselbegriffen auf die richtige Spur führen.

Unsichtbares Chaos / unbesessen, unvergänglich / Chaos der vollkommenen Dunkelheit / unberührt und unvergänglich. (Maori-Gesang)

Man muss mit „The Beyond“ arbeiten, darin herumgraben; die Platte bringt ihren eigenen Raum mit, in den man sich hineintastet. Bist du dann im Bauch des Wals, verschieben sich die Perspektiven. Das Biest mutiert dir unterm Hintern, unter den Fingern weg, schillert, wächst, faltet sich auf und über dir zusammen… ist eine Art „work in progress“.

Du machst mich gerade zu einem sehr glücklichen Menschen! Dieses Gefühl ist nämlich genau, was wir damit erzielen wollten.

Wie entstehen diese überlebensgroßen Gebilde?

Oft kommt mir eine sehr grundlegende Songidee, die ich in aller Ruhe zu Hause ausarbeite und erst dann den anderen als „kompletten“ Song vorstelle. Die übrigen Fünf machen sich dann mit ihrem geballten Können über meine Idee her. Wenn jeder seinen Senf dazugegeben hat, steht am Ende immer etwas völlig anderes als ich ursprünglich im Sinn hatte – und zwar etwas tausend Mal besseres! Manchmal schrubben wir einen einzigen Riff über 30 Minuten lang, mit geradezu religiöser Inbrunst, und warten ab, was passiert, wohin er sich entwickelt. Die Songs „Further“ und „Genesis“ sind so entstanden!

Beides sind Liedmassive von jeweils über 11 Minuten Länge, die sich alle Zeit der Welt nehmen, anzuschwellen, zusammenzubrechen, sich wieder aufzubäumen und in Scherben zu zerfallen… Die Ruhe in diesen Stücken ist trügerisch; über kurz oder lang (naja – meist lang) hyperventilieren die Songs dann doch noch. Kein Wunder bei den 16 Tonnen Gewicht, die hier aufgehäuft werden. Ich finde das alles auch sehr bildhaft; ganz automatisch stellen sich beim Hören große, dunkle Panoramen ein.

Drollig, dass du das sagst, denn eine meiner stärksten Inspirationen ist genau diese Art High Tech-Finsternis, die in den düsteren Science Fiction-Filmen der 80erjahre eine so große Rolle spielt: Alien 2, Terminator, und der absolut total geniale Blade Runner zum Beispiel. Sie alle zeigen, wie zerbrechlich und isoliert die Menschen sind, und sie stellen wieder und wieder die Frage, ob der technische Fortschritt für die Menschheit gut ist. – Was nun die Texte anbelangt, da versuche ich, einen Hoffnungsschimmer zu sehen, auch wenn es schwer fällt, bzw. ich möchte wenigstens versucht haben zu verstehen, warum alles den Bach runtergeht. Ich glaube, wir haben eine Pflicht zur Rebellion (im nicht-gewaltsamen Sinn, natürlich), und ich hoffe, das spricht aus meinen Texten. Die Texte sind enorm wichtig, mehr als die Hälfte des Erlebnisses.

Der Spannungsbogen von „The Beyond“ hat was von einer letzten Reise ins Ungewisse, eine Flucht nach vorne.

Die Grundthemen des Albums sind das konstante Gefühl der Unzufriedenheit und der Wille, gängige Versionen der Wahrheit in Frage zu stellen und sich auf Neuland vorzuwagen. Sicher kann man das als Reise ins Ungewisse interpretieren, und ich schreibe häufig über Verantwortlichkeit, sowohl die kollektive als auch die ganz persönliche. „The Beyond“ fordert auf, sich über das Bekannte hinauszuwagen. Das kann alles sein, von Kunst und Musik bis hin zu individuellen Entscheidungen in deinem Leben. Jedes Mal, wenn du meinst, eine Antwort gefunden zu haben, hast du nur eine weitere Frage gefunden. Gib dich nicht mit den Dingen zufrieden, auf die du stößt, sondern schau immer weiter.

Unter uns – diese Platte kann einen ziemlich erschöpft zurücklassen. Ich glaube, die ersten paar Mal habe ich mich davon völlig erschlagen gefühlt. Irgendwann setzte dann Katharsis ein… Kommt dir das bekannt vor?

Keine Ahnung, warum du das Album kathartisch findest, denn das war eigentlich nicht die Absicht! Andererseits habe ich für mich persönlich begriffen, dass bei mir alles Lernen aus der Vergangenheit und alle Fortentwicklung immer mit kathartischen Prozessen einhergeht. Vielleicht hat sich das unbewusst auf meine Arbeit an diesem Album niedergeschlagen.

If we surrender our liberty in the name of security we shall have neither. (Benjamin Franklin)

Mit diesem Zitat setzt der Opener „Inside Fort Meade“ einen nüchternen Akzent. Dann wird die Stimmung jäh irrational, denn schon der nächste Song „Receiver“ krümmt sich vor Wut und Schmerz. Solche Abgründe tun sich bei euch gerne auf…

Gegensätze und Dynamik sind für uns die beiden wichtigsten Schlüsselworte! Wir arbeiten mit Emotionen, und um die zu verstärken, müssen wir sie in ihr Gegenteil verkehren können, ihre andere Seite zeigen. Diese Philosophie funktioniert sowohl in der Musik als auch in den Texten.

Von „echoes of ceremonial doom“ ist in „Genesis“ die Rede. So könnte man übrigens auch den Cult Of Luna-Sound beschreiben! In dem Monumentalstück geht es um das Faszinosum Gewalt und warum Menschen sich dazu hingezogen fühlen… Blutdurst und Brutalität dann auch in dem zerquälten Stück „Leash“. – Dazu meldet sich Sänger Klas aus dem E-Mail-Off:

Klas: Ich glaube, dieser Attraktivität nachzugeben, ist nur einer der vielen Wege, den Menschen beschreiten, um mit ihrer dunklen Seite umzugehen… wie du schon sagst: die Anziehungskraft von Katastrophen. Dieses Fasziniertsein von Tod und Schrecken. Solange wir ständig mit alltäglicher Gewalt genudelt werden und der Dritte Weltkrieg um die Ecke schaut, wird sich das auch nicht ändern. Solange werden wir in einer blutrünstigen Welt festgehalten.

Im Rückspiegel von „The Watchtower“, einem zentnerschweren Bassmonster, seht ihr verlorene Seelen und die langen Schatten der Vergangenheit. Heißt das, dass wir unsere Geschichte ständig wiederholen? Dass wir von alten Fehlern eingekreist sind?

Klas: Ja, ich glaube, dieser Geist wabert schon ein bisschen um uns herum, aber mir geht es eher darum, die Vergangenheit zurückzulassen und nach vorne zu schauen.

Das ist zwar eine noble Absichtserklärung, aber bei dem speziellen Stück fällt es schwer, die Augen irgendwo anders hin als auf den Matschboden vor sich zu richten… Zugegeben, es zählt zu den schnelleren Liedern (bei dieser Platte ein eher relativer Begriff), aber Anlass zum Optimismus gibt es keinen. Erst zur Albummitte hin, etwa in dem Stück „Circle“, kommen ein paar positive Töne, bevor es wieder in die langgezogene Abwärtskurve geht.

Zurück an Johannes: Wenn ich dich richtig verstehe, siehst du den Lichtblick in „Circle“ in der Zeile „What I have seen behind the frontline is what keeps me existing“. Ich bin mir nicht sicher, ob ich dir da zustimme. Das könnte zwar als etwas Positives gewertet werden, aber das hängt von den verschiedenen Motivationen einer Existenz ab. In dem Text finden sich viele Verweise auf die Situation in Palästina, und so leid es mir tut, da sehe ich momentan wenig, das Grund zum Optimismus gibt. Das Dasein unterdrückter Menschen, die so weit getrieben worden sind, dass sie bereit sind, ihr Leben zu opfern, um ihre Menschenwürde zu retten, ist alles andere als positiv, und die Situation dort unten schafft Tausende solcher zombiehaften Wesen. Dieser Gewaltkreislauf muss gebrochen werden, sonst wird sich nie etwas ändern.

„Circle“ klingt elegisch aus, und fast kehrt sowas wie benommene Ruhe ein, bis einem das nachfolgende „Arrival“ ganz unzeremoniös den Arsch aufreißt: Man kauert wund vor diesen immer größer werdenden Melodiebögen, frisst Staub und schmeckt Rebellion. Krusten runterpulen, falsche Konstrukte stürzen, Licht bringen. Also, wessen „Arrival“ ist es? Ich habe da so meine Vermutungen.

Stimmt – was kommt, ist Rebellion. Ich habe das geschrieben, als ich mich sehr hoffnungslos und desillusioniert gefühlt habe. Ich dachte, dass nichts, aber auch rein gar nichts von dem, was ich tun kann, irgendwas dazu beiträgt, das Leiden in der Welt zu mindern. Obwohl ich mich als Agnostiker verstehe, wäre es so einfach und verlockend, wenn eine Christusfigur käme und alles ins Lot brächte. Eine Flutwelle, die aus dem ganzen unterdrückten Schmerz aufsteigt und alles und alle wegspült, die an der Wurzel des Bösen sitzen, das heute die Welt beherrscht. Ich glaube nicht, dass es dazu kommt. Also habe ich die Sache in die eigenen Hände genommen und eine Art weibliche Christusfigur erfunden, von der ich gar nicht überrascht wäre, wenn sie auf zukünftigen Cult Of Luna-Alben auftaucht.

Das big rock finish, die finale Schlussgeste von „Further“ vermittelt das Gefühl des Fallens und Nachgebens. Klas klingt hier, als hätte er so eben sein letztes Lungenbläschen gespien, und der Wall Of Sound zerfällt langsam aber sicher. – Das Sample am Ende (Chomsky, oder?), in dem es um die 100 reichsten Körperschaften der Welt geht, mündet in die Aussage „and there’s gonna be hell to pay“. Was uns, nachdem wir uns also mühsam und schrundig vom Boden aufgelesen haben, wieder zur Frage der Verantwortung bringt. Wo soll sich der Kopf der Hörer zu diesem Zeitpunkt befinden (außer zwischen ihren Armen)?

Ahh, zunächst mal ’ne kleine Korrektur: Das Sample am Schluss ist nicht von Noam Chomsky – den findest du auf Track 6, in „Arrival“ -, sondern von Oren Lyons. [Anm.: Lyons ist Ältester des Turtle-Clans der Irokesen und Sprecher für Indianerrechte in den USA.] Ich wollte ihn an dieser Stelle, um die Hörer neugierig zu machen und, wie du sagst, sie auf ihre Verantwortung hinzuweisen. Indem wir in der westlichen Kultur leben, tragen wir per Definition eine Kollektivschuld an dem, was in der Welt passiert. Theoretisch betrachtet haben wir zumindest die Möglichkeit, uns Gehör zu verschaffen, und das verpflichtet uns dazu, es zu versuchen. Das Problem ist, dass sich die meisten Menschen zu gerne davon ablenken lassen. Wenn man aber die richtigen Fragen stellt, könnte man vielleicht ein größeres Bewußtsein für globale Themen schaffen, genau wie für das Wohlergehen unserer Nächsten.

Geht, wenn großer Kundenandrang herrscht, in den Geldschalter der Citi- oder Chembank, scheißt auf den Boden & verdrückt euch. (Hakim Bey)

Irgendwo muss man ja anfangen. Und dass jetzt niemand glaubt, Cult Of Luna machten es sich einfach: Auf „The Beyond“ wird Blut geschwitzt. – Gab es Augenblicke während der Aufnahmen, wo ihr unter dem schieren Gewicht dessen, was ihr da sagt und spielt, eingeknickt seid?

Oh ja. 16 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche könnten jedem das Kreuz brechen, aber wir haben einfach getan, was wir tun mussten, um unser bestmögliches Album hinzulegen. Nach den Aufnahmen waren wir an dem Punkt, wo wir geistig und körperlich so ausgelaugt waren, dass wir einige Wochen Auszeit brauchten, bevor wir mit dem Mixing anfangen konnten. Ich bin auch prompt danach ordentlich krank geworden. Aber ich muss betonen, dass dieser Druck einzig und allein von uns selbst ausging…

Wie lief die Zusammenarbeit mit Ko-Produzent Pelle Henricsson? Er scheint mir ein Allrounder zu sein: Sperriges wie Refused und Meshuggah hier, Alternative Chart-Tauglichkeit mit Hell Is For Heroes und The Hives dort.

Pelle war bei den eigentlichen Aufnahmen nicht dabei – das haben wir alles selber eingetütet und sind mithin auch allein schuld an dem Sound. Wir wollten einen sehr dichten Klang, also haben wir zum Beispiel fünf verschiedene Gitarrenverstärker benutzt, und anderes Zeug, um den Sound auszudehnen. Einiges davon kommt vielleicht zu dick aufgetragen oder etwas seltsam rüber, aber wir sind sehr zufrieden mit dem Ergebnis! Pelle kam während des Mischens ins Spiel und hat höllisch gute Arbeit geleistet. Er hat ein einmaliges Know-how und ich denke schon, dass sein Input die Aufnahmen zu einem noch dynamischeren Album gemacht hat.

Wie lässt sich der Trip von „The Beyond“ auf die Bühne bringen? Den Kopf mehrfach gegen die Boxen schlagen? Vergeht einem Hören und Sehen, stellt sich Transzendenz ein?

Weißt du, das alles macht mir noch ein bisschen Bauchweh, denn – du wirst lachen, aber es ist so – wir sind mit Cult Of Luna noch gar nicht so oft live aufgetreten. Wir sind Novizen in dieser Hinsicht, aber wir sind ständig am Lernen. Wir sind weit entfernt davon, perfekte Live-Künstler zu sein. Wenigstens mir kommt es so vor, als besserten wir uns von Show zu Show, und wir haben vor, so oft es eben geht live zu spielen, um das Albumerlebnis auf die Bühne übertragen zu können. Ich würde mich sehr wundern, wenn wir nicht noch vor Jahresende Deutschland besucht hätten.

Mit wem könntest du dir vorstellen, auf Tour zu sein?

Naja, jeder in dieser Band hat einen völlig anderen Musikgeschmack. Wir spielen zwar so ’ne Art Metal… aber ich zum Beispiel würde mich neben Sigur Rós, Tool oder Black Rebel Motorcycle Club wohlfühlen, Slipknot, Queens Of The Stone Age…

– Sagt Johannes, dankt für das Gespräch und entschwindet in den Feierabend. Seine Wunschpartner haben sie offenbar nicht bekommen, denn nun sind Cult Of Luna erst mal mit der Referenzgröße Isis unterwegs und feiern Elefantenhochzeit. Konzertgänger in den betroffenen Gebieten sollten ihr Lunch festhalten.

Interview: Melanie Aschenbrenner

Links (2017):
Cult of Luna Homepage
Cult of Luna Wikipedia
Cult of Luna Discogs
Cult of Luna Bandcamp

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