März 17th, 2007

COMMON RIDER (#99, 03-2003)

Posted in interview by andreas

Wenn alles Neue so schlecht ist…. gräbt man ein wenig in der Vergangenheit herum. Und in diesem Falle nicht allzu tief. Als vor einigen Jahren das erste Common Rider Album, „The classics of love“, auf Panic Button erschien, kaufte ich es mir, da Bandchef Jesse Michaels eben früher Sänger von Operation Ivy war und diese Platte im Katalog mit just jener Detailinformation versehen war.

Im Gegensatz zu den Jets to Brazil, von denen ich aus ähnlicher Lage heraus und meiner eigenen Dummheit inzwischen 3 DoppelLPs besitze, die allesamt nicht einmal den schlechtesten Jawbreaker Track wert sind, hat mich die erste Common Rider weggeblasen.

Wenn es eine Platte gibt, die ich seit einigen Jahren (!) im Schnitt einmal alle zwei Wochen auflege (und die nicht von Hot Water Music stammt), vor allem, wenn die Sonne scheint, dann ist es diese. Es wabbelt sich durch einen netten Rocksteady bis hin zum schrammligen Crimpshrine-punk, die Stimme ist nach wie vor phan-tas-tisch und die guten friedlich-ruhigen Vibes, die aus den Boxen kommen, massieren mein Hirn in angenehmster Form.

Eine danach erschienene 7″ konnte diesen Ansprüchen nicht genügen; die neue Platte, „This is unity music“, auf Hopeless erschienen, ist da schon wieder näher am Erstling, allerdings ohne dessen grandioses Hitpotential. Durch seine Vorgeschichte als Sänger von Op Ivy, die es mit ihrer einzigen LP, „Energy“, schafften, ein ganzes Musikgenre wiederzuerfinden, und die ich in euerer Plattensammlung erwarte also genug Gründe, mal ein wenig nachzuhorchen.

Spannend, modern und dümmlich ist, dass es unter www.commonrider.com ein Interview gibt, dessen Fragen den meinigen teils sehr ähnlich sind, so überschneiden sich die Dinge dann doch, da die Seite parallel zu diesem Ding hier gefrickelt wurde. Was das alles soll? Last wave rockers kaufen, sagt Daniel.

***

Hi Jesse, was machst Du eigentlich neben Common Rider so? Wie eingebunden ist Dein heutiges Leben in einer Szene?

Jesse: Ich zeichne sehr gerne und sehr viel, schreibe ab und an auch mal etwas, versuche also, moderat künstlerisch tätig zu sein und spiele viel Schach – meine grosse Liebe. Ausserdem gehe ich sehr gern ins Kino und versuche bei jeder Möglichkeit einen guten Film zu sehen. Die letzten beiden waren „The Pianist` und „Rabbit Proof Fence`, die ich sehr empfehlen kann.

Was ist eigentlich ein Comon Rider? Was sind die „classics of love` (der Titel und eine Songzeile der ersten LP)?

Jesse: Common Rider – das ist kein feststehender Begriff oder so etwas; aber für mich birgt es das Bild eines stolzen Kriegers oder so was – aber ziemlich abstrakt eben. Der Songtitel bezieht sich auf allgemein anerkannte Lieder tiefer Bedeutung wie Jimmy Cliffs The harder they come oder andere Songs, die den Hörer tief bewegen können. Profan gesprochen „Gute Lieder`.

Inhaltlich wie auch auf Statements auf dem Cover nimmst Du eine sehr pazifistische Position ein – kannst Du mit dieser Beschreibung leben?

Jesse: Ich würde mich nicht als solcher beschreiben, aber sicherlich ist Frieden das einzig wahre menschliche Ideal. Aber natürlich würde ich mich auch wehren, falls mich jemand angreift, aber ich hasse solche Momente und versuche ihnen so gut wie möglich aus dem Weg zu gehen.

Über welche Vorkommnisse würdest du ein Lied schreiben?

Jesse: Selten über tatsächliche Gegebenheiten – das gab es nur bei einigen Op Ivy Liedern. Ich versuche in den Liedern, meine Gefühlswelt verbal zu beschreiben. Ein Songtext bietet die Möglichkeit, etwas tief Emotionales auszudrücken, was in anderen (literarischen) Formen nicht möglich ist.

Auf diesem Weg kann dir ein guter Song den Zugang zu einer Welt von Bedeutung und Wahrheit ermöglichen, mir der du durch eine Unterhaltung oder Lesen eines Zeitungsartikels nicht in Kontakt kämest. Andere Leute schreiben ihre Lieder eher an realen Dingen orientiert und für sie klappt das gut.

Würdest du eine Geschichte komplett erfinden, um einen gewissen Punkt in einem Song rüberzubringen? Wie kommst du überhaupt auf eine Songzeile?

Jesse: Ich fange normalerweise mit einem Gitarren-Riff an und stelle mir dabei die Energie vor, die der Song einmal haben soll. Ich schreibe allerhand Scheisse auf und das meiste davon macht keinen Sinn, aber manchmal kommen ein paar Zeilen zusammen, die zusammen einen guten Klang besitzen.

Da diese dann schon einen gewissen inhaltlichen Rahmen besitzen kann man auf diesen aufbauen und so dafür sorgen, dass ein kohärenter Song entsteht und nicht ein grosser, abstrakter Müllberg, der keinen Sinn macht. Am Schluss versuche ich dann, die Songstruktur im Hinblick auf die Gesangsharmonien zu verfeinern. Es ist nicht einfach, Lyrics fallen mir nur sehr sehr schwer ein.

Wie ist das mit den einzelnen Textzeilen, die Du Dir aufschreibst. Hast Du einen Berg mit kleinen Zetteln, die als „Archiv` dienen?

Jesse: Hmm in die Richtung geht es schon. Ich bewahre solche Zettel schon auf, klebe sie in Bücher ein – aber eigentlich eher zur Dokumentation. Der Song wird ja nicht aus einem Sack voller Fragmente geschrieben, er muss in einer poetischen Art Sinn ergeben, ein echtes Gefühl ausdrücken und ein halbwegs konsistentes Thema beinhalten. Ich glaube nicht an das Rauskotzen von zufälligem Dreck aus meinem Unterbewussten, dass dann den Hörer konfrontieren soll, keine Zufalls Katharsis.

Das letzte Jahr wurde hauptsächlich durch das Thema „Krieg` geprägt. Eine Menge Leute in der Punk und H/C-Community in den USA wurden von einem pro-amerikanischen Backlash nach dem WTC-Anschlag getroffen, was viele Europäer doch sehr überrascht hat. Hier sind Begriffe wie Nation, Land, Stolz etc. völlig anders besetzt. Wie stehst Du zu diesem Themenkomplex?

Jesse: Ich glaube, dass unser derzeitiger Präsident der Beängstigendste ist, den wir je hatten. Die Arroganz unseres Landes macht mir grosse Angst und ich finde es sehr sehr tragisch, dass die Menschen im Irak deswegen leiden werden müssen. So schlimm die Kriegsvorbereitungen schon sind, die Innenpolitik ist genauso fürchterlich.

Die wenigen Gesetze, die wir zum Umweltschutz haben, werden beschnitten oder geändert und die Leute, die in seiner Amtszeit höhere Positionen besetzten, scheine alle Extremisten zu sein… ich war nie proamerikanisch, aber ich bin auch nicht so politisch informiert aber die Meinungen, die Noam Chomsky oder Howard Zinn vertreten scheinen mir vernünftig.

..die Geschichtsfragen. Wie langweilig ist es, über eine Platte befragt zu werden, die vor 14 Jahren erschien?

Jesse: It`s fine.

Die Plattenverkaufszahlen für Op Ivy sind die ganzen Neunziger hindurch gestiegen und hatten ihren grössten Push, als Rancid auf einmal sehr bekannt wurden. Fühlst du dich wie ein Künstler, der erst nach seinem Tod Respekt und Aufmerksamkeit erfuhr?

Jesse: …so tot bin ich ja noch nicht! Und Musik habe ich nie für diese genannten Gründe gemacht.

Wie war das, als du zum ersten Mal Downfall und Rancid gehört hast?

Jesse: Ich finde es schön, wenn ich sie höre – sie machen das, was sie schon immer liebten. Wen wir uns (sehr selten) einmal sehen haben wir auch keine Probleme mehr miteinander.

Lookout! war Anfang der Neunziger ein extrem kreatives und energetisches Label – so in etwa für die ersten 100 Platten. Da gab es schon bei anderen Labels sehr ähnliche Entwicklungen – und dann ändert sich alles, wieso?

Jesse: Lookout, wie SubPop, Creation, SST, Reflex oder Touch & Go und noch viele andere hat zu einem Zeitpunkt begonnen, als eine sehr spezifische musikalische Evolution einsetzte. Wenn diese dann vorbei ist, muss das Label sich ändern, sonst rennen sie nur noch der Vergangenheit hinterher und jede Energie geht flöten.

Ergo muss das Label neue Sounds finden und andere Herangehensweisen an Musik veröffentlichen, sonst wird`s langweilig. Bei Lookout! gab es so viele Phasen, von denen eben einige erfolgreicher waren als andere.

In welcherlei Hinsicht hat Deine Betrachtungsweise von Musik eine Veränderung seit der Initialzündung erfahren?

Jesse: Da ist in den letzten 20 Jahren viel viel passiert. Als Kind fing ich zuerst an mich, für New Wave ` la Devo oder B52`s zu interessieren. Dann Ska. Als ich in die Highschool kam hörte ich ein oder zwei Jahre Hardcore – im alten Wortgebrauch, also Negative Approach, Black Flag und Minor Threat.

Dann kam meine Death Metal Phase, die wiederum von Clash und Reggae abgelöst wurde. Irgendwann breitete sich der Geschmack aus und Pop, Beatles etc., kam ins Spiel. In den späten Zwanzigern dann eine Country-Phase, aber durch die ganze Zeit war Punk immer da als Eckpfeiler. Inzwischen höre ich ganz gerne klassische Musik, vor allem Chopin. Der grosse Plan ist demnach, immer weiter auszugreifen und andere Musikstile kennenzulernen.

Hmm ich glaube Du verstehst mich hier ein wenig falsch. Nicht so sehr die Musik, die du konsumierst, sondern zum einen dein Gefühl beim Musikmachen wie auch Deine Ansicht des ganzen Prozesses – Business etc. -, der damit einhergeht. Gab es da Entscheidungen, die Du später bereut hast?

Jesse: Als ich 19 war sah ich Musik als eine Art sozio-politisches Kampfgebrüll an; dies wurzelte im Message-orientierten Punkrock. Als ich älter wurde begann ich, Musik eher als Kunstform zu betrachten – mit dem Ziel in sich selbst. Das Ziel wurde, nicht mehr einen bestimmten Punkt zu propagieren, der die Welt verändern würde. Stattdessen geht es um das Schöpferische; etwas Aufregendes und Wahres.

Ironischerweise führte dieser offenere und weniger doktrinäre Weg nicht zum Erschaffen besserer Musik! Es ist offensichtlich, dass das stärkste Material, bei dem ich involviert war, die Operation Ivy Sachen waren (let`s not kid ourselves), vielleicht steckt hier etwas für einen jungen, heissköpfigen Punkrocker drin!

Was hast du eigentlich musikalischerweise über in den Neunzigern gemacht?

Jesse: Wenig, eher sporadische Dinge. Die meiste Zeit habe ich nach einer Identität gesucht. Ich bin ein introspektiver Mensch und verbrachte meine vielen Jahre damit, herumzulaufen und herauszukriegen, wer ich bin und was aus meinem Leben werden sollte. Während dieser Zeit empfand ich Song-schreiben als depressiv, so dass ich davon Abstand nahm. Irgendwann ging dieses schlechte Gefühl weg und ich fing wieder mit der Musik an.

Wie würdest du das technische Verhältnis in euere Band beschreiben? Ist es nicht Jesses Band? Viele 3-pieces sind doch stark auf den Songschreiber fixiert, könnte man daher Common Rider nicht als dein Projekt bezeichnen? Damit wären die anderen beiden austauschbar, du aber nicht.

Jesse: Ja, ob gut oder schlecht – es ist mein Ding. Natürlich gibt es allerhand Kollaborationen, um einen Song zum Leben zu erwecken. Allerdings hat sich das über die Zeit ein wenig gewandelt – heute, nach zwei Platten und Touren usw. sind wir schon eine feste Band, so dass es im Moment nicht möglich wäre, Mass oder Dan zu ersetzen – sie sind ein Teil der Band wie ich es auch bin.

Wieso hast du das Label gewechselt? Panic Button ist offensichtlich viel kleiner, aber gab auch noch andere Gründe?

Jesse: Wir wollten unbedingt bei der Plea for Peace – Tour mitmachen, so dass es einfach und logisch erschien, mit dem Label, dass diese Tour organisierte, weiterzuarbeiten. Hopeless haben auch eine guten Ruf – sie arbeiten gut organisiert, kümmern sich um ihre Bands und ich mag diesen Aspekt, dass sie eben als Firma auch wohltätige Zwecke unterstützen.

Bei all deinen musikalischen Projekten hast du jamaikanische Musik mit Punkrock vermischt. Einige Bands haben das schon vorher gemacht und noch viel mehr seitdem. Es gab schon Punkte, wo Leute mit entsetzten Gesichtern auf das Wort „SKapunk` reagiert haben. Kannst du dir die nächste Fusion vorstellen, bei der Leute klassische urbane Punkrocksounds mit andere Dingen mischen? Gib es eine Musikrichtung, die du gerne spielen können würdest, es aber im Moment nicht kannst?

Jesse: Skapunk war sicher eines der schlimmsten Musikgenre, auch wenn der Neo-Swing-Trend der Neunziger genauso beknackt war. Um mich abzugrenzen sollte ich hier erwähnen, dass ich nie einem gewissen Trend folgen wollte und wir seinerzeit, als wir ska-lastigen Punkrock spielten, uns vor allem von den fünf Millionen generischen Hardcore-Bands unterscheiden wollten, die in den ausgehenden Achtzigern alles beherrschten. Wie dem auch sei, Musikentwicklung ist schwer vorhersehbar. Wer hätte gedacht, dass die Leute auf einmal wieder billigen Garagenrock gut finden würden?

Da solche Trends oft von einer einzelnen Gruppe entfacht werden ist es schwer, ihre Ausdrucksform vorherzusagen. Allerdings bin ich recht sicher, dass wir interessante Musik zu hören bekommen werden. Der Grund hierfür ist, dass der Musikindustrie aufgrund von mp3 und cd-r der Boden verloren geht.

Dieses Verschwinden von Profitabilität wird eine Menge Karrieristen, Hipster und andere Poser abschrecken – die Musik wird dann wieder von Leuten gemacht werden, die sie spielen werden, auch wenn es dafür kein Geld gibt. Das sind die Leute, die gute Musik schreiben. Ich will nicht sagen, dass mich die derzeitige Situation glücklich macht, aber es kann als guter Katalysator für eine Menge Untergrund-Zeugs dienen.

Wie sieht`s eigentlich mal mit einer Europatour aus?

Jesse: Da gibt es im Moment leider keine Pläne

Meine Standardfrage. In welcher Band würdest du gerne mal eine Sommertour mitspielen, an welchem Instrument, wen ersetzen – vergangen oder aktuell?

Jesse: Ich kann mir da zwar einiges vorstellen, aber ich habe nicht die technischen Fähigkeiten, dies tatsächlich zu tun. In meiner Phantasie allerdings müsste es etwas wie Mötley Crüe sein – eine dieser Bands, die kiloweise Drogen und eine Menge richtig wilden Sex hatten. Ich bin zwar eigentlich eine eher moderate Person, aber ….

Einige Bücher oder Platten, die dir in der letzten Zeit gefallen haben?

Jesse: Wie ich oben schon erwähnte – eine Menge klassische Musik: Schubert, Bach, Chopin und so weiter. Meine Mutter hat sich so etwas immer angehört, als ich ein Kind war, und nun bekommen ich ein Ohr für so etwas. Ich habe unlängst das Werk von Michael Chabon gelesen, der „The Wonder Boys“ und „The Amazing Adventures of Cavalier and Klay.“ geschrieben hat.

Er lebt wie ich in Berkeley und kann mit einer heute unüblichen Tiefe und Intelligenz schreiben. Ich finde, dass es in der modernen Literatur, Kunst und Film einen Trend gibt, fehlende Substanz mit schneller Reizüberflutung und allen möglichen Gimmicks zu kaschieren.

Beispielsweise gibt es eine Menge Filme, die auf wilden psychologischen Motiven und überzeichneten Situationen beruhen und somit das Fehlen jeglicher emotionaler Tiefe kaschieren. Zum Beispiel der stinkende Scheisshaufen „Being John Malkovich` oder der wabernde Kotzklumpen „Fight Club`.

Ich mag das an der ganzen postmodernen ära nicht, deshalb ist es um so erfrischender, wenn man jemanden sieht, der etwas Wirkliches schaffen will. Da würde ich mit doch lieber den Untergang des wahren Künstlers anschauen als den Triumph des Mittelmasses. Uh-oh, jetzt fange ich aber schön an, mich aufzuregen… . danke für`s Interview und viele Grüsse – Jesse.

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Links (2015):
Wikipedia
Discogs

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