März 17th, 2007

BURNING AIRLINES (#84, 10-2000)

Posted in interview by andreas

Tja, was für eine undankbare Aufgabe – ein Interview mit J. Robbins von Burning Airlines ist schon ein wenig kompliziert. Hat man hier doch sozusagen einen der elder statesmen des Emocore vor sich, ohne dessen Einfluss die heutige Szene so überhaupt nicht denkbar wäre. 

Seine ersten Erfahrungen sammelte er als Mitglied von Goverment Issue und wurde dann Gitarrist und Sänger der legendären Jawbox, die eine der ersten Gruppen waren, die sperrigen D.C:-Hardcore mit poppigen, melodischen Elementen kombinierten und somit quasi zu sowas wie Gründervätern des genannten Genres wurden. Als ob das noch nicht genug wäre, ist J. Robbins daneben auch noch Produzent ungefähr der Hälfte aller bedeutenden Platten in diesem Bereich – genannt seien hier nur die Texas is the Reason-LP, „Nothing feels good“ von Promise Ring und „Frame and canvas“ von Braid.

Nun ist er also mit seiner neuen Band Burning Airlines unterwegs, und es fiel mir schon ziemlich schwer, die Fragen vor allem darauf zu beschränken, aber ich denke, es hätte ihm auch nicht gefallen, ständig über seine Vergangenheit reden zu müssen. Warum auch – haben Burning Airlines doch mit „Mission: Control!“ (auf DeSoto) eine schöne Platte gemacht, die jetzt vielleicht nicht der überhammer ist, aber doch mehr als gute Unterhaltung bietet! Das Interview haben wir dann im Gleis 22 gemacht, wo sie zusammen mit Dismemberment Plan gespielt haben. Ursprünglich waren ja Promise Ring Headliner, aber lest selbst…

***

Wie lief denn die Tour bisher so? Da war ja dieses Problem mit Promise Ring…

J. Robbins: Nun ja, eigentlich gibt es da nur ein grosses Problem, und zwar haben Promise Ring die gesamte Tour abgesagt. Davey von Bohlen, ihr Sänger, hatte schon über ein Jahr lang richtig schlimme Kopfschmerzen, und als es dann mit der Tour losgehen sollte, wurde es so schlimm, das er sich kaum noch bewegen konnte. Im Krankenhaus wurde dann ein Hirntumor bei ihm festgestellt, der aber zum Glück gutartig war. Den haben die ärzte dann wegoperiert, und Davey geht es mittlerweile wieder ganz gut. Er muss sich jetzt nur ausruhen, dann wird er auch wieder auftreten können.

Das ist jetzt schon eure zweite Europa-Tour. Auf der ersten gab es ja auch schon Probleme. Da habe ich euch mit Braid im Gleis 22 gesehen, und du hast den Auftritt alleine gespielt, weil deine Kollegen wohl krank waren. Lastet da ein Fluch auf euch, oder so?

J. Robbins: Das ist schon komisch, denn wenn man die jetzige Tour mit der davor vergleicht, ist es im Moment richtig gut! Als ich mit meinen vorigen Bands in Europa getourt habe, war das immer im Winter, und immer ist irgendwer krank geworden. Letztes Mal hat unser Drummer dann eine Lungenentzündung gekriegt und konnte nicht spielen. Wenn ich an diesen ganzen Kram denke, läuft diese Tour wie gesagt echt gut, es ist Sommer und alle Leute bleiben gesund! Ich würde aber nicht sagen, dass da ein Fluch auf uns lastet. Es ist eher so, dass es für uns ganz normal ist, dass in Europa solche Sachen passieren!

O.K., dann möchte ich dich mal was zu eurer Platte fragen. Ich finde, dass man darauf ziemlich viele verschiedene Einflüsse hört, u.a. auch Jazzkram und D`n`B. Habt ihr das bewusst gemacht, um euch vielleicht auch ein bisschen von den angesagten, melodisch-glatten Bands abzusetzen?

J. Robbins: Wir versuchen schon, melodische Songs zu schreiben. Wir verwenden dabei aber auch Melodien, die nicht ganz so offensichtlich sind. Daneben experimentieren wir gerne mit ungewöhnlichen Rythmen und versuchen eigentlich, uns von vielen Stilen beeinflussen zu lassen, eben nicht nur Rock. Der Song „….“ zum Beispiel ist entstanden, nachdem ich viel Roni Size gehört habe. Andere Songs sind wiederum von alten Post-Punk-Bands wie Gang of Four beeinflusst. Mike, unser Bassist, hört sich auch viel brasilianische Musik und Radio-R`n`B an.

So Zeug wie Destiny`s Child?!

J. Robbins: Ja, genau so was. Wir versuchen halt, auch aus solchem Kram Einflüsse zu ziehen. Jeder in der Band hat ja eine ziemlich lange musikalische Geschichte.

Würdest du sagen, dass Burning Airlines von all deinen Bands bisher die grösste Herausforderung darstellen?

J. Robbins: Nein, eigentlich nicht, es ist eher eine andere Situation. Ich persönlich bin mir darüber, was ich denn eigentlich erreichen will, klar geworden, als Jawbox noch zusammen waren. Ich will nur versuchen, gute Songs zu schreiben, die melodisch und aggressiv sind und die eine bestimmte Idee von Popmusik verkörpern. Genau das macht diese Band, und genau das haben auch Jawbox versucht, der Unterschied ist nur, dass ich jetzt mit anderen Leuten zusammenspiele.

Du hast da gerade etwas von Popmusik gesagt. Seht ihr euch als Popband?

J. Robbins: Nein, denn Pop beinhaltet populär, und Burning Airlines sind nicht gerade sehr bekannt! Wir lassen uns aber von Pop inspirieren, und der Grund, dass es dann am Ende doch Punkrock ist, ist einfach der, dass wir mit Schlagzeug, Bass und Gitarre am besten umgehen können.

Trotzdem wollen wir uns davon nicht beschränken lassen. Ein gutes Beispiel dafür ist der Song „Carnival“ auf der Platte. Da gibt es einen einen kurzen Part, den ich geschrieben habe, als ich mir ein Stück von Duke Ellington angehört habe. Da fiel mir ein total verdrehter Akkordwechsel auf, den ich mir dann rausgehört habe und daraus ist im Prinzip „Carnival“ entstanden.

Worum geht es denn eigentlich in dem Song „My pornograph“?

J. Robbins: Nun, wir haben so einen kleinen Jam gespielt, der ziemlich percussion-lastig war. Ich hab“ da im Studio auch noch mit elektronischen Elementen gearbeitet, so dass das Ganze am Ende sehr rhythmus-orientiert geworden ist. Darüber haben wir dann ein Sprachsample aus der Kafka-Verfilmung „Der Prozess“ von Orson Welles laufen lassen. Es stammt aus der Eröffnungsszene des Filmes, die von Welles extra für den Film zusätzlich zum Originaltext geschrieben wurde.

Da geht es um folgendes: Die Männer, die Josef K., die Hauptfigur, verhaften wollen, schauen in seinem Zimmer seine Buch – und Plattensammlung durch. Josef K. ist dann ganz furchtbar aufgebracht und sagt: „You won`t find any subversive literature or pornography here!“ Dann fragen sie ihn, wozu denn sein Plattenspieler gut wäre, worauf er sagt: „That`s my pornograph!“ Dadurch schwärzt er sich dann natürlich selber an. Ich fand diese Szene schon immer witzig und dachte mir, dass sie gut zu unserem Stück passen würde.

Nun zu etwas anderem: Mit Jawbox warst du ja auf einem Major (Atlantic), mit Burning Airlines seit ihr jetzt wieder bei einem Indie-Label, nämlich DeSoto. Welche Gründe hattet ihr für diese Rückkehr zu überschaubaren Strukturen?

J. Robbins: Zunächst einmal gab es überhaupt keine andere Möglichkeit, da kein Major-Label auf uns zugekommen ist. Zudem waren Jawbox schon damals ziemlich froh, von Atlantic gedroppt zu werden, denn ich persönlich fühle mich nur in einer Situation wohl, die ich auch verstehe und überblicken kann.

Atlantic dagegen habe ich überhaupt nicht verstanden, es war einfach zu gross und nur profit-orientiert. It fucked with our heads being on a major label! Wir haben die ganze Zeit versucht, selbst Verantwortung für die Band zu übernehmen und nicht Teil des Systems zu werden.

Aber ich denke, wenn man in diesem System Erfolg haben möchte, muss man zwangsläufig auch Teil davon werden. Daher denke ich, dass die Situation eines Indie-Labels für uns genau richtig ist, da wir hier auch eine gewisse Art der Kontrolle über das Schicksal der Band haben.

DeSoto wird ja auch von Kim Colleta, der ehemaligen Jawbox-Bassistin betrieben, was die Sache wahrscheinlich für dich auch einfacher macht…

J. Robbins: Ja, Kim ist auch sonst eine meiner besten Freundinnen, und da sie den Grossteil der Labelarbeit alleine macht, ist das ganze auch viel persönlicher.

Was hat es eigentlich mit diesem 80er Jahre-Einfluss auf sich? Ihr habt ja auf einer Splitsingle mit Braid ein Stück von Echo and the Bunnymen gecovert, gerade hast du auch Gang of Four erwähnt. Ist das eine grosse Inspiration für euch?

J. Robbins: Da musst du erst einmal verstehen, dass ich Punkrock 1984 entdeckt habe. Ich hatte gerade die Highschool abgeschlossen und bin in der Zeit viel zu Punkkonzerten gegangen. Das war das erste Mal, dass ich Leute in meinem Alter gesehen habe, die eigene Bands hatten und Platten aufgenommen haben. Damals war es dann auch viel schwieriger, Undergroundplatten zu finden, und hatte man sie erstmal gefunden, waren sie wie ein Schatz.

Manchmal gab es schon populäre Bands wie Echo and the Bunnymen, die ich gutfand, andererseits eben auch sowas wie Gang of Four. Wenn man damals in Washington D.C. lebte, war man schon froh, wenn man eine Punkplatte aus Chicago in die Finger bekam, das Ganze spielte sich eben sehr stark auf einer lokalen Ebene ab. Das ist sozusagen meine persönliche Version der 80er, die sich sicher von der der meisten anderen Leute unterscheidet. Weisst du, es wird im Moment oft von so einer Art Revival dieser Zeit geredet. Das sind dann ausgerechnet solche Bands wie No Doubt, und damit habe ich natürlich nichts zu tun…

Viele Leute sagen ja auch, dass die 80er ein schlechtes Jahrzehnt für die Musik gewesen sind, aber wenn man mal den Mainstream aussen vor lässt, ist eigentlich genau das Gegenteil der Fall, siehe nur ssT, Dischord usw.

J. Robbins: Das sind eben auch genau „meine“ 80er Jahre, wenn du so willst.

Wie siehst du denn im Gegensatz zu damals die jetzige Situation, in der bestimmte Aspekte der Punk/HC-Szene langsam Teil des Mainstreams werden, z.B. At the Drive-In auf Tour mit RATM, Dismemberment Plan mit Pearl Jam oder Sunny Day Real Estate mit R.E.M. Denkst du, das ist eine positive Entwicklung?

J. Robbins: Ich denke, das ist auf jeden Fall eine gute Sache für die jeweiligen Bands. Ich weiss aber nicht, ob das für die Kultur insgesamt eine so gute Entwicklung ist. Es ist vielleicht auch schon zu spät, sich darüber überhaupt ein Urteil zu bilden.

Die Bands, die du jetzt gerade genannt hast, sind sehr spezifische Beispiele. Für mich stehen diese Einzelfälle eher noch für ein allgemeines Phänomen, denn heutzutage wird es immer schwieriger, überhaupt noch einen Underground aufzubauen, einfach weil Informationen so schnell verbreitet werden. Die ganze Kultur wird immer mehr kommerzialisiert, und zwar jeder Aspekt der Kultur – auch der Underground.

J. Robbins: Wie gesagt: Wenn ich mir die individuellen Bands angucke, freue ich mich natürlich für sie, wie z.B. Dismemberment Plan (die der gute J. ja auch produziert hat – Hans). Es ist super für die Jungs, auf einer Bühne vor zehntausenden zu spielen. Abschliessend kann ich dazu aber auch nur sagen: There are other things that scare me more! (lacht)

***

Das war`s jetzt also, und was bleibt mir nun noch zu sagen? Der gute Mann hat einige interessante Sachen zu sagen, anderes hat man irgendwie auch schon hundertmal gehört. Ich denke aber, jemandem, der schon solange mit dabei ist, wird man die ein oder andere abgedroschene Phrase nicht übelnehmen, oder?!

Zum Konzert ist zu sagen, dass Burning Airlines wie zu erwarten ein sehr souveränes Set gespielt haben, jedoch vom durchgedrehten Dismemberment Plan schon ein bisschen an die Wand gespielt wurden. Nun ja, so kann`s gehen… Ich bin jetzt draussen, auf Wiedersehen!

Interview und Text: Hans Frese

Links (2015):
Wikipedia
Discogs

 

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