März 17th, 2007

BRASSY (#86, 02-2001)

Posted in interview by andreas

So bedeutungsschwanger das 2000er Jahr auch überstrapaziert worden ist, musikalisch hat sich eigentlich enttäuschend wenig bewegend Neues ergeben.

Auf beinahe sämtlichen Bühnen hielten Dinosaurier das Zepter fest umschlungen und leisteten ihren Beitrag zur inneren Befriedung. Sicherheit beruht eben auf Stagnation, und obwohl sie kamen die Platten, flutengleich wie nie zuvor, ist unterm Strich wenig kleben geblieben von dem, was da ausgeworfen wurde, Herzen in Flammen zu setzen.

Das Jahr auf meinem turntable überlebt hat auf jeden Fall „Got It Made“ (Wiiija Records/Beggars Banquet), das Debut der englischen BRAssY um Muffin Spencer. Was die Exil-Amerikanerin und Schwester von Jon Spencer (-BLUES EXPLOSION/BOss HOG) und ihre drei MitstreiterInnen Karen, Stephan und Johnny kreiert haben, nimmt sich wie die punkrockige Neudefinition des „big beat“ aus.

Furztrocken und sexy herausgehauenes, wie Gummi-Twist springendes garage- punk- riffing mit gelegentlichem „60ies-Touch“ trifft hier auf hiphiphopgebreaktes Hochleistungsdrumming plus turntable- action der „alten Schule“. Dazu Muffins Gesang: cool, selbstbewusst, ein wenig distanziert und lasziv; Popappeal in Rohformat quasi, dem Glanz eines ungeschliffenen Diamanten ähnlich.

„We like to groove, we like to rock, too.“, lautet BRAssY `s Devise und tatsächlich funktioniert ihr Hybrid aus Punkrock, HipHop und Pop so herzerfrischend gut, das „Got It Made“ nicht nur dem derzeitigen Brit-Pop in all seiner Wehleidigkeit einen klaren Platzverweis erteilt, sondern auch die Referenzalben von BOss HOG und der BLUES EXPLOSION als Vertreter eines ähnlichen musikalischen Ansatzes in ihrem Glanze stark verblassen lässt.

Mittlerweile gibt es mit „Play Some D“, „Work It out“ und „I Can`t Wait“ (ebenfalls Wiiija Records/Beggars Banquet) drei Singleauskopplungen, die alle durch überragende DJ- Mixes und Bonus Tracks bestechen. Zum Auftakt ihrer ersten Deutschland-Tour traf ich die Vier vor ihrem Auftritt im Hamburger LOGO.

Muffin – guitar/vox

Karen – bass/vox

Stephan – guitar/effects

Johnny – drums/turntables

***

Euer Debut „Got It Made“ ist eine der wenigen Platten des Jahres, die mich in Bewegung gebracht hat. Ich weiss allerdings so gut wie gar nichts über Euch, Eure Geschichte. Also, wer erzählt den üblichen Scheiss…

Muffin: … den üblichen Scheiss (lacht). Den üblichen Scheiss, macht… Stephan nicht so langweilig.

Stephan: BRASSY sind 1995 zusammengekommen.

Von Beginn an mit drums und turntables?

Johnny: Ja, an der Sache waren wir von Anfang an interessiert, Gitarren und electronics zu verbinden. Also haben wir diese Richtung eingeschlagen und es ausprobiert. Es hat sich einfach so ergeben, wie eine Art Experiment halt.

Für mich war es einige Male ganz interessant zu beobachten, das Eure Platte nicht nur bei Leuten funktioniert, die Punkrock mögen, sondern auch bei Leuten, die meine Sounds Zuhause eher abscheulich finden; die aus der House- oder Technoecke kommen, positiv einschlägt. BRAssY groovt halt…

Stephan: Das ist auch genau das, was wir versuchen zu verbinden, rüberzubringen…

Johnny: Unsere Musik ist so eine Art Spiegel unserer sehr ähnlichen Einstellungen zum Leben und tanzbare, agressive Sounds betreffend. Sampling, Dancemusic, all das zusammen.

Muffin: „We like to headbang, we like to groove, too.“ (allgemeine Heiterkeit)

Wie schaut Eure „homebase“ in Manchester denn aus, gibt` s da irgendwelche Besonderheiten?

Stephan: Das Zentrum bei uns ist ziemlich klein. Dafür gibt es eine ganze Menge Vororte. Kleine Nachbarschaften mit separater kultureller Prägung. Da gibt es kaum Berührungspunkte, das läuft alles nebeneinander her. Und wie gesagt, das eigentliche Zentrum ist sehr klein, also wann immer etwas stattfindet, sei es HipHop oder Punkrock, sind da auch immer die normalen Leute, die ausgehen. Auf eine Art bist du mit denen gemischt und das ist schon ein bisschen zu eng, da entsteht zuviel Agression.

Karen: Yeah, Manchester ist nicht der angenehmste Platz zu leben.

Hört sich nicht sehr begeistert an.

Johnny: Nun, das Ganze hat natürlich auch seine attraktive Seite…

Muffin: Ja, wenn du es rau magst, wirst du es mögen. (lachen)

Fühlt Ihr Euch in Manchester denn verbunden mit anderen kulturell Aktiven, gibt es irgendwelche Gemeinsamkeiten oder stehen BRAssY allein auf weiter Flur?

Muffin: (lacht) Wir sind schon unsere eigene Community und davon gibt es in Manchester eine ganze Menge kleiner. Generell ist die Manchester-Musik-Szene sehr gruppenorientiert, „vercliquet“. Das sind schon sehr „trendy“-Leute, die da entscheiden, was die nächsten 6 Monate „inn“-sein wird. Damit haben wir nichts zu tun.

Johnny: Wir versuchen, dieser Art von „Szene“ aus dem Weg zu gehen.

Karen: Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch eine ganze Menge undergroundiger Aktivitäten. Das was du in der Regel jedoch aus Manchester mitbekommst, ist Pop.

Dann müsstet Ihr mit Eurem Label WIIIJA Records eigentlich ganz zufrieden sein. Die haben ja keine Britpop-Norm im Programm.

Karen: Ganz genau, das haben wir uns auch gedacht. Was die z.B. mit CORNERSHOP gemacht haben…

Stephan: Dennoch läuft bei uns immer noch der ganze TRAVIS-Scheiss ab. Ständig. Du kannst dem einfach nicht entkommen. In jedem Magazin. Also für uns ist das nicht unbedingt einfach…

Muffin: Das Problem mit TRAVIS ist ganz einfach, das die schon so wenig originell sind und jetzt folgen diese ganzen Sub-TRAVIS-Bands, die noch viel schlimmer klingen. Da kommt absurderweise dann schon der Gedanke auf: „Oh TRAVIS, bitte beeilt Euch mit Eurem nächsten Album!“, weil ihr zumindest damit angefangen habt. All diese anderen sind doch nur… (gutturale Laute)

Naja, ich denke, bei Euch geht das seit den BEATLES und THE WHO schon so, ein 30-jähriger Kreisverkehr, dessen Wiederholungsmechanismen sich in den kommenden 30 Jahren prinzipiell bestimmt nicht ändern werden.

Muffin: (lacht) Wie gemein…

Johnny: Richtig, das ist das Schöne an Sicherheit, an sicherer Musik.

Stephan: So sicher, dass Daddy es anhören kann und mag.

Muffin: Yeah!

Karen: Warum Musik hören, die Dad schon Jahre zuvor gehört hat?

Aber an diesem Punkt muss es ja so etwas wie eine kulturelle übereinkunft, ein recht ähnliches Selbstverständnis beim Underground- und Mainstreamlager geben. Wie sonst erklären sich absurde Paarungen, wie z.B. MOBY und ELTON JOHN, von denen es kürzlich hiess, sie würden „Why does my heart feel so bad“ zusammen neu einspielen wollen?

Muffin: Da hast Du recht. Es ist, wie Du schon gesagt hast. Jemand hat MOBY die Tür geöffnet. MOBY hat jetzt… den geweihten Boden betreten. (allgemeiner Lacher) Ja, das ist so, da kommen der NME und die Major-Labels zusammen und entscheiden, welche „sichere, weisse, indieboyguitarband“ sie diese Saison promoten werden. Und das funktioniert ja auch.

Karen: Das Zeug wird dann überall gespielt, ob du nun einkaufen gehst, im Fernsehen eine Anzeige siehst oder einen Klub besuchst. Ständig bist du davon umzingelt.

Auch eine Form von öffentlicher Propaganda.

Alle: Yeah (lachen)

Muffin: Furchtbar fand ich diese „SUNDAY TIMES“ oder „SUNDAY TELEGRAPH“-Kampagne: „Get Your Free Five COLDPLAY-Songs.“ Das wurde im Fernsehen gebracht und all diese Sonntagsleute haben dann fünf Stücke von COLDPLAY gekriegt.

Karen: So haben die ihr Stück „lifestyle“ abbekommen.

Stephan: Das ist furchteinflössend.

Demnach ist Eure Situation in GB nicht ganz unproblematisch?

Johnny: Wir haben schon ein paar Leute, die den Daumen für uns hochhalten. Die kennen wir alle übers Internet… (lachen)

Muffin: In England haben wir einige Male getourt, verbrachten zwei Jahre ohne Plattenvertrag, in denen wir ständig versuchten, auf uns aufmerksam zu machen.

Von `95 – `97.

Muffin: Nun, zwischen `95 und`96 haben wir drei Singles rausgebracht, waren zwei Jahre ohne Label und sind seit `98 unter Vertrag. Seit `98 touren wir zwei- bis dreimal pro Jahr im UK und bis heute spielen wir zum grössten Teil in Klubs.

Johnny: Du realisierst erst, wie klein England wirklich ist, wenn du auf Tour bist und die gleichen Orte immer und immer wieder besuchst. Feststellen musst, das zwischen eben und jetzt nicht viel passiert ist.

Witzig, und trotzdem ist diese kolonialistische Einstellung noch immer vorherrschend, das in England das westliche Musikgeschehen bestimmt wird.

Stephan: (energisch) Und das ist absoluter Müll, besonders im Musikgeschäft wird damit im wahrsten Sinne des Wortes aufs übelste gehandelt.

Karen: Die Presse ist am Schlimmsten. Da wird Geschichte permanent als neu verkauft. Wie das funktioniert, kann man gerade in Manchester besonders gut beobachten. Die Musikszene in Manchester ist ja gerade deshalb so extrem langweilig, weil sie nicht aufhört, ihre eigene Geschichte zu wiederholen. Durch immerwährendes Kopieren ist sie bekannt geworden.

Muffin: Wie jetzt der „Manchester Beat Park“.

Karen: Arbeiterklassen-Jungs!

Und MORRISSEY?

Muffin: Und OASIS. Die Charakter-Stereotypen bleiben dieselben.

Während ich mich bei Eurer Platte schon gefragt habe, ob Ihr einer schwarz-geprägten Nachbarschaft entstammt. Eure HipHop-Einflüsse im Rhythmusbereich sind unüberhörbar.

Johnny: In den 80ern sind wir aufgewachsen, zur Schule gegangen. Da war HipHop cool und kontrovers. RUN DMC und PUBLIC ENEMY kamen mit Sounds, die niemals jemand zuvor kreiert hatte. Später haben wir dann begonnen, uns mit den älteren Electronics und so` nem Zeug zu beschäftigen. Aber als PUBLIC ENEMY damals rauskam, hat das schon eine grosse Explosion ausgelöst und England war für so was immer schon ganz gut.

Muffin: Viele Leute fragen mich, weil ich die Amerikanerin in der Band bin: „Oh, Du bist dann wohl die HipHopperin?“ In Wirklichkeit bin ich jedoch in einer Kleinstadt aufgewachsen und meine einzige Verbindung zur Musik war die englische Musikpresse oder MTV, die im übrigen HipHop überhaupt absolut rassistisch gegenüberstehen. Erst als ich in den späten 80ern nach England zog, sah ich weisse, junge Schulkinder mit P.E.-Aufnähern. Soetwas, so einen Einfluss hatte ich in der weissen Mainstream-Kultur aus der ich kam, nicht mitgekriegt. Das passierte erst im UK.

Kommen wir zum Abschluss noch mal kurz auf „Got It Made“ zu sprechen. Beim Anhören Zuhause kann ich mich immer wieder für Euren supertrockenen punkrockigen Sound begeistern, der auf eine Art 70er-mässiger als viele 70er-Produktionen klingt. Eure Instrumente und elektronischen Effekte habt Ihr bestimmt alle aus zweiter Hand, oder? Irgendwelchen alten Müll, den Ihr erst mal reparieren musstet? Arbeiten BRAssY so?

Muffin: Absolut.

Stephan: Ja, alle Einzelteile werden bei uns mit Gaffa-Tape zusammengehalten. (lacht)

Johnny: Unsere drum-machines kommen von Flomärkten.

Die Electronics klingen auch ziemlich antik.

Stephan: All unsere guitar-pedals sind alte 70er-Pedale, bei denen du nie weisst, ob sie das nächste Mal noch funktionieren oder nicht. (lachen)

Muffin: Die Pedals bereiten ihm viele Sorgen.

Johnny: Was unsere Live-Shows betrifft, wissen wir halt nie genau, was passieren wird. Vielleicht bricht das deck auseinander, die Gitarren gehen jede Sekunde in Arsch. Letzte Nacht…

Karen: …sind wir elektrogeschockt worden. (lacht)

Johnny: Chaos.

Was ich mich gefragt habe, Johnny, ist, wie Du es eigentlich fertigbringst, live gleichzeitig drums und turntables zu bedienen. Ich werde das ja gleich sehen, aber machst Du das nicht zufällig wie dieser DEF LEPPARD-Typ mit dem einen Arm? (alle gröhlen)

Muffin: Den anderen Arm haben wir geklaut und Johnny auf den Rücken genäht.

***

Auf der Bühne des LOGO erfüllte er kurz nach unserem Gespräch überraschenderweise auch mit zwei Armen seine Doppelrolle als drummer und DJ vortrefflich. Scratching und elektronische Effekte wurden wie Brücken zwischen den einzelnen Songs eingesetzt. Sobald die Mädels mit dem Rocken begannen, schwang Johnny sich in Sekundenbruchteilen zurück auf seinen Hocker, um wie besessen sein Minimal-drum-kit zu bearbeiten.

Köstlich war das zu beobachten und BRASSY brachten soviel Schub ins Spiel, dass die knapp 30 Anwesenden schnell aus ihrer verregneten Sonntagslethargie gerissen wurden und ein Konzert erlebten, das in etwas grösserem Rahmen möglichst bald wiederholt werden sollte.

Interview/Text: Tom Dreyer

Links (2015):
Wikipedia

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