März 17th, 2007

BOXCAR SATAN (#106, 06-2004)

Posted in interview by andreas

Das seltene Glück, dass eine CD ins Haus kommt, die dich über Tage hinweg nicht loslässt, die auch nach dauerhaftem Hören nichts von ihrer Spannung verliert. ‚Upstanding And Indigent‘ ist so eine CD. Deren Label Dogfingers Recordings hatte offensichtlich einfach mal so eine CD des Trios Boxcar Satan ans Trust geschickt, ohne überhaupt in Europa einen Vertrieb zu haben. Die Band ist nichtmal über die einschlägigen grossen Mailorder hierzulande zu bekommen. Glücklicherweise steht der Dollar zurzeit recht günstig und lässt einen Einkauf in den USA zu.

Wie auch immer: Boxcar Satan – das ist ein Trio, das mit einem Bein fest im Noiserock verortet ist, sich auf Bands wie Scratch Acid oder Jesus Lizard und überhaupt diese ganzen Spät-Achtziger- und Früh-Neunziger-Sachen bezieht. Das andere Bein hingegen darf sich von Song zu Song fröhlich durch die Gegend bewegen.

Ziemlich oft ist es im alten Delta- und Country-Blues abgestellt, machmal auch im Jazz von Ornette Coleman und John Coltrane, aber auch im Gospel, Cajun und etlichen anderen Stilen mehr. Das klingt dann erfrischend anders, macht aus den Texanern Boxcar Satan eine sehr eigenständige Band. Aber wenn dann wieder beide Beine im Noise stehen, wird schwer gerockt. Und das nimmt man auch gerne hin.

‚Upstanding And Indigent‘ ist die dritte CD der Band, eindeutiger Höhepunkt auf der Platte ist dabei die Coverversion ‚How Can A Poor Man Stand Such Times And Live‘, wo das Trio aus einem Hillbilly-Lied von 1929 einen echten Rocker gemacht hat. Ein Interview war also zwangsläufig, Sanford Allen, Sänger, Gitarrist und wohl auch Kopf der Band, hat sie per E-mail beantwortet.

***

Bevor ich die ‚Upstanding And Indigent‘ CD in die Hand bekommen habe, kannte ich euch nicht. Vielleicht erzählst du erstmal kurz was zu eurem Background.

Sanford: Kurz könnte schwierig werden, aber ich probier’s. Die Band gibt es in der ein oder anderen Form nun schon seit zehn Jahren. Der Bassist Patrick Sane und ich gründeten die Band kurz nach meinem Ausstieg bei den Evil Mothers – das war im Prinzip eine Industrial-Noise-Band. Anfangs waren Boxcar Satan nur sowas wie ein Seitenprojekt, das immer mal wieder für längere Zeit inaktiv war. Ausserdem gab es etliche Besetzungswechsel, unter anderem stieg Patrick des öfteren aus und später wieder ein.

Leider haben wir damals nur sehr wenig Material aufgenommen, unsere ersten chaotischen Jahre sind wenig dokumentiert. Erst 1997 oder so war die Band in einer derart stabilen Besetzung, dass wir unsere erste CD aufnahmen und ziemlich intensiv durch die USA tourten. Seitdem haben wir zwei weitere Platten aufgenommen, waren weiter für Konzerte unterwegs und spielen in einem relativ festen Line-Up mit Patrick und dem Schlagzeuger Ken Robinson, der früher mal in einer Artrock-Band namens Shit City Dreamgirls gespielt hat. Das ist auch die Besetzung, die du auf ‚Upstanding And Indigent‘ hörst.

Wann hast du denn eigentlich angefangen, dich für alten Blues und Jazz zu interessieren? Und wie kam es, dass du diese Stile in deine Musik einbinden wolltest?

Sanford: Ich wollte sowas schon immer, im Prinzip seit der Gründung von Boxcar Satan, einbauen – Jazz, Blues und verschiedene Arten von Folk. Leider waren die ersten Line-Ups der Band nicht sonderlich stabil, so dass wir kaum über den Postpunk- und Noise-Sound hinauskamen, mit dem wir angefangen hatten. Aber als wir die erste CD aufnahmen, hatten wir uns weit genug entwickelt, um die Blues und Jazz Einflüsse zu betonen.

Was deine erste Frage angeht: Ich denke, das fing bei mir mit 13 oder so an. Besonders, nachdem ich entdeckt hatte, dass ein Gutteil meiner damaligen Lieblingsrockbands – die Rolling Stones, Jimi Hendrix oder die Kinks, um mal ein paar Beispiele zu nennen – im Prinzip nur ihre eigene Version von Blues spielten. Ab da dauerte es nicht mehr lange, bis ich mein Taschengeld für Platten von Muddy Waters oder John Lee Hooker ausgab und mit einem Stahlrohr über dem Finger Gitarre spielte. Mit Jazz fing ich ein paar Jahre später an; das kam durch John Coltrane, Miles Davis und Charles Mingus. Da möchte ich auch noch weiterforschen.

Okay, das ist ein Klischee, aber irgendwie find ich es ungewöhnlich, wenn ein Texaner sich so sehr mit schwarzer Musik auseinandersetzt. Ist das Unsinn? Was für Reaktionen bekommst du denn auf die Musik?

Sanford: Und was für ein Klischee das ist. Du solltest mal Texas besuchen. Nicht alle hier haben einen Pickup Truck und schiessen mit ihren Gewehrren in die Luft, ob du es glaubst oder nicht. Okay, ne Menge tun es schon, aber nicht alle. Aber Spass beiseite, Texas hat eine wunderbare Tradition, was „roots music“ angeht – sowohl schwarzer als auch weisser oder gemischter.

Und es gibt etliche Leute, die das gut finden. Immerhin wurden in Texas solche Leute wie Ornette Coleman, Freddie King, Lightin‘ Hopkins, Blind Lemon Jefferson und Mance Lipscomb geboren, um nur ein paar Namen zu nennen. Wir bekommen eigentlich ziemlich gute Reaktionen. Immerhin hat Blues sehr viel Seele, die Musik spricht viele Leute an und macht unsere Songs auch für Leute zugänglich, die sich sonst durch den harten Sound abgestossen fühlen könnten.

Lass uns doch mal über ein paar eurer Lieder von der neuen Platte reden. Zunächst einmal über ‚How Can A Poor Man Stand Such Times And Live‘. Das Lied ist von Blind Alfred Reed, und ich muss zugeben, dass ich ihn nicht kenne…

Sanford: Blind Alfred Reed hat Hillbilly gespielt und stammt aus West Virginia. Er war ausserdem Prediger und hat kurz vor der Weltwirtschaftskrise ein paar Lieder mit seiner Fiedel aufgenommen. Ich glaube, diese Aufnahmesession war die einzige, die er je gemacht hat. Zehn oder zwölf Lieder, wenn ich mich recht erinnere. Ich hab das Lied zum ersten Mal auf einer Compilation gehört, die Harry Smith für das Smithsonian Folkways Label zusammengestellt hat.

Mich faszinierte dieser harsche Sound der Fiedel, der wie aus einer anderen Welt erschien, und sein Gesang. Es klang alles so archaisch und fremd. Aber als ich dann auf den Text achtete, wirkte er sehr zeitgemäss und aktuell, als wäre er heute geschrieben worden. Darin geht es um die Brutalität der Polizei, heuchlerische Prediger und die naiven Hoffnungen auf den Kapitalismus. Das Lied ist fast schon ein pissed-off punk rock song!

Ich nehme an, dass ihr das Lied wegen dieser politischen Dimension ausgewählt habt. Wie politisch ist die Band denn? Ihr habt ja auch einige entsprechende Links auf eurer Webseite.

Sanford: Natürlich haben wir das Lied deshalb ausgesucht. Ich hoffe, dass ein paar Leute über den Text nachdenken und es genauso tragisch finden, dass uns immer noch die gleichen Probleme beschäftigen wie 1929 – beziehungsweise, dass es heute mit George Bush noch viel schlimmer ist. Ich würde Boxcar Satan aber nur bedingt als politische Band ansehen.

Wir haben auf allen Alben Lieder, die sich subtil – oder in diesem Fall etwas weniger subtil – mit Politik auseinander setzen. Aber gleichzeitig glauben wir nicht, dass all unsere Lieder politisch sein müssten oder wir irgendwas über Politik auf unseren Shows sagen sollten. Wir bauen darauf, dass die Leute selber denken können, und wollen nicht dogmatisch wirken oder predigend.

‚Claudine‘ ist ein Cajun Stück. Was für Verbindungen habt ihr zu dieser Musik?

Sanford: Patrick stammt ursprünglich aus Louisiana, er könnte also ein paar Cajun Wurzeln in seiner Familie haben. Ken und ich definitiv nicht. Ursprünglich war ‚Claudine‘ mal eine sehr düstere Ballade mit einem englischen Text. Aber dem Lied fehlte das gewisse Etwas. Ich höre seit Jahren schon diese grossartige Cajun Band namens Balfa Brothers und hatte irgendwann die Idee, dass man dem Lied mehr Leben einhauchen könnte, wenn ich es so verändern würde, dass es ein bisschen nach deren Cajun Tanzmusik klingen würde. Ein paar Freunde, die Cajun Französisch sprechen, halfen mir, den Text zu übersetzen, und brachten mir die Aussprache bei. Das war tatsächlich ein ziemliches Lernerlebnis. Und wir müssen den Balfa Brothers für die Inspiration danken.

Eine weitere Frage zu euren Wurzeln: „Drunk On The Blood Of The Lamb“ ist ein Gospelsong mit einem ziemlich witzigen Text. Ihr wollt wohl alle Stile mal durchprobieren…

Sanford: Oh, ich liebe Gospel – von den Stanley Brothers und Blind Willie Johnson bis hin zu Reverend Gary Davis und Mahalia Jackson. Ich wollte immer schon einen Gospel Song schreiben. Der Titel kam mir in den Sinn, als ich irgendwann mal auf meiner Gitarre herumspielte, und ich fand ihn witzig genug, dass es eine Verschwendung gewesen wäre, daraus keinen Song zu machen. Es ist halt ein amüsierter Kommentar über Leute, die eine Droge – Alkohol – durch eine andere (Religion) ersetzen. Gleichzeitig ist das Lied eine Hommage an die Gospel Songwriting Traditionen in diesem Land.

Mal abgesehen von diesen drei Liedern scheint es so, als würdet ihr grundsätzlich vom Blues beeinflusst sein. Was die Themen angeht, aber eben auch die Musik.

Sanford: Auf alle Fälle. Wir lieben alle drei Bluesmusik, und das kommt natürlich durch. Der Country Blues von Leuten wie Son House, Bukka White und Howlin‘ Wolf hat etwas sehr Ursprüngliches und eine sehr pure Emotionalität. Nachdem ich das gehört habe, konnte ich gar nicht anders, als diese Elemente in meine Sachen einzubauen.

Aber ich muss betonen, dass wir auch sehr viele Punk- und Underground-Rock-Einflüsse haben. wir sind bestimmt keine straighte Bluesband. Dafür haben uns Bands wie Birthday Party, Scratch Acid, Captain Beefheart, The Ex, Einstürzende Neubauten, The Fall, Gang of Four, Devo, Crust, Tom Waits, Can und die Butthole Surfers zu sehr beeinflusst.

Erzähl mir doch noch ein bisschen was über James Cobb, der eure Plattencover gestaltet und zugleich Saxophon für euch spielt. Wie kam das?

Sanford: Wir bewundern schon seit langem die Gemälde von James Cobb, der in San Antonio lebt. Nachdem ich seine Arbeiten über Jahre hinweg in Museen und Galerien gesehen habe, lernte ich ihn über einen gemeinsamen Freund kennen. Dabei fand ich heraus, dass er ausserdem ein grossartiger und sehr kreativer Saxophonist ist. Als wir für unser erstes Album ein sehr freies Saxophon brauchten, rief ich ihn an und fragte, ob er nicht mal im Studio vorbeischauen könnte. Er wollte und machte einen grossartigen Job.

Dann entschied ich mich, mein Glück noch ein bisschen mehr auszutesten, und fragte ihn, ob wir nicht eines seiner Gemälde als Cover nehmen könnten. überraschenderweise hat ihn das noch nie jemand gefragt und er war total angetan, uns ein Bild zu geben.

Damit hat sowas wie eine Tradition begonnen, jedenfalls spielte er auf allen drei Platten und hat das Artwork zur Verfügung gestellt. James hat auch noch eine eigene Band, die Pseudo Buddhas, die Jazz, Rock, Improvisationen und indische Ragamusik vermischen. Ausserdem hat er zwei Solo-Alben unter dem Namen Six-Fing Thing veröffentlicht. Die Musik ist schwer zu beschreiben, aber definitiv revolutionär.

Zum Abschluss: Gibt’s Pläne für eine Europa-Tour?

Sanford: Würden wir liebend gerne, aber wir haben keine Ahnung davon. Unser Booker kennt sich auch nur in den Staaten aus. Also müssen wir erstmal sehen, was passiert. Aber ich würd schon gerne nächstes Jahr kommen.

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Interview: Dietmar Stork
Fotos: Matthew Toledo / Boxcar Satan

Boxcar Satan Webseite: www.boxcarsatan.com
James Cobb Webseite: www.6fingers.com
Label: www.dogfingers.com

Links (2015):
Wikipedia
Discogs

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