März 17th, 2007

BLACKMAIL (#75, 04-1999)

Posted in interview by andreas

Dann eben doch nicht der Grunge von heute: BLACKMAIL

Da kennt man sich gar nicht und trifft trotzdem gleich per Ferndiagnose den wunden Punkt. (Nicht nur) ich hatte da was von Grunge erzählt, und dann soll das gleich eine Beleidigung sein!

***

Kaum hatte ich mich mit der Koblenzer Band Blackmail, die gerade auf BluNoise eine sehr schöne Platte mit schweren Gitarren, smarten Melodien, sporadischem Keyboardschwurbel und dem Titel ‚Science Fiction‘ veröffentlicht hat, an einen Tisch in Berlin gesetzt, da ging es schon los…

Aydo (Gesang): „Wenn ’ne Band wie CREED in den ganzen Gazetten als Grungeband von Heute bezeichnet wird, dann ist es eine Beleidigung, uns Grunge zu nennen. Mit dieser Art von Musik haben wir gar nichts zu tun.“

Was soll ich sagen? Jedenfalls würde ich CREED nicht als Grunge bezeichnen. Höchstens als die langweilige Crossover-Band, die sie sind, wenn überhaupt.

Aydo: „Das steht aber in der BRAVO. Ist der Begriff nicht ein bisschen abgenudelt?“

Möglich. Aber ich fand, gerade nach all der Zeit wäre es ganz nett, ihn mal wieder einzuführen.

Kurt (Gitarre): „Dann sag‘ doch mal, wer wirklich Grunge macht!“

Nach meinem kleinen geschichtlichen überblick sind die Musikanten etwas besänftigt. Green River, Mudhoney, Nirvana – das war so mein Gedanke.

Aydo: „Nee, dann ist okay.“

Kurt: „Ich dachte, du meinst so Bands wie BUSH oder PEARL JAM…“

Aber von wegen abgenudelt…. So richtig hippe Musik macht ihr ja dann auch wieder nicht. Ich sehe da schon eine Entwicklungslinie von diesen Sachen vor acht oder neun Jahren.

Kurt mault: „Das hört sich so an, als machen wir Musik von gestern.“

Dann weis‘ mir doch einfach nach, wo das innovativ ist.

Aydo: „Heute ist es neuer, als vor drei, vier Jahren. Du kannst nicht sagen, das ist jetzt total neu, aber es ist gegen den Trend.“

Carlos (Bass): „Diese Grunge-Sache… Wir haben überlegt, warum das vor allem bei der ersten Platte fiel. Auf der neuen Platte gibt es definitiv Songs, die weder Grunge sind, noch irgendwie damit verwandt sind. Es gibt ein paar Sachen, wo die Gitarre fett ist oder fuzzig. Aber es gibt auch Songs die relativ poppig sind und viel zu clever für dieses übliche Rockgeschiss. Live ist es wieder was anderes.“

Da müssen nämlich in der Tat einige der Schlenker von ‚Science Fiction‘ unter den Tisch fallen, wie die Trompete, die irgendwo plötzlich losknattert, aber auch die nicht ganz unbedeutenden Mellotroneinsätze, die der Platte viel von ihrem Charme verleihen.

Aydo: „Es ist eher Noise-Pop. Denn wenn du es auf die Akkorde und die Melodie reduzierst, dann ist es eigentlich nicht mehr als Pop.“

Kurt lenkt ein: „Ich verstehe es, wenn man keine Bezeichnung für die Art von Musik findet. Dann liegt am nächsten vielleicht Grunge.“

Aber da hat er die Rechnung ohne seine Kollegen gemacht. Aydo und Carlos rufen wie aus einem Munde: NEIN!

Ein heikles Thema. Das sagte ich bereits.

Carlos: „Wir kommen einfach nicht aus der Grunge-Ecke, und deswegen stört uns das jetzt ein bisschen.“

Aus welcher Ecke kommt ihr denn?

Kurt erzählt: „Mario (das ist der Schlagzeuger, womit wir die Band nun komplett hätten – d.V.), Carlos und ich machen schon seit 15 Jahren zusammen Musik. Am Anfang haben wir Sechziger-Jahre-Musik gemacht. Irgendwann sind wir erwachsen geworden und haben eine richtige Band gegründet. Und in der Band hatten wir einen Sänger. Die Band hiess SPITFIRE. Das hielt aber nicht lange, und dann kam der Aydo dazu. Das ist halt eine kurze Story, aber wertvoll.“

Carlos ergänzt: „Die Wurzeln liegen eigentlich bei klassischen Sachen, wie den Beatles. Das klingt auch heute noch durch. Wir hören zwar auch Sachen wie Sebadoh, aber das sind Sachen, die hört man so, und es gibt viele Bands, die kommen und gehen. Aber es bleiben als Grundding die klassischen Sachen.“

Kurt: „Der musikalische Grundteppich kommt von den Beatles, weil wir damit erwachsen geworden sind. Mein Vater war Beatles Fan, Marios Vater auch. Die zwei hatten früher mal eine Beatles Cover-Band und haben sogar für die Rattles (oder waren’s die Rutles? – d.V.) Songs geschrieben, mein Daddy und sein Daddy. Deswegen sind wir auch damals auf die Sachen abgefahren und haben sowas selber gemacht. Das, was heute Crypt ist, haben wir früher schon gemacht. Und irgendwann haben wir gedacht: Machen wir mal was anderes, und das wurde dann Blackmail.“

Von den Beatles haben Blackmail schon auf ihrer ersten Platte den Song ‚Tomorrow Never Knows‘ gespielt. Und auf die Neue hätte er auch ganz gut gepasst. Ansonsten ist alles (wieder mal) ganz einfach:

Carlos: „Unser Ziel ist es, sehr eigenständig zu sein. Und dadurch, dass Aydo eine sehr eigene Art zu singen hat, passiert es, dass Leute uns wiedererkennen. Weil er so eine Petshop-Boys-Stimme hat…. (Gelächter) …das find‘ ich cool. Und so kommen wir vielleicht weg von diesen Einordnungen wie Grunge. NOTWIST fragt ja auch keiner danach, was sie machen. Dafür gibt es Bands, die wie Notwist klingen.“

Unten im Tacheles geschieht nämlich gerade just dieses: BLIMPS GO 90, die Blackmail begleiten, spielen bei ihrem Soundcheck einen Song, bei dem gerade keiner von uns so recht weiss, ob das jetzt nicht gleich komplett von den Notwist zu ’12‘-Zeiten nachgespielt ist.

Aydo meint noch: „Wir sind ja auch erst am Anfang, und wir hoffen dass jede Platte uns näher zu uns selber bringt. Und wenn das klappt, heisst es vielleicht irgendwann nur noch, dass es nach Blackmail klingt.“

Kurt: „Und das ist auch realistisch.“

***

Mal sehen. Ich leg‘ mich jedenfalls jetzt lang. Bis zum nächsten Mal verabschiedet sich der

STONE

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