Januar 5th, 2015

AT THE DRIVE-IN (#75, 04-1999)

Posted in interview by Jan

At The Drive-In rocken den Planeten. Sie sind gerade auf Tour. Ihr kennt sie nicht, aber dann, wenn in zwei Jahren alle Hefte mit der Band voll sind, werdet ihr natürlich von Anfang an dabei gewesen sein. Natürlich. Atdi sind die musikalisch aufregendste neue Band seit langem, indem sie den aktuellen Hang zum Weltschmerz zerbrechlicher junge Männer auf ein solides Rhythmusfundament stellen, und dies noch in schmissigen Songs verpacken. Der Maxirocker eben.

e-mail Interview mit James Ward. Daniel.

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Hi schönen guten Tag.

James: Danke… ebenso – legen wir mal los. Ich möchte am Anfang betonen, daß ich nur einer einer fünfköpfigen Band bin, so daß es eher meine als die Antworten der ganzen Band sind – ich mache eben die e-mail Sache.

Ok, so richtig interessiert an einer Bandhistorie will ich diesmal nicht sein, sondern eher an Deinen Teeniejahren- was passierte, als Du 14 warst? Wie bist Du auf Punk Rock gekommen? Der erinnernswerteste Gig, als Du noch ‘underage’ warst? Die schlimmste Drogenerfahrung? Das erste Mal?

James: Ich fing an, Punkrock zu hören, als ich elf Jahre alt war, weil meine ältere Schwester total auf die Dead Kennedies stand. Mit 14 kaufte ich mir Jawbreakers ‘unfun’ Album und alles wurde anders, ich fing an in kleinen Bands in und um El Paso Texas zu spielen, und so traf ich auch meine Bandkollegen, eben weil wir zusammen Shows spielten.

Als wir mit atdi anfingen war ich 17, was wohl als underage gelten dürfte. Mein alltime Lieblingsgig war, als wir in Lubbock, Texas, gespielt haben, mit einer Achtziger Jahre Lange Haare Heavy Metal Cover Band, deren Sänger ein Zwerg war und auf den Namen Uncle Nasty hört. Es war unglaublich. Zu Sex und Drogen fällt mir nur ein, daß ich da ein Langeweiler bin und meine Stories die Massen nur zum Gähnen bringen würden.

Für eine relativ junge Band werdet ihr häufig mit vielen, sehr sehr alten Bands verglichen – z.B. aus DC. Obwohl mir klar ist, daß ihr diese Bands kennt, frage ich mich, ob die Leute, die zu eueren Konzerten kommen, diese Bands auch kennen (zB Rites of Spring). Was sind die vermutlichen Lieblingsplatten der ‘kids’ auf eueren Gigs?

James: Ich glaube, daß das größe Glück, welches unsere Band genießt, die Tatsache ist, daß wir ein sehr gemischtes Publikum haben. Wir waren mit AFI und Good Riddance auf Tour, und es lief okay, wir haben mit Fugazi gespielt und auch dort fand uns das Publikum auch in Ordnung. Da wir innerhalb der Band von unterschiedlichen musikalischen Enden kom-men, ist unser Sound vielleicht nicht so einfach festzunageln.

Klar werden wir mit anderen verglichen, aber ich denke nicht, daß diese Vergleiche länger als die ersten paar Text-zeilen aufrecht zu halten sind. Wenn wir spielen sehe ich die Pop-kids, die Emo-kids, die H/C-kids, alle vermischt am mitsingen. Und das ist die Idee. Wir sind sehr gegen die Genre-wände, die Bands und Fans vom Vermischen abhalten. Wir können ohne Probleme die eine Nacht mit Short Hate Temper spielen und die nächste mit Braid. Daher hoffe ich, daß alle Leute im Publikum ganz viele unterschiedliche Platten haben.

Du erwähnst Braid, eine andere Band, mit der ihr schon desöfteren verglichen wurdet. Meiner Meinung nach müßtet ihr in der ‘nicht mehr ganz so neuen’ Emo-klasse relativ gut abschneiden, auf Labels wie No Idea oder Jade Tree. Dennoch habt ihr für Euere zwei Longplayer zwei ganz andere Labels gewählt (Flipside und Fearless). Wir kam das, insbes. bei der letzten Platte? Ich kenne einige Leute, die beim Betrachten meiner Copy gemeint haben, urgh, nicht schon wieder eine Standard-poppunkplatte.

James: Unsere erste Platte erschien auf Flipside, weil wir ‘die junge Band aus El Paso, Texas’ waren und uns niemand kannte. Wir spielten in LA, die Flipside Leute sahen uns, so kam die Platte. Danach kam eine EP auf Offtime Rec., einem typischen Poppunklabel, weil wir es uns nicht aussuchen konnten. Wir tourten auf diesen beiden Platten eine Weile herum und wurden einen Tick bekannter. Dann hatten wir uns entschlossen, unsere Sachen an einige der Emo-labels zu schicken und sie wollten nichts von uns wissen.

Eigentlich wollte bis auf Fearless niemand von uns wissen, so daß wir dann bei ihnen unterschrieben. Wie du sagst, es ist merkwürdig, die Leute erwarten etwas ganze anderes unter diesem Label-namen, aber unserer Meinung nach, was soll’s? Sie haben die Platte rausgebracht, aber wir haben den Sound gemacht, unseren Namen sollten die Leute doch zuerst lesen. Die USA sind ein großer Club, man muß wohl die richtigen Leute kennen, um auf den entsprechenden Labels zu sein – die Leute, die wir nicht kannten. Natürlich haben wir nichts gegen die Leute bei Fearless, das ist auch klar.

Mit all den Millionen Bands und Platten und Labels, was sind Deine Hauptwege, up to date zu bleiben? Liest Du besondere Zines (welche?) oder hörst Du die eine College Radio Station oder gibt es den ‘einen’ Laden?

James: Ich glaube es war schon immer so, daß die Gemeinschaft einen informiert. Du kannst ein wenig aus einem kleinen Zine in Ohio lernen und erzählst im Gegenzug bei irgendeiner show etwas. Auf Tour sein hilft mir, zu wis-sen, was überall abgeht, wir spielen mit Braid, die erzählen was, ein paar Tage später Elliot und das gleich passiert wieder. Für Geschich-ten über große Bands lese ich gerne Rolling Stone, für die uns eher interessierenden kleineren Sachen Punk Planet oder Hit it or quit it. Es gibt bei uns in El Paso keine Radio Station, aber mir gehört zum Teil ein ganz kleiner Plattenladen hier, so daß ich so viele neue Sachen reinbekomme und kennenlerne.

Wie heißt der Laden? Hat er auch eine Homepage etc.?

James: Headquarter Records, ist auch ein kleines Label, Homepage haben wir noch nicht, aber die für die Band ist www.atdi.net

Ist das ein regulärer Laden? Welche Platte habt ihr in der letzten Zeit am meisten verkauft?

James: Den Laden machen ich und ein paar Freunde von mir, nur ein ganz kleiner, aber immerhin auf der hippen Straße in El Paso, er ist am Rande einer Daddelhalle, so daß irgendwelche Kids immer abhängen. Manchmal machen wir dort auch Konzerte, und haben eben auch schon ein paar Platten rausgebracht. Viel verkauft haben wir die Jets to brazil, weil wir der erste Laden in der Stadt waren, der sie hatte.

Und welche Platten hörst Du selber gerade am liebsten, sofern Du einen Plattenspieler hast?

James: Murder City Devils und Knapsack.

Wie wird die nächste musikalische Revolution aussehen, wenn es denn eine geben sollte? Werden die Leute sich weiterhin mit Tattoos und Piercings vollkleistern? Wie wird die Mode sein?

James:  Naja, die Tattoos werden auf jeden Fall auf den Leuten kleben bleiben – meine bewegen sich zumindest nicht sonderlich schnell weg. Ich weiß nicht, was passieren wird, aber ich würde es begrüßen, wenn ein wenig mehr Freundlichkeit, mehr Güte, in der Szene Einzug halten würde. Das wäre für mich eine echte Neuerung, eine echte Revolution. Und natürlich fängt ein paar Jahre später alles wieder von vorne an.

Mehr Freundlichkeit, mehr Güte? Gibt es lokale Unterschiede in den USA, die Dir beim Touren auffallen, so z.B. ob es Gegenden gibt, bei denen es auf Konzerten ‚härter abgeht‘? Was erwartest Du hier von Europa? Was sagen Dir Leute über das Touren in Europa?

James: Jede Stadt ist natürlich ein wenig anders, einige sind eben sehr aggressiv. Aber auch ganz friedliche Orte können scheiße sein. Wenn das gesamte Publikum kurz vorm Einschlafen ist, macht das genauso wenig Spaß, als wenn sie versuchen, sich zu töten. Wir lassen allerdings keine Gewalt zu, wenn wir spielen. Wir hören dann auf und warten ab, bis es geregelt ist. Die Leute wissen das langsam, also lassen sie es gleich. Jeder, mit dem ich über Europa gesprochen habe, sagt, daß es schlicht und einfach klasse sei. Wir sind da schon recht aufgeregt, lauter nette Leute die unsere Musik hoffentlich mögen… unsere Szene!

Bill und Monica?

James: Ist mir egal. Ich glaube, es interessiert wirklich niemanden. Irgendwo ist es peinlich, daß so etwas so wichtig wird. Unser Land hat eben diese Tendenz, ab und an seinen Kopf in den Arsch zu stecken.

Glaubt man Euerer Homepage, seid ihr eine exzessiv tourende Band. Vor einigen Jahren kam schon ein Buch heraus mit lustigen Tourbegebenheiten diverser Bands, und über Tour Stories wie die von PopDefect kann ich mich schimmlig lachen. Was könnt ihr bieten?

James: Immer fragen uns die Leute danach! Unsere Stories sind natürlich scheiße! Ich bin zwar mal fast ertrunken, 1995, nachdem mich der Rest der Band überredet hatte, in einem Wasserfall reinzuhüpfen, ich sollte rein theoretisch aus dem Strudel raustreiben, aber ich blieb eine ganze Weile unten. Am Tag vorher hatten wir gerade den Van geparkt, da kam der Besitzer des Hauses, vor dem wir parkten, in Unterhose mit Schrotflinte bewaffnet raus und vertrieb uns… Du siehst schon, wahre Brüller sind das nicht, wir sind da recht friedliche und zahme Leute.

Und wie sieht das mit der Band und dem gegnerischen Geschlecht aus? Erwarten Euere Freundinnen Euch sehnsüchtig wenn ihr auf Tour seid? Oder freuen sie sich, wenn ihr wieder abhaut? Habt ihr je Groupies getroffen? Oder von Bands gehört, denen das passiert ist?

James: Alles, was ich darüber weiß, ist, daß es mir nicht passiert. Meine Freundin hat coole An-sichten übers Touren, sie will zwar nicht, daß ich wegfahre, aber sie versteht auch, daß es sein muß, weil es eben das ist, was wir als Band tun. Natürlich trifft man auf Tour auch nette Mädchen, aber nichts ‚Schlimmes‘. Wenn man z.B. jeden Abend auf eine Party gehen würde, würde man unweigerlich irgendwann in der Kiste landen, oder? Aber wenn man nicht die ‚ich will ficken‘ Attitüde vor sich herträgt, wird auch niemand sonderlich hinter einem her sein. Von den Bands, mit denen wir gespielt haben, nein, da ist so etwas nur ein Mythos, ich weiß es zwar nicht genau, aber…

Ich weiß ja nicht viel über Deine Heimatstadt, außer, daß es da wohl ziemlich heiß ist. Was passiert bei 45°? Drehen die Leute durch? Und was ist mit dem Tumbleweed in den Vorgärten?

James: Tja, also es ist schon richtig heiss, und bei 40 Tagen in Folge über 40 Grad dreht jeder Mensch etwas durch, aber wir sind daran etwas gewöhnt, zumal ab 35 Grad sowieso alles gleich ist. Außerdem wird es ja nachts dann sehr kühl – angenehm, aber seltsam. Hier kann man sonst nicht viel machen, deshalb ist es hier auch sehr billig zu wohnen. Bands kommen hier selten vorbei.

Die Clubs sind scheiße, die Bars sind scheiße, die Kinos auch, deshalb hängen wir immer zusammen rum, was diese Stadt zu einer Familie macht, jeder kennt jeden, und alle sind sehr relaxt. Die Tumbleweeds sind eben getrocknete Sträucher, nichts dabei, der Wind nimmt sie mit, der Vorgarten ist im Weg. Ich persönlich mag Tumbleweed!

In welcher Band würdet Ihr gerne jemanden für eine Tour oder so ersetzen? Gestern oder heute oder in Zukunft, das ist egal.

James: Es ist leider im Moment niemand von den anderen da, aber ich bin mir sehr sicher, daß die Antwort die Bands Metallica, Kiss, Pink Floyd, Sunny Day Real Estate und Radiohead umfassen würde. Auf eine Kombination dieser Bands würde ich wetten! Vielen Dank, und wir freuen uns darauf, mit den Deutschen zu trinken.

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Links (2015):
Wikipedia
Homepage
Discogs

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