Dezember 9th, 2007

AARON COMETBUS (#123, 04-2007)

Posted in interview by jörg

Rosenmontag in Frankfurt. Ich laufe durch das grosse Amüsierviertel südlich vom Main und bin überrascht, so wenig Menschen auf der Strasse (gar keinen) und in den Kneipen (wenige) zu sehen. Es ist nicht sonderlich kalt und an einem solchen Tag müsste doch eigentlich in einer vom Rhein vielleicht nur 40 Kilometer entfernten Stadt…

aber ist eben nicht. Ein kleiner Club, das Bett genannt, mitten im angesprochenen Viertel bietet heute eine Lesung, zum einen Nagel von Muff Potter mit seinem Debütroman, zum anderen Aaron Cometbus aus den USA mit Auszügen aus seinen Fanzines und Büchern, von denen ‚Double Deuce‘ unlängst auf deutsch erschien (‚Doppelzwei‘).  Der übersetzer Jörn, verblüffende ähnlichkeit mit Blake Schwarzenbach, liefert später den Conferencier und ab und an ein paar Auszüge aus dem von ihm übersetzen Roman, hastig und ein wenig zu aufgeregt vorgetragen.

Vor dem Club warten einige Fans von Muff Potter, zumindest kann ich es mir nicht anders vorstellen. Das Innere des Clubs ist schon fast gespenstisch ruhig, während die dreissig Gäste auf der Bestuhlung Platz nehmen. Ich lerne Aaron kennen, der ohne Verlaub und aller fehlenden Distanz der schlichtweg einzig herausragende Fanzineschreiber des Planeten sein sollte.

Auch das interessiert am Rosenmontag Abend in Franfurt keinen Menschen ausser mir, so zumindest die Einschätzung von Aaron, der sich freut, dass jemand von ihm Notiz nimmt, während er gelassen den Popularitätsunterschied zwischen Nagel und ihm erwähnt. Auf der Bühne liest Aaron im Stehen, bewegt sich dabei nur unwesentlich und fällt durch eine ruhige, die richtige Vorlesegeschwindigkeit nur selten verlassende Stimme auf.

Die Akzentuierung ist vielleicht ein wenig zu sonor und mir wird bewusst, dass obschon seine Texte meist von überschaubarer Satzlänge sind, die meisten Zuhörer das Englisch nicht verstehen oder an den entscheidend komischen Stellen zunächst schweigen, bis sie in das Lachen einiger weniger einfallen.

Aaron wirkt beim Lesen bis in die Haarspitzen kontrolliert, nur manchmal fährt seine Hand einen Ausflug und streicht eine Textzeile durch, während er sich selbiger bereits bis auf kürzeste Distanz genähert hat. Er erscheint jugendlich, obwohl um die vierzig Jahre alt, und seine Gestik und Körpersprache deuten ein wenig in die Richtung des Typus eitler Künstler.

Auf der anderen Seite fragt sich, ob nicht ein jeder Mensch, der seinen Ausdruck anderen mitteilt, automatisch eitel ist? Aaron tendiert zum eher stillen, zurückgezogenen Beobachten und meidet die Position als Dampfhammer in der Mitte des Geschehens. Auf der dritten Seite sieht er nicht unattraktiv aus, was die Angelegenheit weiter kompliziert. Wir treffen uns im Anschluss an die Lesung im hübsch eingerichteten, holzgedielten Dachzimmer des Clubs. Einleitung, Layout und Interview von Daniel. Photo Copyright 2003 Cynthia Conolly, printed with permission.

***

Ich habe vier Themen. Du kannst aussuchen.

Aaron: Wir können alle vier behandeln

Also erst einmal bist du viel grösser, als ich gedacht habe.

Aaron: Das sagt jeder. Vielleicht weil die Person, die ich in meinen Geschichten portraitiere, eine kleinere, schmutzigere Person ist. Ich vermute wahrscheinlich, weil ich mich so fühle. Witzig ist, dass ich bis vor ein paar Jahren ein dünnes Hemd war, aber wenn du Schachteln verfickter Fanzines jahrzehntelang trägst, dann wird man kräftiger. Und vom Drummen auch.

Die vier Themen wären Du als Musiker, Schreiber, Berühmtheit und Analyst. Lass‘ uns mit dem ersten anfangen. Ich würde ja mit der Berühmtheit anfangen wollen.

Aaron: Das Thema mag ich nicht

Ich hab’s geahnt. Lass uns über den Musiker reden. Eigentlich versuche ich, diese Themen zu trennen oder die musikalischen Aspekte von dem, was ich getan habe, runterzuspielen, da das Thema alles trumpft. Neben der erwähnenswerten Zeit als Drummer von Crimpshrine —

Aaron: ‚Erwähnenswert‘ hängt stark davon ab, was du magst

Pinhead Gunpowder sind sicher bekannter.

Aaron: Mein Punkt ist der, dass viele meiner Bands sehr obskur in einem grösseren Rahmen erscheinen. Es waren aber alles lokale Bands, die Teil aufregender Szenen waren, so lange es sie gab, oder es zumindest versucht haben. Und vielleicht hat das zur gesamten Identität dieser Szenen beigetragen.

Das weiss man aber immer erst danach, oder?

Aaron: Nein, wenn du betrunken bist und eine Band gründen willst, dann sagst du vielleicht „hier ist diese coole Szene, wenn wir doch nur eine Band zum tanzen hätten, wenn wir doch nur eine Band hätten, die von …unserem Leben sänge, dann wäre die Szene viel süsser!“

Dennoch müsste ich, wenn ich denn einen Artikel über das musikalische Vermächtnis der East Bay von damals schreiben dürfte, unter anderem den Namen Crimpshrine erwähnen.

Aaron: Also wenn ich an das musikalische Vermächtnis der East Bay denke, erinnere ich mich an all die grossartigen Bands zwischen 81 und 86 und die waren verfickt gut. Und meine beste Arbeit war nicht als Drummer von Crimpshrine oder irgendeiner anderen meiner Bands, sondern bestand im Herausbringen von Compilation Tapes und vom Schreiben eines Fanzines, welches sich mit den lokalen Bands beschäftigte und diese promotet hat, als wir eine süsse Zeit hatten, bevor die East Bay all diese Aufmerksamkeit bekam, die, so denke ich, langfristig nicht dienlich war.

Es war der eine Punkt, der das Gesicht des Punkrocks für immer verändert hat. Als Green Day gross wurden und Millionen Platten verkauften. Ich glaube nicht, dass für diese Art von Musik etwas sonst mehr verändert hat.

Aaron: Sicher. Ich erzählte dir mal was über diese goldenen Schallplatten. Wenn man sie dann aus dem Rahmen rausnimmt, ich meine, jeder ist doch neugierig darauf, stellt sich heraus, dass auf der Platte die verfickten Ohio Player sind, die Funk-Typen. Es ist einfach eine alte Funk-Scheibe, die goldfarben angemalt wurde. Ich dachte, man könnte sie nicht abspielen, aber es geht und es ist irgendeine Platte, die sie gerade gefunden haben und goldfarben lackiert haben und das Label draufgeklebt.

Es sieht aber gut aus!

Aaron: Ja, das ist wohl wahr, aber eben nur irgendeine Platte, gold angemalt. Nur um diese Illusion zu rauben.

Drummst du im Moment in einer Band?

Aaron: Nein, eine Zeitlang habe ich mit einer kleinen, jungen Band gespielt (in NY). Deren Drummer hatte einen Tag vor einer Tour quittiert, also meinte ich ‚hey, schieb dich zur Seite‘ – alle waren ein wenig überrascht. Im letzten Jahr gab es einige tolle Bands, local, das ist für mich immer noch das wichtigste, die local scene, da ist alles.

Ich war unlängst in New York und es war nicht einfach….

Aaron: House Shows, es gibt immer gute House Shows (Bei jemandem zuhause Anm.)

Wir mussten in Teile von Brooklyn fahren, wo noch nie ein Deutscher zuvor gewesen ist. Schien, als ob so etwas in Manhattan nicht möglich sei.

Aaron: Es gibt keine House Shows, aber die gleichen Bands spielen. Die Squats sind inzwischen legal (wir berichteten, Anm.) und die Leute, die in ihnen wohnen, sind künstlerisch gereift und machen coole Scheisse und das ABC No Rio ist auch noch da, manchmal ist auch was im (Thompkins Square) Park. Es geht also auch etwas in Manhattan.

Hast du Pläne, in einer Band auch mal wieder länger zu spielen, als das Herausbringen einer 7″ dauert?

Aaron: Auf jeden Fall, ich bin kein Freund der kurzlebigen Band.

Die Liste aber ist so lang, die meisten kenne ich nicht.

Aaron: Sicher. Aber ich fange mit nichts, sieht man davon ab, wenn es nur für eine Tour ist, an und denke, das wird nur fünf Minuten dauern. Es ist nie eine Projektband, es ist immer ein ernster Versuch. Es klappt nur meistens nicht. Ich bin aber nicht sehr daran interessiert, dass es so läuft wie früher, wo ich die Songs geschrieben und irgendwie die ganze Bühne organisiert habe. Die Freude liegt inzwischen eher darin, die Songs anderer Leute zu spielen.

Die alle halb so alt sind wie du?

Aaron: Es gibt coole Leute jeden Alters, die Musik machen. Ich versuche die Dinge im Zaum zu halten, indem ich mich mit Leuten umgebe, die noch überheblicher und noch coffein-ierter als ich sind. Man kann es dann austragen und bestimmt nicht alles allein. Aber das ist natürlich schwer zu finden. Je älter man wird, desto eher lernt man auch, mit anderen Leute zu arbeiten und hoffentlich auch, ihnen Raum zu geben.

Man wird ruhiger, weicher, das sehe ich an mir selbst ganz gut. Sind die Menschen, die du in NY triffst, anders als die vor 20 Jahren?

Aaron: Wenn du jung bist, bist du so mit dir selbst verstrickt und so am ausrasten. dass du kaum Aufmerksamkeit auf jemand anders richten kannst. Inzwischen kann ich mich an dem, was andere Menschen sind, richtig erfreuen. Ich gebe nicht vor, sie oder ihre Herkunft zu verstehen. Aber sie können interessant und warm und ’sweet‘ sein und helfen sich gegenseitig ein wenig mehr, als meine Freund und ich das bei Konzerten vor 20 Jahren getan haben. Aber du musst verstehen, dass da auch noch viele der gleichen Leute wie vor 20 Jahren sind, die sind nicht alle ausgetauscht (lacht).

Gibst du eigentlich viele Interviews?

Aaron: Das war einmal. Eine Sache, für die New York gut ist: kurze, präzise Antworten. Lernen, dass man nicht immer alles erzählen muss, die ganze Geschichte. Ich war immer eine langsame Person. Ich überarbeite meine Geschichten 800, 900 mal. Wie wenn Wasser über einen Stein läuft und die Unebenheiten ausgleicht. Manchmal habe ich Tage gebraucht, um eine Gefühlslage genau zu beschreiben und New York ist ein guter Ort, um ein wenig schneller zu werden, straffer zu arbeiten.

Im Cometbus Reader ist ein Bild von all den Schnipseln, die zu Korrektur verwendet wurden.

Aaron: Das ist nur die Handschrift. Die Geschichte ist ja vorher schon mal um mal überarbeitet worden. Die Leute denken immer, dass es wahrer und spontaner wäre, wenn es nicht redigiert wurde, aber ich glaube, dass es wahrer und spontaner wirkt, mehr wie deine Stimme ist, wenn du jedes Wort hinterfragst um zu sehen, ob es wahr klingt und gut anfühlt.

Die alte Punk-Nummer: Mach es und schmeiss es weg?

Aaron: Das Problem sind einige Schriftsteller, die einen Bärendienst erwiesen haben, als sie Spontanität zur einzig validen Kunstform erklärt haben. Dass der Künstler in dir sitzt und nur darauf wartet, endlich herauszukommen und du es nur fliessen lassen musst. Was ein Müll. Wenn du mit mir redest, ich stottere, ich grummele, ich erzähle Müll, bin betrunken und sage falsche Sachen, aber wenn ich auf Papier arbeite, dann kann ich darüber nachdenken und Dinge verbessern. Das mach das schreiben so grossartig.

Man lernt, ein besserer Mensch zu werden, weil du zum einen deine Gedanken zu artikulieren lernst, zum anderen weil du dich fragst ‚wie würde sich die andere Person in der Geschichte fühlen?‘, ‚wie werden das hier Personen falsch verstehen?‘ , ‚wie verhindere ich, dass ich nicht wie ein Arschloch wirke: Das ist nämlich wichtig.‘

Kommst du nach all diesem Korrigieren und Refokussieren auch zum Punkt, wo du weisst, dass es nun gut ist?

Aaron: Ja, ich kann aufhören. Ich gehöre nicht zu denen, die nicht aufhören können. Einige wenige Gesichten kamen aus einem Guss, aber meistens steche ich ein und arbeite zehn Stunden. Ich arbeite viel mit Notizen und wenig mit göttlicher Inspiration.

Also hast du immer so ein kleines Notizbuch.

Aaron: Nein.. (zeigt seine vollgekritzelten Hände)… eher kleine Zettelchen, ich schreibe kein Tagebuch oder so etwas.

Die Person, die als Ich-Erzähler in deinen Büchern und Geschichten auftritt bist nicht du selber, aber ein Teil von dir. Oder ist das alles fiktiv? Wo ziehst du die Linie? Wie reagieren die Leute, die du als Blaupausen für deine Charaktere heranziehst, darauf?

Aaron: Manchmal ist die Person, als die ich mich beschreibe, der kleiner Teufel auf meiner rechten Schulter. Der Kaffee in mir. Manchmal nehme ich auch alles was ich hasse, alles was mich nervt, die Gedanken und Wörter, die ich nie habe oder benutzen würde, und mache daraus mich. Das ist Spass! Ich denke, man lernt, die Art, wie Menschen einen sehen, mit Humor zu nehmen. Sie werden dich nie verstehen, oder immer missverstehen, also ist es besser, darüber zu lachen oder sicher selber nicht zu verstehen! Mit den anderen Charakteren ist das ähnlich.

Am Anfang sind sie eine reale Person, aber meistens sind sie aus mehreren anderen Personen zusammengesetzt, die alle grundverschieden sind und nie miteinander auskämen. Während des Schreibens kommt sehr schnell der Punkt, an dem die Vorstellungskraft einsetzt und die Charaktere ihr eigenes Leben entwickeln, nicht nur auf dem Papier, sondern auch im Kopf.

Wieso hast du im Cometbus wieder Band-Interviews eingeführt?

Aaron: Ich wollte zeigen, dass man ein interessantes Band Interview führen kann. Ausserdem kann man Leuten in Bands einfach so einen Tape Rekorder ins Gesicht halten und irgendwelche Fragen stellen. Es war wie ein Experiment, kann ich ihnen all diese blödsinnigen Fragen stellen und werden sie sich immer noch zur Antwort verpflichtet fühlen

Ich wundert mich gerade

Aaron: lass mich mal weiterreden, wenn du das Interview abschreibst, wirst du dich fragen ‚warum zum Teufel habe ich ihn da gerade — (Anm: Wohl wahr.) — und siehe da, sie blinzeln nicht mal und antworten sofort. Wenn du das gleiche mit einem normalen Menschen machen würdest, würden sie sich für die gleiche Nummer gerade mal ermorden.

Da stellst du dich also vor Ian McKaye als eine der Ikonen und fragst ihn nach irgendeinem verschissenen Ramones Gig, auf dem er war, als er ein kleiner Junge war. Nebenbei: Hätte er geantwortet, wenn jemand anderes ausser dir diese Frage gestellt hätte?

Aaron: Da liegst du auf dem falschen Gleis. Ian wird jedem alles ewig lang erzählen. Ich meine, das ist sein neues Ding, irgendwo Redeveranstaltungen durchzuführen, Fragen anzunehmen und diese langwierig zu beantworten.

In deinen ganz alten Ausgaben hast du klassische Interviews gemacht, dann Shows rezensiert, irgendwann nur noch das Publikum bei Shows rezensiert und das war es dann war die Musik weg.

Aaron: Richtig. Die Grundlage in meinen ganze alten Ausgaben, in den frühen Achtzigern, waren Interviews mit Bands, über ihr Reisen und ihre Werte, Pläne, Moralvorstellungen, ihre Geschichte. Da kam die Idee, die gleichen Geschichten von den gleichen Leuten zu machen, aber die Band wegzulassen.

Nicht so anders, aber veränderter Blickpunkt. Nach den folgenden, vielen Jahren mit viel zu viel Blickpunkt auf mich, oder den Ich-Erzähler, auch wenn nicht alles im Heft von mir selber ist oder mit mir zu tun hat, wollte ich von dem ‚ich‘ weg. Es ist schlecht, wenn du nur Bands im Heft hast und aller Augenmerk auf denen liegt. Es ist aber gar nicht schlecht, etwas ausserhalb von einem selbst zu betrachten und zu diskutieren. Das ist die Rolle der Musik in unserer Szene. Sie wirkt wie ein Klebstoff, sollte aber nicht mit als die gesamte Szene missverstanden werden.

Die Musik sorgt dafür, dass man sich an einem Ort trifft.

Aaron: Ja, das ist ja das selbe bei Gilman Street. Du hängst am Club herum trinkst oder was auch immer. Auch ohne Club wäre es ein guter Platz zum trinken, Bahngleise, Kaimauern, aber es wäre keiner da! Und manchmal ist es auch wichtig, reinzugehen und eine gute Band zu sehen.

Eins noch zu deinen ganz alten Ausgaben. Wenn ich mir meine ersten Fanzine-Versuche anschaue, ist mir das eher peinlich.

Aaron: Aber ich würde sie gerne sehen und das ist der Punkt. Ich schaue mir mein Buch ja nicht an, aber vielleicht will das jemand anders.

Wie hast du die alten Texte ausgewählt, die wiederveröffentlicht wurden?

Aaron: Es war zum Teil fürchterlicher Kram, aber auch angenehme überraschungen. Wenn du die Gelegenheit hast, deine eigene Vergangenheit zu redigieren, wenn du ein Drittel deiner Vergangenheit nehmen kannst, die anderen vergräbst, und dann noch die Rechtschreibung verbesserst, dann ist das erfüllend. Man kann nach vorne blicken.

Du hast dann Last Gasp (den Verlag) angerufen—

Aaron: Ich hänge da immer an der Warenrampe herum, bringe jede neue Ausgabe vorbei und rufe nach oben zu den Bürofenstern. Wenn Rod, der Chef dort, dann einmal herausguckt, ‚Hey, habe eine neue Ausgabe, verkaufe jedes Mal mehr, seid ihr bereit, die Anthologie rauszubringen?‘ und nach ein paar Jahren sagten sie ja. Es war für mich künstlerisch eine tolle Sache, die alten Ausgaben frisch wieder ins Rennen zu werfen.

Es war schon traurig, dass heute zu Beginn der Lesung erst einmal erklärt werden musste, was ein Fanzine ist.

Aaron: Niemand muss das wissen, das ist mir scheissegal. Sie müssen nicht bestätigen, was wir getan haben oder dem zustimmen. Wenn sie es nicht wissen, ist das okay. Ich würde mir lieber anschauen, was sie machen und das unterstützen. Wenn man aber etwas macht, was dich glücklich macht und die Hoffnungen anderer Menschen stützt und sie inspiriert, dann ist das cool: Dann klappt es für alle.

Du bist auf diese Lesetour gegangen, nachdem Jörn die übersetzung gemacht hatte und es dich fragte —

Aaron: Wir haben darüber seit einigen Jahren gesprochen. Es ist nichts, was ich mag: Der Spass beim lesen liegt doch darin, dass du nicht weisst, wie die Personen aussehen. Du liest von Charakteren, die du nicht kennst und bewegst dich in einer dir unbekannten Welt. Es ist sehr intim, du hörst das alles in deiner Stimme, baust deine eigenen Bilder und ich will da nicht stören. Ich mag meine Stimme nicht, weil sie nicht die Stimme meiner Geschichten ist.

Die Stimme meiner Geschichten ist vielleicht stärker und lustiger. Aber im Moment bin ich in keiner Band und fahre kein Auto und meine Füsse stinken, daher ist die einzige Möglichkeit, auf Tour zu gehen, meine eigene Tour.

Hast du noch nie Lese-Touren gemacht?

Aaron: Nein, bis vor fünf Tagen noch keine und wahrscheinlich nach den nächsten vier Tagen auch nie wieder. Es ist ein Experiment.

Ich fand, dass du sehr gut akzentuiert gelesen hast, aber die meisten Leute die Geschichten nicht haben verstehen können, weil sie zu wenig Wörter kennen.

Aaron: Das ist ein Problem, ich weiss. Ich wollte hier nicht herkommen, bevor Jörn übersetzt hat. Eigentlich sollte ich reden und er würde es übersetzen. Die Leute waren davon gelangweilt oder fühlten sich angegriffen. Das kann man nicht gewinnen. Die Deutschen können zu gut englisch, um es übersetzt bekommen zu müssen und zu wenig, um Feinheiten oder Humor aufzuspüren. Es ist falsch, in ein anderes Land mit anderer Muttersprache zu gehen und auf einer Bühne zu stehen. Das ist verrückt, was erwarte ich? Würdest du in die USA kommen und auf eine deutsche Lesetour gehen? Das ist aberwitzig und stinkt nach Kulturimperialismus.

… den es so in der Musik schon immer gab. Hier war es immer amerikanische oder englische Musik. Aber kein Masterplan, ‚wir spielen jetzt vor diesen Leuten und dann…‘

Aaron: Jemand hatte sicher einen Masterplan, aber nicht notwendigerweise die Leute, die die Musik gespielt haben, sondern eher eine grössere kulturelle und politische Kraft.

Ich habe eine Menge Tape.

Aaron: Gut, ich bin zufrieden. Willst du ’nen Kaffee?

***

Das Heft heisst Cometbus und sei durch beachtenswerte Eckdaten gekennzeichnet: Es ist ein handgeschriebenes Heft in A5, in dem keine CD liegt, keine einzige Anzeige den Preis von 2$ verwässert und nur sehr selten ein anderes Stilmittel ausser seiner wundervollen Sprache auftaucht. Die Auflage ist gespenstisch hoch und liegt, so sagt man, im fünfstelligen Bereich. Interessiert Dich das? Mich auch nicht.

Er schreibt besser als wir alle zusammen und hat eine eigenen, sofort erkennbaren Sprachstil entwickelt. Oft einfach erscheinende Sätze, in denen Tiefgründiges versteckt ist, brillante Beschreibungen anderer Menschen und Orte und immer wieder die grosse Verbundenheit und Liebe zum Underground unserer Couleur.

Aus einer Fortsetzungsgeschichte im Heft wurde das erste Buch: Double Deuce, in der deutschen übersetzung ‚Doppelzwei‘, beides problemfrei über die normalen Kanäle zu beziehen und ein guter Einstieg in die Welt des Aaron.

Weitere, zum Teil schwieriger zu bekommende Bücher:

Chicago Stories – Mixed Reviews – I wish there was something I could quit

sowie die Cometbus Anthologie ‚Despite Everything‘.

Musik:

Aus persönlichen Gründen würde ich zum Erwerb der Crimpshrine LP ‚Duct tape soup‘ (Lookout!) raten, von Pinhead Gunpowder (mit Billie Joe Armstrong an den Vocals) gibt’s ne Menge, mein Liebling wäre die ‚carry the banner‘ 10″, und es gibt eine Aaron-Compilation auf No Idea mit dem Namen ‚Down in front‘.

Links (2015):
Wikipedia

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