März 14th, 2007

Kolumnen Daniel, Tuberkel, Al, Bremen Bouncer, Stone, Tom, Jochen, Dolf (#89, 08-2001)

Posted in kolumne by andreas

DANIEL

Trust Treffen in Bremen. Es wird gelabert und gesoffen, ich bin froh, mir bei letzterem nicht die Goldmedallie geholt zu haben (Mastahkillah Wavras war unschlagbar), sitze einen Tag später wieder am Rechner zuhause in Frankfurt und lasse alles ein wenig Revue passieren. 15 Jahre Trust, davon fast 10 habe ich aktiv durchlebt und mich wohl oder übel immer wieder gefragt, warum man dies denn tuen müsse, bei welchen Themen eine harte Meinung erforderlich ist, bei welchen Fragestellungen es gegenteilig eigentlich nicht nötig sei, fest Stellung zu beziehen.

Wenn wir uns den Zustand des – wie wollen wir es nennen ? – auf Punkrock und Hardcore ba-sierenden Undergrounds im Jahre 2001 anschauen, gibt es eigentlich nicht mehr viel, was einem erlaubt, feste Stellung zu beziehen, führt dieses doch un-weigerlich zu Grabenkämpfen, die ein „wir`-Gefühl vergiften.

Was heisst das? Eine Diskussion über – nehmen wir ruhig äusserst plakative, abgelutschte Beispiele – Barcodes auf Platten, Majorlabels vs. Kleinunternehmer vs. Privatpressungen, Aldi-frischkäse gegen ökoappenzeller, 3-Liter Lupos gegen Fifties Strassenkreuzer usw usf., die zu einer Po-larisierung innerhalb des Undergrounds führt, im kranksten Fall zu einer Spaltung, kann man sich nur erlauben, wenn eben jener so viele Leute umfasst, dass man mit seiner Meinung danach nicht alleine steht. Die Welt hat es nicht gut mit uns gemeint, das alter-native Netzwerk ist ein feuchter Witz, knöchern, hölzern, unbeweglich brüsten wir uns damit, dass wir Kleinunternehmer aus unseren Reihen mit Geld versorgen, bis sie dann zu gross werden, um sie als Sellouts abzutun.

Zugegeben habe ich einen perfiden Hang zu kleinsten Plattenauflagen und dem nicht wirklich existierenden „international diy under-ground`, aber realistisch ist die musikalische Qualität solcher Produkte (mit Ausnahme von Petrograd ?) meist jämmerlich, so dass die mich die eigentlich eher anspornende beschissene Aufnahmequalität noch mehr stört. Sich so dem Markt zu verschliessen halten wir wohl alle für sehr nachahmenswert, was aber letztlich nicht bedeutet, dass nicht jemand anderes, dem dies völlig Latte ist, damit verdient. Verdammte Zwick-mühle, aber es nutzt ja sowieso nichts. Question? Wenn bei der VoKü in der Au hier in meiner Stadt CDs rumliegen, die noch einen Preissticker vom WOM haben, kann es nur eine Konsequenz geben:

Sich entweder völlig aus der Szene zurückzuziehen, oder in salomonischer Gleichgültigkeit die unter-schiedlichen Ansätze zu ignorieren. Was das mit dem Trust zu tun hat? Eine ganze Menge. So haben wir wohl diskutiert, in Zukunft mal in experimentelle Natur einen echten Zeitschriftenvertrieb aufzusuchen, um die Verfügbarketit des Heftes zu erhöhen. Wer wittert ein Hintertürchen? Ich sehe das auch, obwohl mir die finanziellen Fakten, dass nämlich dadurch NUR Mehrkosten für uns entstehen, die durch Anzei-gen- eingefahren werden sollen, eigentlich mehr Ge-wissheit geben sollten.

Sitze hier, versuche gerade mit T. 200 Videos vom Edge of quarrel zu vetreiben (Aktuelle Anmerkung: Die ALLESAMT weg sind, vielen Dank, hat Spass ge-macht),bei denen wir exakt Null Pfennig verdienen (na gut, eine Runde Cocktails, hey, aber das ist ja auch lebensnotwendig), somit unser DIY Gewissen maxi-mal befriedigen können, frage mich, wer sich dann mal wieder darüber aufregen wird, dass das Trust, für das wir beide schreiben, die Auflage steigert, be-schliesse, dass ich mit diesen Leuten sowieso nichts zu tun haben will und wenn dann doch, sollte es mir doch egal sein, denn ich schreibe ihnen ja auch nicht vor, wie sie ihre Hobbies anzulegen haben, oder?

Die Zeiten sind nicht gut zu Fanzines, so erzählte mir Klaus Frick neulich, dass seine SciFi-Zines in Zukunft in geringerer Auflage erscheinen würden, weil das Interesse an solcher Gegenkultur massiv nachgelassen habe, ein Eindruck, den auch der H/C-Blätterwald dieser Tage zeigt, das sieht aus wie ein Eichenwald im Februar!

Um so ärgerlicher da die ganzen Querelen ums Lay-out, welches Mitch und ich erstellen. Da dies nach dem traditionellen Cut`n`paste Schnipselverfahren passiert, stellt die Druckerei nach einem archaischen Verfahren die eigentlichen Vorlagen her. Wenn diese zu lange belichtet werden, wird alles, was grau war, schwarz, und die Hintergründe übertünchen die Schrift, so geschehen bei einigen Artikeln in der letzten Ausgabe.

Da das so nicht weitergehen kann, werden wir wohl auch endügltig auf 100 prozent aus`m Rechner umstellen, wobei das sicherlich zu dem ein oder anderen Lacher in den nächsten Ausgaben führt. Bitte dies zu entschuldigen. Wir sind definitiv keine gelernten Layouter, sondern gehen anderen Beschäftigungen nach. Gerade letzteres führt zu zeitlichen Problemen, ich (oder Mitch for that matter) kann mich nicht einfach eine Woche hinsetzen und zum amtierenden Layoutchampion avancieren, genau so wenig, wie mir irgend jemand so ne Mac-Kiste mitsamt allem nötigen Scheiss` hier hinsetzen kann.

Schätze, wir sehen uns, an irgend eine Tresen in deiner Stadt. Obwohl, nach den 3300 km, die die Hot Water Music Tour im letzten Monat mein Auto und diverser Leute Fahrkünste forderte, haben wir wahrscheinlich schon am gleich Tresen gestanden, aber daran kann ich mich nicht erinnern ?

***

 

TUBERKEL

Gestatten, Punk, Deutsch Punk! 10. Teil

Es gibt Platten, die zieht man nach Jahren wieder aus dem Regal und fragt sich: Was’n das? Legt man sie dann auf, schmerzen Erinnerungen – und der Sound…den aber auch heute noch Bands verbrechen! Mit dem ersten Päckchen, welches mich 1982 von Rock-O-Rama aus Brühl über den Postweg erreichte, erhielt ich auch eine LP namens Lieber schwierig als schmierig. Die dafür verantwortliche Band nannte sich B.TRUG – und ist ein Knaller! Alleine der Song Nervenklinik ist ein Smasher ohnegleichen und völlig degeneriert.

Die Gitarrensolos eines gewissen „Dipl. Ing. Jolly“ sind schräger als der schiefe Turm von Pisa. Der Mann an der „Klampfe“ sieht auf den Bildern im Inlet wie ein unseliger Hippie aus, ebenso schräg malträtiert er die Saiten – als er es beim Song Das geht uns garnichts an zur Melodie unserer Nationalhymne tut, erinnert es an Jimi Hendrix‘ „Feedback-Orgie“ (Martin Büsser) in Woodstock.

Nervenklinik jedenfalls ist von einer Qualität, die es benötigt, dem COTZBROCKEN’schen Massaker durch seine Harmonien und Länge die Stirn sowie das berüchtigte Brett vorm Kopf zu bieten. Und das soll schon etwas heissen! Aber davon einmal abgesehen bin ich davon überzeugt, die vier B.Trüger (hoho, geiles Wortmatch!) konnten zumindest rudimentär mehr mit ihren Instrumenten anfangen, als die Kölner Schmuddel-punks. Einige B.Trügereien (Rote Karte der Stylepolice!) auf der Platte lassen sogar, anders als bei der berüchtigten C-Band, ein wenig musikalisches Talent erahnen.

Leider ist die Quellenlage in meinem Hinterkopf über B.TRUG recht dürftig. Wie es damals so üblich war bei Eigenproduktionen der Brühler Plattenfirma Rock-O-Rama, hat der grosse Labelpate Herbert Egoldt wohl einmal mehr alles nach seinen Vorstellungen gestaltet. Dazu gehörte meist auch das Verschweigen einer Kontaktadresse der Band.* Geht man davon aus, dass der Gesang ein wenig Stuttgartelt und ein Foto der Band vor einem Schild zum Musikfest, wahrscheinlich in Busenbach, halbwegs authentisch und kein Tour-foto ist – mit so einem Sound hatte man auf Tour nix zu suchen! -, dann stammt der Haufen aus dem Norden Baden-Württembergs, aus dem Pforzheimer Umland etwa.

Die auch für damalige Verhältnisse recht simpele Machart der Songs zwischen frühe OHL, den britischen SKEPTIX und CHAOS-Z’schem Gerumpel, das plakative Cover („Never mind the SEX PISTOLS. Here’s the B.TRUG“; auf dem Backcover eine tote Ratte, der gedankt wird „für’s Modell-Lie-gen“) und die Gestaltung des Inlets lassen eine plaka-tive Auftragsarbeit vermuten. Zumal einige Band-photos ’ne Ecke an die des 1. STRAssENJUNGS-Album erinnern – bekanntlich eine Auftragsarbeit par excellence. Auch einige Songzeilen sparen, ähnlich wie Dauerlutscher von STRAssENJUNGS, nicht mit Kraftausdrücken, etwa in Der Scheinheilige. Der Text ist bestimmt aus gutem Grund nicht auf dem Beiblatt dokumentiert. Das, was man hört, klingt danach, dass der Heilige Vater, der Papst, eben auch gerne Sex hat – und zwar schmutzigen.

Ganz anders da Nervenklinik, fast schon eine Hymne, die, als ich sie kürzlich hörte, auf der Stelle wieder verdrängte, böse Erinnerungen aufstöberte. Vielleicht konnte ich dieses Lied in meiner Pubertät besser nachvollziehen, weil ich auf einem Dorf lebte, auf dem heute noch hinter den Gardinen hervor gelugt wird, wenn es beim Nachbarn laut ist und sodann der Tratsch feine Blüten treibt. Nervenklinik, monoton wie etwas debil gestampfter Slowmotion-Punk, kriti-siert das gesellschaftliche Wunschdenken, selbst völlig normal zu sein und ergo alles, was aus dem Rahmen fällt, als „bekloppt“ einzuordnen. Das konnte in Zeiten des Wirtschaftswunders und bis hinein in die 80er Jahre in ländlichen Regionen schonmal dazu führen, dass der Volksmund die „Bekloppten“ zwar nicht nach Auschwitz, aber in die Irrenanstalt wünschte – ge-meint war freilich dasselbe!

B.TRUG singen: „du bist gefährlich für ihre heuchlerei, drum rufen sie in der klapsmühle an.“ Dazu gibt es im Song Aussteigen einen Nachschlag: geschimpft wird auf die Spiesser, alles „hat doch keine Zukunft und es ist mir scheiss-egal“ respektive „ich will jetzt hier ‚raus.“ Mit Blick auf mein Heimatdorf, siehe oben, passte sowas wunder-bar in mein Poesiealbum, wenn ich denn nur eines gehabt hätte…

Erstmals schimmert in Aussteigen das durch, was wohl viele dilettantische Punkbands ihren Hörern antaten. Um einen Break einzubauen schaute man ins Lehrbuch für Gitarre oder Bass und griff eines der Harmoniebeispiele auf. Das ergab goldige Stilwirren und vermurkste Melodien, die einem auf den ersten Hör bekannt vorkommen, die man aber nicht einordnen kann. Ansonsten blieb man aber dem liebevollen Ufta-ufta-ufta treu, wie B.TRUG bei Frust…den man dann auch bekommt!

Geklaut wurde auch für den Song Du elender Arschkriecher, der durch geläufige Melodien und das für B.TRUG zur Routine werdende schräge Gitarren-solo begeistert. Ansonsten ist der Refrain ein pfundiger Singalong: „Schleimer! Du Feiner! Kumpel, vom Arschkriecherschwei-heihei-heihei-heihen.“ Doch, hat was…wobei sich die „Arschkriecherei“ wie ein roter Faden durch die Platte zieht: Du wirst schon sehn und Schleimerei folgen dem Schema von Du elender Arschkriecher und gehören eindeutig der klassischen 80er-Jahre-Aufmüpfigkeit an. Heute ist derlei in Sachen Stumpfsinn kaum zu unterbieten und klingt wie Realsatire pur, damals waren es Smasher ohne Ende.

ähnlich einzuordnen ist denn auch Besoffener Machtwahn, eine klassische Atombombenschelte, die alleine wegen einer Zeile goldig ist: „politiker sind maden / die sich am schmiergeld laben.“ Muss einmal offen ausgesprochen werden dürfen, das… – erst recht, wenn derlei in eine absolut trashige lowfi-Orgie eingebettet passiert. Apokalypse führt dieses Thema dann zum klassischen Finale und muss per Vollzitat exemplarisch für jene Zeit hier wiedergegeben werden: „ihr hockt doch nur auf euern kohlen / und könnt euch keinen mehr runterholen. / dreckiges, verschleimtes pack, / ihr kriegt noch eine auf den sack. / sie werdens euch besorgen, / auch für euch gibt es kein morgen. / habgier, neid, kriegstreiberei / zerren uns in die schei-sse rein. / mit der knarre in der hand / regiern sie unser vaterland. / sind sie erst einmal am drücker, / verbieten dann die kleinen ficker: / freie meinung und gewissen, / uns vom wehrdienst zu verpissen, / alte häuser zu besetzen, / gegen unrecht aufzuhetzen. /

und wenn euch keiner steht / hör ich euer nachtgebet: ‚lieber, guter weihnachtsmann, / den führer wolln wir wieder ham!‘ / sie rüsten ohne folgen nicht; / zuletzt kommt dann das weltgericht. / am ende sind wir alle gleich, / im neutronen-himmelreich. / ihr glaubt, ihr könnt die welt leerplündern, / doch wir werden dies verhindern. / mit schmidt und strauss und mickey mouse / werfen wir euch gemeinsam raus. / denn wir wollen uns nicht ducken, / besser ist es aufzumucken, / als denen noch den arsch zu lecken, / lieber wollen wir verrecken!“

Dass auf das Lied – sicher zufällig – eines namens Trott folgt, in dem auch das Wort „Laufsteg“ fällt, hätte deutlicher die Misere der damaligen Punkszene nicht unterstreichen können! Trott hätte aber auch ParolenHaft oder Rüttelreim heissen dürfen… Das schlimmste anApokalypse ist aber nicht der offen-sichtliche Stumpfsinn, sondern der wohl zu 99% ungewollte Subtext: „ihr“ regiert „uns“ respektive „unser Vaterland.“ Da liegt die geballte Kraft des Volkszorns näher als die linke Revolution. Punk war eben mancherorts doch nur eine Christliche Land-jugend! Und, räusper, ich war dabei! Und, räusper-räusper, ich bereue nichts…

* Willkommen zur wahrscheinlich längsten Fussnote meiner Kolumnen; aber sie ist wohl bitter nötig um einige Mythen aus der Welt zu schaffen und neue hinzu zu dichten: Rock-O-Rama (R-O-R) war damals noch pubertären sein Frühreif. Der Label- und Ver-sandhausinhaber aus Brühl und Besitzer des gleich-namigen Plattenladens in Köln, Herbert Egoldt, galt bei seinen Kunden und Bands als eine Mischung aus gerissener Geschäftsmann und Sozialarbeiter. Als letzteres befolgte er schon früh das, was später als „akzeptierende Sozialarbeit“ eingestuft wurde. Egoldt konnte und kann sowohl mit links, wie auch mit rechts – und hatte doch mit beiden nur (räusper) nebenbei zu tun, nämlich um sich so als lu(m)penreiner Egoist zu bereichern.

Darin erinnert er an den Medienmogul Leo Kirch, der auch praktizierender Christ ist und trotzdem in seinen Sendern Sexfilme ausstrahlt und bei seinen Filmverleihs mit Senderechten derselben handelt. Allerdings hatte Egoldt schon früh einen Faible fürs soldatische, martialische. Er benutzte gerne für die Plattencover doppeldeutige Motive und Losungen des Dritten Reiches, was wohl einer der Gründe war, warum sich OBERSTE HEERESLEITUNG und Egoldt vortrefflich ergänzten. Dass er damals bei politisch links stehenden Menschen als eine Mischung aus konservativ und (wirtschafts-)liberal angesehen wurde, ist trotzdem eher eine Randnotiz auf seinem Weg dahin, wo er zeitweise den grössten Versand von Nazirock (STöRKRAFT, WERWOLF, SKREWDRIVER, NO REMORSE usw.usf.) betrieb. Eigentlich war und ist der Mann, so bitter es nun auch klingt, kein Fascho; er ist nur durch und durch geil auf Kohle. Schon mit seinen ersten Punkproduktionen versuchte er, auf den Hype aufzuspringen.

Der ge-wiefte Abzocker sparte an der Produktion, wo es nur ging; er änderte Covermotiv nach seinem Vor-stellungen, was sich optisch besser verkaufen liesse. Belegexemplare an Bands, gerade an solche, die weit entfernt lebten, wurden nur einmal verschickt. Liess der Umsatz zu wünschen übrig, schrieb Egoldt das Projekt ab; verkaufte sich die Platte gut, hatte der Mohr auch seine Schuldigkeit getan (oder musste sie, in Ausnahmefällen, weiter tun) und Egoldt scheffelte seine Kohle. Ex-Leute von BRUTAL VERSCHIMMELT, die Ende der 80er als EWINGS wieder auftauchten, bemängelten etwa, dass das Cover und die Reihenfolge der Songs ihrer 1983 bei R-O-R erschienenen LP nicht mit ihren Entwürfen überein-stimmten. Freiexemplare – ihr Honorar – hätten sie einmalig erhalten, spätere Kontaktaufnahmen ihrer-seits wurde abgeblockt, nachbestellte Platten zu Bandkonditionen nicht geliefert.

Lediglich Bands aus dem Köln/Leverkusener Raum hatten es alleine wegen der räumlichen Nähe zum Chef besser. Die Crux hierbei ist: Nahezu alle späteren rechtsextremen, nationalistischen Bands erlebten auf R-O-R dasselbe Spiel. Diverse Bands spalteten sich folgend vom rechten Plattenmulti ab, gründeten selbst oder mit Freunden Labels und Versände, aus denen teilweise grosse Unternehmen oder Netzwerke wurden.

Die Wut auf Egoldt ging so weit, dass er wegen seiner Geld-geilheit von den Rechten sogar mehr dem „Finanzjudentum“ denn der Szene zugerechnet wurde… Zu B.TRUG-Zeiten hatten die Versandlisten von R-O-R noch den Charme eines Gemischtwaren-laden. Von New Wave über Pop und Rock’n’Roll war vieles erhältlich, was zu klein für die grossen Vertriebe und Läden war, aber gross genug, sich in Köln in einem Ladenlokal oder aber per Versandhandel zu rentieren. Die Liste war 30 bis 40 Seiten dick und kam im A5-Format alle 14 Tage ins Haus.

Erstellt wurde sie wohl mit einem C-64er nebst Nadeldrucker. Statt alphabetischer Ordnung fröhnte Egoldt seiner eigenen anhand von Bestellnummern, welche unabhängig der Genres beim Eintreffen neuer Titel verliehen wurde. Grosse Lieferung neuer Waren an R-O-R garantierten viele Punkplatten hintereinander; freilich gab es auch DISCHARGE-Singles, eingeordnet zwischen DEPECHE MODE und obskuren Rockabilly-Bands… [Zu Hintergründen von 1977 bis 1992 siehe: Hitler ’s back in the Charts again – Herbert Egoldt und Rock-O-Rama von Ralph Christoph, in Neue Sound-tracks für den Volksempfänger]

(C) by Tuberkel Knuppertz 4/2001

***

 

AL

IT’S A BEAUTIFUL WORLD WE LIVE IN…..

Aber dafür kann ich ja nun auch nichts, oder?? Wie wahrscheinlich bekannt ist waren gerade Hot Water Music zusammen mit Leatherface auf Tour. Ich will jetzt auch nicht anfangen und euch damit zuscheissen wie geil das alles war. Das macht der Daniel schon an anderer Stelle in diesem Heft (oder dem nächsten). Es war ziemlich geil, das muss ich zugeben. Auch wenn ich nicht so durchgeknallt bin wie Röhnert und Meyer, oder besser gesagt einfach bescheidener bin; ich habe das Package nur drei mal gesehen.

Einmal im Sub-stage, Karlsruhe, dann mit den unsagbar langweiligen Weakerthans auf dem Schlachthoffestival in Wies-baden und schliesslich auf der Megaverantstaltung Rheinkultur auf den Rheinauen bei Bonn. über den Gig in Karlsruhe gibt es nicht viel zu erzählen, war klasse. Auch der Gig in Wiesbaden war toll, wobei ich es einfach Scheisse finde, wenn dicke Menschen beim Stagediven nicht aufgefangen werden.

Da steht dann so ein alter Depp wie ich auf der Bühne und denkt sich natürlich, Hey da vorne vor der Bühne ist kein Quadrat-zentimeter Platz mehr. Also springt man/ich und auf einmal machen alle einen Ausfallschritt zur Seite und man/ich knallt mit den Körper auf den Boden, wo dann auch noch drei hundert zerdepperte Bierflaschen liegen. Dabei ist das völlig unsinnig. Ich bin knapp zwei Meter gross und ziemlich breit. Nein, ich meine jetzt nicht muskulös, sondern einfach breit von der Fläche her gesehen.

Sagen wir jetzt einfach mal, ich hätte eine ca. 40cm breite Aufprallfläche. Am Bauch sind es garantiert mehr, an den Beinen weniger, dafür habe ich aber auch noch Fläche an den Armen. Das würde bei 200cm mal 40cm also rund 0,8 Quadrat-meter Fläche ergeben. Wenn ich jetzt überlege wie viele Leute in Wiesbaden bei Hot Water Music in den ersten Reihen waren und ihre Hände nach oben in eben diese 0,8 Quadratmeter hielten, dann schätze ich mal es waren so ca. 8 bis 10. Das macht 16 bis 20 Hände respektive Arme. Also auch bei meiner nicht zu unterschätzenden Leibesfülle wäre es ein Leichtes gewesen meinen Sprung, bzw. mein Gewicht über diese Arme abzufedern. Also alles Pussies!!!

Aber das Unheil war noch lange nicht an mir vorbei gezogen. Natürlich rächt es sich wenn man nach so einem Konzert mit nett dekorativ blutenden Bein draussen durch die Gegend läuft und weiter Bier säuft. Konsequenz?

Virusgrippe, Fieber, Vier Tage im Bett, verstopfte Stirnhöhlen, Keuchhusten, Auswurf!! Die Zigaretten schmecken nicht, bzw. werden nach einem Zug sofort wieder ausgemacht, und man ist so weich in der Birne, dass man sich Vormittags fünf Stunden das Fernseh-programm antut, ohne zu realisieren was man da eigentlich überhaupt guckt. Aber ich will nicht jammern. War selbst schuld, hat sich aber immer noch gelohnt.

Was sich nicht gelohnt hat, bzw. wirklich der Abschuss war, war Bonn. Es fing schon mal nett an, als Andrea leicht zu spät kam (20 Minuten) und wir uns in Bonn verfahren haben. Deswegen sah ich von Leatherface nur noch die letzten 5 Minuten in denen sich Frankie Stubbs mit dem Publikum prügeln wollte. Danach regnete es in Strömen, aber HWM waren wieder klasse.

Wenn das alles gewesen wäre, was es von diesem Abend zu berichten gäbe, ich wäre glücklich. Aber der eigentliche Abend fing jetzt an. Anschliessend machten wir uns in Andreas schönem alten Ascona, mit Andrea am Steuer, auf den Rückweg. Gerade nachdem wir ca. 40 km hinter Bonn Drinks, Bifi-Roll (ein Muss nach Konzerten) und Zigaretten an einer Raste gekauft hatten und wir mit lockeren 120km/h so auf der mittleren Spur an den Lastwagen vorbei Richtung Frankfurt fuhren, fickte uns das Schicksal, wenn auch nur leicht.

Plötzlich stand in einer langgezogenen Rechtskurve ein offensichtlich zerdeppertes Auto auf der rechten Spur. Oder besser gesagt halb auf der Standspur, halb auf der rechten Spur. Scheisse!! Ich rief sofort irgend etwas, aber Andrea hatte das Wrack schon gesehen und ging voll in die Eisen. Obwohl der Ascona schon 15 Jahre alt ist klappte das mit dem Bremsen, trotz leicht nasser Fahrbahn und ohne ABS sehr gut. Wäre da nicht ein Auto mit Wohnwagen auf der rechten Spur neben uns gewesen. Dieser war schräg rechts vor uns. Der Fahrer hatte scheinbar keine Lust, oder Zeit mal zu kucken wer neben ihm ist und zog brutal links rüber. Sein Auto, also die Zug-maschine hatte noch Platz vor uns, sein Wohnwagen leider nicht. Der krachte genau in unsere rechte Seite, quasi genau da wo ich auf dem Beifahrersitz sass.

Man hört in Romanen, oder auch in Filmen viel über die letzten Millisekunden bevor man stirbt, ohn-mächtig wird, verletzt wird, etc. Da soll einem der Film seines Lebens noch mal vor den Augen ablaufen, man soll an bestimmte Momente in seinem Leben denken, remineszieren. Das erste Konzert, der erste Kuss, ihr wisst was ich meine. ALLES QUATSCH!! Ich sass da und schaute sehr interessiert zu wie der Wohnwagen unsere Seite zerfurchte. Dabei hatte ich das Gefühl, dass alles super langsam passierte.

Der rechte Aussenspiegel schien vor meinen Augen in absoluter Zeitlupe in viele kleine Teile zu explodieren. Ich hatte weiter das Gefühl, als ob ich in einem völlig ruhigen stehenden Objekt wäre und nur der Wohn-wagen sich in meine Richtung bewegen würde. Das wir, oder besser unser Auto sich auch bewegte, war in meiner Wahrnehmung nicht mehr vorhanden. Am absurdesten aber waren meine Gedanken genau in diesem Moment. Nix da von wegen Film meines Lebens, alles woran ich denken konnte war: COOL, JETZT SCHLITZT DER DIE SEITE UNSERES AUTOS AUF!

Punk sei Dank ist uns allen nichts passiert, wir kamen quer auf der Autobahn zum stehen, hatten zwar rechts einen aufgeschlitzten Reifen, konnten aber noch auf der Felge zum Standstreifen fahren. Wäre uns in diesem Moment ein 3er BMW mit 160 Sachen reinge-fahren, hätte das alles sehr böse enden können. Der Arsch mit seinem Wohnwagen hat übrigens Fahrer-flucht begangen, und ich hoffe er bzw. sie bekommen Hoden- bzw. Arschkrebs. Der Wagen der das Ganze ausgelöst hatte war übrigens ein von AMG getunter Mercedes SLK mit Offenbacher Kennzeichen.

Wer nicht aus Frankfurt kommt weiss es vielleicht nicht, aber die Offenbacher können einfach nicht autofahren. Das Nummernschild OF ist bei uns wirklich ge-fürchtet. Denen ist, glaube ich, auch nicht viel passiert, obwohl die Fahrerin mit dem Notarzt weggefahren wurde. Hatte wahrscheinlich nur einen Schock. Den hatten wir nicht, besser gesagt dachte ich das, bis ich versuchte meinen Namen und Anschrift bei den Bullen auf Papier zu schreiben. So eine Sauklaue habe ich nach 15 Bier sonst nicht.

Dann kam unser Abschlepp-wagen. Zu diesem Zeitpunkt waren alle anderen Autos, massig „Unfalltouristen“, der Mercedes und die Bullen schon weg. Wir standen neben unseren tapferen Ascona und warteten, dass der Abschleptyp aus dem Fahrerhäuschen steigen würde. Tat er aber nicht! Nach ca. vier Minuten ging ich zur Fahrerkabine und machte die rechte Tür auf um zu sehen wo der Typ blieb. Er telefonierte gerade, war kreide bleich und sagte zu mir: „Einen Moment, ich kann jetzt nicht, ich habe gerade ein Gewaltverbrechen gesehen.“

Ich machte die Tür wieder zu. Da standen wir nun 100 km weg von Frankfurt, mit kaputtem Auto und kamen uns vor wie in einer Episode von der Twilight Zone. Kurz darauf stieg er aus und erzählte uns, er hätte auf dem nahegelegenen Rastplatz beobachtet wie ein grosser Mann eine NACKTE Frau, oder etwas das aussah wie eine nackte Frau, in den Kofferraum zwängte. Jetzt wurde mir/uns richtig unwohl. Nachdem er unseren Ascona auf die Ladefläche gepackt hatte fuhren wir über parallel zu Autobahn verlaufenden Notstrassen. Die waren super schmal, unbeleuchtet und führten durch Wälder. Während wir also in Richtung Werk-statt fuhren, beschwerte er sich bei uns, dass die Polizei noch nichts unternommen hätte.

Er telefonierte auch noch mal mit dem Bullen und mit seinem Chef. Dieser schlug vor, doch jetzt noch mal zur Raststätte zurück zu fahren und noch mal zu schauen. Also fuhr der Typ mit uns, ohne uns zu fragen, über diese komischen Wald-Fluchtwege zu der Raste. Klingt jetzt alles cool, war es in diesem Moment aber üBERHAUPT nicht. Inzwischen wurde es auch noch neblig, und ich hatte Visionen von zerstückelten Frauenleichen die wir jetzt sehen oder finden würden. Ich dachte ich wäre in einer Mischung aus Blaire Whitch Project und Scream. Gar nicht lustig!! Natürlich war an der Raste nichts, und nach ner viertel Stunde waren wir endlich in Scheele, ich glaube so hiess das Kaff. Von dort habe wir dann ein Taxi nach Frankfurt genommen.

Super Abend, oder wie Dolf so gerne sagt, Tolle Wurst. Naja, seit über 15 Jahren bin ich ein Konzert-tourist, irgendwann musste mal was passieren, aber für die nächsten 15 Jahre reicht das, finde ich.
So, bis zum nächsten mal…..

Devo hören nicht vergessen…..

ciao Al

***

 

DAMIEN

BREMEN BOUNCER

HeyHo, wie isset, Kinners? Habt Ihr schon sehn-süchtig, auf diesen Augenblick gewartet in dem Ihr das Trust aufschlagt und Euch diese verhunzte Fresse angrient. Nun ja, einer wohl zumindest nicht. Denn ich bekam eine E-Mail, in der mir ein Aussehen wie „Schwiegermutters Liebling“ unterstellt wird. (Ja klar, mit der eingedellten Fresse. Wohl nicht genau hinge-kuckt, wa?) Desweiteren möchte ich auf Grund dieser E.-Mail mal festhalten:.

Ja, ich schreibe eine Klolek-türe. Entertainment, you know. Allerdings bleibt festzuhalten, dass Entertainment eine verdammt ein-seitige Sache geworden ist. Also einigen wir uns auf Folgendes: Ich winsel nicht mehr nach E-Mails und Ihr versucht nicht einen näheren oder gar politischen Sinn in dem zu erkennen, was hier geschrieben steht. Mit dieser Waagschale werde Ich mich nicht messen lassen. Sucht Euch „nen anderen Polit-Helden.

Aber gehen wir über zu Tagesordnung
HIS MASTERS WORDS:

Unter diesem Punkt werden Euch in Zukunft die heissesten Sprüche von Shiffty….äh nein, von Türman D. um die Ohren gehauen. Fangen wir doch mal ganz locker an. „Wenn sich mir jemand so unterwürfig vor die Füsse wirft kann Ich nicht anders, als drauf zu treten!“ (als ich beim Umzug einer Bekannten auf deren schlappe Zimmerpflanze getreten bin) „Nichts, was man nicht mit einem Flugzeug wieder hinbekommen würde“
(auf die Frage, ob`s am Abend ärger inner Disse gab)

DA LACHT DER TüRSTEHER:

Kommt so „ne Tante und fragt den Türsteher: „Sind Sie hier der Ordner“ Sagt der Türsteher: „Wieso, steht bei mir Leitz auf dem Rücken“

TüRSUCHT: DIE NEUE KRANKHEIT

Viele meiner Kollegen werden mir beipflichten müssen, dass dieses Phänomen einer Sucht gleich-kommt. Wenn man sich dienstlich ständig im Bereich irgendwelcher Türen aufhält, neigt man sehr stark dazu sich auch beim privaten Besuch z.B. eines Konzerts zumindest im Vorfeld im Eingangsbereich rumzutreiben. Liegt es vielleicht daran, dass man die Assis kennt die dort arbeiten. Oder weil man dort die Fluktuation im überblick hat.

Oder doch, weil man ohne den Türrahmen im Rücken nur noch ein halber Mensch ist. Wenn dem so ist, wie soll man diese Sucht therapieren. Vielleicht in den man die Grösse der Türen langsam herunterschraubt, bis man irgendwann nur noch vor einer Gartenpforte steht. Oder doch langsam immer ein Stück weiter weg stellen. Ein wissenschaftliches Team wurde angeheuert.

Da hatte ich doch letztens die grosse Ehre bei einem Konzert der letzten Rettung des „Nu Metal“ Pimp… äh, Limp Biskit im Graben zustehen. Der Innenraum der Bremer Stadthalle glich einem Erdbeerfeld. Lauter rote Baseballcaps, deren verpickelte Träger, ihrem kümmerlichen Dasein als 08/15-Mittel-Klasse-Loser zu entrinnen versuchen, in dem sie aussehen wollen, wie ein ein gewisser Idiot namens „Fred Durst“. Auf dem Tribünen tummelten sich dagegen kleine Kids, die ihre Papas dazu nötigen mussten mit auf dieses Konzert zu kommen, um sich diesen Höllenlärm anzutun. Ansonsten bewahrheitete sich bei Limp Biskit einmal mehr die Tatsache, dass man nur ge-nügend Kohle für die Produktion haben muss, um von der eigenen Mittelmässigkeit abzulenken.

In diesem Fall bedeutete dies Pyroeffekte ohne Ende. Leider ist Fred Durst nicht in die Luft gegangen. Tja, man kann halt nicht alles haben. Anderer Punkt: Irgendso`n Typ, so`n Ex-Türsteher, dessen Namen ich jetzt verlegt hab, hat in Frankfurt „ne Schule eröffnet, wie man am Besten an Türstehern vorbeikommt. Das oberste Credo scheint dabei „Diskotheken zu Golf-Clubs“ zu sein. Denn ausser das offensichtlich ignoriert wird, dass es unterschiedliche Formen von Dissen gibt, gibt der Mann einen Dress-code an, der vermuten lässt, dass er die ganze Republik in eine Yuppie-Lifestyle-Snob-Oase verwandeln will. Darüber hinaus gibt er völlig idiotische Tips.

Wenn z. B. vor meiner Tür so`n versnobter Grünschnabel ankommen und mir die Visitenkarte eines Nobelhotels unter die Nase halten würde mit dem Hinweis der Tip (für die Disse) stammt, vom Concierge, würde ich, glaube ich, nur müde lächeln und ihn zurück in die Schlange schicken, vielleicht noch beehrt mit einem Tip meinerseits, wo den die Snob-Dissen sind. Aber sowieso drängt sich der Verdacht auf, dass diese „Schule“ nur ins Leben gerufen wurde, weil ein Türsteher vor einer Frankfurter Nobeldisse vergessen hat, auch was anderes zu lernen und sich nun nach seinem Ausscheiden aus dem Amt irgendwie finanzie-ren muss und dabei seinen alten „Kollegen“ noch in die Suppe spuckt.

Ich gebe euch jetzt mal „nen Tip. Fragt den Türsteher (oder zumindest mich) nie, was Ihr tun müsst, um (wieder) reinzukommen. Er könnte es wörtlich nehmen und Euch dazu bringen, Euch im Kreis zu drehen und ein Liedchen zu trällern oder die 10m bis zum Eingang zu robben. Also, take care. Bis zum näxten Mal.

Damien Satanson

„Operation Desert …“ äh

„OPERATION HURRICANE“

Für die meisten Bouncer in Bremen und auch Hamburg heisst es einmal im Jahr einrücken zum Manöver nach Scheessel. Dort werden sie dann in einer zweitägigen Schlacht einer immens grossen Masse von Feinden entgegengetellt. Das Ganze wird dann als Festival getarnt, welches den Namen „Operation Hurricane“ trägt. Da heute kein Krieg mehr ohne Soundtrack auskommt, wurden zur musikalischen Untermalung einige Dorfkapellen engagiert, die solch wundersame Namen trugen, wie „Offspring“, „Placebo“ oder „Tote Hosen“.

Also verschanzte sich unsere Einheit unter Major Billy im eigens ausgehobenen Schützengraben. Unser Feldbefehl von General Mutti sah vor, dass wir auf jeden Fall das Einnehmen des Grabens durch den Feind zu verhindern hätten. Warum, wurde uns ver-schwiegen.

Angeblich sollte sich unter der Bühne, die direkt hinter unserem Graben verlief, ein Kessel voller Gold stehen. Andere vermuteten, dass das Gebiet dahinter eine Art Manöver-Heiligtum wäre. Wie dem auch sei, wir nahmen den Kampf auf und erwarten den Feind, welcher auch zahlreich erschien. Die anfäng-lichen Heerscharen von ca. 20.000 sollten im Laufe des Tages bis auf 40.000 ansteigen, während unsere Einheit mit 10 später ca. 30 Personen versuchte den Graben zu halten.

Der Feind versuchte mit seiner Masse die Front auf-zuweichen, in dem er am laufenden Band seine Krie-ger über sich hinweg und in den Graben zu tragen suchte. Trotz zahlreicher „Einschläge“ konnten wir jeden Eindringling gefangen nehmen. Da der Grossteil der Gefangengenommenen jedoch als Geisseln wertlos war und darüberhinaus aus recht verschmutzten Hippiezotteln bestand, wurden die Gefangenen so-gleich aus der Haft entlassen.

(Nur einige, die bereits recht derangiert bei uns angekommen sind, wurden zunächst der Obhut der Manöver-Sanis übergeben.) Seltsamerweise bedankten sich die meisten Gefange-nen ganz artig für ihre Festnahme. Um so seltsamer, da sie sich nahezu ausnahmslos freiwillig für den Fronteinsatz gemeldet hatten, um der bedrückenden Enge ihres Heeres zu entkommen und das Hochgefühl eines fliegenden Helden zu haben.

So vergingen die zwei Manöver Tage. Trotz teilweise infernalischem Ansturms konnten wir unseren Graben sauber halten, auch, wenn streckenweise alles gegben werden musste. Zuweilen wurden die Kampf-hand-lungen durch den Aufmarsch unzähliger Kriegs-berichterstatter im Graben zusätzlich erschwert, die sich zudem auch noch mehr für das musikalische Rahmenprogramm interessierten. Es wurden dennoch etliche Fotos vom eigentlichen Kampfgeschehen gemacht.

Nach zwei Tagen der Defensive konnte dann kurz nach Beendigung des Kulturprogramms eine spontane überraschungsoffensive zum Sieg führen, als unsere Einheit durch andere verstärkt und zu einer ca. 100-köpfigen Division wurde. In einem blitzartigen Sturmlauf mit dem rot-weissen Band der Sympathie konnte das gesamte Areal des Gegners innerhalb einer Stunde gesäubert werden.

Der Gegner zeigte sich zwar oft sehr ungehalten angesichts dieser massen-haften Vertreibung (wieviel von denen nachher den Sudetendeutschen beigetreten sind ist unbekannt) und winselte etwas von „keine Gewalt“ (was beim Castor schon nicht funktioniert hat), musste aber letztlich dennoch das Feld räumen.

Am Ende waren wir die Sieger und alle hatten ihren Spass. Es waren zwar einige Verletzte zu beklagen, aber es scheint sicher, dass auch im näxten Jahr die Kompanie vollständig antreten wird.

Zum Abschluss noch eine kleine Umfrage zum Thema: Warum sind die „Donots“ definitiv keine Punkband?

Wähle aus folgenden Möglichkeiten:

a) Weil sie ihren Arsch an die Industrie verkauft haben!

b) Weil sie Helden besingen („My Hero“)!

c) Weil Momo Sperling Gitarre spielt !

d) Ey, is doch Okay, wenn`ne Emo-Band nach Jahren im Untergrund auch mal Geld machen will!

Sendet Eure Punkte an damiensatanson@yahoo.de

***

 

STONE

 

SOMMERZäHNE

 

„They’re tearing up streets again“

Meine Spaziergänge führten mich immer weiter durch die Parks und Auen der Stadt. Nicht wirklich weit genug vielleicht, aber immerhin weit genug, um nicht auf all die zufriedenen und unzufriedenen Bürger und Bürgerinnen dieser Stadt zu treffen und ihr Ge-schnatter zu hören. Es war möglich, ohne fortwährend zu erschaudern oder Unterschlupf vor dem alles benetzenden Regen suchen zu müssen, auf Park-bänken Zigaretten zu rauchen. Das war schon eine verdammte Verbesserung.

Es würde in den nächsten Monaten also haufenweise Gelegenheit geben, sich an den wenigen Dingen zu erfreuen, die einfach so auf der Strasse lagen, und jenseits davon, auf der anderen Seite, wo es zwar nicht von hier aus betrachtet, aber immerhin einer alten Volksweisheit gemäss stets grüner war.

Die meisten Volksweisheiten waren sowieso entweder aus dem Faust gestohlen, oder von Martin Luther, und man kann sich ausmalen, warum diese Weisheiten so gestrickt waren, wie sie waren, wenn man sich an-schaute, wer sie erdacht hatte. Trotzdem, der Faust hatte seine Reize, vor allem, wenn man in der Schule ein wenig über Metrik gelernt hatte. Das hatte der Alte wohl verstanden, seine dürftige Geschichte über einen alten Sack auf Sinnsuche in zahllose meisterlich gedrechselte Verse zu verpacken. Und Luther? Nun ja, seine Verdienste für die deutsche Sprache konnten einem gestohlen bleiben, es hätte nicht sein gemusst. Und dem Volk hätte er weniger aufs Maul schauen sollen als vielmehr ihm darauf … Andererseits hatte er ja für sein Anliegen bei diesen Leuten ein offenes Ohr gefunden. Was hätte er also an ihnen auszusetzen haben sollen?

„I am your pamphleteer“

Eigentlich konnte der alte Goethe einem da schon sympathischer sein, hatte er doch immerhin eine ausgesprochene Vorliebe für die ganz materiellen Genüsse, der alte Schwerenöter. Aber da war dann wieder dieses öde „Laboremus“, mit welchem er den zweiten Teil des Faust ausklingen liess. Voltaire! Auch dem fiel nichts besseres ein als seinen Candid am Ende seiner Odyssee einen Garten bestellen zu lassen, nachdem der nichts weniger als ein Paradies in Amerika gefunden hatte, wo das Gold auf der Strasse lag und sich eben deshalb niemand drum kümmerte und dafür lieber den volkseigenen Reichtum genoss – aber da gab es schliesslich seine Kunigunde nicht…

Es mag ja ganz befriedigend sein, ab und an zu arbeiten, aber muss man sich dann unbedingt noch eine Moral draus machen? Wenn es wirklich so eine tolle Sache wäre, könnte man die Leut doch von allein drauf kommen lassen – und wenn sie es nicht täten, wäre es nach dieser Logik schliesslich ihr eigenes Pech.

„Winter dies the same way every spring“

Der Winter war jedenfalls lang genug gewesen, dass die Leute das bisschen mehr Licht, das bisschen mehr Wärme als neuen Kitzel für die Sinne empfanden und darüber für ein Weilchen vergassen, was ansonsten für besoffenes Geschimpfe oder anderes Gemecker sorgte.

Zwischendurch nässte es natürlich immer mal wieder gründlich ein. Diese Stadt wäre nicht ohne den Regen, nehme ich an; wie in diesem Roman von den Strugatzkis, ich meine es war „Das lahme Schicksal“, wo das Ende des Regens nichts weniger begleitet als den völligen Niedergang, den Auseinanderfall des Bestehenden. Wahrscheinlich steckt irgendein tieferer Sinn dahinter. In dem Roman, meine ich. Man kennt ja diese Russen.

„I’m back with scars to show“

So war das, und auf einmal war das alles egal – mir jedenfalls. Die Sonne begann zu scheinen, von oben herab, ganz die arrogante Tour, von der Seite, scheel, und aus meinem Hintern, ganz unverfroren – die gelbe Sau, wie mein Mitbewohner sie zuweilen nannte, oder auch eine ganz exzeptionelle Droge, wie ich einmal bemerkte. Was für ein Leben! Zeit, diesen alten Satz wieder auszupacken und ihn beim weissen Wein zu deponieren, um ihn hin und wieder zu murmeln, wissend, dass einen dieses zuviel an allem – Arbeit, Wärme, komischerweise auch so aus der Mode ge-kommen zu sein scheinende Dingen wie Konzerten mit der eigenen Band und Sex sowie Spasshaben auf mehrtägigen Open-Air-Festivals – schon etwas debil machen konnte, da sämtliche weiteren Interessen, die man hätte auf den Weg bringen können, Makulatur waren.

Aber was willst du machen – auch wenn dich sonst kaum jemand danach fragt -, wenn du nach ein paar Stunden Schlaf um die Mittagszeit auf dem Rasen liegst, eine Band freundliche Songs darüber singt, wie lange es dauern könnte, die Vereinigten Staaten zu Fuss und allein zu durchqueren, während die Sonne durch die versprengten Wolken bricht, die den Tag so lange noch überstanden haben? Ein erstes Bier, eine erste Zigarette und dann dem leisen Schmerz, dem Rest der Nacht als letzter Gegenwart schon fast wieder vergangener Lust nachzuhängen und zu beobachten, wie sie in die neue Gegenwart über-geht.

„We’ve got a lot of time. Or maybe we don’t (…)“

Dann gaben sie mir auch noch den Job, für die Illus-trierte etwas über Sex im Freien zu schreiben, und der nahe liegende Gedanke, dann aber erstmal Empirie betreiben zu müssen, Recherche, falls sie wissen, wovon ich spreche, während draussen vor dem Fenster irgendwelche Leute die Zeit ihres Lebens feiern, indem sie nächtens mit dem Cabrio bei mir vor dem Haus vorbei fahren und mich wissen lassen, dass sie es gern bei furchtbarem HipHop tun. Es hat ja keiner eine Ahnung, wie aufreibend so ein Job ist, wenn man nebenher noch versuchen möchte, so etwas wie ein ausgefülltes Privatleben zu haben, was wiederum nicht so schwer auszufüllen ist, wenn so viel der übrigen Zeit aufzuwenden ist, um merkwürdige Geschichten für Leute zu schreiben, dass die Mengen freier Zeit ohnehin recht schmal ausfallen.

„Let’s go play on a baggage carousel“

Unsereins hatte allerdings ohnehin wenig zu tun, wenn jene Monate dran waren, in denen alle Welt ans Mittelmeer oder Indonesien fuhr, weil es da netter war, zumindest am Mittelmeer (Indonesien kenne ich nicht, und nichts zieht mich wirklich dorthin). Auch wenn mir neulich jemand mitteilte, man habe am Mittelmeer die Busse abgeschafft. Egal – was brauch ich einen Bus, wenn die Sonne scheint und überall rote Weine aus den Regalen spriessen, die Zigaretten nur die Hälfte kosten und ich die ganze Nacht in meinem voll geschwitzten T-Shirt durch die Gegend laufen kann, je nach Geschmack auch flanieren und – wenn es die Geographie in ihrer unendlichen Weisheit gestattet – vielleicht sogar promenieren und am allerbesten noch bigamieren?

„In love with love and lousy poetry“

Das Besoffensein vom Müssiggang, vom schwülen Wind, von den Wiesen am Fluss und dem Geruch von Nacht, dem Gebrüll morgendlicher Vögel, das sich mit dem erster Strassenbahnen und anliefernder Lebens-mittelgrosshändler aufs Lieblichste vermischt, während der Schweiss auf der Haut nach anderen Körpern riecht. Bisweilen vielleicht noch durchs Fenster der Ruf eines den richtigen Zeitpunkt verpasst Habenden im wolkenlosen Blau des Morgens.
Was ich damit sagen will, ist wenig. Gerade ging die Tür, kurz vor Mitternacht und einige Leute kamen herein, die ganz ähnlich bescheuert kichern und von dem ganzen Hitzeschwall ganz high sind, und sie haben Wein und Melonen mitgebracht von ihrer seltsamen Fahrt durch diese Sommernacht.

Morgen wird vieles davon vergessen sein, weil es Verhinderungs-gründe dafür gibt, die gedankenlose Euphorie eines Augenblicks durch Erinnerungs-leistungen für länger als einen Augenblick hervor zu rufen. Deshalb von hier nur die kurze Mitteilung, dass es schön ist, just jetzt an diesem Ort zu sein. Und die Feststellung, dass es ein angenehmer Gedanke ist, damit nicht ganz allein zu sein. Wundert euch also bitte nicht, wenn ich ungewöhnlich versöhnlich schliesse. Ein paar von euch sind durchaus gemeint.

Yours truly,

stone

Diese Kolumne wurde mit freundlicher Unterstützung verschiedener Weakerthans-Songs hergestellt

***

 

TOM

DER JUNGE (für Ingo K. & W.S.B.)

Um vom Untergang seiner 6. Armee in Stalingrad abzulenken und weil nun, nach dessen Gefangen-nahme durch die Russen an General Paulus Arsch definitiv kein Herankommen mehr möglich ist, unter-nimmt der Führer im Frühjahr 1944 eine Straf-expedition ins Teufelsmoor, ganz in der Nähe von Worpswede. Chronisten späterer Jahre verschweigen diese Aktion gerne und den wenigsten Geschichts-büchern ist sie eine Randnotiz wert, offenbart sich hier doch die ganze Lächerlichkeit vom Suchen und von Sündenböcken.

Tatsache jedoch ist, dass Schuldige präsentiert werden müssen und so durchstreift der Führer zusammen mit seinen Höflingen, der Leibgarde und seiner Geliebten seit Tagen schon Heide und Moor.

DIE SUCHE. Angeführt von einem geckenhaften, gutaussehenden Mann mittleren Alters. Augenfällig sind sein akkurat gestutzter Oberlippenschnäuzer und die kalten Gesichtszüge, die so starr sind, als wären sie aus Marmor gestanzt. Ausgesandte Spione haben eine Quelle mit kochend-heisser Kartoffelsuppe entdeckt. Der Führer lässt die Suppe in speziellen Gefahrengut-behältern abfüllen, damit man sie, falls es einmal zur Endschlacht um seinen Bunker kommen sollte, auf die Belagerer giessen kann. Einige junge Torfstecher aus dem Moor haben sich der Expedition angeschlossen und verrichten niedere Arbeiten, wie die luxuriösen Biwaks zu transportieren oder
allabendlich den Leitstand zu errichten, für die man ihnen gelegentlich etwas zu essen hinwirft.

DIE BLICKE des Führers. Sie heften sich auf einen der Jungen und verengen sich in gieriger Erwartung. Ein Wink mit der Hand und der Junge eilt mit einem strahlenden Lächeln herbei. „Kannst Du schnell laufen?“ Der Junge wusste vom Fussballspielen, dass sich anzubieten nicht die schlechteste Eigenschaft ist und nickt begeistert. Auf Anordnung des Führers giesst einer der Spione einen Eimer Kartoffelsuppe über den Jungen und zündet ihn mit seinem Sturmfeuerzeug an. Leise summt der Führer „mein Metal-Baby/nimm` mich mit/zu deiner/Heavy-Metal-Show“ vor sich hin und zwinkert dabei verschmitzt seiner Eva zu. Brüllend vor Schmerzen rennt der Junge seine hundert Meter und fällt zu Boden. Eva und der Führer schlen-dern hin und saugen den Gestank nach Kartoffelsuppe und verkohltem Fleisch tief in ihre Lungen. Der Junge liegt mit dem Gesicht nach unten und wird von Krämpfen geschüttelt.

SIEGER UND BESIEGTE. Wie in einem schlechten Western setzt der Führer die Spitze seines Reiter-stiefels an und dreht ihn auf den Rücken. Für den Bruchteil einer Sekunde trifft ihn ein hasserfüllter Blick aus verrussten Augen.
60 JAHRE SPäTER. Die Musik von Wolfgang Petry beginnt schon am frühen Morgen zu spielen. In einer Stunde wird der Führer durchkommen. Die Beamten für die innere Sicherheit haben auf den Strassen Auf-stellung genommen und halten ihre Elektroschocker vor sich ausgestreckt, um die Menge zurückzuhalten. Der Junge drückt sich am Rande der Menge entlang. Lauter Jubel steigt auf, und er spürt einen Schauer, der ihm am Rücken hochläuft und als Lichtblitz aus den Augen schiesst, und in einer Aura aus Licht sieht er den alten Mann. Der Führer ist ein fettleibiger alter Mann mit einem sorgfältig gestutzen weissen Ober-lippenschnäuzer.

Er denkt, eine stattliche Erscheinung abzugeben, ist es aber nicht. Er wirkt finster und kleinlich und bösartig. Er schaut nie geradeaus, sondern immer ein bisschen schräg nach oben links. Was immer er dort sieht, behagt ihm nicht. Der Führer regiert schon sehr lange und dem Land geht es gut. Hat jemand eine Beschwerde vorzutragen, wird die Person an den Runden Tisch bestellt. Die Kunde von seiner Güte und Weisheit hat sich durchs ganze Land verbreitet. Die Steuer-, Renten- und Gesundheits-reform, eine einzige Erfolgsstory und spätestens mit dem Projekt des „Doppelten Schlucks“ hat er sich für immer ein Platz im Herzen des Volkes erschlichen.

DER JUNGE geht durch die jubelnde Menge………… nur ein Schmuddelkind…………………. passt auf eure Wertsachen auf. Das Gesicht des Führers ist glatt wie eine Maske, die vornehme Gelassenheit ausstrahlt, doch die Augen sind so tot wie ein Tümpel voll Kartoffelsuppe. JETZT! Der Junge spürt es im Nacken und dann schiesst es ihm als silberner Licht-strahl aus den Augen. Die Strasse dreht sich unter seinen Füssen weg, und er taucht unter den vorgehalte-nen Elektroschockern durch. Wie ein Komet schiesst er auf den Wagen des Führers zu. Ungläubig wendet der Führer seinen Blick nach vorn auf diesen Bur-schen, der kaum noch einen Meter entfernt ist. Seine Augen werden leer, und sein Gesicht wird von schierem Entsetzen entstellt. Die Maske splittert in einem Schrei jäher Erkenntnis: „DU!!!“

Das Messer des Jungen fährt ihm unterm Kinn hinein und dringt oben durch die Schädeldecke wieder heraus. Augenzeugen sagen später, als das Messer ihn traf, hätten die Augen des Führers Feuer gefangen und sich wie Discokugeln gedreht. Der Aussenminister, ein ehemaliger Taxifahrer, klettert unbeholfen aus dem Wagen und kreischt: „Ergreift Ihn! Ich will Ihn le-bend!“ Doch die 33 geklonten Sladkos der Führer-leibstandarte haben dem Jungen mit ihren Schlag-stöcken bereits den Schädel zertrümmert. „Ich sagte doch……..“ „Wir haben es nicht gehört, Joschka.“ Die Sladkos sehen ihn mit einem boshaften Grinsen an. „Ich werde dich……….“ „Werdet Ihr, Herr?“ „Nun ja…………..sieh dich vor………..und denkt daran, dass ich hier die Befehle gebe.“ „Wir werden daran denken, Herr.“ Beim Anblick der grinsenden, sonnenstudio-gebräunten Gesichter packt den Aussenminister die nackte Angst.

tom dreyer

die aktuellen turntablerocker sind:

a) SONIC YOUTH – live im teatro romano zu Ostia/Roma

b) THE AMERICAN ANALOG SET – LP

c) FOETUS – „Heuldoch 7b“ (track)

d) P.J. HARVEY – live Jazzport-Festival Hamburg

e) THE BLACK CROWES – „Lion“ DLP.

***

JOCHEN

Ich sitze im Zimmer des Coburg Motor Inn in Melbourne, die Kinder schlafen, draussen regnet es leise und es ist kalt. Sabina ist auf einer Lesung im Rahmen dieser Konferenz ueber kulturelle Identitaet, wegen der wir aus Sydney fuer vier Tage hergeflogen sind (natuerlich ungeachtet der finanziellen Situation). Urlaub vom taeglichen Arbeiten fuer mich, und mal ein anderer Anblick als Sydney. Ich bin den ganzen Tag mit den Kindern durch Melbourne gelaufen und wir haben uns die Stadt angeschaut. Ihr eilt der Ruf voraus, sowas wie das kulturelle (und vor allem subkulturelle) Zentrum Australiens zu sein, man sagt, alles sei viel relaxter und vor allem billiger als Sydney und besonders viele andere Staedte gibt es hier nun mal nicht.

Es sei besser fuer Bands, Kunst und so weiter. Tatsaechlich hat die Stadt einen fuer hiesige Verhaeltnisse europaeisch anmutenden Flair, die legendaere (?) Tram unterstreicht das. Es gibt italieni-sche Viertel, griechische Buchgeschaefte, tuerkische Doenerlaeden. Man sieht szeneartig gestylete Leute, gar ein paar Punker, es gibt Anarchy Bookshops, Plattenlaeden, Kiffutensliliengeschaefte. Klingt ja ganz nett habe ich mir ueberlegt, gibt es alles in Sydney aber auch, dort jedoch dominiert eher eine Art High-Style-Wichtig-Weltstadt-Metropolitan Athmosphaere, so soll es wohl gemeint sein und so wirkt es auch. Kleine Laeden muessen grossen Ketten weichen, Underground Pubs machen dicht, die Mieten steigen ins Unermessliche. Aber: Sydney ist halt so eine sau schoene Stadt. Beides irgendwie okay.

Also liess ich mich denn heute durch diese Stadt Melbourne treiben, ueberall herrschte Sale. Sale, Sale, Sale. Zum Ende des Financial Years werden die Lager geleert und die Leute schauen und kaufen. Natuerlich tat ich es ihnen gleich und fand einige gute CDs, zur Abwechslung mal zu humanitaeren Preisen. Zwei davon mit, wie es so schoen heisst, „E-Musik“ (Hindemith, Berg, Schoenberg), eine mit elektroni-scher Musik (Hans Nieswandt) und eine mit Jazz (Pharoah Sanders). Fehlt Rockmusik, mag man einwerfen, aber, mal ehrlich, wir kennen doch alle schon so dermassen viel Rockmusik in all ihren erdenklichen Variationen, macht doch mitunter Sinn, sich auch noch mit was anderem zu beschaeftigen.

Ich habe eben die Liner Notes ueber Hindemith gelesen und gedacht, oh Mann, der Typ haut von seinen Eltern ab, weil sie nicht wollen, dass er Musiker wird, spielt fuer ein bisschen Geld in irgendwelchen beschissenen Strassencafes und Theatern und ent-wickelt sich alsbald dramatisch zu einem der wich-tigsten Komponisten seiner Zeit. Seine Frau ist Juedin, er umgibt sich gerne mit Juden und heisst sie in seinem Orchester willkommen. Also werden die Nazis un-hoeflich, nennen seine Musik (Zitat aus den australi-schen Liner Notes) „the foulest perversion of German music“ und „the most atrocious dissonance of musical impotence“, vertreiben ihn, er zieht erst in die Schweiz, dann in die USA. Aus irgendeinem Grund habe ich kurz an Kafka gedacht, den deutsch schrei-benden Juden mit Kehlkopfkrebs in Prag, der in einer Nacht Das Urteil runterschreibt und anderntags ewigen Schreibblockaden unterliegt.

Um mein Hirn beschaeftigt zu halten, setze ich mir manchmal Sachen in den Kopf, so habe ich mir grade mal ueberlegt, dass interessante Sachen eigentlich ganz interessant sind. Methoden in Musik und so Kram. Es kann also im Moment fuer mich in der Tat ausgesprochen unterhaltsam sein, mich mit Sabinas New Fontana Dictionary of Modern Thought und einem Bier hinzusetzen und willenlos irgendwas nachzuschlagen, was ich nur so halb kenne (oder weniger), Twelve Note Music zum Beispiel, die jeden der zwoelf Halbtoene als grundsaetzlich gleichwertig betrachtet, eine Reihe aus ihnen bildet, an der mit einem zugegeben ziehmlich komplizierten System von Normalgestalt, umgekehrter und ruecklaeufiger Gestalt rumhantiert wird; und dann kann der ganze Mist auch noch auf alle 12 Stufen transponiert wer-den. Was die Leute sich ausdenken, cool.

Wenn ich dann das gelesen und nicht wirklich verstanden habe schlage ich sogleich Serial Music nach, wo ich von Prinzipien zwischen die Augen getroffen werde, die auf jeden Fall cool sind wie Normally no note may reappear in the row after its initial appearance, lest it should assume the characteristics of a tonal centre, and establish a sense of traditional key. Wow, yes! So geht`s ab. Bitte mehr so Zeug. Also Atonal Music noch kurz (ich hoer ja gleich auf) wo ich erfreut werde durch sowas wie It is for this reason that Atonal Music is largely dissonant, since only by avoiding traditional consonances can the implications of tonality be avoi-ded; similarly the melodic lines are harder for the average listener to absorb, since they are often characterized by angularity and wide-spread intervals.

Das wuerde ich ja ganz gerne in Zusammenhang mit Punk bringen, gelingt mir aber nicht so ganz smooth, weil es nunmal ein nicht zu uebersehender Teil der Punk Philosophie (wenn es sowas gibt) ist, dass jede und jeder es nicht nur hoeren sondern auch machen kann, wenn Bock besteht. Ist womoeglich gar der Haupt Witz des Ganzen, Simplicity, kann eine Gute Sache sein, im uebrigen. Hat uns sowas wie Flipper beschert.

Jetzt grade habe ich aber mehr Lust, Stockhausen, Reich, Boulez oder sowas zu hoeren, aber ich bin ja im Motelzimmer und werde gleich mal die Glotze anmachen (hoffentlich werden die Kids nicht wach), da laeuft ein Konzert von den hierzulande hart ge-feierten You Am I, einer ganz guten Rockband. Vor einigen Jahren klangen sie ein bisschen wie Sonic Youth (Lee Renaldo hat auch produziert), jetzt eher sowas wie die Beatles fuer den Aussie-Pub. OK, gute Band, eigentlich.

Es gibt eh ganz gute Bands hier, in Melbourne wie auch in Sydney, selbst in Adelaide oder Perth rocken irgendwelche Leute rum. Ich sollte mal eine Kolumne nur ueber australische Bands schreiben, das hat wohl laenger keiner mehr gemacht, vor Jahren war das wohl eher drin, mit Beasts of B. und so. Viele von dieser „Generation“ von Typen machen auch noch was, aber natuerlich gibt`s auch ganz gute neuere Bands aller Art. Die Staerke liegt hier aber eher im poppigeren oder straighteren Teil der Bandbreite, ist ja vielleicht auch kein Wunder, sind die geographischen und vor allem klimatischen Bedingungen doch anders als in Europa.

Es scheint oefter die Sonne, der duenne Zivilisationsstreifen ist auf beiden Seiten von un-ermesslich viel Platz umgeben und da kommt das Sommergeschrammel glaubwuerdiger rueber. Es gibt tatsaechlich auch ganz gute Singer/Songwriter; Jazz habe ich noch nicht erkundet; Roots Rock ist hier nicht automatisch scheisse und es existiert sowas wie Blues. Normalen Hardcore, Dance Zeug und vor allem Sportsmetal gibts eh ueberall auf der Welt, denke ich mal, und das hoert sich doch auch gerne mal ueberall gleich an. Im direkten Vergleich gibts auch Sachen, die in deutschland hervorragend, viel besser, zu gedeihen scheinen, ich schaetze ja das Zeug, das diesen Bastler-Keller-Nieselregen Muff hat wie To Rococo Rot, Mouse On Mars und sowas. Notwist, ich meine, auf den Platten nieselt es doch oder, und das taugt ja wohl.

Alles Klischees, alles pauschal, reg Dich ab. Denke, ich sollte naechstes Mal australische Bands empfehlen, statt aus dem Lexikon zu zitieren. Aber, wie ich unter Deconstruction nachgeschlagen habe: The text can be shown to be saying something quite other than what it appears to be saying. In fact, in a certain sense, the text can be shown not to be „saying something“ at all.

Jochen..

***

DOLF

Ist es nicht beruhigend zu wissen das es in allen anderen Szenen auch nicht viel besser oder sogar noch schlimmer ist als in unserer geliebten Punk/Hardcore Szene? Nicht? Richtig, ist auch mir in dem zusammen-hang scheissegal, was die anderen machen. Dennoch, habt ihr schonmal einen Christen sagen gehört das Christentum ist tot, nur weil es unter-schiedliche Stömungen in seiner Glaubensrichtung gibt, oder einen Islamisten der seine Religion dahin-siechen sieht, nur weil es ein paar Spinner gibt die sich alles so auslegen wie es ihnen in Kram passt?

All die Bands/ Menschen da draussen, die von sich behauten Punk/HC zu sein, gerne könnt ihr das tun. Oft werde ich völlig anderer Meinung sein – aber was will man machen, verbieten geht halt nicht. Ich will damit sagen: es gibt keine Hardcore/Punk Szene, genauso wie es keinen Islam oder Christentum gibt.

Denn immer hat der Einzelne die Möglichkeit das Individium (mit all seinen Bedürfnissen, Ideen und Ansichten) über die „Szene“ zu stellen oder sich es eben entsprechend zurechtzuflicken. Dadurch gibt es dann eben die vielen verschiedenen Hardcore/Punk Strömungen, die sich alle so nennen wollen und auch können. Wer jetzt allen ernstes meint ich würde eine Szene mit Weltreligionen vergleichen – der hat damit genauso recht wie unrecht. Lang lebe MEIN Hardcore-Punk!

You can leave a comment, or trackback from your own site. RSS 2.0

Leave a comment

You must be logged in to post a comment.