März 14th, 2007

Kolumne Stone (#88, 06-2001)

Posted in kolumne by andreas

DIE NEUJAHRSWüNSCHE DER MUTTER OBERIN

Ich habe die Zukunft dieses Landes gesehen! Auf einer Party, auf der wieder Alle betrunken waren, und auf der sie sich wiedertrafen, auch wenn sie die letzten zwölf Monate eher damit verbracht hatten, genau das zu vermeiden. Alle die, die schon lange nicht mehr in einer der drei Kneipen gesichtet wurden, die man in dieser Stadt noch besuchen konnte, wenn man halb-wegs unentwegt war und nicht ohnehin besseres mit seiner Zeit anzufangen wusste oder musste. 

Heimkehrende Königinnen oder Könige waren sie allesamt nicht geworden, dazu hatte es dann doch nicht gereicht, auch wenn einige von ihnen mit dem scheinbar unumstösslichen Willen in die Welt hinaus gezogen waren, ebendies zu werden, Knäbelein wie Mägdelein. Einige von ihnen waren bei der Fest-stellung des kaum zu übersehenden noch nicht ganz an ihrem Ende angelangt. Solche Leute hatten gleich andere Arten der Feierlichkeit gewählt und sich den Verlust der Hoffnung zu ihrer ohnehinnigen Absicht zurechtgelogen.

Wer noch Advokat werden wollte, mochte zwar wissen, dass er im Zweifelsfall auch seinen Teufel würde vertreten müssen, was manchen den brenzligen Geruch der versengten Federn eines überfliegers, das Aroma von Gefahr in die Nase trieb, woran sie sich ergötzten, andere würden mit der Differenz von Recht und Gerechtigkeit, die dem Idealisten schliesslich ein Gräuel sein muss, eher ein Problem haben.

Wer den Mühseligen und Beladenen Trost Hilfe spenden wollte, in dem er Arzt, sie Psychologin wurde, konnte in der Theorie vielleicht noch übersehen, wofür man ihn wirklich bezahlen, womit wirklich beschäftigen würde. Wer sich nun kein Haus gebaut hatte, würde sich keines mehr bauen, glaubten wir den Studenten der Architektur, die sich unversehens zu besseren, wenn auch nicht besser bezahlten Ingenieuren degra-diert sahen und beklagten, ihre Kreativität nicht ausleben zu können.

Wer nach der von Vater Staat spendierten wie er-zwungenen Schulung bereits im Wettbewerb unter-legen und dadurch von den höheren Weihen jenes höchsten Gutes, der Bildung, ebenso ausgeschlossen war, wie von den mannigfaltigen Möglichkeiten, sich einen Lebensunterhalt zu verdienen, der das Nötigste um ein Feststellbares überstieg, kurz gesagt, wer eben nur ein ganz gewöhnlicher Besitzloser war, konnte sich derlei Gedanken ohnehin sparen.

Wer indes vielleicht einen bürgerlichen Beruf vor sich hatte, also beispielsweise Lehrer, Journalist oder Akademiker werden konnte, konnte sich noch das zweifelhafte Vergnügen verschaffen, sich dies als ihm oder ihr gerecht zu verstehen, bevor sich dieser Idealis-mus schliesslich an der Realität die Zähne ausbeissen würde, wenn er oder sie nicht zu denen gehörten, die mit Erlaubnis des Zufalls, an den viele nicht glauben wollten, weil sie sich dies lieber zur eigenen Leistung zurechtlegten, sonst wäre es einfach zu profan, denn dann hätte ja auch beliebiges Mitglied des Pöbels, Verzeihung, des Plebs (das klingt so herrlich nach Plebiszit)… Daran wagten sie nicht zu denken,weil sie sich besser dünkten. Vielleicht nicht besser, aber zumindest doch ein wenig klüger. Und wahrscheinlich doch auch ein bisschen etwas Besonderes, so jedes auf seine Weise.

Was mich mit ihnen verband, mich von ihnen trennte, was ich vielleicht mit ihnen geteilt hatte, Feinde, Freunde oder das Lager, Bier, einen Proberaum oder eine Wohnung, Ideen, Geschmack oder den Innen-raum eines Autos, es mag ja so manches gewesen sein; es spielte in den seltensten Fällen noch eine Rolle, und in den meisten bedauerte ich’s nicht. überdies war es in hohem Masse gleichgültig, weil schliesslich alle sowieso betrunken waren, auf die überschäumende Art, die sich einstellen kann, wenn alle glauben, es sei nun ausgerechnet diese eine ganz besondere Nacht, vielleicht aber auch nur, weil sie sich vorher aufs Angenehmste hatten den Wanst vollschlagen lassen, oder weil sie sich eben einfach freuten, auf dieser verdammten Party zu sein.

Ständig stiessen sie zusammen an den Türen, wo sich die Ströme verjüngten, zumindest bildlich gesprochen, und erkannten sich. Einige hatte ich seit zehn Jahren nicht mehr gesehen. Zu sagen, wir hätten uns nicht verändert, wäre niemandem eingefallen. Naja, mir schon. Einige von ihnen waren sich in bemerkens-werter Manier treu geblieben, so hatte es den An-schein.

Es muss mehr als die blosse Unwissenheit sein, die jene Arroganz hervorruft, mit der sich das, was vorlaut Jugend genannt wird, bisweilen auszeichnet. Mehr als der Leim, auf den geht, wer die Versprechen der Glücksschmiede, in der jeder frei sein eigener Entrepreneur sein darf. Der scharfe Tadel, den sich Menschen zuziehen, und der unter den Titeln „Spiessertum“, „Arriviertheit“, alternativ, je nach Verlauf aber auch „Verlierertum“ firmiert, vor-geschaltet vielleicht noch der Spott über die „Erwachsenen“. Das immanente Besserwissen, das doch in annähernd jedem Fall den Beweis seines Besserseins nicht antritt, sonst würde sich dieses bürgerliche Trauerspiel nicht zum Erbrechen wieder-holen.

Sie alle beginnen mit den gleichen Chancen, so steht es in der heiligen Schrift, und der eine neigt eben nunmal eher zur proletarischen Lebensart, der andere, der ist eben ein echter Machtmensch. Und die, die wissen, wie der Hase läuft, die gibt es auch. So einer sass neulich mit mir im Abteil zwischen Hamburg-Altona und Bahnhof Zoo. Er war ganz unten gewesen. Er hatte Bier auf Hawaii verkaufen wollen, der Melodie eines alten Liedes folgend, demzufolge es kein Bier dort gebe. Erstens stimmte das nicht, aber zweitens hatte er auch kein Geld für anfallende Investitionen und auch keine Arbeitserlaubnis gehabt.

Er hatte alsdann, aber nicht auf Hawaii, auch einen Klempner-Notdienst eröffnet, eine kleine Backstube gegründet und sogar, als er dies erzählte, senkte er die Stimme, mit Marihuana gehandelt. Er trug eine Plastiktüte voller Bierdosen bei sich, bezüglich derer er sich überaus spendabel erwies, nicht zu vergessen, dass er mir sogar ein wenig Bares gab, damit ich mein Zugticket zur Gänze bezahlen konnte.

Jedenfalls machte er in Fertighäusern. Er sei auf dem Weg nach ganz oben. Ich sass im gleichen Zug wie er. Der Zug fuhr nicht nach oben. Er habe herausgefun-den, wie man’s macht. Verraten hat er es mir natürlich nicht.
Ob er mir hätte erklären können, warum es soviel mehr Seketärinnen als Schauspieler, mehr Fliessband-arbeiter als Schriftsteller, mehr Hausfrauen als Fabrik-besitzer und mehr Arbeitslose als Photomodelle gibt?

Sich zu verwirklichen ist keine Erfindung geläuterter esoterischer Alt-Hippies. Es wimmelt nur so vor Leuten, denen es stets daran gelegen ist, sich ihren verdammten Job, diese Notzucht als ganz persönliche Leistung zurechtzulegen. Jeder nach seiner Fassong eben. Erzähl‘ das deinem Müllmann. (Auf die Gefahr hin, dass er dir begeistert zustimmt und bereitwillig den gleichen Sermon erzählt.)

Ich hab schliesslich nicht sagen wollen, dass Müll-männer irgendwie die schlaueren Leute wären. Biographien gehen übrigens auch immer so. Leute, die „es“ geschafft haben, haben es geschafft, weil sie an sich geglaubt haben. Durch jede Durststrecke hindurch haben sie sich immer wieder eingehämmert, dass du an dich glauben musst. Der Erfolg gibt ihnen dann schliesslich recht. Sonst hätte es ja wohl auch nicht geklappt… Niemand gibt den gleich Senf heraus, kommt er von jemandem, der mit der gleichen Rezeptur scheitert. Das will niemand lesen. Das verkauft sich nicht, es sei denn, es wäre ein Roman. Aber selbst das, so negativ… Letzte Ausfahrt Verzichtsmoral.

Da ist es dann immer das Schicksal. Es hatt‘ nicht sollen sein. Muss ja. Hilft ja nix, kannst nix machen, was soll’s, iss so. Den Käse wollte mir sogar jemand nach einem gescheitertem Koitus erzählen: „Vielleicht soll es einfach nicht sein mit uns…“ Es hatte dann doch noch sein sollen. Oder die Zeit ist noch nicht reif für dich. Schau mal, mussten nicht alle grossen Geister darben? Musste nicht Van Gogh sich erst ein Ohr abschneiden (und nichtmal das hat was genützt)? Musste nicht Beethoven erst taub werden (um die Neunte zu schrei-ben)? Bukowski Postbote (Um „Fast eine Jugend oder das Schlimmste kommt noch“ zu schildern)? Ja überhaupt: Könnte es denn nicht alles noch viel schlimmer kommen?

Da ist dann mit einem Mal aller Optimismus dahin und bleibt doch bei sich und er selbst. Der stete Ab-gleich mit den durchaus wahrgenommenen Un-annehmlichkeiten, um sich leuchtende Farben auf den Horizont der Zukünftigkeiten zu malen. Wenn es schon immer schlimmer kommen kann, dann kann es ja so schlimm schon nicht kommen. Wird schon irgendwie werden. Die Feststellung, dass das eigene Leben – im Unterschied zu denen, die es immerhin zu einer Leihbibliothek gebracht haben – eine eher uner-quickliche Angelegenheit ist, wäre ja identisch mit der Erkenntnis, dass man ein verdammter Verlierer, eine verdammte Verliererin ist. Und das dann auch noch persönlich zu nehmen… Was für eine Schmach! Klar, wird es irgendwie werden. Lediglich das „Irgendwie“ stört. Irgendwie.

Irgendwie habe ich auch einen im Kahn. Weil es manchmal ganz nett ist, sich einen Rausch zu ver-schaffen, da sich die ganze Scheisse auch nach Besor-gung der täglichen Notwendigkeiten nicht in Wohlge-fallen auflöst. Auch wenn die Miete gezahlt ist. Auch wenn es schlimmer kommen könnte. Im Moment sieht es sogar so aus, als würde es genau das tun. Nein, dieses Lied singen sie dir nicht, an der Wiege. Da werden wohl andere Lieder gesungen, an die ich mich zum Glück nicht mehr erinnere.

Andererseits ist die Nacht lau, das Bier kalt und noch ein paar Kippen in der Schachtel. Ich muss morgen nicht vor zehn aufstehen und der Typ im Gebraucht-warenladen hat mir einen Hunderter für den ganzen Scheiss gegeben, den ich ihm vorbei gebracht habe. Ich werde mich nicht zerfleischen, weil mein Dispo bis zum Anschlag ausgereizt ist.
Aber das würde dann wohl, wenn es soweit kommen sollte, sicher sowieso jemand anders besorgen…

stone

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