März 14th, 2007

Kolumne Stone (#86, 02-2001)

Posted in kolumne by andreas

Stone

Die langen Abende am BücherInnentisch

Es sind fade Tage, finden sie nicht auch?. Und was schlimmer ist: Sie sind voller Arbeit. Wären sie das nicht, liesse sich gegen die Fadheit womöglich etwas unternehmen. Es liesse sich in geselliger Runde beisammen sitzen und dummes Zeug reden. Das tätigt ab und an erstaunliche Wirkung auf den vom wissenschaftlichen Werkeln ganz abscheulich debilen Verstand, der lediglich alle paar Tage von einem gelegentlichen Scherzbold an seine Drangsal obendrein auch noch erinnert wird, wenn er hineinschaut und im Wissen um mein Streben mit vor Schalk blitzenden Augen sagt: „Mühsam?“, was er tut, da ich derzeit – und seit längerem – ein längeres Traktat über den anarchistischen Schriftsteller Erich Mühsam verfertige.

Jener Mühsam verdankt seinen Familiennamen übrigens durchaus der uangenehmen Bedeutung des Wortes, auf die der Witz rekurriert, wurde doch der Name dem Ahnen des Dichters nach dessen im Kriege schwer erkämpften Heldentaten von seinem Kaiser verliehen. Als Belohnung, auf dass er nicht mehr seinen alten jüdischen Namen tragen müsse. Humor hatten sie offensichtlich, unsere Herrschaften von ehedem.

Und mich werden sie dermaleinst mit dem gleichen Mutterwitz, besser: Kaiserwitz, „Mühsam“ nennen können, wenn ich mir nach harter Kasteiung das Recht erworben haben werde, mich Magister zu nennen, wenn auch nicht Doktor gar. Und in „heissem Bemühen“ wird es auch nicht geschehen sein, damit sie es gleich wissen.

Wenigstens hat der Husten nachgelassen, der mich seit ungefähr zwei Wochen quält. Und die Musik hier gefällt mir auch. Sie werden verstehen, in meiner Lage wird man sich an den kleinsten Dingen erfreuen. Wie zum Beispiel, dass es lange nicht mehr vorgekommen ist, dass ein Sparkassenangestellter vor meinen Augen mit schlecht verhohlenem Grinsen den Barscheck zerrissen hat, weil er nicht gedeckt war. Geldautomaten können nicht hämisch grinsen.

Und sie machen Arbeit überflüssig. Zwei gute Gründe, die für Geldautomaten sprechen, nicht wahr? Allerdings bleibt das Hauptproblem leider bestehen. Dass man mit Geld nämlich alles nicht nur kaufen kann, sondern auch muss. Dass man es wollen muss, ohne es wollen zu wollen, das Geld, schon allein, um das zu bekommen, was man wollen muss, will man sich allein die Grundlage erhalten, überhaupt etwas wollen zu können, was immer das nun sein mag.

Und sie werden kaum leugnen können, dass sie zur Verwirklichung dessen sicherlich auch Geld brauchen werden. Oh, Verzeihung, ich bin im Manuskript versehentlich gerade ein paar Ausgaben zurück gegangen. Die Geschichte mit den Bedürfnissen und dessen Realisierung, wofür, ah ja, hm, das war auch wieder so ein Genörgel über dieses und jenes, fast alles schlechterdings, wie es einem vergällt werden kann durch die Verhältnisse. Wie heisst noch die alte Redensart: Vergällt’s Gott?

Heute stand etwas anderes auf dem Programm? Unterhaltung? Ich weiss nicht… Ist das nicht ein bisschen… – wie soll ich sagen – oberflächlich? Lenkt das jetzt nicht nur ab, von den wichtigen Dingen, den grossen Fragen? Schliesslich wird an allen Ecken und Ecken der Welt globalisiert. Schliesslich stehen allerorten selbst die Anständigen schon auf. Entzünden Kerzen. So wie früher, als es noch Brüder und Schwestern gab, die das Schicksal unserer Trennung trugen, weshalb wir Kerzen in die Fenster stellten, um, wie es ein Bekannter formulierte, denen drüben zu zeigen, wie warm uns ums Herz war, bei dem Gedanken an sie. Wer wollte da nicht sitzenbleiben und die Anständigen das Aufstehen besorgen lassen? Den Moment geniessen, die Seele baumeln lassen?

Mal ein gutes Buch lesen.

Sich’s wohl sein lassen.

Hat nicht jedes Ding zwei Seiten?

Ist schliesslich alles Gold, was glänzt?

Die regennassen Strassen, von denen mal einer schrieb, die glänzen auch, wie Kinderaugen in Aspik, wie flammende Furunkel oder – noch – der abgestandene Glanz auf den alten Folianten, die bald ungelesen verstauben. Welch Glanz in einer bescheidenen Hütte. Oder auf den Fenstern der Kneipen, hinter denen rotnasige Herren und Damen wie wir nächtens eisgekühlte, alkoholhaltige Erfrischungsgetränke zu sich nehmen.

Da fällt mir übrigens doch noch eine Geschichte ein.

Es war in einem Februar, als auf der Oranienstrasse in Berlin fehlende Logik und mangelnde Folgerichtigkeit sich ein Stelldichein gaben, was – zugegeben – seltsam ist, denn Dinge, die nicht vorhanden sind, können schliesslich und eigentlich nicht so ohne weiteres aufeinander treffen. Es war also Februar und äusserst kalt, der Schnee knirschte unter unseren Füssen entlang, als ich plötzlich eine merkwürdig vertraute Stimme sagen hörte:

„Hallo Horst!“

Ich drehte mich dorthin, wo ich die Eignerin jener Stimme vermutete und sah eine flüchtige Bekannte namens Juliette, welche ich seit jenen Jahren nicht mehr gesehen hatte, da sie eine Lehre in ebenjenem Bankinstitut zu absolvieren gedachte, in dem mir – wiederum später, und sie konnte nichts dafür – ein Barscheck vor der versammelter Kundschaft und unter hämischem Grinsen zerrissen worden war, weil er nicht gedeckt war. Hierhin hatte es sie also verschlagen. Da war die Freude natürlich gross. Wir unterhielten uns wohl eine Weile, und schliesslich gab ich ihr meine Telephonnummer. Sie könne ja mal anrufen.

„Ich hab zur Zeit gar kein Telephon“, sagte sie da, etwas peinlich berührt, wie es schien.

„Nun“, beschwichtigte ich sie, schliesslich wollte ich ihr keine Unannehmlichkeiten machen, war sie doch in Begleitung eines jungen Herren, von dem ich mit Fug und Recht annehmen zu können glaubte, er werde vielleicht heute noch das, wie ich gleichfalls anzunehmen neigte, unzweifelhafte Vergnügen haben, mit Mademoiselle Juliette das Lager in keuscher Unzucht teilen zu dürfen – „nun“, sprach ich beruhigend auf sie ein, „vielleicht gibt es ja in der Nähe eine Telephonzelle, sie haben ja nun meine Nummer…“

Der beabsichtigte Zweck schien sich aufs Vollkommenste zu erfüllen, denn ihr Mienenspiel wurde heiterer.

„Ja, warten sie, dort vorn an der Ecke ist eine, glaube ich.“

Da dies nun keineswegs meiner Vorstellung vom weiteren Verlauf des Abends entsprach, weil ich bereits eine Verabredung hatte und ausserdem ihr Anruf zu diesem Zeitpunkt auch gar keinen Sinn gehabt hätte, denn wo hätte sie mich anrufen sollen, an jenem Abend, in den Strassen der Grossstadt, vertröstete ich sie auf einen späteren Zeitpunkt. Sie möge doch bei einem möglicherweise anstehenden Besuch in meiner Nähe einfach anrufen, dann könnten wir sicherlich bei einem Kaffee wenn schon nicht über alles, dann aber zumindest doch über gemeinsam verbrachte Zeiten plaudern. Es wurde langsam unangenehm kühl um die Knöchel.

„Ja, oder sie kommen nach Berlin“, merkte sie leichthin an, was ja nun wirklich seltsam erschien, denn schliesslich verdankte sich unser unverhofft eingetretenes Wiedersehen just dem Umstand, dass ich die dafür notwendige Reise unternommen hatte. „Ich gebe ihnen einfach meine Nummer“, fuhr sie zu meiner nicht geringen überraschung fort, „ich wohne ja in zwei Wohnungen…“

Noch bevor ich meiner Verdutzung angemessen Ausdruck verleihen konnte, schliesslich hatte sie gerade glaubhaft versichert, derzeit keinen Fernsprechanschluss zu haben, musste ich fest stellen, dass ich nicht der einzige war, der seine Schwierigkeiten hatte, den Dingen, wie sie standen und gingen, in der sich mählich herausbildenden Ordnung der Dinge ihren Ort zuzuweisen.

„Warum, Fräulein Juliette, müssen wir denn dann mit dem Bus fahren?“

Die Angesprochene überhörte diesen konstruktiven Einwand des jungen Mannes in ihrer Begleitung jedoch geflissentlich, um ihren vor der eingetretenen Verwirrung begonnen Satz zu vollenden.

„…aber“, fuhr sie fort, wobei sie meinen, gelinde gesagt, irritierten Blick mit einem kecken Augenaufschlag erwiderte, „in der einen habe ich kein Telephon.“

Wir haben uns bis heute nicht wieder gesehen.

Ich schwöre, so hat es sich zugetragen, in der Oranienstrasse zu Berlin, Anfang der Neunziger. Nur, dass wir uns nicht gesiezt haben, der junge Mann ein recht ungepflegter Flegel war, und dass sie gar nicht Juliette hiess, aber wer weiss, vielleicht hat sich das inzwischen geändert, denn die Wege der jungen Dame waren schliesslich fürwahr seltsam, nicht wahr?

Ob ich wirklich Horst heisse? Das tut hier nichts zur Sache. Und ausserdem wollte ich sowieso gerade gehen. Es ist schon bald drei Uhr in der Früh‘, und morgen ist schliesslich auch noch ein Tag. Beim nächsten Mal erzähle ich dann vielleicht die Geschichte, wie ich einmal in einem Imbiss sass, als eine Frau hereinkam, wissen wollte, ob David Copperfield hier schon einmal gegessen habe.

Gute Nacht und bis dann…

stone

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