März 4th, 2007

7 SECONDS (#111, 06-2005)

Posted in interview by jörg

Es hat lange gedauert, aber dann gab es doch wieder ein Lebenszeichen der ewig Jugendlichen. Auf Sideonedummy ist es erschienen, das neue Album, und wurde sogleich im Rahmen der Eastpak Resistance Tour live präsentiert. Grund genug um mal bei Gitarrist Bobby Adams, der alt genug ist um mein Vater zu sein, nachzuhaken und sich festzufahren in der ewigen Diskussion, was denn jetzt Punk Rock ist und was nicht.

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Auch Bobby stimmt mit dem Grossteil der alternden Punk Rocker überein, dass Punk heisst: Tu was du willst, und wenn andere Leute meinen, du könntest nicht Gitarre spielen und solltest es gleich lassen, dann ignorier sie, denn so fängt schliesslich jeder von uns an“.

Bobby macht, was er will, in Las Vegas, der Stadt, die er liebt, obwohl er dort ständig in Unfälle mit Autofahrern gerät, die sich nicht auf den Verkehr konzentrieren oder betrunken sind.

Als stolzer Besitzer einer Harley hat er für so was kein Verständnis und tourt nicht nur mit 7 Seconds gerne, die leider zuviel Equipment haben, als dass man es aufs Motorrad schnallen könnte, sondern lebt seinen persönlichen Amerikanischen Traum aus, indem er einsam oder mit BikerKollegen durchs Land düst. Musikalisch merk ich von diesen spirituellen Einflüssen auf dem neuen Album zum Glück nichts.

Take it back, take it on, take it over!, für das Kevin alle Songs alleine geschrieben hat, bis auf Our Core und One Friend Too Many, die spontan im Studio entstanden, wurde in 2 Tagen aufgenommen, doch Bobby beteuert, das sei der normale Zeitrahmen für die Band, und weil es Jahre gedauert habe, bis der Plan für die neue Platte stand, sei dieser Zeitraum die eigentliche Zeit, die zähle.

Würde man den Mann 12 Stunden mit seiner Gitarre in ein Studio einsperren, würde ihm das gar nichts ausmachen, da er die Zeit dort sowieso immer vergisst. Im Gegensatz zu Kevin, der die Studioarbeit oft nur als Weg zum Ziel ansieht, findet Bobby das Aufnehmen eines Albums genauso spassig wie Touren. Schliesslich sei es das, was er schon immer tun wollte seit er zum ersten Mal Eddie Van Halen sah. „Und genau das mache ich jetzt, auf meine Art.“

Manche Entwicklungen im Lebensstil der heutigen Jugend stossen aber auch beim sich ewig jung fühlenden Bobby komisch auf. „Wenn ich mir überlege, wie ich als Teenager den ganzen Tag am Telefon hing und heutzutage die Kids auf ihren Computer einhämmern und mit irgendwelchen Leuten chatten, das macht einfach keinen Sinn. Ich vertraue dem Internet diesbezüglich nicht, es gibt dort zu viele Leute, die dich verarschen wollen.“

Für Kevin jedoch scheint das Internet eine optimale Plattform zu bieten und ausserdem kann er so auch auf Tour mit seiner Frau Kontakt halten.

Da Kevin sich vor kurzem in seinem Online-Tagebuch (livejournal.com/users/kevseconds) dafür gerechtfertigt hat, warum er auf Pornos steht und trotzdem nicht als sexistischer Heuchler bezeichnet werden kann, frage ich Bobby, wie er als Bewohner der „Sin City“ Las Vegas über solche Dinge denkt. Wäre seine Freundin eine Prostituierte, könnte er damit nicht umgehen, lautet die Antwort, aber ansonsten sei ihm das egal. Den Frauen scheine es ja Spass zu machen und ausserdem sei das Normalität und da denke er ebenso wenig drüber nach wie über die Machenschaften einer Tankstelle, schliesslich sei alles was er wolle ihr Benzin.

ähnlich verhält sich das auch mit Eastpak. Recherchiert hätte er deren sozio-ökonomische Sichtweise nicht, doch sollte er erfahren, dass sie entgegen seinen Prinzipien handeln, würde er das nächste Mal nicht auf ihren Festivals spielen, aber eigentlich hält er die Idee des Sponsoring für gut.

„Sie haben uns Taschen geschenkt und ohne sie könnten wir die Tour mit so vielen grossartigen Bands nicht machen. Manche Leute versuchen dir eben alles anzukreiden. Als wir die Vans Warped Tour spielten, hat keiner gemeckert, obwohl die wesentlich kommerzialisierter war – zu kommerzialisiert für meinen Geschmack“ Wo er es schon selber anspricht, möchte ich auch wissen, wie es sich anfühlt, mit so vielen Metalcore Bands zu spielen.

Mit Slapshot habe er früher nie etwas zu tun gehabt, aber erfreulich wäre es dann doch gewesen, herauszufinden, dass sie nicht die fiese Hockey Mentalität verkörpern, die man ihnen auf Grund ihres Images zutraut. Mit ihnen kämen Erinnerungen an alte Zeiten hoch, aber zur selben Zeit machten die neuen Bands deutlich, dass Hardcore auch im Jahre 2005 noch Hardcore sei.

Zugegeben, mehr DoubleBass und MetalRiffs hätten sich eingeschlichen, und etwas kommerziell wäre es hier und dort auch, aber die Leute seien genau wie früher und darauf käme es ja schliesslich an. Einige von Bobbys alten Freunden bringen jetzt ihre Kinder mit auf die Konzerte und das ist ihm wichtig. 7 Seconds sollten nicht wie Bob Dylan enden, der nur vor alten Säcken spielt, sondern viel mehr die Generationen vereinigen. Angst vor der Mid Life Crisis hat er aber nicht.

„Vor 10 Jahren waren wir in Europa“, setzt er an um das Lied „Panic Attack“ zu erklären . „Damals hatte ich schwere Depressionen, da ich mir bewusst wurde, dass ich irgendwann sterben werde und meine ganzen Erinnerungen dann fürn Arsch sind, aber diese Phase muss jeder durchlaufen, auch wenn es traurig ist und sich anfühlt, als wenn ein Teil von dir stirbt. Ich bin froh, dass ich das so früh erkannt habe, vielleicht war das meine verfrühte Mid-Life Crisis, und wenn sie doch noch kommt, zeigt mir diese Erfahrung, dass ich sie leicht überwinden kann. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, kommt mir mein Verhalten lächerlich vor und mir ist damals viel Spass entgangen“. Noch mal würde er so etwas nicht zulassen.

 

Eines möchte Bobby noch klar stellen, keiner kann von der Band leben und wird es wahrscheinlich je können. Wie sie sich stattdessen über Wasser halten, ist interessant. „Wir sind Geschäftsmänner geworden“, sagt er ohne jegliche negative Konnotation. „Ich verleihe Limousinen übers Internet, das kann ich auch auf Tour machen. Kevin hingegen hat zusammen mit seiner Frau Allyson das True Love Coffeehouse gegründet, in dem er auch regelmässig Bands spielen lässt.“

Ob ihr Kaffee bei euren alten Straightedge Helden durchgehen lasst, bleibt euch überlassen, jedenfalls läuft das Geschäft super, auch wenn sie gerade Stress mit ihrem Vermieter haben und wohl umziehen müssen, haben sie den Ruf als bestes Lokal Sacramentos in der Tasche. Auch Drummer Troy hat sich selbständig gemacht. Nur Steve ist in seinem Arbeitsverhältnis gefangen und konnte deshalb nicht mit auf Tour kommen. Sein Kind hat gesundheitliche Probleme und somit konnte er auf das Geld, das sein Job abwirft, nicht verzichten.

Bobby bejaht, dass sie alle unaufhaltsam älter geworden wären, als ich anmerke, Kevin hätte im Reflections erwähnt, er würde so mit 50 oder 60 seine erste Liedermacher Platte aufnehmen, jetzt aber tatsächlich die Spilt mit Matt Skiba von Alkaline Trio schon rausgebracht hat, im zarten Alter von 45. Erwachsen habe er sich schon immer verhalten. aber gerade die Erfahrungen im Geschäftsleben hätten ihn geprägt.

Gerade in der 2 jährigen Phase, in denen sie sich nicht sahen, hätte Kevin einen Wandel gemacht. Trotzdem seien die Konzerte keine Routinesache für die Band, aufgeregt seien sie immer noch und eines soll noch gesagt sein, sie gehen genauso ab wie all die Jungspunde.

„Solange Hardcore noch solch tolle Leute zu bieten hat, werden wir uns immer wohl fühlen, auch wenn unser Publikum gleich alt bleibt und wir immer älter werden“. Das ist doch mal ein Wort. So schlecht scheint es mit Hardcore im Jahre 2005 dann wohl doch nicht zu stehen.

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Text: Alva Dittrich

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